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Rahmendaten: Die JHV war die dritte MV des FC St. Pauli im Jahr 1999. Sie fand am 10. 11.1999 im CCH (kleiner Saal) statt und dauerte von 19 Uhr bis 0.30 Uhr. Mit 827 Mitgliedern war es die bestbesuchte Mitgliederversammlung in der Vereinsgeschichte. Obgleich aufgrund der Auseinandersetzungen im Vorfeld, der intensiven Medienberichterstattung und der zahlreichen Probleme mit starkem Antrag gerechnet werden musste, fehlte es an allem, z.B. an ausreichend Sitzplätzen und Wahlunterlagen. So mussten 100 Stimmzettel für die Neuwahl des AR noch im CCH nachkopiert werden. Zum Versammlungsleiter wurde von Präsident Heinz Weisener wieder Karsten Marschner, Geschäftsführer des Hamburger Fussballverbandes ernannt.
Tagesordnung: Der Abend begann mit zwei Änderungsanträgen zur Geschäftsordnung. Der Antrag von Tonny Burggraaf, den Antrag auf Gründung einer Abteilung Fördernde Mitglieder vorzuziehen wurde abgelehnt. Der Antrag des Präsidiums, die versandte, äusserst unübliche Bericht des Präsidiums: Der Präsident wiederholt bereits bekannte Fakten zum Stadionneubau (95 Mio. reine Baukosten, 120 Mio. Kosten insgesamt). Der Baubeginn (zuletzt auf das Frühjahr 2000 verschoben) soll jetzt im ersten Halbjahr 2000 erfolgen. Die Verhandlungen mit Investoren laufen, es gibt einen Generalunternehmer für den Bau, den Weisener entgegen vorheriger Ankündigung nicht nennt. Weisener macht noch einmal deutlich, dass der Verein ohne den Stadionneubau und Vermarkter nicht überlebensfähig sei und jährlich 2,5 bis 5 Mio. Mark Verluste machen muss. Dennoch stellt er die finanzielle Situation des FC St. Pauli sehr positiv dar. Statt 4,9 Mio. Mark Schulden, wurde im Geschäftsjahr 1998/99 nur 3,6 Mio. Mark Schulden angehäuft, was dem Sparprogramm der Vereinsführung zu verdanken sei. Neue Spieler gibt es nach Aussage Weiseners erst nach Abschluss der Verträge. Weisener greift außerdem den AR schwer an, stellt den Vertrag mit seiner Marketing als sehr gut dar und erwähnt beiläufig, dass er dem Verein eine weitere Anschubfinanzierung in Höhe von 150000 DM gegeben hat und dafür Flutlichtanlage und Gegentribüne vom Verein erworben hat. Bericht der Kassenprüfer: Die Bombe des Abends platzt, als Jost Münster, Steuerberater und gemeinsam mit Guntram Uhlig Kassenprüfer des Vereins, ans Rednerpult tritt. Er relativiert die Aussagen des Präsidenten bezüglich des erfolgreichen Sparkurses (die geringere Verschuldung hänge in erster Linie mit einer Rückzahlung der Berufsgenossenschaft in Höhe von 600000 Mark zusammen). Er kritisiert weiterhin, dass es keine Alternative für den Verein ohne Stadionneubau gebe (obgleich von den Kassenprüfern bereits im Mai schriftlich angemahnt). Herbe Kritik auch an der Marketing GmbH, die mit 900.000 Mark zu geringe Umsätze erzielt, sich ins operative Geschäft einmischt und mit Aktionen (z.B. Anti-Aufsichtsrat-Hemdchen) das Image des Vereins schwer beschädigt habe. Außerdem kritisiert er, dass das Präsidium seit 20 Monaten nicht mehr ordnungsgemäß besetzt sei, Helbing von der Präsidiumsarbeit ausgeschlossen gewesen ist. In seinen weiteren Ausführungen legt Münster dar, dass der Verein seit 1992 falsche Bilanzen vorgelegt habe und auch die Bilanz für das vergangene Geschäftsjahr nicht korrekt sei, da bereits im Juni Gegentribüne und Flutlichtanlage von den Vizepräsidenten an Weisener verkauft worden seien, ohne dass die Wirtschaftsprüfer davon in Kenntnis gesetzt worden seien. Er fragt nach der Motivation für den Verkauf. Er selbst sei von Weisener erst am Vortag über den bis dato unbekannten Kaufvertrag informiert worden und habe daraufhin eine schlaflose Nacht verbracht. Auch bezüglich der zu späten Kündigung der Leasingverträge für Flutlichtanlage und Gegentribüne gehen die Kassenprüfer davon aus, dass dem Verein ein nicht unbeträchtlicher Bericht des Aufsichtsrates: Die Aufsichtsratsvorsitzende kritisiert ebenfalls das angeblich erfolgreiche Sparprogramm des Präsidiums, erklärt das Rückzahlungen der BG, sowie eine Altforderung des Vereins an Heinz Weisener die Einsparungen in erster Linie möglich gemacht haben. Sie kritisiert die Zusammenarbeit des Präsidiums, den Umgang mit dem Aufsichtsrat, der von Weisener und anderen (z.B. Koch) ständig diffamiert und vom Präsidium mehrfach belogen worden sei. Auch andere Gremien und Personen würden vom Präsidium missachtet, eine sachliche Auseinandersetzung mit den Problemen des FC St. Pauli verweigere das Präsidium, statt dessen würden negative Fakten schöngeredet und Kritik an der Präsidiumsarbeit als persönlicher Affront empfunden und darauf mit Unterstellungen und übler Nachrede reagiert. Die Aufsichtsratsvorsitzende beklagt diesbezüglich den erschreckenden Umgang miteinander, der sich vor allem durch den Einsatz des Präsidentensprechers Florian Marten extrem verschlechtert habe. Es herrsche eine von Unwahrheiten und Diffamierungen geprägte Gesprächskultur. Tatjana Groeteke bemängelt, dass sich das Präsidum ausschließlich auf den Stadionneubau konzentriert, alle anderen Probleme (z.B. schlechte Trainingsbedingungen, schlechter Vermarktungsvertrag etc.) außer acht gelassen würden und der Verein in die Planung seiner Zukunft nach wie vor nicht miteinbezogen sei. Sie fordert Planungssicherheit, eine sachliche Auseinandersetzung mit den Problemen und alle Funktionsträger auf, sich endlich auf die Lösung derselbigen zu konzentrieren, da der FC St. Pauli andernfalls den Anschluss an den Profifussball verlieren würde. Im Anschluss ergreift das AR-Mitglied Jens Claus das Wort, der seine erneute Kandidatur aus persönlichen Gründen und der extremen Arbeitsbelastung zurückgezogen hat. Er stellt klar, dass entgegen der Behauptungen von Florian Marten der AR sehr gut zuammengearbeitet und seine Entscheidungen fast immer geschlossen getroffen habe. Claus empfiehlt der MV die Wiederwahl des bisherigen Aufsichtsrats. Bericht der Amateurvertretung: Klaus Rummelhagen beklagt die schlechten Trainingsbedingungen für Profis und Amateure und appelliert an Heinz Weisener, seinen Sprecher Florian Marten zu entlassen. Entlastung des Präsidiums: Guntram Uhlig stellt den Antrag, die JHV zu unterbrechen, damit Präsidium, AR und Kassenprüfer zu einer Besprechung zusammenkommen können. Hinter verschlossenen Türen einigen sich die drei Parteien auf einen gemeinsamen Antrag. Präsidium, AR und Kassenprüfer empfehlen der Mitgliederversammlung das Präsidium nicht zu entlasten, bis gutachterlich geklärt ist, ob und in welcher Höhe dem Verein durch die zu späte Kündigung der Leasingverträge ein Schaden entstanden ist und wie der erst jetzt bekannte Kaufvertrag über Flutlichtanlage und Gegentribüne juristisch zu bewerten sei. Die Mitgliederversammlung stimmt dem Antrag des AR auf Nichtentlastung des Präsidiums mit großer Mehrheit zu. Wahlen: Reenald Koch wird mit 700 Ja-Stimmen zum neuen Vizepräsidenten gewählt. Die Aufsichtsratswahlen gehen wie folgt aus: Alle sieben Mitglieder des AR werden im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit gewählt. Es sind Peter Paulick (501 Stimmen), Dietrich Ellger (471), Wolfgang Kreikenbohm (447), Tatjana Groeteke (442), Peter Benckendorff (409) und Hans-Günter Schlichting (407). Damit konnten sich bis auf Christian Pothe alle Wunschkandidaten Weiseners ("Team für St. Pauli") durchsetzen, vom alten Aufsichtsrat nur zwei Mitglieder. Holger Scharf und Uwe Doll scheiterten, ebenso wie Dirk Flormann, Christian Pothe, Hans-Wolfgang Ritter und Michael Hetscher. Nach den AR-Wahlen verließen viele Mitglieder umgehend die Versammlung. Anträge: In einer kämpferischen Rede stellte Tonny Burggraaf den Antrag zur Gründung einer Abteilung "Fördernde Mitglieder" (siehe dazu auch ÜS 43 und in diesem Heft) vor. Obwohl zahlreiche Gegenredner (Amateurobmann Hermann Klauck, Rummelhagen, Florian Marten) versuchten, die Gründung dieser Abteilung aufzuhalten, setzte sich Burggraaf durch. Der satzungsändernde Antrag wurde mit der notwendigen 3/4 Mehrheit beschlossen. 411 Mitglieder (bei gut 500 Stimmberechtigten) stimmten für die Gründung der Abteilung. Ebenfalls beschlossen wurde der Antrag des Aufsichtsrats auf Einsetzung einer Satzungskommission. Auch hier versuchte Präsidentensprecher Marten vergeblich, die Mitglieder von der Zustimmung für den Antrag abzuhalten. Ungereimtheiten und Peinlichkeiten: Äußerst kritisch beobachteten viele Mitglieder, dass es kopierte Stimmzettel gab, die Eingangskontrollen schlampig waren und die Wahlurnen einsam ohne Bezugsperson sprich Wahlhelfer durch den Saal geisterten. Drei Personen gelang es, sich besonders in Szene zu setzen: Klaus Rummelhagen, der ohne jedes Recht dazu über den alten AR herzog, vor allem Uwe Doll angriff und sich für die Wahl des "Six Pack" aussprach. Desweiteren das EX-AR-Mitglied Christian Pothe, der sich mit unsachlichen und negativen Bemerkungen über den alten AR, ins Aus schoss. Und zu guter Letzt Florian Marten, der an diesem Abend live erfahren musste, dass er das unbeliebteste Mitglied des FC St. Pauli ist. Er wurde saaldeckend niedergebuht. Unterm Strich: Gemessen an den Erwartungen (die Presse prognostizierte eine Schlammschlacht, die Mitglieder befürchteten sie) verlief die JHV außerordentlich diszipliniert. Die entscheidenden Fragen (wer wird der neue Vermarkter, Generalunternehmer etc., wie sollen die künftigen Vereinsstrukturen aussehen?) blieben unbeantwortet. Neue Fragen (was ist mit den Bilanzen, dem Verkauf von Gegentribüne und Flutlichtanlage etc.?) tauchten auf. Eine neue Abteilung erblickte das Licht der Welt und macht Hoffnung auf Erneuerung und neue Mitglieder. Ein neuer Aufsichtsrat muss zeigen, dass er der übernommenen Verantwortung gerecht wird. Ein neuer Vizepräsident ebenfalls. Und Heinz Weisener muss vielen Worten endlich Taten folgen lassen. Hog |
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