Szenen einer Ehe

"Frauen an Bord bringen Unglück" - diese alte Seemannsweisheit ist bekannt. WIE weise diese alte Legende allerdings ist, darüber läßt sich in sooo emanzipierten Zeiten wie den unseren genauso trefflich streiten, wie über die weiterführende Frage: ... und Frauen im Stadion?

Schenken wir erstmal allen soziologischen, biologischen, seismologischen und logischen Aspekten dieser Frage keine Beachtung und konzentrieren uns auf das Wesentliche: Die Legende. Mit ihr verhält es sich im allgemeinen ungefähr so, wie mit dem Mythos: Jeder hat schon mal davon gehört, keiner weiß mehr so genau warum und wie, aber irgendwo ist doch was Wahres dran. Mühsam und müßig wäre es jetzt dem Ursprung unserer Ur-Legende aus der Geschichte der Seefahrt nachzuspüren - allerdings könnten wir gerade aus der jüngeren Vergangenheit genügend belegende Beispiele katastrophalen Ausmaßes zitieren ...

ABER DARUM GEHT ES HIER GAR NICHT! Der Schreiber dieser Zeilen brauchte lediglich einen passenden Aufhänger, um sich in einer neuen Folge seiner Kolumne aus einem neuen Blickwinkel der alten Frage (s. "Szenen einer Ehe" ÜS 42) zu nähern, die, leicht abgewandelt, lauten könnte: Wieviel Frau verträgt man beim Fußball?

Um allen möglichen Kompetenz- und Konkurrenzdiskussionen auszuweichen, sollen hier kurz drei Anekdoten aus der Fan-Historie des Kolumnisten folgen, die den Mythos erhellen werden:

Im Aufstiegsjahr '95 schickte sich der in 17 Spielen hintereinander ungeschlagene und damit zum hohen, unbezwingbaren Favoriten avancierte FC St. Pauli an die Kurpfalz zu beehren. Zu solch einem Ereignis, das die Massen fast magisch anzog, war es für einen jungen und euphorischen Auswärtsfan aus dem Raum Heidelberg ein leichtes, seine liebesgöttergleich Verehrte, doch leider nur fußballgötterbleich Bekehrte dazu zu bewegen, diesem Heldengastspiel im nahen Mannheim beizuwohnen. Bald nachdem man zu dem dortigen, damals nagelneuen Fußballtempel wallgefahren und eingetaucht war, in die Jubelarien und Lobgesänge zu Ehren der wackeren Recken auf dem heiligen Rasen, riß jäh die Macht der fleischlichen Lust das junge Glück aus der vor platonischer Hingabe und spirituellem Enthusiasmus wogenden Masse. So verbrachten die zwei Seeligen ein Schäferviertelstündchen draußen vor den Einlaßtoren, doch wart der Jüngling mit der Fortsetzung des Spiels erneut hineingezogen in den tobenden und bebenden Kessel, stimmte ein, erfrischt durch IHRE Liebesgaben, in den Chor der tausend Kehlen, der anschwoll zum orgiastischen Schreien und Kreischen als die Heilige des Pauls auch hier den erhofften Torreigen eröffnete ... ... ... naja, und daß das Spiel dann mit 1:2 gegen 10 Waldhöfer verloren ging, habe ich, sinnesbetäubt und rosabebrillt wie ich war, genauso entfernt wahrgenommen, wie das unvergessene 2:4-Pokal-Aus wenig später auf dem fanbelagerten Betzenberg - ich lagerte diesmal allerdings daheim, vor der Glotze, in schwarz-weiß, 6-Minuten-Zusammenfassung, in IHREN Armen ... Gotterbarmen!

War ich Odysseus, von den Sirenen betört, beraubt all' meiner Manneskraft, mit der ich mich nur allein zur Unterstützung meines FC Sankt Paulis hingeben wollte? Drohte ich, und mit mir der ganze Verein, wie die Schiffer auf dem Rhein an Loreleys Felsen zu stranden und den Aufstieg zu verpassen? ("Frauen an Bord ...")

Nein, ich sagte mich los von Amors Liebesbanden und fortan floß all' mein Sehnen und Wünschen meiner Mannschaft zu - und das half: Quod erat demonstrantum.

Den Fluch des Carl-Benz-Stadions zu überwinden versuchte ich dann zwei Jahre später in Freiburg, wo ich - frei nach dem Motto: Bekämpfe gleiches mit gleichem! - in Begleitung von drei Personen weiblichen Geschlechts ... NUR DAS SPIEL SAH UND SONST NICHTS ! Begrabt diesen Versuch unter der Sitzblockade vorm Mannschaftsbus, bitte.

Im Sinne dieser Zeilen ist für mich Fußball Männersport, der für mich als Fan keine erotische, emotionale und mentale Ablenkung duldet. Es gibt schließlich genügend Personen, die an einer Niederlage meines Clubs schuld sein müssen, der Bankdrücker, der Platzwart, der Wettergott, der Pressesprecher des Präsidenten ... ABER ICH NICHT, ich lege hiermit mein Zöliballat ab. Amen.

MANN

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