Das bessere ARgument

Eigentlich war das Eigentor von Stephan Hanke nur ein Eigentor. Irgendwie war es aber auch symptomatisch. Geht es dem FC St. Pauli nicht ständig so? Kaum hat man sich etwas Luft verschafft, kaum zeichnet sich etwas Positives ab, kaum hat man etwas Hoffnung geschöpft, schon kommt es ganz dicke. Es hat sicher vielen an diesem Abend sehr leid getan, dass es ausgerechnet Stephan Hanke getroffen hat. Er hatte das nicht verdient. Aber Gegenstand unserer Hoffnung war letzlich auch nur der schöne Schein. Der Verzweifelte giert immer nach Erleichterung, sei es auch nur für den Augenblick. Ein Erfolg auf diesem oder jenem Problemfeld nimmt ein bisschen den Druck weg, löst aber die Probleme nicht wirklich. Davon hat der FC St. Pauli inzwischen mehr als ein Profifussballverein ver- und seine Mitglieder und Fans ertragen können.

Auch anderen Vereinen geht es nicht rosig. Z.B. Mannschaft und Trainer des FSV Mainz 05 kritisieren das wenig professionelle Umfeld. Das können und müssen wir auch. Allein die Trainingsbedingungen sind bei unserem FC eine Katastrophe.Der Club aus Nürnberg und Fortuna Köln sind finanziell von ihren Präsidenten abhängig. Wir mehr denn je. Offenbach, Bochum und Oberhausen stehen mit uns im Keller, konnten die Erwartungen bislang nicht erfüllen. Alemannia Aachen, Mönchengladbach und zahlreiche andere brauchen und wünschen sich ein neues oder zumindest grösseres Stadion. Ja, wir auch. Im März soll jetzt endgültig Baubeginn sein. Auch andere Vereine haben eine schwierige Vermarktungssituation. Der FC St. Pauli hat eigentlich sehr gute Voraussetzungen, aber den wohl schlechtesten Vermarktungs-Vertrag der Bundesliga. Nur 25 % der Umsätze bekommt der Club, 75 % die Marketing GmbH. Hertha BSC z.B. bekommt von der Ufa 60 % und hält den noch aus Zweitliga-Zeiten stammenden Kontrakt für einen Knebel-Vertrag, verhandelt z.Zt. über verbesserte Konditionen. Wenig von wenig reicht leider nicht zum Überleben. Wir haben ausserdem hohe Schulden, wenig personelle Kontinuität (der Verbrauch an Vize-Präsidenten - Hinzpeter, Niewicki, Ahrens, Helbing, jetzt folgt Koch - ist nicht zu toppen). Finanzielle, personelle Probleme, wenn auch nicht derart existenzielle, sind bei Bundesliga-Vereinen ganz sicher keine Seltenheit. Mangelnde Transparenz, Kommunikation, zunehmende Verunsicherung, Frustration, Angst um die Zukunft - all das haben vor uns auch schon andere erfahren. Aber der FC St. Pauli kann mit Fug und Recht behaupten, dass er der einzige Verein im deutschen Profifussball ist, der alle Probleme auf sich vereinigt.

Ein Trauerspiel, wenn man weiss, was für ein Potential der FC St. Pauli hat, welche Sympathien man unserem Club entgegenbringt - bundesweit und darüber hinaus. Sieht all diese Probleme nur der Aufsichtsrat? Erfindet er sie, spielt er sie hoch?

Es ist Aufgabe des Aufsichtsrates darauf zu hinzuweisen, auf Lösungen zu drängen, die Vereinsführung in die Pflicht zu nehmen, sie zu beraten und sich nicht lähmen oder abspeisen zu lassen oder aufgrund der wachsenden Probleme und des stärker werdenden Drucks das Handtuch zu werfen. Oder wofür wurde der Aufsichtsrat gewählt? Von den sieben, ursprünglich gewählten Aufsichtsratmitgliedern haben vier nach einem Jahr das Handtuch geworfen. Drei davon, auch weil sie Angst hatten, dass sie für die erneute hohe Verschuldung des FC St. Pauli mit zur Verantwortumg gezogen werden könnten, und wohl auch, weil sie dem absehbaren Konflikt mit dem Präsisienten, der jegliche Kontrolle als persönlichen Affront empfindet, aus dem Wege gehen wollten.

Der jetzige Aufsichtsrat ist seinen Pflichten sehr sorgfältig nachgekommen und hat sich dabei sehr schnell den Unmut des Präsidenten zugezogen. Warum eigentlich? Der Aufsichtsrat hat z.B. gerechnet. Im September, als Trainer Willi Reimann davon ausging, dass ihm noch DM 400.000,- zur Verfügung stehen, hat der Aufsichtsrat dem Präsidium mitgeteilt, dass der Etatplan bereits überschritten ist und die sportliche Leitung davon in Kenntnis gesetzt werden muss, dass kein Geld mehr zur Verfügung steht. Das Präsidium des hoch verschuldeten FC St. Pauli hatte sich bei der finanziellen Vorgabe für die sportliche Leitung (Trainer, Manager) um mehr als 400.000,- Mark verrechnet. Soll der Aufsichtsrat darüber hinwegsehen?

Der Aufsichtsrat stellte fest, dass die Leasing-Verträge für Gegentribüne und Flutlichtanlage über ein Jahr zu spät gekündigt wurden und dem Verein dadurch ein Schaden von mehreren hunderttausend Mark entstanden ist, obwohl die damaligen Kassenprüfer das Präsidium auf den Kündigungstermin hingewiesen hatten. Soll er das ignorieren?

Der Aufsichtsrat fragte nach, ob Alfred Kaune, ehemaliger Mentaltrainer, auf Abfindung klagen kann und bekommt zur Antwort: Kaune hatte nie einen Vertrag und ihm ist nie gekündigt worden. Nach dem Urteil des Hamburgischen Landgerichtes erhält Alfred Kaune vom FC St. Pauli aber jetzt doch 25.000,- Mark Abfindung. Soll der Aufsichtsrat den Fall auf sich beruhen lassen?

Ist es nicht seine Aufgabe, für Aufklärung zu sorgen, Management-Fehler der Vereinsführung zu verhindern, finanzielle Schäden vom Verein abzuwenden, eine proffessionelle Vereinsführung einzufordern? Oder gibt es den Aufsichtsrat beim FC St. Pauli nur, damit er nett und freundlich ist und Heinz Weisener nichts gegen seine Wiederwahl einzuwenden hat?

Der Verein ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich immer weiter in die Krise geraten. Und wie die Maus ängstlich auf die Schlange schielt, wartet der FC St. Pauli jetzt auf das neue Stadion, damit es alle Probleme löse. Dafür gibt es keine Garantie und die Wahrscheinlichkeit ist gering, denn das alte Stadion ist eben nur ein Problem von vielen . "Jeder Amateurclub", sagt Dieter Schlindwein, "hat bessere Trainingsbedingungen als St. Pauli. Auch ein Grund, warum es nicht läuft." "Das heutige Team spielt schlecht, auch die Pauli-Fans sind schlechter geworden", bemängelt Dirk Zander. "Seit Jahren ist diese schleichende Entwicklung festzustellen. Man kann sich nur noch wundern," wundert sich Andre Golke. "Bei St. Pauli ist eine Entwicklung eingetreten, auf die die Fans keinen Bock mehr haben. Im Umfeld herrschen totale Ungereimtheiten, dazu spielt die Mannschaft schlechten Fussball", stellt Helmut Schulte fest. Und Horst Wohlers gibt zu bedenken: "Ich habe Angst, dass der Mythos stirbt. Die ganze Art, die den Club aufrecht erhalten hat, schwindet dahin. Schade, dass das Wichtigste nur der Stadion-Neubau ist." Sie alle gehören nicht dem Aufsichtsrat an und erkennen dennoch die Probleme und Zeichen der Krise.

Was erwartet uns in den kommenden Monaten? Wenn das Stadion kommt, die denkbar grössten Veränderungen, neue Partner, völlig neue Vereinsstrukturen, neun Monate im Volkspark oder in Lübeck. Wenn sich der Stadion-Neubau ein weiteres Mal verschieben sollte, die grössten Probleme - schon der Lizenz-Antrag im März 2000 wird dann nach jetzigem Stand der Dinge zum Abenteuer. Rettung oder Untergang können nicht die einzigen Alternativen für den FC St. Pauli von 1910 vor der Jahrtausendwende sein. Darum ist es Pflicht des Aufsichtsrates, für die Interessen des Vereins zur Not auch öffentlich und lautstark einzutreten. Er muss darüber informiert sein, zu welchen Konditionen die Rechte des Vereins - seien es die letzten, die dem Verein noch gehören (TV-Rechte) oder welche, die der Präsident weiter an einen Grossvermarkter wie Kölmel etc. veräussert - verkauft werden, weil das existenziell die Zukunftsperspektiven des FC St. Pauli berührt und nebenbei bemerkt auch ganz normal ist. Er muss wissen, welchen Stand die Verhandlungen mit Stadioninvestoren haben, weil die Lizenzerteilung im März 2000 mit dem finanziellen Engagement Dritter derzeit steht und fällt. Und er muss vom Präsidium für den Ernstfall verlangen, dass ein alternatives Finanzkonzept erarbeitet wird, das dem DFB im März vorgelegt werden könnte. Er muss im Zusammenhang mit der Stadionplanung immer wieder Fakten einfordern, weil bis heute weder Präsident noch Stadionprojekt-Team wirkliche Fakten auf den Tisch gelegt haben. Der Aufsichtsrat muss auch darüber informiert sein, wie die künftigen Strukturen des Vereins nach der Ausgliederung der Lizenzspielabteilung (Profis, 1. Amateure, Leistungsjugend) aussehen sollen, weil es seine Aufgabe ist, diese künftigen Strukturen zu beurteilen.

Die Einzigen, die bereits wissen, wie der FC St. Pauli der Zukunft aussehen soll, sind die externen Wirtschaftsprüfer. Der Verein weiss von nichts. Das muss der Aufsichtsrat kritisieren und Transparenz einfordern. Oder ist es dem Verein egal, ob er sich im Konzept der Zukunft wiederfindet oder nur noch ein Anhängsel darstellt.

War es nicht die Aufgabe des Aufsichtsrates die Vereinsführung zu kontrollieren, eine weitergehende Verschuldung auszuschliessen, Misswirtschaft aufzudecken, Defizite zu kritisieren, sich für die Interessen des Vereins einzusetzen und sich dafür kritisieren, diffamieren (T-Shirt-Aktion!) und beleidigen zu lassen? Genau dafür ist der Aufsichtsrat gewählt worden. Wer, wenn nicht der Aufsichtsrat, thematisiert die ausserordentlich schwierige Situation, in der sich der Präsident des FC St. Pauli befindet?

Exemplarisch sei hier nur angemerkt, dass Wilfried Sawalies, Präsident von Alemannia Aachen, sein Amt seit Ende Oktober ruhen lässt und sein endgültiger Rücktritt am Jahresende erfolgt. Warum? Weil "ich nicht möchte, dass der Eindruck entsteht, ich würde mit mir selbst verhandeln". Aachen ist dabei, seine Vermarktungs- und TV-Rechte an die Sportwelt GmbH von Michael Kölmel zu veräussern. Sawalies ist inzwischen Geschäfstführer der Sportwelt GmbH. Heinz Weisener ist Präsident des Vereins, Geschäftsführer der FC St. Pauli Marketing GmbH, an die der Verein seine Vermarktungsrechte verkauft hat, er ist Stadion-Planer, Stadion-Architekt und verhandelt in allen seinen Positionen immerzu mit sich selbst. Und das darf dann nicht einmal kritisch begleitet werden? Wer das tut, wird öffentlich abgestraft und für dumm verkauft. Letzteres haben schon Dr. Hans Apel und seine Aufsichtsratskollegen erfahren müssen. Sie stellten nach einem Jahr fest, dass sie "betrogen und belogen" worden waren.

An der schwierigen Situation zwischen Präsidium und Aufsichtsrat ist ursprünglich doch der DFB schuld, weil er die Aufsicht der Ersteren befohlen hat - aus gutem Grund zwar, aber ohne zu ahnen, wo das hinführen kann. Die öffentliche Diskussion um den FC St. Pauli -mit allen individuellen Fehlern, die dabei gemacht werden - ist vor allem Ausdruck der Befindlichkeit des Vereins und Ausdruck der Krise. Die Lösung auf einen Schlag gibt es nicht. Aber der FC St. Pauli muss endlich seine ganzen Kräfte in die Lösung seiner Probleme investieren - angefangen bei den Trainingsbedingungen, bis hin zur finanziellen Konsolidierung. Ein sehr steiniger Weg, an dessen Ende eine grundlegende Erneuerung und wirkliche Proffessionalisierung stehen muss, will St.Pauli auch in Zukunft noch eine Rolle im Profifussball spielen. Das sollte das Ziel sein.

Tatjana Groeteke (Aufsichtsratsvorsitzende)

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