Wer ist eigentlich
dieser Pauli?

"Von Pauli berichtet Turbo Direnga" ist auf den Sportseiten der Hamburger "Bild"-Ausgabe jeden Tag in großen Lettern zu lesen. Man spricht über bzw.vermisst die "Pauli-Atmosphäre" und redet in den audiovisuellen Medien darüber, daß "Pauli jetzt Freistoß" hat "Pauli schon wieder einen Mann durch absichtliches Handspiel verloren hat" und daß, "auf Pauli" die etwas anderen Fans seien.

Mal abgesehen davon, daß letztere Behauptung zum Glück nur noch Klischee ist - von wem sprechen die Leute überhaupt? Sprechen sie über Omas alten Wellensittich, der auf den Namen "Pauli" hört? Schwafelt man hier über Dieter Pauly, einen der schlechtesten deutschen Schiedsrichter der achtziger Jahre (dann wären in diesem Bericht allerdings lauter Druckfehler enthalten)? Oder redet man hier etwa über mich? Schließlich nennt mich meine Mutter noch heute "Pauli", so wie man sich in anderen Familien oder Beziehungen Schatzi, Mausi, Hasi, Bärchi oder Herzi nennt.

Ist es denn wirklich so schwer?

Kann man nicht auch mal den korrekten Stadtteilnamen benutzen?

Bin ich denn hier der einzige, der sich darüber aufregt?

Ich sage "Nein zu Pauli", und das aus gutem Grund.

Stellen wir uns doch einfach mal anhand einiger Beispiele vor, wie es sich bei anderen Ortsbezeichnungen anhören würde, wenn man die Vorsilbe "St." oder überhaupt eine Silbe wegnehmen würde.

Nehmen wir doch mal das Dörfchen St. Moritz. Ich persönlich hatte in meiner letzten Schule gleich zwei Lehrer, die auf den Namen Moritz hörten, und die hatten bei den jüngeren Schülern weißgott keinen leichten Stand wegen ihres Namens ("Max und Moritz, nä nä nä nä näää näää!"). Und ich glaube, viele Geldsäcke würden es sich zweimal überlegen, in einem Dorf namens "Moritz" ihren Skiurlaub zu verbringen - ohne "St." fehlt hier einfach das gewisse Flair.

Bleiben wir in der Schweiz und nehmen als neues Beispiel St. Gallen - tja, würde man hier die Vorsilbe weglassen, würde sich das ungefähr genauso anhören, als würde man aus dem Namen "Darmstadt" das "stadt" entfernen.

Oder wie wär's bei St.Tropez? "Tropez"? "Trapez"? Oder, wenn man schon so inflationär mit Verniedlichungen umgeht, einfach nur "Tropi"???

Ich weiß, daß ich jetzt ein büschen weit aushole - aber gehen wir doch mal in die höchsten deutschen Spielklassen, und nehmen bei einigen Vereinsnamen einfach mal die Vorsilbe weg:

Wie würde ein Dortmunder oder Mönchengladbacher darauf reagieren, würde sein Verein einfach nur "Russia" genannt werden?

Könnte man weiterhin "Zieht den Bayern die Lederhosen aus" gröhlen, wenn man Fan von "Tracht Frankfurt" wäre?

Und würde sich ein Duisburger freuen, wenn jeder das "M" sprich "Meidericher" verschlucken würde, nur weil Presse, Funk, Fernsehen, Modefans und alle anderen Ahnungslosen einfach nur zu faul sind, eine Silbe mehr auszusprechen?

Wer diesen "Pauli"-Schwachsinn verzapft hat, gehört...ach Scheiße, wahrscheinlich war es der Verein selbst, der mir (oder vielleicht uns?) die Suppe eingebrockt hat, wenn man nur mal in den Prospekt der Mitgliederoffensive oder den neuen Marketingkatalog schaut oder dem antiquierten Stadionsprecher Rainer "Ich hab's beim NDR nicht geschafft, also mach ich am Millerntor den Dicken" Wulff lauscht, wenn er gerade ins Mikro gröhlt "Das war unser FC St...." und das Wort "Pauli" im Chor erwartet.

Übrigens: Solltet ihr von Irgendjemandem bei eben genannter Situation im Stadion nicht das Reizwort, sondern ein "Verpiss dich, du Spacken" hören, dann könnte das der Schreiber dieser Zeilen gewesen sein. Muß aber nicht. Forza Knut!!!

Ich fordere hiermit alle nochmals auf: Es heißt verdammt noch mal St.(ausgeschrieben: Sankt) Pauli, nicht anders. Es ist eine kleine Silbe, zwei Buchstaben und ein Punkt, die man mehr schreiben oder aussprechen müßte, also wirklich nicht die Welt.

Überall spricht man nur von "Pauli" - ich kann's langsam echt nicht mehr hören. Das ist hier kein Kuscheltier, sondern ein Fußballverein. Es kann doch wirklich nicht so schwer sein, nicht mal für den letzten Asi, statt "Pauli" einfach "St. Pauli" zu lallen.

Naja, wahrscheinlich hat dieser verzweifelte Hilferuf sowieso keinen Sinn, also stelle ich mich schon mal weiter darauf ein, daß ich, wenn ich mal wieder jemanden verbessere und ihm sage, daß es "St. Pauli" heißt, weiterhin einen genervten Gesichtsausdruck des Unwissenden zu sehen bekomme, getreu dem Motto: Mein Gott, was bist Du kleinlich!

Eins noch: Ein Glück, daß sich Polunin gegen Fürth dieses bescheuerte Handspiel erlaubt hat, sonst würden spätestens nach zehn Spielen alle nur noch von "Paulinin" sprechen - Bild, Mopo, HH 1, übernehmen sie!

T.A.C.S.

Copyright by Übersteiger

zurück Titelseite dieser Ausgabe weiter