"GIRLS RULE! BOYS DROOL! SOCCER'S COOL!"

Frauen-Fußball im letzten Jahr des ausgehenden Jahrtausends


Stellt euch vor, es ist Fußball und kaum einEr geht hin. Sollten dann wirklich alle Mittel recht sein dürfen, damit die Stadien sich füllen? Die chinesischen Machthaber meinten ja und verfrachteten unlängst ein paar tausend Anhänger der Falun-Gong-Sekte in ein paar leere Fußball-Arenen des Landes. Irgendwie zwar nachvollziehbar diese Aktion, wenn ich lesen muß, daß die Erstligaspiele der höchsten chinesischen Frauen-Liga lediglich von 100 Zuschauern im Schnitt besucht werden. Aber da denken wir doch prompt an den ehemaligen chilenischen Diktator Pinochet, der seine politischen Gegner zunächst in die Stadien pferchen ließ, um sie anschließend ziemlich unfein in den Folterkellern des Landes malträtieren zu lassen. Dabei zeigten uns doch die Hüter der Demokratie, die USA -damals übrigens gern gesehene Putsch-Berater in Chile-, daß es auch anders geht! Bei der Fußball-WM der Frauen in den USA strömten die Massen mehr oder minder freiwillig in die Stadien. Ein Besucherrekord nach dem anderen wurde gebrochen, und zum Schluß waren die drei Wochen in Nordamerika plötzlich die größte Frauen-Sportveranstaltung aller Zeiten. Ob die Militärflugzeuge der Nationalgarde, die nach den Nationalhymnen beim Spiel USA-Deutschland über das Stadion hinwegfegten, lediglich die Kampfbereitschaft für das nächste Kosovo symbolisieren sollten, oder ob dies eine direkte Drohung an die Zuschauer sein sollte, das Stadion auf keinen Fall vor Spielende zu verlassen, konnte mir auch der völlig überforderte Moderator nicht verraten. Aber immerhin bekamen die vornehmlich weiblichen Zuschauer -meist im schwierigen Pubertätsalter- einen ordentlichen Support hin (s.a. Artikel-Überschrift). Aber zurück zu den Chinesinnen: Unglücklich 4:5 nach Elfmeterschießen gegen den Erzfeind verloren. Nach der US-Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad gerade die erste Schmach einigermaßen verdaut, nun das zweite Waterloo. Dabei hatten sich die Asiatinnen doch soviel vorgenommen: "Wenn ich das Tor der amerikanischen Teufel treffen soll, wird meine Treffsicherheit zehnmillionenfach größer sein, als die der Raketen der Amis auf unsere Botschaft!", schrieb China-Nationalspielerin Liu Ailing im Onlinedienst der 'Pekinger Volkszeitung' und läßt damit der Frage, ob Politik und Fußball überhaupt miteinander zu tun haben, eigentlich keinen Raum mehr für Interpretationen. "Fünf Tore für fünf Raketen" pflichtete ihr eine patriotische Internet-Chatterin bei. Sollte aber nicht so sein. Dabei hatte doch alles so gut begonnen für die flinken Kickerinnen: In der Vorrunde 3 Siege in 3 Spielen, im Viertelfinale ein souveränes 2:0 gegen Rußland und im Halbfinale die 5:0-Demontage des amtierenden Weltmeisters Norwegen. Vieles sprach also dafür, daß China es tatsächlich auch schaffen könnte, den großen Favoriten dieses Turniers, die USA zu schlagen. Doch im WM-Endspiel dominierte dann leider die Taktik, und es wurde wirklich kein schönes, aber dennoch ein spannendes Match, und mit ein bißchen mehr Glück verließen schließlich die Amis den Platz als Sieger. Gewundert habe ich mich dann allerdings beim Jubel der Amerikanerinnen. Alle Sternenbanner-Mädels fielen siegestrunken übereinander her, knutschten sich ab und knuddelten sich, daß es eine reine Freude war, dem Geschehen zuzuschauen. Alle? Nein, nicht ganz. Die Torhüterin der USA, die ja nicht ganz unwesentlich zum Erfolg beigetragen hatte, freute sich relativ allein und einsam - nur ein paar Zuschauer freuten sich gemeinsam mit ihr über den WM-Titel. Erst sehr viel später bezogen einzelne (!) Spielerinnen des US-Teams Torfrau Briana Scurry reserviert in ihren Jubel mit ein. Ob es nun Zufall ist, daß Scurry die einzige Nicht-Weiße im Nationalteam war, diese Bewertung möchte ich euch selbst überlassen. Nur aufgefallen ist es mir halt. (mir auch. d.L.)

DIE VERLIERER

Eindeutiger Verlierer des Turniers ist für mich das russische Team! Es ist die einzige Frauschaft, die bei der WM zwar in das Viertelfinale gekommen ist, aber dennoch im nächsten Jahr nicht zu den Olympischen Spielen nach Sydney fahren darf. Gemein! Der Grund: Die nach Toren und Punkten schlechteste Elf des Viertelfinales mußte ausscheiden, weil Gastgeber Australien automatisch gesetzt ist und demnach nur noch 7 Plätze übrigblieben. Tragisch, weil es hier wirklich nur noch um Tordifferenzen ging. Das 1:3 der Schwedinnen gegen Norwegen zählte also mehr, als das 0:2 Rußlands gegen China. Hier sollten sich die Verantwortlichen eine wirklich bessere Lösung ausdenken. Vielleicht sollten Punkte und Tore aus der Vorrunde (immerhin erzielte Russland bei 6 Punkten 10:3 Tore) irgendwie einbezogen werden.

Zweiter Verlierer ist natürlich das deutsche Team: Wer mit so hohen Ansprüchen startet und dann nicht einmal über das Viertelfinale hinauskommt, hat sein Klassenziel eindeutig nicht erreicht. Die Amerikanerinnen waren selbstverständlich ein harter Brocken in der Runde der letzten 8, und das Minimalziel Olympia-Qualifikation ist damit auch erreicht, aber irgendwie merkte man den zeitweise wirklich sehr schön spielenden Frauen an, daß ihnen in den entscheidenden Spielen gegen Brasilien und die USA doch der von mir eigentlich nicht so sehr geschätzte typische deutsche Kampfgeist fehlte. Und dabei spielen alle Nationalkickerinnen doch in der von allen Nationen bewunderten stärksten 1. Liga der Welt. Die "Frankfurter Rundschau" brachte es mit folgender Einschätzung wohl auf den Punkt: "Die deutsche Mannschaft kann jeden schlagen, aber sie tut es nicht". Kleine Bemerkung am Rande: Ich habe mich nicht nur einmal dabei ertappt, absolut für das deutsche Team zu fiebern, was mir im Leben nicht bei Matthäus, Basler & Co. einfallen würde.

Als ganz große Verlierer würde ich auch all jene Zuschauer bezeichnen, die gerne ein paar mehr Spiele live hätten sehen wollen und sich von ARD und ZDF doch ziemlich veralbert gefühlt haben müssen. So auch ich. Nicht nur, daß nicht einmal das Endspiel (90.185 Zuschauer im Rosebowl von Pasadena!) komplett gezeigt wurde - lediglich für die Liveübertragung der zweiten Halbzeit sah sich das ZDF genötigt. Dabei hatte doch Eurosport eine solche geplant, aber die Mainzelmänner (sic!) kauften in einer Nacht- und Nebelaktion die Rechte zurück. Und dann das. Aber auch die ARD ließ sich in Sachen Zuseher-Verarschung nicht lumpen: Es ist Sonntag, jener Sonntag der Fußball-WM, der das wichtige Spiel Brasilien-Deutschland auf dem Spielplan hat. Das letzte Gruppenspiel beider Teams, und für 0.30 Uhr ist auch eine Übertragung vorgesehen. Also: Rechtzeitig das TV-Gerät angeschaltet, ca. 15 Minuten vor der Ausstrahlung. Noch mal die Tagesschau mitnehmen. Letzte Meldung dort: "Im Spiel gegen Brasilien langte der deutschen Mannschaft ein 3:3-Unentschieden um in das Viertelfinale einzuziehen." Wie bitte? Das kann doch wohl nicht wahr sein, das Spiel ist nur eine Aufzeichnung! Ich war empört. Daß ich im Anschluß dann auch noch mit Allerweltsweisheiten von Co-Moderator Berti Vogts belästigt wurde, war dabei nur das kleinere Übel. Dafür dann demnächst wieder zu bester Sendezeit solche Highlights wie Werder Bremen gegen Bayer Leverkusen. Kreisklasse "Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk" möchte ich da mal postulieren. Aber um die Wertschätzung des Frauenfußballs in den hiesigen Medien zu dokumentieren reicht doch schon der Hinweis auf den Umstand, daß das Ereignis Fußball-WM bspw. der SportBild lediglich eine halbe Seite Nachbericht wert war. Aber was ist auch von einer Journaille zu erwarten, die es nicht einmal für nötig befindet, einer Ausnahmespielerin wie Heidi Mohr Bericht plus Foto zu gönnen, obgleich diese kürzlich zu "Europas Spielerin des Jahrhunderts" gewählt wurde. Einfach nur noch peinlich, diese Ignoranz.

DIE GEWINNER

Deutschland hat Kaiser Franz, Brasilien hat Kaiserin Sissi. Was die kleine fast kahlgeschorene südamerikanische Mittelfeld-Strategin an Spielwitz, Tempo, Einsatzbereitschaft und Torgefährlichkeit zeigte, war absolute Weltklasse. Sie war die beste Spielerin des Turniers und ließ Teenie-Idol und US-Superstar Mia Hamm vergleichsweise alt aussehen. Mein absolutes Highlight dieser WM!

Die amerikanischen Veranstalter haben alle Register des modernen Marketings gezogen und die WM zu einem von A-Z (Okay, die 40minütige Quälerei eines Teils der deutschen Mannschaft im steckengebliebenen Fahrstuhl des Hotels will ich hier mal großzügig vernachlässigen. Aber vielleicht war ja auch das inszeniert.) durchdachten und perfekten Happening gemacht. Nicht, daß ich mir solche Verhältnisse auf Dauer auch im deutschen Frauenfußball wünschen würde, aber wer den Zuschauerschnitt pro Spiel auf über 40.000 bringt (in Schweden vor 4 Jahren waren dies 4.316!), der hat einfach Respekt verdient. Natürlich hängt diese hervorragende Resonanz damit zusammen, daß Frauenfußball -auch dank Mia Hamm und ihrer perfekten Vermarktung- schon seit einiger Zeit Boom-Sport Nr. 1 unter den weiblichen Teenagern in Amiland ist. Etwa 8 Millionen Mädchen und Frauen treten dort gegen den Ball. Da machen sich die rund 775.000 Spielerinnen in ca. 70.000 Frauschaften in Deutschland doch recht bescheiden aus, auch wenn hierzulande der Frauenfußball noch immer floriert. Erwähnt werden sollte in diesem Zusammenhang aber noch ein weiterer Vorteil, den die Frauen in den USA gegenüber unseren Frauen genießen: Seit 1972, übrigens auch das Geburtsjahr von Mia Hamm, wurde ein Gesetz verabschiedet, das die geschlechtsspezifische Diskriminierung im Sport verbietet. Seither müssen Schulen und Staat genausoviel Gelder in die sportliche Frauen-Förderung pumpen. Dennoch kann sich der hiesige DFB von den Möglichkeiten schon mal ein wenig inspirieren lassen. Der nächste Schritt der Amerikaner soll die Etablierung einer bislang nicht existenten Frauenliga bis spätestens 2001 sein. Wie sehr sich auch die kritische Presse des Landes über eine Belebung ihrer von Basketball, Football, Baseball und Eishockey dominierten Sportlandschaft freuen würde, formulierte die "Los Angeles Times" sehr treffend: "Endlich haben wir Sportstars, die Kleider tragen und Nagellack benutzen und nicht Dennis Rodman heißen". Ein erster Schritt scheint getan, die Einschaltquoten des WM-Endspiels erreichten ungeahnte Höhen: 13,3 Millionen TV-Haushalte hatten ihr Fernsehgerät eingeschaltet und übertrumpften damit sogar das 99er-Finale der NBA (Basketball) um 2 Millionen. Die Traumquote von 40,2 Millionen, die die Übertragung des Super-Bowl (Football) 1999 erlangte, bleibt aber noch in weiter Ferne.

Gewinnerin ist für mich auch die erst 19jährige Abwehrspielerin Ariane Hingst von Turbine Potsdam, dem einzigen Bundesligisten aus Ostdeutschland. Unbekümmert, selbstbewußt und erfolgsorientiert beeindruckte der Youngster mehrfach mit überlegten und rasanten Flügelläufen und meldete nebenbei auch noch US-Stürmerin Mia Hamm im Viertelfinale gänzlich ab. Respekt!

DEUTSCHE VERHÄLTNISSE

"Auch in Deutschland kann man Frauenfußball größer präsentieren. In dieser Hinsicht konnten wir in den USA einiges lernen", meint Siegfried Dietrich, Manager des aktuellen Deutschen Meisters und Pokalsiegers, FFC Frankfurt und gleichzeitig Mitglied im Frauenfußball-Ausschuß des DFB. Delegationsleiter und DFB-Vizepräsident Egbert Nelle hält mit seiner Kritik dagegen: "Totaler Kommerz." Außerdem entdeckte er Organisationsmängel und eine rigorose TV-Herrschaft, die die Anstoßzeiten diktiere. Daß es dies bei uns im Männerfußball bereits seit einigen Jahren gibt, scheint er zu verdrängen. Nationaltrainerin Tina Theune-Meyer, der nach dem Mißerfolg vereinzelt der Rücktritt nahegelegt wurde ("taktische Fehler"), sieht ebenfalls Handlungsbedarf: "Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir Schritt halten wollen." An einen Rücktritt denkt sie aber nicht mehr: "Wenn wir Olympia verpaßt hätten, hätte ich die Verantwortung übernommen." Pechvogel Martina Voss (Muskelfaserriß) ist radikaler: "Bei uns herrscht Amateurstatus. Wer mehr erwartet, muß die Strukturen verbessern!" Und Alfred Werner, Manager bei Rheine, pflichtet bei: "Das entscheidende Engagement beim DFB fehlt einfach. Auch der Fernsehvertrag mit der ARD ist doch eher ein Übertragungs-Verhinderungsvertrag." Ein erster richtiger Schritt des DFB mag die schon vor der WM für die kommende Saison beschlossene Verdrei-fachung der TV-Gelder auf dann 120.000 Mark pro Bundesligist sein. Bundestrainerin Theune-Meyer ergänzt: "Das lief hier alles ein wenig träge. Mittlerweile stellt uns der DFB ein ziemlich hohes Budget zur Verfügung - drei Millionen Mark pro Jahr." Und selbst Ex-Bundestrainer Vogts, selbsternannter Fachmann für den Frauenfußball ("Ich hatte beim DFB 8 Jahre die Federführung für den Frauenfußball. Ich war voll involviert." - und, was wurde daraus?), gibt sich nun kämpferisch: "Vollintegrierung der Mädchen im Ausbildungskonzept wie bei den Jungs. Stützpunkte in den Verbänden. Eine weitere Trainerin im DFB für die U16-Mannschaft." Ach, lieber Berti, Fachmann vor dem Herrn, an der fehlenden Nachwuchsförderung hat es nun wirklich nicht gelegen; die Talente sind doch da. Es liegt wohl eher an der kaum vorhandenen Professionalität im Leistungsbereich. Wo bleibt denn bspw. der seit langem vom DFB angekündigte und versprochene Liga-Sponsor? Derzeit sieht es doch so aus, daß das Wohl und Wehe jedes einzelnen Bundesligisten von der jeweiligen Initiative einzelner "Macher" in den Vereinen abhängt. Das ist prinzipiell ja auch gut so, aber eine spürbare Grundunterstützung von Seiten des DFB sollte schon erwartet werden können. Zwar sind die Zeiten, als Beckenbauer zur Steigerung der Attraktivität des Frauenfußballs noch "sexy Trikots" fordern konnte, oder Ex-Alkoholiker Gerd Müller mit bayrisch-zünftigem "Die sollen kochen, nicht kicken", den geistigen Flachpaß zelebrierte, längst vorbei, aber strukturell hat sich kaum etwas getan. Zwar kämpft seit 1995 die Hamburgerin Hannelore Ratzeburg im DFB-Präsidium für die komplette Gleichberechtigung des Frauenfußballs, so richtig anerkannt scheint sie in dieser Männerrunde aber bis heute nicht zu sein; sonst wäre sicherlich schon mehr passiert.

Auch Siegfried Dietrich ist ein enthusiastischer Einzelkämpfer. Dank seines Engagements ist der FFC Frankfurt der wohl am besten vermarktete Club in Deutschland. Kontinuierlich hat der Mann die Frankfurterinnen an die Spitze geführt. Dietrich weiß, was er will und er spricht es aus - seine Erwartungen an das Team sind immer hoch. Vor der Saison 98/99 äußerte er sich in der 'Frankfurter Rundschau' über die Saisonziele: "Jetzt geht es um die Wurst. Ich erwarte die Meisterschaft oder den Pokalsieg, am liebsten beides. "Das muß die Mannschaft akzeptieren". Es war auch eine existentielle Frage für den Verein, denn damals zeigte der Hauptsponsor Nerven und seilte sich kurzerhand ab. Indiz dafür, daß auch im Frauenfußball irgendwann die Kosten-Nutzen-Rechnung aufgemacht wird. Zeitweilig blieb der Club dann sogar ohne Geldgeber. Aber Dietrich ist nicht nur Visionär, sondern auch Pragmatiker und beschaffte einen neuen Sponsor. Seine weiteren Ziele: "Es muß möglich sein, mit professionellen Strukturen im Umfeld den Frauenfußball aus seinem amateurhaften Image herauszuholen und als attraktiven, leistungsorientierten Sport zu präsentieren." Der FFC-Manager ist auf dem richtigen Weg und hat vereinsinterne Strukturen geschaffen, die die Verantwortung auf verschiedene Schultern verteilt. Ob allerdings sein Wunsch, bald auch einen Europapokal für Frauen zu etablieren, der richtige Weg ist, möchte ich doch zumindest in Frage stellen. Aber insgesamt wird die 1997 eingeführte eingleisige Bundesliga von fast allen begrüßt. Exemplarisch Petra Damm von Wolfsburg-Wendschott: "Zwar sagen einige, daß es nur zwei Mannschaften sind, die das Geschehen dominieren. Aber alle anderen sind näher zusammengerückt." Gespannt sein darf man auf den Aufsteiger aus Nürnberg, dessen Planungen konsequent auf die Jugend setzen. Das Durchschnittsalter des Teams liegt bei 19 Jahren. Und auch das Modell Potsdam läßt aufhorchen: In Zusammenarbeit mit dem ansässigen Sportgymnasium findet dort eine ausgiebige Betreuung der Nachwuchskickerinnen statt. Trainer Schröder ist deshalb zuversichtlich: "In 2-3 Jahren wird die Dominanz von Frankfurt und Duisburg nicht mehr bestehen."

DER SAISON-RÜCKBLICK

Lediglich 32.000 Eintrittskarten (5.000 weniger als in der Vorsaison) konnten alle Bundesligisten zusammen in der abgelaufenen Saison verkaufen. Zuschauer-Krösus ist wieder einmal Pokal-Finalist FCR Duisburg, der im Schnitt 600 Besucher pro Heimspiel auf dem Habenkonto verbuchte. Nach der Wachablösung in Frankfurt, Hochburg des deutschen Frauenfußballs, wo der 1. FFC Frankfurt (zum Jahreswechsel trennte sich die weibliche Fußballabteilung vom Stammverein und bis dahin Namensgeber SG Praunheim) den Lokalrivalen und Vorjahres-Meister FSV Frankfurt klar in die Schranken weisen konnte, gewannen die Mainstädterinnen unter Trainerin Monika Staab, bei nur einer Saisonniederlage, schließlich erstmals den Meister-Pokal. Zeitweise sah es so aus, als könnte der FSV sogar absteigen, zum Schluß reichte es aber noch zu einem 5. Platz, nur 7 Zähler von einem Abstiegsplatz, aber 30 (!) Punkte hinter dem Meister. Ohnehin war die gesamte Saison ausschließlich ein Zweikampf zwischen dem FFC und dem Vizemeister und letztjährigen Pokalsieger Duisburg. Am Schluß trennten die beiden Teams lediglich drei Pünktchen, die Drittplazierten Sportfreunde Siegen lagen bei Saisonende 19 Punkte hinter den Duisburgerinnen. Eine insofern langweilige Saison. Darum ist es auch nicht verwunderlich, daß Frankfurt und Duisburg auch den Pokal unter sich ausmachten (1:0 für die Hessinnen) und der 20köpfige WM-Kader allein mit 13 Spielerinnen dieser beiden Vereine gespickt war. Ein entscheidendes Wörtchen in Sachen Meisterschaft mitreden möchten aber in der vor uns stehenden Saison auch Siegen, Potsdam, Brauweiler und das Überraschungsteam aus Wolfsburg, das als Aufsteiger gleich einen guten 6. Platz belegte. Mit finanzieller Unterstützung durch den größten Arbeitgeber der Stadt soll jetzt kräftig angegriffen werden. Realistisch gesehen wird es aber erneut auf einen Zweikampf um die Liga-Spitze hinauslaufen.

Die beiden Absteiger der abgelaufenen Saison sind der FFC Heike Rheine und der Aufsteiger aus dem Vorjahr SC Freiburg. Für die Freiburgerinnen und die gesamte Liga ist diese Rückkehr in Liga 2 schon deshalb schade, weil damit, was den Profi-Fußball anbelangt, ein renommierter Name wieder aus der Liga verschwindet. Und dies in einer Situation, in der mit dem Aufstieg des Frauenteams des 1. FC Nürnberg ein weiterer bekannter Verein zum Image-Gewinn der Liga beitragen kann. Und sollte es nach dem Willen von Schnack-Papst Beckenbauer gehen, so wäre ab der Saison 2000/2001 auch der ehemalige Deutsche Meister Bayern München (1976) wieder in der 1. Frauenliga vertreten. Auch wenn das nicht gerade mein Lieblingsverein ist: Die Aufmerksamkeit für die 1. Bundesliga würde mit Sicherheit wachsen, zumal Beckenbauer schon seit einigen Jahren glaubhafter Anhänger des Frauenfußballs ist und mit seiner Medienpräsenz sehr viel für das Renommee tun könnte. Zweiter Aufsteiger ist Rot-Weiß Hillen, das in der am 29. August beginnenden Saison (1. Pokalrunde am 22.8.) unter dem neuen Namen FFC Flaesheim/Hillen antreten wird. Damit ist der Aufsteiger, nach Meister Frankfurt und Absteiger Rheine (s.a. ÜS 34), erst der dritte reine Frauen-Fußball-Club (FFC) in der ersten Liga. Mit dem FSV Frankfurt zeichnet sich allerdings ein weiterer Kandidat ab, der die Trennung zwischen Abteilung Frauenfußball und dem Restverein vollziehen will. FSV-Manager Jürgen Strödter klagt: "Allein in der vergangenen Saison hat unsere Abteilung 25.000 Mark für die Nutzung der Plätze zahlen müssen." FSV-Mittelfeldspielerin Gabi König geht sogar noch weiter: "Der Hauptverein greift doch nur die Gelder ab, die wir vom Fernsehen bekommen." Wenn dies so stimmen würde, wäre eine Trennung tatsächlich nur konsequent.

WAS NOCH?

Mit der abgelaufenen Saison ist auch die Wachablösung im Trainer-Bereich vollzogen. Junge mit neuen und besseren Trainingsmethoden vertraute Männer und Frauen lösten die alte Garde ab, was sich deutlich im taktischen und technischen Bereich der Mannschaften ablesen ließ. Aber auch vier Trainerwechsel während der Saison sind zu registrieren. Wobei wohl jener des Niederkirchener Coaches im Februar der spektakulärste war: Beim Stand von 1:7 im Spiel gegen den 1. FFC Frankfurt legte Norbert Buschlinger sein Amt, noch während das Match lief, mit sofortiger Wirkung nieder. Dabei hatte der Trainer dieses Amt erst in der Winterpause vom entlassenen Vorgänger Harald Breininger übernommen. Das Spiel endete übrigens 1:9.

Verabschiedet hat sich auch die ehemalige Rekord-Nationalspielerin Heidi Mohr. Nach mehr als 100 Länderspielen, in denen sie 83 Tore erzielte, entschied sich die Tormaschine vom TuS Niederkirchen jetzt für das Karriere-Ende. Nach drei EM-Titeln, einer Vize-WM, sowie der fünfmal hintereinander errungenen Krone der Bundesliga-Torjägerin, hat die Kurpfälzerin jetzt rechtzeitig den Absprung gefunden. Ihre Nachfolgerin in Sachen Länderspiel-Rekord, Doris Fitschen (122 Spiele; "Ich warte darauf, daß Lothar Matthäus endlich aufhört, damit ich ihn überflügeln kann"), zog unserem FC ja gerade ein echtes Glücks-Los für die 2. Runde im DFB-Pokal: Gegen den einzigen noch in der Runde verbliebenen Landesligisten, den TSV Rosenheim. Danke, Doris, dafür gönnen wir Dir gerne auch die neue Rekordmarke.

Mit Beginn der abgelaufenen Saison hatte die Bundesliga einen herben Rückschlag erlebt: Der Vitaminpräparate-Hersteller Hermes hatte kurzfristig seinen Sponsoring-Ausstieg verkündet. Bis dato hatte die Firma den Hermes-Cup, sozusagen jeweils das Auftaktturnier zur neuen Saison, und die Wahl zur Fußballerin des Jahres hauptfinanziert. Glücklicherweise gab es Ersatz: Der Hermes-Cup wird ab sofort "Lotto Hessen"-Cup heißen. Fragt jetzt bitte nicht, wie der neue Sponsor heißt. Ist übrigens parallel auch Hauptsponsor des amtierenden Deutschen Meisters FFC Frankfurt. Apropos: Ein Novum war der Vertrag zwischen dem FFC und seinem Geldgeber in bezug auf das Pokalfinale: Ausdrücklich ließ dieser einen Extra-Finalsponsor zu. Diese Regelung nutzten die Frankfurterinnen und liefen im Endspiel mit dem Logo einer großen Baumarkt-Kette auf. Schätzungsweise 200.000 Mark kassierte der Verein hierfür. Addiert man hierzu noch die rund 100.000 Mark, die der DFB für jeden Finalisten überweist, ergibt sich allein durch das Erreichen des Pokalfinales eine Summe, die andere Bundesliga-Clubs nicht einmal mit ihrem Jahres-Etat erreichen.

Im Internet findet deutscher Frauenfußball leider eher nur bescheiden statt. Zwar sind mittlerweile einige Vereine mit eigener Homepage präsent, aber eine richtig gute Übersichts-Domain gibt es leider noch nicht. Auch die von mir schon vor einem Jahr im ÜS #34 vorgestellte Adresse "www.frauenfussball.de" ist noch immer "under construction". Arm! Versucht es aber mal mit "www.dsfs.de/womenssoccer". Dort gibt es ein paar recht aktuelle Berichte und Meldungen aus der Bundesliga, den Regionalligen und der Nationalmannschaft. (Anm. d. Korr. Nach der Amateurseite erwarten wir jetzt natürlich auch die FC St.Pauli-Frauen-Website)

HAMBURG

Nachdem der HSV in der vorletzten Saison in die Regionalliga Nord absteigen mußte, wurde der sofortige Wiederaufstieg ins Auge gefaßt. Der Jahresetat wurde dabei auf 150.000 Mark verdreifacht. Zwar wurde das Team unter Trainer Jens Martens souverän Meister der Regionalliga Nord, letztendlich scheiterte die Frauschaft aber in der Qualifikationsrunde für den Aufstieg und mußte den Frauen aus Hillen den Vortritt lassen. Schon eine Enttäuschung, doch ein echter Beinbruch ist das Scheitern für die Rauten-Kickerinnen nicht. Schon 1998 hatte der Verein längerfristig geplant: "Maximal 3 Jahre in der zweithöchsten Spielklasse sind eingeplant. In zwei weiteren Jahren soll sich das Team in der Bundesliga etablieren, um dann an die Spitze vorzustoßen." So zumindest stand es in einer Werbebroschüre für Sponsoren. Daß die HSVerinnen heute schon weiter sind, davon ist zumindest Tina Theune-Meyer überzeugt: "Der HSV ist Bayern München mindestens ein Jahr voraus. Die Mannschaft müßte eigentlich stark genug sein, um in der nächsten Saison in der Bundesliga spielen zu können." Dies sagte die Bundestrainerin zwar bereits im März, anläßlich des Länderspiels gegen China an der Hagenbeckstraße, bezog ihre Äußerung also schon auf die anstehende Saison, doch mit der Feststellung, daß "das Umfeld in Hamburg professionell arbeitet", hat sie schon ein wenig recht. Diese Einschätzung ist insbesondere Manager Lutz Rohlf zuzuschreiben, der sich akribisch und detailversessen um die Belange der Frauenfußballerinnen kümmert. Sein größter Coup: Ab der nächsten Saison wird die erste Mannschaft aus dem Amateurbereich herausgelöst und dem Lizenzspielerbereich zugeordnet. Der Vereinsvorstand (wer immer dies auch jeweils sein wird - scheint ja jahreszeitlich bedingt) ist somit direkt für die Fußballfrauen verantwortlich. Explizit für die Vermarktung des Teams ist nun auch hier die UFA zuständig. Bislang oblagen die Rechte bei einer von Rohlf gegründeten Marketing-Agentur. Keinesfalls wird es, so Rohlf, dadurch eine finanzielle Verschlechterung geben. Wie die weitere finanzielle Ausstattung aussehen muß, erläutert Rohlf in der Januarausgabe des Hamburger Sportmagazins 'Durchblick': "Für den Klassenerhalt (in der 1. Liga, Anm. d. Autors) würden wir dann 300.000 Mark brauchen und um oben mitzuspielen zwischen 600.000 und 800.000 Mark." Endlich, wird auch Toni Schmale denken, die noch im Frühjahr auf die katastrophalen Bedingungen hinwies: "Wir werden in die letzte Kabine verfrachtet, alle haben Vortritt. Diese Privilegien der Männer finde ich nicht in Ordnung."

Daß es der Verein jetzt wirklich ernst meint mit dem Aufstieg, belegt nicht zuletzt der Kader für die kommende Saison: Toni Schmale und Tanja Vreden, beide Nationalspielerinnen und zuletzt im vorläufigen 24er-Kader für die USA nominiert gewesen, konnten gehalten werden. Zusätzlich wurden Torhüterin Claudia von Lanken vom FFC Heike Rheine, die Nr. 3 in Deutschland, und die dänische U20-Nationalspielerin Gitte Pedersen (20) verpflichtet. Die Skandinavierin ist die erste ausländische Nationalspielerin, die für einen Hamburger Club spielt. Pedersen soll im HSV-Frauenteam die lange verwaiste Rolle der Spielmacherin einnehmen. Ein genialer Schachzug, denn der Blondschopf ist die Freundin von HSV-Hümörbombe Thomas Gravesen: Wenn jetzt von den beiden keine Leistung kommt, dann würde mich das wundern.

Aber das Konzept des HSV findet nicht nur Freunde, denn es setzt natürlich auch darauf, die talentiertesten Mädchen aus Hamburg und Umgebung an sich zu binden. Thomas Vosgerau, verantwortlich für die vorbildliche Mädchenarbeit beim SC Eilbek, bringt es auf den Punkt: "Wir sind dorthin gegangen, wo die Mädchen sind, in die Kinderhorte und die Schulen" und wirft den HSV-Talentspähern vor, daß sie keine eigene Nachwuchsförderung betreiben: "Die Probleme machen die großen Vereine, und das muß ich absolut verurteilen. Bei aller Wertschätzung für die professionelle, vorbildliche Arbeit des HSV." Dennoch, oder gerade deswegen, zeigte sich HSV-Manager Lutz Rohlf auf einer Informationsveranstaltung versöhnlich und kündigte den Aufbau eines eigenen Mädchenbereichs an. Einig waren sich die Diskutanten an jenem Abend, daß der Nachwuchs in Hamburg ein absolut bundesligataugliches Potential besitzt.

Für diese Einschätzung spricht auch der Umstand, daß mit Grün-Weiß Eimsbüttel jetzt ein zweiter Hamburger Verein in der Regionalliga Nord spielen wird. Auch wenn die Eimsbüttlerinnen nur für den Meister der Verbandsliga, Lorbeer Rothenburgsort, der verzichtet hat, einspringen, ist der Aufstieg von GWE doch ein Indiz für eine gute Nachwuchsarbeit in Hamburg. Gute Nachwuchsarbeit haben auch die Fußballfrauen des FC St. Pauli versucht. Leider ist es nicht gelungen, eine komplette Mädchen-Frauschaft zusammenzubekommen - schade. Hiermit rufen wir aber alle Väter, die mit dem FC etwas zu tun haben, auf, ihre fußballverrückten Töchter zum FC St. Pauli zu schicken. Das erste und einzige Frauenteam unseres Clubs kickt weiterhin in der Bezirksliga 1 (5. Liga) und trifft dort u.a. auf die Frauschaft von HSV 3. Gegen die geht es übrigens auch am 29.8. im Pokalspiel. Die Saison beginnt im September.

Die Frauen des FC St. Pauli leiden zwar nicht unter Mangel an Spielerinnen, aber wer Lust hat, seine Freizeit mit netten Frauen zu teilen, für die Fußball mehr ist, als der Wunsch, den Gegner wegzuhauen, darf sich gerne prädestiniert fühlen, bei ihnen ein wenig aufzuräumen. Das Training des Frauenteams findet an zwei Tagen in der Woche (jeweils 19.45 Uhr) statt: Montags (Platz 1) und Mittwochs (Platz 2) auf den Grandplätzen an der Feldstraße.

PS. Für nähere Infos und Anmeldungsformalitäten einfach im Fanladen oder der Geschäfsstelle nachfragen.

ro.

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