Mit 36 fühlt man sich nicht mehr jung!

Interview mit dem Aufsichtsrat

Seit fast zehn Monaten im Amt, zuerst der Schmusekurs, dann das Zerwürfnis mit Heinz Weisener und einem Teil des Restpräsidiums. Wie sieht der Aufsichtsrat des FC St.Pauli kurz vor der nächsten Jahreshauptversammlung, bei der es evtl. um die Ausgliederung der Spieler GmbH und damit zur Aufteilung des bisher vorhandenen Vereins gehen könnte, seine vergangene Amtszeit und was hat sich verändert. Wir unterhielten uns mit der Aufsichtsratsvorsitzenden Tatjana Groeteke und ihrem Stellvertreter Thomas Gottfried.

ÜS: Seid ihr im Aufsichtsrat ein Team, oder gibt es heftige Debatten um Vorgehens- und Verhaltensweisen?
Tatjana Groeteke (Ta. G.): Der Aufsichtsrat ist ein sehr gutes Team. Es gibt selbstverständlich inhaltliche Diskussionen, aber keinerlei Kontroversen. Wir arbeiten ausgezeichnet zusammen und verstehen uns auch über die Arbeit hinaus sehr gut - das ist natürlich sehr hilfreich.
Thomas Gottfried (Th. G.): Wir hatten in einer Zeit, die von ihrer historischen Bedeutung eine der bedeutsamsten für den FC St. Pauli war, eine Vielzahl von Abstimmungen und Beschlüssen. Nahezu alle Entscheidungen haben wir bisher zu Null entschieden, eine Einzige mit 6:1 getroffen. Mehr als diese Fakten aussagen wird man mit Worten kaum darstellen können.

ÜS: Es wurde oftmals in der Öffentlichkeit gesagt, daß euch Brocken in den Weg gelegt werden, um Zwist zwischen den AR-Mitgliedern zu säen. War da was dran?
Th. G.: Es ist vor allem von Herrn Marten nachhaltig versucht worden, den Aufsichtsrat auseinander zu dividieren. Das war allerdings ein gänzlich untauglicher Versuch, der nur dazu geführt hat, daß wir noch näher zusammengerückt sind. Wir sind eine Einheit und die inhaltliche Übereinstimmung zwischen jung und alt ist bei uns in hervorragender Weise gegeben. Da wird niemand einen Fuß hineinbekommen.
Ta. G.: Es wurde im Frühjahr, als es um den Abschluß des neuen Marketingvertrages mit Heinz Weisener ging, ganz explizit der Versuch unternommen, ein AR-Mitglied vom Rest des AR in der Öffentlichkeit zu isolieren. Diese Situation hat es jedoch im AR so nie gegeben und derjenige hat sich dagegen auch nachhaltig verwahrt. Damit hat Herr Marten einerseits nichts erreicht und sich andererseits selbst ins Abseits gestellt - wie mit allen seinen Aktionen gegen uns.
Th. G.: Eins ist mir noch wichtig: Wenn wir von jung und alt sprechen, wollen wir nicht außer acht lassen, daß Christian Pothe mit 33 Jahren der Jüngste im AR ist und wir mit Tatjana Groeteke und mir zwei Leute haben, die Mitte 30 sind. Uwe Doll und Holger Scharf sind in den 40ern, Jens Clauss ist ein Exportkaufmann und Mitte 50, Günter Schlichting über 70. Das ist eine sehr gute Alterstruktur. Wir sitzen nicht zwischen 18 und 88 zusammen, so daß es schon mal keine echten Generationsprobleme gibt. Dieser AR ist weder überjüngt noch überaltert, sondern wir sind alle ganz gut beieinander. Sowohl jeder für sich als auch alle zusammen.

ÜS: Wie geht ihr mit dem Vorwurf der mangelnden Kompetenz um, der euch häufig unterstellt wird und welche Fähigkeiten bringt ihr in die Arbeit des AR ein?
Ta. G.: Die mangelnde Kompetenz wird uns ja meistens im Zusammenhang mit unserem jugendlichen Alter unterstellt. Wirklich jugendlich fühle ich mich mit 36 eigentlich nicht mehr und die anderen glaube ich auch nicht, obwohl zum Beispiel Günter Schlichting enorm viel Schwung hat. Kompetenz zeigt sich doch ausschließlich bei der Arbeit. Wir haben in den vergangenen Monaten bewiesen, daß wir unser Handwerk verstehen. Alle im Januar nachgewählten AR-Mitglieder sind sehr schnell in ihre Aufgaben hineingewachsen. Wir haben in den Verhandlungen mit Heinz Weisener das erreicht, was möglich war, und gezeigt, daß wir kompetent sind. Wir haben das, was in unseren Möglichkeiten als AR stand, für den Verein gemacht und auch erreicht. Wir nehmen unsere Kontrollfunktion akribisch wahr. Das ist aufgrund der fatalen finanziellen Lage des FC St. Pauli auch extrem wichtig. Hätte der AR, seit er 1997 installiert wurde, so gearbeitet und den notwendigen Druck auf das Präsidium ausgeübt, wäre der Verein heute sicherlich in einer besseren Situation.

ÜS: Es werden euch auch fachliche Mängel vorgeworfen.
Th. G.: Ein seltener Vorwurf und er bleibt ja auch immer sehr nebulös. Wenn man uns kritisiert, muß man schon etwas konkreter werden. Ich bekomme z.B. Anrufe von anderen Aufsichtsräten aus der 1. und 2. Liga, die sagen: " Verdammt noch mal, bei uns sitzen im Prinzip nur Claquere, die möglicherweise auch noch in der einen oder anderen Form Abhängige von Präsidiumsmitgliedern oder dem Verein insgesamt sind" und das ist bei uns in keiner Weise der Fall. Es hat Versuche gegeben, unsere Unabhängigkeit auszuhöhlen aber wir sind unabhängig und kompetent. Wir haben eine Journalistin, einen Werber und Volkswirt, einen Im- und Exportkaufmann, einen Bürovorsteher einer international angesehenen Anwaltskanzlei und zwei Anwälte in unseren Reihen. Ganz nüchtern mit anderen Vereinen verglichen, ist St.Pauli in dieser Hinsicht schon Spitze.
Ta. G.: Um diese Aufgabe erfüllen zu können, ist es doch vor allem wichtig, daß man den Verein, seine Strukturen, Probleme und vor allem auch sein Potential gut kennt und einschätzen kann. Ebenfalls von großer Bedeutung ist es, daß man das Bundes-ligageschäft kennt, daß man Sachverhalte bewerten und Ziele formulieren kann. In Hamburg wird man es kaum erleben, daß der Oberbaudirektor Mitglied im AR eines Bundesligaclubs wird. Außerdem hatten wir ja schon mal einen Ex-Minister (Apel, die Red.) - der ist bei der erstbesten Gelegenheit zurückgetreten und hat den Verein während seiner Amtszeit auch nicht gerade weitergebracht. Nicht zu vergessen: Die Mitgliederversammlung hat diese sieben Leute gewählt und ihnen die Kompetenz zugesprochen. Und wir werden alles tun, um die, die uns gewählt haben, nicht zu enttäuschen.

ÜS: Wie sieht die wöchentliche Arbeitsbelastung in etwa aus, gibt es dadurch Komplikationen im Job?
Th. G.: Wenn ich mal das arithmetische Mittel nehme, seit der ersten Februarwoche in der wir uns konstituiert haben, ist eine Stundenzahl von 15-20 Stunden pro Woche nicht unrealistisch. Komplikationen im Job bedeuten für mich als selbständiger Anwalt, daß ich mir bei jedem Mandat sehr genau überlegen muß, gerade bei neuen Mandaten, ob ich es von meinem Zeitkontingent noch so bearbeiten kann, wie ich es möchte. Die bestehenden Mandate sollen darunter natürlich nicht leiden. So muß ich das eine oder andere neue Mandat unter diesen Umständen ablehnen.

ÜS: Dann hast Du doch auch Gehaltsverluste?
Th. G.: Das ist zweifellos so, aber man muß wissen, was einem wichtig ist und solange ich glaube, daß dieser Verein eine Möglichkeit hat, alles zum Besseren zu wenden, bin ich bereit, persönliche Gehaltseinbußen in Kauf zu nehmen und in diesem Verein ehrenamtliche Tätigkeit zu leisten.
Ta. G.: Ich würde den Tag gern auf 48 Stunden erweitern, dann könnte man einfach erheblich mehr schaffen. Meine Chefredaktion hat mein Engagement beim FC St. Pauli mit größter Skepsis betrachtet und es mir nicht gerade leicht gemacht. Aber wieviel meiner Freizeit ich mit dem Verein verbringe, ist ja meine persönliche Entscheidung. Das muß ich nur mit meinem Sohn Stan ausmachen, aber der spielt zum Glück gut mit. Es ist viel Zeit, da ich ja auch noch AGiM-Mitglied bin und Fußball in unserem Frauenteam spiele und es auch mitbetreue. Aber es spielt keine Rolle, wieviel Stunden es sind, Hauptsache wir erreichen unsere Ziele. Da bin ich nach wie vor optimistisch und deshalb macht mir diese Arbeit auch Spaß.

ÜS: Konntet ihr eure Vorstellungen umsetzen?
Th. G.: In den letzten fünf Monaten unserer Tätigkeit haben wir sehr viele neue Erkenntnisse gewonnen. Nachdem wir das ganze Desaster der finanziellen Situation von Herrn Weisener endlich erfahren hatten, haben wir ihm für seine Eigenmächtigkeiten DM 750.000,- aus den Rippen geleiert, die er an den Verein zurückzuführen hat. Es handelt sich dabei um die Verpflichtung von Herrn Reimann etc.., das hat H.W. ja auch selbst kommuniziert. Diese sogenannte Anschubfinanzierung wurde von H.W. und seinen Beratern nicht freiwillig zum Thema gemacht. Der AR hat das Thema auf den Tisch gepackt und so eine Dreiviertelmillion für den Verein herausgeholt. Neben den vielen Dingen, die wir nach wie vor nicht beeinflussen können, weil wir ein Kontrollorgan sind und kein operatives Organ, kommt hinzu, daß wir bei der Gestaltung des Finanzplans für die neue Saison auf die Kostenbremse getreten haben. Wenn es nach H.W. gegangen wäre, dann hätten wir eine erheblich höhere Unterdeckung für das nächste Geschäftsjahr.
Ta. G.: Außerdem haben wir den kalten Rauswurf von Herrn Helbing, der ja schließlich auch von der Mitgliederversammlung gewählt wurde, verhindert und mit unserer Haltung H.Weisener ganz klar gemacht, daß beim FC St. Pauli künftig keine Alleingänge des Präsidenten mehr akzeptiert werden. Wir haben vom Präsdium verlangt, daß dort zusammengearbeitet wird und wir verlangen, daß dieses Präsidium dafür Sorge trägt, daß sich die finanzielle Situation des Vereins nicht weiter verschlechtert. Wir können das allerdings nur verlangen, nicht selber eingreifen - so sieht es die Satzung nunmal vor.

ÜS: Wie läuft die jetzige Zusammenarbeit zwischen dem Präsidium, dem Präsidiumssprecher (Florian Marten) und dem Aufsichtsrat?
Th. G.: Es ist bekannt, daß eine Zusammenarbeit mit "Hermine Appel" nicht möglich ist, das lehnen wir ab. Jemand, der als bezahlter Propagandist von H.W. den Aufsichtsrat als von den Mitgliedern gewähltes Organ mit falschen Tatsachenbehauptungen und Beleidigungen diffamiert, der kann natürlich nicht derjenige sein, der dann ausgerechnet die Kommunikation verbessern soll. Die Zusammenarbeit mit dem Präsidium hat sich deutlich verbessert, man hält uns nicht für Papiertiger, wir nehmen unsere Satzungsaufgaben ernst. Auf unsere Fragen wird versucht, Antworten zu geben. Das ist ein Fortschritt. Es ist allerdings ein Unding, daß das Thema Stadionneubau von H.W. zu seiner Privatsache gemacht worden ist. Wir sind nur sehr vage über den Stand der Verhandlungen mit der HALABA (Hamburgischen Landesbank), mit den Behörden und auch mit der Genehmigungsbehörde informiert und kennen keine genauen Fakten. Das gleiche gilt für den Vize Helbing, für Uli Schult komischerweise nicht. Das ist natürlich eine höchst unbefriedigende Situation. Wenn am Ende, kurz bevor die Bagger kommen, wieder viele hundert Seiten komplizierter juristischer Verträge von den Mitgliedern beschlossen werden sollen, dann trägt H.W. alleine dafür die Verantwortung, weil er daraus ein Geheimkommando gemacht hat.

ÜS: Wird denn jetzt, wie von H. W. versprochen, im Herbst gebaut?
Ta. G.: Das wüßten wir alle gern. Wir gehen davon aus - versprochen ist versprochen. Etwas nervös werde ich dann allerdings bei Formulierungen von Heinz Weisener, wie "möglichst noch im Herbst", was kürzlich in der Beilage der "Hamburger Morgenpost" zu lesen war. Er selbst hat ja den Mitgliedern im Juni schwarz auf weiß sehr deutlich gemacht, daß der FC St. Pauli in seiner jetzigen finanziellen Situation, ohne den Stadionneubau keine Zukunnft im Profifußball hat und er sich nicht noch einmal persönlich engagieren, d.h. dem Verein weitere Darlehen gewähren möchte. Im März, das kann man immer nur wieder sehr deutlich sagen, müssen wir beim DFB die neue Lizenz beantragen. Bis dahin muß sich an der Situation des FC St. Pauli grundlegend etwas geändert haben, sonst könnten wir uns die Reise nach Frankfurt direkt schenken.

ÜS: Die Wirtschaftlichkeitsanalyse der Hamburgischen Landesbank über das neue Stadion sollte zum 22. Juni an den Verein übergeben werden. Von wem wurde dieser Termin in die Diskussion gebracht? Ist dies geschehen und was steht in dem Gutachten drin? Gibt es einen neuen Termin der Präsentation falls dies nicht geschehen ist?
Th. G.: Ich weiß nur aus einem gemeinsamen Protokoll von AR und Vorstand, daß der Termin von Herrn Weisener als Wunschtermin genannt wurde. Es gab und gibt leider bis heute keine Neuigkeiten von den bekannten Schauplätzen, das läßt uns natürlich unruhig werden. Wir wollen das neue Stadion und wir hoffen, daß H.W. in der Lage ist, es zu realisieren.
Ta. G.: Was den 22. Juni angeht, plaudert Thomas nicht aus der Schule. Dieser Termin wurde auch im Hamburger Abendblatt publiziert ("22. Juni, der Tag der Entscheidung"), weil Weisener ihn auch gegenüber dem Abendblatt genannt hat. Also kein Geheimnisverrat. Daß Herr Marten den 22. Juni dann aus dem Kalender gestrichen hat, spricht für seine Qualitäten als Kommunikationsbeauf-tragten. Das ist extrem unprofessionell, sorgt nur nach innen und außen für Irritationen. Damit macht man sich unglaubwürdig. Wenn der Zeitplan nicht einzuhalten ist, muß man damit offensiv umgehen und Transparenz schaffen, damit die Mitglieder und die Öffentlichkeit das nachvollziehen können.

ÜS: Bekommt der AR Informationen über die Abschlußbilanz zum 30.06. 1999? Wie sieht die aktuelle finanzielle Situation aus?
Th. G.: Wir warten natürlich auch sehr neugierig auf den Jahresabschluß, der zur Zeit erstellt wird. Dann müssen wir abwarten, was schwarz auf weiß geprüft auf dem Papier steht. Die Situation ist keinesfalls besser geworden, als prognostiziert.
Ta. G.: Der FC St.Pauli ist, wie wir alle wissen, extrem verschuldet und hat bestimmte Auflagen des DFB zu erfüllen. Wir werden gewissenhaft darauf achten, daß sich die finanzielle Misere nicht noch weiter verschlechtert und die Auflagen des DFB erfüllt werden Das ist unsere Pflicht und die werden wir erfüllen.

ÜS: Wie ist der Sachstand beim Thema Neustrukturierung des Vereins?
Th. G.: Dazu gibt es keine neuen Informationen durch das Präsidium und der KPMG. Wir sind nicht beglückt darüber, denn das wird bedeuten, daß im Herbst hunderte von Seiten vertraglicher Konstruktionen abgestimmt werden müssen. In der Kürze der Zeit könnte dann eine seriöse Prüfung dieser Unterlagen nicht stattfinden.

ÜS: Hattet ihr mehrmals nachgefragt, wie der Stand ist?
Th. G.: Wir haben es bei keiner Gelegenheit unterlassen, die Fragen nach dem Planungsstand des Stadionneubaus und der Neustrukturierung zu erfragen. Man hat uns freundlich darauf verwiesen, daß man Konkretes dazu nicht sagen mag. Es wurde uns nur mitgeteilt, es sei alles auf einem guten Weg.
Ta. G.: Die Zeit drängt. In Kürze müssen die Fakten auf den Tisch, damit der Verein weiß, wie es in Sachen Stadionneubau und Ausgliederung weitergehen soll. Schließlich müssen, und da gibt es von Seiten des Präsidium ja auch feste Zusagen, die neuen Strukturen auf breiter Ebene kommuniziert und diskutiert werden.

ÜS: Wie seht ihr den Zusammenhang zwischen der Ausgliederung der Lizenzspielerabteilung und des Stadionneubaus?
Ta.G.: Es macht natürlich Sinn, die Lizenzspielerabteilung auszugliedern, wenn man neu baut. Auch weil man auf diesem Wege den Amateursportbereich von den finanziellen Risiken des Profifußballs befreit. Aber bevor das Präsidium nicht Fakten und Vorstellungen präsentiert, kann über dieses Thema nicht diskutiert werden. Allerdings muß man auch eins wissen: Es gibt keinen zwanghaften Zusammenhang zwischen Stadionneubau und Ausgliederung. Das hat die KPMG uns vor Monaten versichert. Man wird also nicht gezwungen sein, die neuen Strukturen für den FC St. Pauli über's Knie zu brechen. Das ist sehr wichtig. Aber wir machen uns natürlich, wie viele andere auch, darüber Gedanken, wie der FC St. Pauli im Jahr 2000 aussehen könnte.

ÜS: Das Präsidium sucht Kontakte zu Sponsoren bzw. Investoren, die das Stadion mitfinanzieren sollen. Inwieweit seid ihr darüber informiert?
Ta. G.: Null
Th. G.: 0

ÜS: Warum schafft der FC St.Pauli es nicht, Geldgeber zu bekommen, wie z.B. der HSV, der jetzt von der HEW und der HHA gesponsert werden soll?
Th. G.: Das müßt ihr Götz Weisener fragen.

ÜS: Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen dem AR und der Marketing und auch dem Rest des Vereins?
Ta. G.: Zwischen AR und Marketing gibt es nur in wenigen Einzelfällen Berührungspunkte. Der persönliche Kontakt ist natürlich vorhanden und gut. Die Zusammenarbeit mit dem Präsidium ist sehr sachlich. Das muß man trotz der harten Auseinandersetzungen von beiden Seiten erwarten. Die Kontakte zu allen Gremien und Gruppen im Verein sind ausgezeichnet. Wir haben damit begonnen, uns regelmäßig mit Vertretern aller Gremien zu treffen. Bei einem Verein wie dem FC St. Pauli, ist es extrem wichtig, daß alle gut zusammenarbeiten und man sich gegenseitig unterstüzt. Zusammenhalt ist unser Kapital.

ÜS: Im Bauausschuß Mitte ist der Stadion-neubau in bezug "Bauboom auf St.Pauli" zur Zeit das Top-Thema (siehe auch Bericht auf Seite 5). Das Verkehrsgutachten von Florian Marten wird wohl für den normalen Stadionbetrieb und den dafür vorgesehen 160 Parkplätzen keine Probleme machen. Bei den Sonderveranstaltungen werden allerdings wesentlich mehr Parkplätze gefordert. Wo nimmt der Verein die Stellplätze her?
Ta. G.: Das höre ich heute zum ersten Mal. Was das Gutachten angeht, haben wir die Information, daß es keine Verkehrsprobleme bei der Stadionplanung gibt. Das berichteten ja auch desöfteren die Medien, wenn es einen neuen Sachstand gibt, wird sich der Verein damit beschäftigen müssen.

ÜS: Die Zentralvermarktung der Fernsehgelder für die Europa-Cup-Spiele und damit deren Einnahmen fällt für Mannschaften der 2. Liga weg. Dieser Einnahmeverlust soll für St.Pauli mindestens DM 100.000,-- betragen. Wurden diese Gelder schon verplant?
Th. G.: Wir können uns nicht hinsetzen und sagen "Pech gehabt". Das Präsidium ist aufgefordert, aufzuzeigen, wie diese DM 100.000,- im laufenden Etat eingespart werden können.

ÜS. Oder wie man DM 100.000,-- mehr einnimmt?
Th. G.: Das kann man ja nur begrenzt beeinflussen. Die Ausgaben sind leichter zu steuern als die Einnahmen. Das Präsidium und insbesondere die Marketing sind seit langem gefordert, die Einnahmesituation zu optimieren. Als AR können wir das leider nicht beeinflussen.

ÜS: Die St.Pauli Marketing GmbH hat ein neues Ticketsystem, das eine Vereinfachung beim Kartenkauf beinhaltet und kostensparender arbeiten soll. Dafür wird jedoch auf jede Einzel- und Dauerkarte eine Systemgebühr von DM 1,-- erhoben. Ist diese Preiserhöhung mit dem Verein abgesprochen und welche Begründung gibt es dafür?
Ta. G.: Die Preissteigerung fällt bei den Dauerkarten kaum ins Gewicht, bei den Einzelkarten trifft sie die Fans um so härter. Der AR hat erst auf der Puma-Trikot-Präsentation davon erfahren. Diese Entscheidung hat die Marketing GmbH alleine getroffen. Sie wurde vom Präsidium beauftragt, neue Ticketsysteme zu prüfen und sich mit der Einführung zu beschäftigen. Bei der Auswahl gab es offensichtlich keine Absprachen mit dem Verein. Es ist schon sehr unglücklich, wenn man am Ende der Saison propagiert, daß die Kartenpreise stabil bleiben und sich Anfang der Saison herausstellt, daß das gar nicht stimmt. Zumal es sich der FC St. Pauli in seiner dritten Zweitliga-Saison noch weniger als je zuvor erlauben kann, seinen Fans vor den Kopf zu stoßen. Man kann nur hoffen, daß die Leute das mit Fassung tragen und nicht aus Verärgerung wegbleiben. Zum Glück wird auf die ermäßigten Karten jetzt nur eine Gebühr von DM 0,50 erhoben.
Th. G.: Wir sind darüber nie offiziell informiert worden. Ich halte das für einen Skandal gegenüber den sozial Schwachen, die zu uns ja nicht in geringer Zahl ins Stadion kommen. Im Prinzip haben sie bei den ermäßigten Karten eine Preissteigerung von 7% zu verzeichnen.

ÜS: Wie ist die Motivation, im Herbst erneut für den Aufsichtsrat zu kandidieren? Welche Chancen seht ihr, wiedergewählt zu werden?
Th. G.: Über die Frage, ob wir eine Chance haben wiedergewählt zu werden, mache ich mir überhaupt keine Gedanken. Das ist auch für mich keine zentrale Frage. Die Frage kann nur sein, ob sich in diesem Verein etwas zum Besseren bewegen läßt, und ob es für mich verantwortbar ist, ein so großes Zeitkontingent ehrenamtlich zu leisten. Für mich habe ich noch keine Entscheidung hinsichtlich einer erneuten Kandidatur getroffen.
Ta. G.: Ich tendiere dazu, erneut zu kandidieren. Ich sehe darin auch eine Überprüfung unserer Arbeit. So hat die Mitgliederversammlung die Möglichkeit, über unsere Arbeit zu urteilen. Damit nimmt man die Mitglieder auch ein Stück weit in die Verantwortung. Das halte ich in der jetzigen Situation des Vereins für sehr wichtig. Ich werde mir vorraussichtlich die Zeit nehmen, die begonnene Arbeit in den kommenden drei Jahren fortzuführen, wenn die Mitgliederversammlung so entscheiden sollte.

ÜS: Es gibt jetzt die große Mitgliederoffensive. Hat sie was bewirkt? Warum hat sie erst so spät begonnen?
Ta. G.: Die Mitgliederoffensive ist ja ein Kind der AGiM und es war ein sehr zäher Weg durch die Vereinsgremien, bis sie auf der Mitgliederversammlung '98 beschlossen wurde.AGiM und Marketing wurden vom Präsidium damit beauftragt, die Offensive umzusetzen. Der AR hat nur insofern damit zu tun, als daß Uwe Doll, Holger Scharf und ich auch Mitglieder der AGiM sind. Wir haben die Mitgliederoffensive im Hau-Ruck-Verfahren vor dem letzten Spieltag auf den Weg gebracht und das war verdammt gut so. Denn jetzt haben wir das Ziel, was wir uns bis zum Saisonende vorgenommen hatten, nämlich 500 neue Mitglieder zu gewinnen, schon fast zu ersten Spieltag erreicht. Bis zum 8. August hatten wir 440 Neuzugänge. Das ist doch eine tolle Geschichte. Jetzt müssen wir uns natürlich neue Strategien einfallen lassen, damit es bis zum Ende der Saison noch mehr werden. 1000 neue Mitglieder wäre schon toll. Bei knapp über 2000, die wir vor Beginn der Offensive hatten, ist das ein absolut sensationelles Ergebnis. Viele, auch Präsidiumsmitglieder, haben uns das nicht zugetraut.

ÜS: Wie seht ihr die Zukunft des FC St.Pauli mit und ohne neuem Stadion?
Th. G.: Ich bin davon überzeugt, daß der Verein uns alle überleben wird. Mit einem neuen Stadion hat der Verein bessere Zukunftsperspektiven, wobei man sich genau angucken muß, wie dieses neue Stadion aussehen soll. Es ist nicht nur die Frage, ob es ein neues Stadion geben wird, sondern wie es gebaut wird, wer es betreibt und zu welchen Bedingungen es die Profis und die vielen Amateure nutzen können.
Ta. G.: Es gibt auf jeden Fall eine Zukunft mit einem neuen Stadion. Alles andere halte ich perspektivisch für ausgeschlossen. Das alte hält auch nicht mehr lange. Sollte Heinz Weisener im Herbst nicht mit dem Stadionneubau beginnen - aus welchen Gründen auch immer - kämen sehr schwere Zeiten auf unseren Verein zu. Aber damit beschäftigen wir uns, wenn der "worst case" eintreten sollte und das wollen wir alle nicht hoffen. Der DFB hat deutlich gemacht, was er vom FC St. Pauli erwartet und diese Erwartungen müssen wir erfüllen. So sieht's aus und darüber ist sich sicher auch das Präsidium im Klaren.

ÜS: Noch eine Frage zu eurer sportlichen Vergangenheit bzw. Gegenwart. Was betreibt ihr für Sport?
Th. G.: Bis zur C-Jugend habe ich regelmäßig Fußball gespielt. Mitte zwanzig war ich nur noch in einer Kneipenmannschaft aktiv. Jetzt komme ich nur noch im Garten mit meiner Tochter zum kicken, oder auf der Kreuzung mit Cem Karaca.
Ta. G.: Ich spiele in der Deckung, manchmal auch im Mittelfeld des St. Pauli-Frauenteams. Außerdem fahre ich sehr gern Ski und möchte unbedingt noch mal Wellenreiten lernen. Was den Fußball betrifft bin ich eine Spätberufene. Ich habe erst mit 29 Jahren angefangen zu kicken. Das holt man natürlich Zeit seines Lebens nicht mehr auf. In meiner Kindheit bin ich geritten, zum Judo, dann zum Ballett gegangen, habe mal Tennis, später Squash gespielt.

ÜS: Wir danken Euch beiden für das Interview.

Ra & hog

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