T.A.C.S. hat eine Vision

Ein schmuckes Stadion, ein riesiges vereinseigenes Trainingsgelände, bei dessen Anblick viele Funktionäre anderer Vereine vor Neid erblassen, ein finanziell gesundeter Verein, welcher eben nicht von einer Person mehr oder weniger abhängig ist - hat nicht jeder St. Paulianer schon einmal von einer rosigen Zukunft seines Lieblingsvereins geträumt!?

Und erzählt mir jetzt nicht, ihr geht zu St. Pauli, weil ihr in der Gegengeraden gerne im Matsch steht, oder weil die Profis fast und die Amateure in Schleswig-Holstein trainieren, oder weil ihr den alljährlichen Nervenkitzel liebt, jede Saison auf's Neue um die Lizenz zu bibbern, bis dann euer Papa Heinz in seine Privatschatulle greift und sich dann als Retter des Vereins hinstellt? Na???

Mal im Ernst: Wenn der Verein auf gesunden Beinen stünde, ließe es sich doch viel angenehmer schlafen. Meine Träumereien bezüglich dieser Thematik passieren mittlerweile fast täglich, und jedes Mal beginnt mein Traum mit ein und denselben Worten, welche ein Kumpel von mir mal in die Runde geschmissen hat (Danke, Ben!). Folgende Worte gehen mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Sie lauten: Wenn ich der Tochter des Sultans von Brunei das Leben retten würde, dann...

...würde ich ihm mein allgemeines Leid klagen, und zum Sultan sagen: "Ey Sultan, dort, wo ich herkomme, spielt ein Fußballverein, der mir sehr am Herzen liegt. Mein größter Wunsch ist es, daß dieser Verein gesund wird, was hermacht, und sich um Geld keine Sorgen mehr zu machen braucht. Deswegen brauche ich, sagen wir mal, eine Milliarde Mark!"

Da sich des Sultans Tochter noch bei mir im Schwitzkasten befindet, willigt der Sultan ein, und auf geht's in Richtung "golden future".

20 Millionen Mark sacke ich erstmal persönlich ein, schließlich muß ich mich wegen der Rettungsaktion auch persönlich belohnen. Doch von da an geht es nur noch getreu dem Motto "Alles für den Verein". Also erstmal ab zum Bausenator, um ihm meine Pläne vorzustellen.

Eine kleine Warnung vorweg: Ab jetzt werden Zahlen, Summen und Fakten quasi nur so über euch herfallen, deswegen rate ich euch, folgenden Text zweimal durchzugehen - beim ersten Mal nehmt die Grafik zur Hilfe, beim zweiten Mal laßt ihr euch den Text vorlesen, müßt dann allerdings während des Vortrages die Augen schließen, und eurer Phantasie freien Lauf lassen.

Also: Für den Kauf des Heiligengeistfeldes, inkl. Stadiongelände, den zwei Grandplätzen hinter der Nordkurve und einer Beteiligung von 100 Mio. DM am Neubau der U-Bahn-Trasse Jungfernstieg - St. Pauli - Friedenskirche - Altona - Trabrennbahn - Volksparkstadion - Schenefelder Platz mache ich dem Bausenator ein absolut angemessenes und faires Angebot in Höhe von insgesamt 400 Mio. DM. Doch warum die Beteiligung am U-Bahn-Bau?

Tja, schließlich bekommt der DOM einen neuen Standort, nämlich auf dem Gelände innerhalb der Trabrennbahn, und damit das Volksfest weiterhin gut besucht bleibt, braucht es natürlich auch einen U-Bahn-Anschluß. Klar?

Zusätzlich werden zu DOM-Zeiten viele hochdotierte Trabrennen angesetzt, u.a. das "DOM-Derby" am jeweils letzten Tag des Volksfestes (Als diese Vorhaben in die Tat umgesetzt werden, erlebt der Trabrennsport eine wahre Rennaissance und landet in der Beliebtheitsskala der Sportarten noch vor Tennis und Eishockey auf dem zweiten Platz).

Der Bausenator ist natürlich sehr angetan von meinen Plänen und gibt mir den Zuschlag. Also kann mit dem nächsten Schritt, der Bebauung und Bepflanzung des Heiligengeistfeldes, begonnen werden.

Statt Viererloop, Schießbuden und Riesenrad werden jetzt hauptsächlich Sportplätze das Areal zieren. Zusätzlich zum Stadion und den zwei vorhandenen Sportplätzen an der Stadionnordseite werden acht neue Sportplätze errichtet (s. Grafik). Alles natürlich Rasenplätze mit phänomenaler Drainage und Rasenheizung. Zu den vorhandenen Plätzen: Platz 4 wird zum Trainingsplatz der Profis und Platz 5 wird umgebaut zu einem überdachten, 8000 Menschen fassenden Schmuckstück, welches Spiel- und Trainingsort der 1. und 2. Amateurmannschaft sein wird. Die Plätze 4 und 5 werden verbunden sein durch ein dachähnliches Gebilde in Form von zwei Tribünen, unter diesen dann der Durchgang für die Stadionbesucher bestehen bleibt. Durch die gleiche Art von "Dach" (ebenfalls mit Durchgang darunter) werden die Plätze 5 und 6 miteinander verbunden sein, wobei die Tribüne auf Platz 6 für Zuschauer der A-Jugend und der Damenmannschaft gedacht ist, diese Teams haben nämlich dort ihr Zuhause. Auf Platz 7 trainieren und spielen die B-und C-Jugend-Mannschaften, auf den Plätzen 1 und 2 sind die Mannschaften der D-, E- und F-Jugend beheimatet. Platz 3 wird wohl ebenfalls eine Tribüne erhalten, schließlich ist es die zukünftige Heimat der Rugby-Abteilung.

An der Stirnseite der Plätze 1-3 wird zusätzlich ein zweites Clubheim errichtet, damit die Jugend- und Rugby-Mannschaften nicht über das ganze Feld rennen müssen, um nach getaner Arbeit den Tag bei zünftigem Essen und leckeren Getränken ausklingen zu lassen.

Die Plätze 8, 9 und 10 findet man rechts neben der Stichstraße, die zum Stadion hinaufführt. Dies sind die Plätze der unteren Herren, der Altliga, der Altherren- und der Seniorenmannschaften. Kosten für Plätze und Clubheim: 150 Mio. DM.

Damit sich die Plätze immer in einem optimalen Zustand befinden, wird ein Platzwartteam von insgesamt 4 Platzwarten und einem Hallenwart angestellt. "Hallenwart? Wieso Hallenwart?" werdet ihr euch jetzt sicherlich fragen.

Tja, meine Planung sieht vor, nördlich des neuen U-Bahn-Einganges eine große Sporthalle zu errichten, welche insgesamt 60 Mio. DM kostet, und im besten Falle ein Gesamtfassungsvermögen von 5000 Zuschauern hat. Wie gesagt, nur im besten Falle, ansonsten kann man drei der vier Tribünen wieder einfahren (wie die Hintertortribüne in der Sporthalle Alsterdorf), so daß der Halleninnenraum eine Größe von drei horizontal angebrachten Handballfeldern hat. Dann passen allerdings nur 1500 Zuschauer (bzw. 500 pro Hallendrittel) rein, die auf der festinstallierten Haupttribüne auf der Westseite Platz nehmen können. Die einzelnen Drittel können durch die, vielleicht aus der Schulzeit bekannten Trennwände abgegrenzt werden. Damit die Halle auch gut ausgelastet ist, werden im Verein zusätzlich die Sportarten Volleyball, Basketball und Badminton angeboten. Hauptsächlich wird hier allerdings Handball gespielt. Hierzu besteht die Planung, ein renommiertes Trainer- und Talentsichter-Gespann zu engagieren, welches die besten Hamburger HandballerInnen zum Verein holen , die Handball-Jugend fördern und die jeweils ersten Damen- und Herrenmannschaften in den bezahlten Handball führen soll. Zusätzliche Kosten: 20 Mio. DM.

Auch die Katakomben der Halle haben noch einiges zu bieten, hier entsteht nämlich das neue Zuhause der Bowling- und Kegelabteilung. Auf vier Bowling- und vier Kegelbahnen können sich die Aktivisten nach Herzenslust austoben oder 'ne eher ruhige Kugel schieben.

Selbiges kann man auch in den drei Saunen (eine für Männer, eine für Frauen, eine gemischt) und zahlreichen Entmüdungsbecken erledigen, die neben dem 300 Quadratmeter großen Fitnessraum zu finden sind.

Kommen wir, wo wir eben gerade von Entmüdungsbecken sprachen, zum nächsten Punkt, der Schwimmhalle an der Budapester Str. , welche momentan mehr oder weniger dahinsiecht und sich in einem erbärmlichen Zustand befindet. Deshalb wird der Bäderland GmbH 10 Mio. DM für Gelände und Halle bezahlt und die Halle für insgesamt 20 Mio. DM von Grund auf renoviert (inkl. kleiner Tribüne). Nach der Renovierung werden dort die neugegründeten Schwimm- und Wasserballabteilungen ins kühle Naß springen können. Außerhalb der Trainingszeiten steht die Schwimmhalle natürlich weiterhin der Öffentlichkeit zur Verfügung und auch das alte Hallenpersonal wird vom Verein übernommen.

Ach so, was das Thema "Parkplätze" angeht, so werden zwischen Sporthalle und den Sportplätzen viele viele Parkplätze in einer Art Ring angelegt. Der Parkplatz ist allerdings nur von 10-23 Uhr geöffnet, sprich: der Nachtschwärmer wird hier keine Parkmöglichkeit bekommen, allein schon deswegen, da bei Einfahrt auf den Parkplatz eine Chipkarte, die jedes Mitglied bekommt, in den Kartenleser eingeführt werden muß.

Ach so, Thema Umwelt: Vor der Bebauung wird das Heiligengeistfeld komplett entsiegelt, neue Bäume werden gepflanzt und die alten Bäume werden, soweit erforderlich, einen neuen Standort auf der Anlage bekommen - kein Baum wird gefällt! Hier entsteht keine Anhäufung von Sport- und Parkplätzen, sondern eine idyllische Grünanlage, quasi: die grüne Lunge des Stadtteils!

Auch die Fan-Einrichtungen können sich sehen lassen. Auf dem ehemaligen Gelände der alten Post an der Budapester Str. wird für insgesamt 15 Mio. DM (inkl. Gelände und Bebauung) ein großes, dreistöckiges Fan-Haus errichtet. Hier kurz ein paar Einzelheiten:

Im 2. Stock befindet sich ein Jugendgästehaus mit insgesamt 50 Betten, wo der gemeine Fan für 20 DM übernachten und frühstücken kann. Der 1. Stock ist für den Fan-Laden, Verwaltungs- und Computerräume sowie natürlich für den Übersteiger-Konferenzraum vorgesehen. Im Erdgeschoß befindet sich dann eine Kneipe/ Gaststätte mit einem angeschlossenen Veranstaltungsraum für Konzerte. Im Keller habe ich eine große Druckerei vorgesehen, damit z.B. wir unser Propagandablatt endlich im Eigendruck produzieren können, und so auch viel flexibler sind (nie wieder bis Montagmorgen am Computer hängen!). Alles natürlich mit dem entsprechenden Personal, is' ja klar.

Und das Stadion???

Da lasse ich lieber erst einmal dem ursprünglichen Finanzierungsmodell den Vortritt. Mit einer Ausnahme - ich bezahle 20 Mio. DM, damit die Probleme auf dem Oberrang der neuen Gegentribüne (Statik, Sicherheit) insofern behoben werden können, als daß der Oberrang der Gegentribüne dann auch zum Stehplatzbereich wird. Stehplätze auf dem Unter- und Oberrang der Gegentribüne - das könnte ziemlich geil aussehen!

Abschließend hier ein paar kleine Besonderheiten:
Daß ich die Plätze mit Nummern versehen habe, sollte nur für euch zur besseren Orientierung nützlich sein. Außer Stadion, Halle und Schwimmhalle (Millerntor-Stadion, Millerntor-Halle, Millerntor-Pool) wird jeder Sportplatz nach Persönlichkeiten benannt, die viel für den FC getan haben. Der Platz, wo die Amateure beheimatet sind, heißt dann z.B. "Kurt-Hesse-Platz" (normalerweise benennt man ja Orte nur nach Toten, aber bei Fritz Walter ging das ja auch). Auch Monsieur Weisener wird dann "seinen" Platz bekommen. Doch welcher paßt zu ihm? Ach ja, Platz 8, dort trainieren ja die alten Herren und die Senioren.

Über den Sportplatz-Eingängen wird dann jedenfalls der Name des Platzes in großen Leuchtbuchstaben stehen. Ebenfalls befindet sich am Eingang ein Messingschild, auf welchem der Namensgeber des Platzes kurz vorgestellt wird, und seine Verdienste für den Verein erwähnt werden. (Anm. d. Korr. Ich dachte, wir wollen keine Stadien mit Personennamen)(Anm. d. Verf. Ich schon!)

Viele Plätze - das heißt natürlich auch: Viele Zäune. Damit diese allerdings nicht so negativ ins Bild stechen, werden überall Kletterpflanzen eingesetzt, so daß man nach ein paar Jahren auf eine begrünte Wand, anstatt auf ein großes graues Gitter schaut. (Fr.d.Korr. Kann man das Spielfeld dann noch sehen? Anm. d. Verf. Ich meine natürlich die Fangzäune hinter den Stehplatzbereichen))

Alles in allem liegen wir jetzt bei Gesamtkosten in Höhe von 715 Mio. DM, wobei der Kauf des Heiligengeistfeldes natürlich ordentlich zu Buche steht. Die restlichen 385 Mio. DM werden gut angelegt, und ein paar Jahre später könnte der FC von den Zinsen seiner Anlage sehr gut leben.

Eines noch: Präsident des Vereins will ich übrigens nicht werden. Damit aber die glorreiche Zukunft des Vereins gesichert ist, schließe ich mit dem Verein ein Abkommen, welches vorsieht, daß z.B. 1.jedes Mitglied des Präsidiums Abitur, abgeschlossenes Studium und seit mehr als zehn Jahren St. Pauli-Mitglied oder seit mehr als 25 Jahren eine Dauerkarte für die Profis haben muß und 2.keine Spieler über 30 mehr verpflichtet werden dürfen. Außerdem muß ein großes Finanzierungspaket ausgearbeitet werden, damit die 385 Mio. Eigenkapital so lang als möglich unangetastet bleiben. Wie das jetzt im Detail aussehen soll, weiß ich jetzt auch nicht so genau - vom Thema Finanzpolitik hab ich leider keine Ahnung. Aber sonst... - diese Anlage wäre das Nonplusultra!!!

Als ich mir im Traum gerade nochmal das Areal aus der Vogelperspektive anschaute und zufällig gerade sah, wie Carsten Wehlmann im Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid einen Elfmeter von Roberto Carlos ungelogen mit der rechten Arschbacke hält und das ganze Stadion, inklusive Schieds- und Linienrichtern, sich vor Lachen kaum noch einkriegen kann, da...da gröhlt plötzlich dieser Spacken von "Liquido" aus meinem Radiowecker.

Schade, schon zu Ende. Aber ich weiß genau: Die nächste Vision kommt bestimmt!

Wenn ihr mal von glorreichen Tagen des FC St. Pauli träumt, dann schreibt sie bitte auf - die schönsten Träume werden in der nächsten Ausgabe veröffentlicht.

T.A.C.S.

Copyright by Übersteiger

zurück Titelseite dieser Ausgabe weiter