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Presseclub

Hamburger Presse im Kampf um St.Pauli

Das gelegentliche Durchblättern alter Ausgaben des "Millerntor Roar!" macht nicht nur immer wieder Spaß, sondern bringt auch gelegentlich sehr interessante Details in Erinnerung oder ans Licht. Gerade habe ich die Ausgabe Nr. 5 (Anfang 1990) in der Hand und finde dort auf Seite 22 einen halbseitigen Bericht mit dem Titel "Journalistische Sorgfaltspflicht oder 'Ärger dich mit der MoPo'", in dem der Autor sich kritisch mit der Sportberichterstattung der Mopo, insbesondere über den FC St. Pauli, auseinandersetzt. Zitat: "...Vielleicht ist aber auch nur der Wunsch der Vater des Gedankens und sie schreiben sich die REALITÄT so zurecht, wie sie sie gerne hätten...". Nun trug man mir aus zuverlässiger Quelle zu, daß der Autor dieser Zeilen jener Sportredakteur sei, der mittlerweile seit Jahren seine Brötchen bei eben dieser Mopo verdient und dort regelmäßig unter dem Kürzel CG oder voller Namensnennung über den FC berichtet - und natürlich auch über die derzeitige Vereinskrise. Heute klingt das so: "Na also, wenn St. Pauli schon in die Grütze geritten wird, dann immerhin politisch korrekt." Wozu sich denn auch mit Kleinigkeiten aufhalten, nicht wahr, Herr Gensing; wenn es eine vorgegebene Redaktionslinie gibt, muß man sich an die eben halten. Ein Tag vorher (15.4.) wurde in der Mopo bereits der Weg beschritten, um sich auf den Aufsichtsrat (AR) einschießen zu können: "Der Lizenzentzug wird vom Aufsichtsrat jedoch inzwischen in Kauf genommen. Sogar ein Rücktritt Weiseners scheint einkalkuliert - es riecht nach Aufstand." Sehr arm, meine Herren Autoren, denn Sie müßten es eigentlich besser wissen. Tiefpunkt der auf der nach unten offenen Niveau-Skala ist dann allerdings der Mopo-Artikel (nicht von CG!) nach der Mitgliederversammlung (MV) am 16.4. Eine Aneinanderreihung von Fragmenten, die absolut gar nichts über den tatsächlichen Konflikt darstellen. Dafür aber -als Aufmacher!- Spekulationen über eine finanzielle Beteiligung von Kinowelt-Chef Kölmel. Und der AR wird natürlich wieder als Sündenbock stigmatisiert (..."wähend sich der Aufsichtsrat verzettelte."). Es stellt sich die Frage, auf welcher Veranstaltung sich die beiden Autoren tatsächlich befunden haben. Schön auch, in der gleichen Ausgabe, die Kurz-Statements mehr oder minder prominenter Sitzungsteilnehmer: Klaus Thomforde: "Wolfgang Helbing ist nicht zum Wohle des Vereins tätig. Er ist ein Selbstdarsteller." Woher Klaus diese Erkenntnis nimmt, teilt er zwar nicht mit, aber das wird er ja vielleicht demnächst im ÜS nachholen. Auch nett Hardliner Günter Peine: "Es gibt zuviele Krakeler, die Pauli nur schaden wollen." Warum sie dies tun sollten, erklärt er uns hierzu natürlich auch nicht, sicher auch nicht im nächsten ÜS. Herzig dann am Samstag (17.4.) die Mopo-Aktion "Rettet Pauli". Eingefleischte St.Pauli-Fans wie Jürgen Hunke, Johannes B. Kerner, Rolf Mares, Thomas Haas, Eugen Block Thomas Doll u.a. stehen plötzlich zum Kiez-Club und gucken auf dem Titel dabei so, als würden sie sich zur STERN-Aktion der 70er "Ich habe abgetrieben" bekennen. Im Innenteil dann ein paar nette und "fundierte" Zitate von Prominenten und Fans. Dieses z.B. von Tischler Kurt Werner: "Papa Heinz sollte den Aufsichtsrat rausschmeißen." Genau, Kurt - und das Präsidium gleich mit. Ehrlich immerhin Schauspieler Andreas Brucker: "Deren Leistung ist grottenschlecht, da müssen eben Konsequenzen folgen." Na, wenn es immer nur danach ginge, Herr Brucker, würden Sie wahrscheinlich in den lustigen Dauer-Werbesendungen auf Hh2 enden. Fazit für die Mopo: Ich habe mir ernsthaft Mühe gegeben, so objektiv, wie möglich zu bleiben, aber das handlichste Boulevardblatt Hamburgs hat die mit Abstand schlechteste Berichterstattung über die St.Pauli-Krise abgeliefert.

Die Berichte der TAZ sind nur insofern wirklich richtig zu bewerten, weil es nur zwei gegeben hat: Einen durchaus ausführlichen und relativ informativen vor der Versammlung (allerdings mit einem Extra-Kommentar, der jemandem, der im Thema involviert ist, die Haare zu Berge stehen läßt. Aber ist halt ein Kommentar, und mit abweichenden Meinungen sollte man leben können.) und ein Nachbericht am 17.4., der zwar etwas zu klein geraten ist, aber immerhin mal versucht, die AR-Kontakte zu Kölmel ein wenig zu durchleuchten. Fazit: TAZ-Berichte waren in Ordnung, ihnen wurde aber viel zu wenig Platz zugestanden.

Richtig in die Vollen geht ja die "Bild am Sonntag" von heute (18.4.). Hatte uns bereits die Samstags-BILD (17.4.) einen Heinz-Weisener (HW)-kritischen aber insgesamt recht neutralen Artikel von Herrn Dierenga präsentiert (übrigens einer der besten zum Thema überhaupt!), legt die BamS (Autoren: Dierenga und Pörner) nun noch 'ne Schaufel nach und würdigt überaus kritisch das "selbstsüchtige" Gebaren unseres Präsidenten. Ein relativ einseitiger Artikel, aber endlich einmal einer, der auch mal Weisener angeht. Denn was in den letzten Jahren an kritischen HW-Berichten zu lesen war, kann man an einer Hand abzählen. Schade nur, daß das Wort "Aufsichtsrat" in dieser, ich nenn es mal Abrechnung nicht auftaucht, denn schließlich ging es vordergründig auf der MV um einen Disput zwischen AR und HW. Auch die Berichterstattung der BILD ist mehrheitlich nicht zu beanstanden. Durchaus der Versuch, verschiedene Standpunkte darzustellen. Was allerdings der komische Kurzbericht über den Vizepräsidenten Wolfgang Helbing am 16.4. sollte (Tenor: Was will Helbing eigentlich?), erschließt sich mir nicht so richtig. Hallo, BILD, der Mann wurde gewählt! Ihr fragt doch auch nicht, was Schult eigentlich will. Oder ist euch eure Feststellung, daß er den FC im Catering-Bereich beliefert, etwa schon Antwort genug? Völlig überflüssig fand ich auch, daß die BILD ihren Artikel zur MV mit dem Titel "Drohungen gegen Pauli-Boß: Weisener kam mit Bodyguards" aufmacht. Was will uns diese Zeile denn suggerieren? Daß die Kritiker mit allen Mitteln kämpfen? Ist aber wohl eher dem Umstand geschuldet, daß die BILD natürlich immer noch eine auf Sensation und Krawall gebürstete Boulevard-Tageszeitung ist, die ihre Leser per Überschrift zum Lesen animieren will. Fazit: Weiterhin ist der Sportteil der BILD das liberale Aushängeschild der ansonsten doch sehr bodenständigen Zeitung. Dies zeigt sich nicht zuletzt an der Berichterstattung über den Konflikt beim FC St. Pauli. Ohne die BILD und ihre Sonntags-Schwester hätte die Meinungsvielfalt in dieser Angelegeneit durchaus gelitten.

"Es hat eine tragische Seite, wie der Architekt und Bauunternehmer Weisener stets das Gute will und meist nur Schulden schafft." Auch die "Welt am Sonntag", ansonsten mißtrauisch gegenüber fast allem, was links von Alfred Dregger steht, zeigt sich in der Sonntagsausgabe vom 18.4. von seiner kritischen Seite. Sie betont ausdrücklich, daß im AR nicht Autonome und Alternative (was im WamS-Jargon sonst eigentlich das Gleiche ist), sondern "junge Leute mit juristischen und wirtschaftlichen Kennnissen" sitzen, "die anfangen zu rechnen". Falsch allerdings die Mitteilung, das "bockige Kontroll-Gremium" sei ausschließlich "aus den Reihen kritischer Fans" besetzt. Schließlich sind lediglich drei der sieben Mitglieder aus diesem Spektrum. Ansonsten kann dem WamS-Bericht und auch der Berichterstattung der WELT eine unabhängige Haltung nicht abgesprochen werden. Und die WELT geht sogar so weit, daß sie Heinz Weisener ohne Einschränkungen als Patriarchen bezeichnet, der sogar ehemalige Freunde "eiskalt" fallen läßt. Ich will mir nicht anmaßen, dies bewerten zu wollen. Aber erstaunlich ist es schon, wenn eine dem Präsidenten naturgemäß politisch nahestehende Publikation dessen Verhalten derart würdigt. Das nenne ich dann vorgelebte "Unabhängigkeit der Presse". Allerdings schafft es auch das intellektuelle Flaggschiff des Springer-Konzerns nicht, die Leser wirklich ausreichend über die Hintergründe des Disputs aufzuklären. Fazit: Die einzige Hamburger Tageszeitung, die ich sonst nicht lese (außer im Internet), gibt ein recht gutes Bild ab und hat bei mir Pluspunkte gesammelt.

Wie so oft, wenn es um größere Themen rund um den FC St. Pauli geht, setzt das Hamburger Abendblatt (HABL) seine geballte Manpower ein und berichtet am ausführlichsten über die Geschehnisse. Was mich jedoch diesmal maßlos gestört hat, ist der Umstand, daß die "seriöseste" Tageszeitung Hamburgs bereits am 15.4. einen Kommentar des von mir ansonsten sehr geschätzten Giuseppe di Grazia in's Blatt gehoben hat, der schon vor der MV meinte, Herrn Weisener den Rücktritt nahelegen zu müssen. Kann man machen, war aber in diesem Fall nicht der Sache dienlich, weil kaum ein Mitglied bis dahin genau wußte, worum es denn eigentlich ging. Aber wie immer glänzt das HABL mit Hintergrundberichten, exklusiven Informationen und guten Fotos. Sehr einfühlsam und ein Stück authentisch der Hintergrundbericht aus dem Stadtteil in der Samstagsausgabe (17.4.). Hätte eines der Highlights werden können, wenn nicht die Zeitung selber sich ihrer Glaubwürdigkeit auf der gleichen Seite beraubt hätte: "Robert-Koch-Stadion" (macht ihr das mit Absicht?) wird da nicht zum ersten Mal unser Stadion genannt. Ja, ziemlich blöd, wenn man Praktikanten die Bildunterschriften schreiben läßt. Fazit: Das Hamburger Abendblatt ist unverzichtbarer Bestandteil, um das Vereinsgeschehen transparent zu machen. Das Blatt war im aktuellen Konflikt seiner Aufgabe gewachsen.

Abschließend sei aber noch einmal auf die eingehend so heftig kritisierte Mopo eingegangen. Denn sie hat sich auch eine positive Vision in ihr Stammbuch schreiben lassen. Ausgerechnet der lange verschollene Torwart-Gott Volker Ippig sagt in der Mopo, was Sache ist: "Das war doch alles schon mal da. Der Verein wird daran nicht zerbrechen." Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen.

ro.

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