Let`s talk to the chiefs

Schon einige Tage tobte der Gerüchtekrieg um den FC St.Pauli. Fast stündlich geriet man mehr in's Staunen über die Berg-und Talfahrt der Woche vom 12. -15.4.. Die legendäre Pressekonferenz des Präsidenten am 14.4. um 15.00, zu der auch wir eine Stunde vorher geladen wurden, brachte dann alles ins Rollen. Schon drei Stunden später reagierte der Aufsichtsrat mit einer eigenen Pressekonferenz im Clubheim und die Fronten waren klar. Zu diesem Zeitpunkt waren unsere Fragen schon fast überaltert und wir stellten sie doch. Alle vier Parteien (AR, Präsident und beide Vizepräsidenten) erhielten in etwa die gleichen Fragen und beantworteten sie nach Gutdünken. Für Heinz Weisener dessen neuer Kommunikationschef, also hauptberuflicher Fragenbeantworter, Wolfgang Helbing kurz und bündig, eben so ausführlich wie man als erzwungener Mr. Desinformiert antworten kann und der AR nach seiner Kür zum "Totengräber" des FC kurz vor Redaktionsschluß und genauso wenig verratend wie eigentlich die gesamten letzten Wochen zuvor. Uli Schult war das Wochenende in Süddeutschland, und hatte schon angekündigt, dies nicht mehr rechtzeitig zu schaffen. Tasten wir uns also ein in die Welt des FC St.Pauli. Was außerhalb unserer Fragen sonst noch so lief, darüber gibt der ausführliche Bericht von der AOMV, der die Fronten deutlich aufzeigt, noch besser Auskunft.

Den entsprechenden Pressewirbel durften wir in darauf folgenden Tagen bestaunen. Bei einigen der Hamburger Organe lief es einem eher kalt den Rücken herunter (vgl. Presseschau). Was der "einfache" St.Pauli-Fan und die Amateurspielprominenz so zum Thema zu sagen hatte, wird in der Rubrik O-Töne erzählt und last but not least wird unser Gastkommentator Tuvok seine Meinung zum Thema los. Und wenn Ihr glaubt, dies sei alles gewesen, dann wartet mal ÜS 40 ab.

Hier nun das Frage/Antwortspiel.

1. Die Demission, Entlassung oder Entmachtung, kurz gesagt, der kurzfristige Rausschmiß von Herrn Helbing hat für einige Verwirrung bei den Mitgliedern gesorgt. Daß es dann doch zu einer gütlichen Einigung kam (laut Presse), nachdem es beim Gerichtstermin so aussah, daß man nur zähneknirschend wieder zueinandergefunden hat, überrascht schon. Hat der Aufsichtsrat Einfluß auf die Geschehnisse in irgendeiner Form gehabt, oder wurde es vom Präsidium intern geklärt?

Herr Helbing: Es wurde allein zwischen Herrn Weisener und mir geklärt.

Herr Marten: Es hat nie einen "Rausschmiß" von Herrn Helbing gegeben. Herr Helbing hat am 17. November 1998 schriftlich seinen sofortigen Rücktritt erklärt. Als Heinz Weisener von diesem Rücktrittsschreiben Kenntnis erhielt, mußte er nach rechtlicher Beratung handeln, weil die Gültigkeit aller Verträge, bei denen eine Unterschrift von Herrn Helbing rechtliche Bedeutung hatte, durch den erklärten Rücktritt von Herrn Helbing nicht mehr gegeben war. Das Präsidium des FC St. Pauli hat Herrn Helbing nicht entlassen, Herr Helbing hatte seinen Rücktritt erklärt. Zur Einigung im Interesse des Vereins kam es durch die persönlichen Entscheidungen von Heinz Weisener und Herrn Helbing. Der Aufsichtsrat hat keine Vermittlerrolle gespielt - er hat im Gegenteil intern wie auch durch Äußerungen in den Medien teilweise sehr einseitig, unsachlich und zum Schaden des Ansehens des Vereins Stellung bezogen. Auf Wunsch von Herrn Helbing sind ganz wesentliche Bestandteile des Vergleichs bis heute nicht bekannt. Nur diese Bestandteile haben es Heinz Weisener ermöglicht, den Versuch zu einer weiteren Zusammenarbeit im Interesse des Vereins zu unternehmen. Dem Aufsichtsrat ist der vollständige Inhalt des Vergleichs bekannt. Heinz Weisener darf über den Inhalt leider nicht informieren. Herr Helbing ist es jederzeit freigestellt, den vollständigen Inhalt des Vergleichs bekannt zu geben - damit würden die meisten Fragen von Mitgliedern und Öffentlichkeit endlich sofort beantwortet.

Der Aufsichtsrat: Ja. Darüber hinaus haben wir mehrfach angeboten, zwischen dem Präsidenten und seinem Vizepräsidenten Helbing zu vermitteln, schon um eine zügige Bearbeitung und Unterzeichnung der Verträge zu ermöglichen. Auf diese Angebote wurde aber nicht eingegangen. Unter einer "gütlichen Einigung" versteht der AR etwas völlig anderes als das, was sich jetzt in der Praxis der Präsidiumsarbeit zeigt. In Anbetracht der Tatsache, daß der Vizepräsident Helbing nach Kenntnis des AR bis heute nicht in die Arbeit einbezogen hat, müssen wir davon ausgehen, daß Herr Weisener diese "gütliche Einigung" innerlich nie akzeptiert hat. Umso mehr wird der AR darauf achten müssen, daß ab sofort wieder eine korrekte und pflichtgemäße Arbeit des gesamten Präsidiums stattfindet.

2. Mit der kurzzeitigen Ernennung von Herrn Reenald Koch als kommissarischen Vizepräsidenten wurde weiter an der Verunsicherung im Vereinsumfeld gewirkt. Gab es hier Absprachen zwischen dem Präsidium und dem Aufsichtsrat?

Herr Helbing: Dazu kann ich nichts sagen.

Herr Marten: Zu Frage 2 und 3: "Scheidet ein Vorstandsmitglied aus, so ist der Vorstand berechtigt, das frei gewordene Amt bis zur nächsten Mitgliederversammlung kommissarisch zu besetzen" - heißt es in § 10 unserer Satzung. Der Aufsichtsrat ist an derartigen Entscheidungen nicht beteiligt. Die Benennung von Reenald Koch hatte das Ziel, den Vorstand umgehend voll handlungsfähig zu machen. Herr Koch war allerdings nie Mitglied des Vorstandes - zum Vollzug des Vorschlags des Präsidiums ist es nicht gekommen.

Der Aufsichtsrat: Der AR wurde am Abend des 17. 03. 1999 vom Präsidenten darüber informiert, daß Herr Helbing bereits im November 1998 schriftlich seinen Rücktritt erklärt habe, daß das Schriftstück aber erst kürzlich aufgefunden worden sei. Das Schriftstück wurde dem AR zur Kenntnis gegeben. Das Restpräsidium (Weisener und Schult) hätte deshalb am heutigen Tage die Löschung des Herrn Helbing aus dem Vereinsregister beantragt. Hauptgrund für dieses ohne vorherige Rücksprache mit Helbing erfolgte Vorgehen war laut Weisener eine beleidigende Äußerung ("alter, kranker, seniler Mann"), die Helbing vor einem Zeugen, der dies auch an Eides statt erklären würde, über ihn gemacht habe. Diese eidesstattliche Erklärung hat der AR bis heute nicht gesehen. Auf Nachfrage teilte uns Herr Weisener außerdem mit, daß er am folgenden Tag Herrn Reenald Koch als kommissarischen Vizepräsidenten einsetzen wolle. Nach Rücksprache mit Wolfgang Helbing, der den Sachverhalt völlig anders als Herr Weisener darstellte und insbesondere die Beleidigung bestritt sowie rechtliche Schritte gegen seine Löschung aus dem Vereinsregister ankündigte, teilte der AR dem Restpräsidium mit, daß die Einsetzung Kochs als kommissarischer Vizepräsident bis zur Klärung des Rechtsstreits nicht möglich sei.

3. War die Einsetzung rechtens und welche rechtlichen Konsequenzen hätte dies gehabt?

Herr Helbing: Das kann ich nicht beurteilen.

Herr Marten: siehe Antwort unter 2.

Der Aufsichtsrat: Die Einsetzung wäre nur rechtens gewesen, wenn tatsächlich ein Rücktritt Helbings vorgelegen hätte. Dies war offensichtlich nach Einschätzung des Gerichts nicht zweifelsfrei der Fall.

4. Das Mißtrauen gegenüber Heinz Weisener ist nicht nur bei der AGiM und deren Umfeld weiter forciert worden, auch alteingesessene Mitglieder werden wohl ihre Zustimmung zu einer vom Präsidium ins Gespräch gebrachten Delegiertenversammlung nicht geben. Diese soll aus Aufsichtsrat und einigen weiteren Personen bestehen, um die Arbeit mit der KPMG und evtl. Entscheidungsfindungen bei z.B. Spaltungsverträgen (Einsehen von Spielergehältern etc.), Fristeinhaltung und Offenlegung von Zahlenmaterial, mitzugestalten. Die Mitglieder hätten somit ihr Stimmrecht abgegeben, meinen Kritiker dieser Vorgehensweise. Wie ist es zu dieser Idee gekommen?

Herr Helbing: Ich habe lediglich am 5.3. an einer Sitzung teilgenommen, wo dieses Thema zum ersten Mal von der KPMG angesprochen wurde. Danach begann ja meine "Auszeit".

Herr Marten: Der Aufsichtsrat hat mit seiner ständigen Verschleppung der Gespräche über die wirtschaftliche Absicherung des FC St. Pauli verhindert, daß über die geplante Ausgliederung der Lizenzspielerabteilung informiert und diskutiert werden konnte. Dies war bei der Verschickung der Einladung zur Mitgliederversammlung noch nicht absehbar. Es ging niemals um eine Entmachtung der Mitglieder, sondern nur um eine möglichst effektive Form der Beteiligung, da eine Verabschiedung der Details auf einer Mitgliederversammlung nicht ganz einfach zu bewerkstelligen ist. Wie Ihr wißt, hat das Präsidium inzwischen ein ganz anderes Verfahren vorgeschlagen: Die Mitgliederversammlung soll den Auftrag an das Präsidium geben, ein vernünftiges Konzept für die Ausgliederung zu erarbeiten und dabei die Mitgliederinnen und Mitglieder jederzeit informieren und aktiv beteiligen. Wenn ein solches Konzept erarbeitet ist, dann wird eine Mitgliederversammlung des FC St. Pauli das letzte Wort haben. Dabei muß das Konzept spätestens vier Wochen vor der Mitgliederversammlung vollständig vorliegen.

Der Aufsichtsrat: Der AR war aus unterschiedlichen Gründen von Anfang an gegen die Einsetzung einer Delegiertenversammlung und eine entsprechende Satzungsänderung und hat dies dem Präsidenten sowie den Vertretern der Weisener beratenden Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG auch nachdrücklich deutlich gemacht. Deshalb war der AR auch sehr überrascht, als mit der Einladung zur Mitgliederversammlung auch Vorschläge für eine entsprechende Satzungsänderung verschickt wurden. Wir wissen nicht, was Heinz Weisener empfiehlt. Wir empfehlen: Mehr Information für die Mitglieder, dann können sie auch selbst entscheiden.

5. Der Aufsichtsrat arbeitet nun seit ca. drei Monaten zusammen. Man hörte, daß aufgrund der vielschichtigen Probleme im Verein Aufsichtsratstagungen mehrmals die Woche stattfanden. Sind dann regelmäßig Absprachen zwischen Aufsichtsrat und Präsidium erfolgt?

Herr Helbing: Soweit ich das beurteilen kann, ja.

Herr Marten: Die Zusammenarbeit zwischen Präsidium und Aufsichtsrat hat sich außerordentlich schwierig gestaltet. Selbst der Versuch, durch zwei moderierte Krisengespräche die Konflikte auf den Punkt zu bringen und aus dem Weg zu räumen, sind gescheitert. Der Aufsichtsrat ist bei seinem ständigem Mißtrauen geblieben, hat vielfach überhaupt keine klare Position bezogen und Entscheidungen immer wieder verschleppt, da er offenkundig selbst große Schwierigkeiten mit seiner internen Meinungsbildung hatte. Besonders belastend und auch überaus schädlich für den Verein war es, daß einige Aufsichtsratsmitglieder immer wieder über die Presse Attacken gegen den Präsidenten lancierten. Heinz Weisener hat sich umgekehrt strikt daran gehalten, Konflikte mit dem Aufsichtsrat nicht über die Öffentlichkeit auszutragen. Erst einen Tag vor der Mitgliederversammlung am 15. April, als der Aufsichtsrat erstmals deutlich machte, daß er kein Interesse daran hatte, dem FC St. Pauli die Chance auf eine Lizenzerteilung am 16. April zu erhalten, mußte Heinz Weisener an die Öffentlichkeit gehen, um in letzter Sekunde auf das drohende Drama hinzuweisen, daß er bis zu letzten Sekunde verhindern wollte.

Der Aufsichtsrat: Der AR hat seit dem 02. Februar 1999 teilweise fünf Mal die Woche getagt, meistens bis nach Mitternacht. Dazu kamen intensive Recherchen und inhaltliche Abstimmungen auch tagsüber. Alle AR-Beschlüsse sind bisher ohne Gegenstimme gefällt worden. Lediglich waren bei einigen wenigen Entscheidungen nicht alle Mitglieder anwesend. Was die Kontroll- und Beratungstätigkeit für den FC St. Pauli betrifft, gab es bisher innerhalb des AR keine Differenzen. Allerdings tat sich ein breiter Graben zwischen Rauchern und Nichtrauchern auf. Die nichtrauchenden Aufsichtsräte Thomas Gottfried und Uwe Doll klagen seit Februar über permanenten Husten und Halsschmerzen.

6. Da bis heute wenig konkrete Informationspolitik über die Neuorganisation von Tochterfirmen des Vereins und der Ausgliederung der Lizenzspieler GmbH, stattgefunden hat, wird dem Aufsichtsrat von einigen wenigen vereinsinterne Verschleppung des Erneuerungsprozesses vorgeworfen. Wie stehen Sie zu diesem Vorwurf an den Aufsichtsrat?

Herr Helbing: Da die letzten Wochen ganz im Zeichen der abzuschließenden Verträge standen, glaube ich nicht, daß dieser Vorwurf zu Recht erhoben wird.

Herr Marten zu 6 und 9: Da der Aufsichtsrat sich bis zuletzt weigerte, dem FC St. Pauli die Chance auf eine Entschuldung zu schaffen, fehlte auch jede Grundlage, um in die Diskussion über verschiedene Modelle der künftigen Neuorganisation des FC St. Pauli im Zusammenhang mit dem Stadionbau zu diskutieren. Hierzu gibt es keine fertigen Konzepte, sondern nur erste Modellvarainten, die dem Aufsichtsrat auch bekannt sind. Der Aufsichtsrat ist weder seiner Pflicht nachgekommen, dem Verein wirtschaftliche Grundlagen zu sichern, noch hat er seine Zusage eingelöst, aktiv für die Modernisierung des FC St. Pauli sowie für das Stadionprojekt einzutreten

Der Aufsichtsrat: Lediglich in zwei Sitzungen des AR gemeinsam mit Vertretern des Präsidiums und der KPMG sowie der Marketing GmbH Anfang Februar war die Neustrukturierung ein Thema. Die seinerzeit vom AR dringend eingeforderten konkreten Entwürfe für die neue Gesamtstruktur sowie die damit zusammenhängenden Pläne und Verträge (zum Beispiel Spaltungspläne und Gesellschafterverträge für GmbH und KGaA) wurden dem AR bis heute nicht vorgelegt. Die Verwunderung darüber - schließlich hatten wir zunächst erwartet, daß dieses Thema bis zum Juni an erster Stelle stehen würde - legte sich erst, als uns auf mehrfache Nachfrage hin schließlich mitgeteilt wurde, daß von Heinz Weisener und seinen Beratern das Stadionprojekt erst dann mit dem AR weiter verhandelt würde, wenn zuvor ein neuer Nutzungs- und Lizenzvertrag (NLV) zwischen der Marketing GmbH und dem Verein abgeschlossen sei und der AR in diesen samt den anhängenden Kreditverträgen eingewilligt habe. Die Verzögerung ist also ausschließlich auf diese vom Präsidenten hergestellte Verknüpfung zurückzuführen und entsprechend von ihm zu vertreten.

7. Gab es bei der Gestaltung des Vertrages über die Werbe- und Vermarktungsrechte zwischen dem Aufsichtsrat und der KPMG/Heinz Weisener oder innerhalb des Präsidiums Unstimmigkeiten?. Wenn ja, worin bestanden diese?

Herr Helbing: Da ich an diesen Verhandlungen nicht teilgenommen habe, kann ich keinen eigenen Eindruck wiedergeben.

Herr Marten: Es gab Unstimmigkeiten, doch weder Heinz Weisener, noch die KPMG, noch die Marketing GmbH, noch Florian Marten, der sich im Ergebnis erfolglos als Moderator bemühte, haben bis heute nachvollziehen können, wo das sachliche Problem des Aufsichtsrates lag. Die erst nach dem Verlauf von mehreren Gesprächswochen aufgestellte These, der FC St. Pauli werde durch das neue Vertragspaket um mehr als sechs Millionen Mark schlechter gestellt, ist in der Sache mehrfach bis ins kleinste Detail widerlegt worden. Im Gegenteil: Durch das nachträglich von Heinz Weisener eingebaute zusätzliche einseitige Kündigungsrecht der Verträge ist Heinz Weisener deutlich schlechter gestellt als vorher. Was der Aufsichtsrat bis zuletzt nicht begreifen wollte, ist die Tatsache, daß das Vertragspaket Heinz Weisener zusätzliche Geschenke, Investitionen auf eigenes Risiko sowie weitere Darlehensmillionen abverlangt, ein Gesamtpaket von fast 10 Millionen Mark, dessen Risiko allein Heinz Weisener trägt - nur im Erfolgsfall bekommt er Geld zurück, der FC St. Pauli profitiert in jedem Fall.

Der Aufsichtsrat: Die von Heinz Weisener und seinen Beratern zunächst vorgelegten Entwürfe eines neuen NLV waren für den AR aus mehreren Gründen nicht akzeptabel. Insbesondere hätte sich für die Zeit nach dem 30. 06. 2001 (Ablaufdatum des zur Zeit gültigen Vertrages von 1995) nach der festen Überzeugung des AR eine wesentliche Schlechterstellung des Vereins ergeben. Dabei ging es um weit mehr als 6 Mio. DM bei Zugrundelegung der durchschnittlichen Zweitligaerlöse. Dieser Dissens zwischen dem AR und Herrn Weisener, der den Verein nicht schlechter gestellt sieht, konnte nur dadurch aufgelöst werden, daß Herr Weisener bzw. die Marketing GmbH bereit waren, dem FC St. Pauli ein außerordentliches Kündigungsrecht einzuräumen. Die endgültige Fassung des entsprechenden Paragraphen erhielt der AR erst am Abend der Mitgliederversammlung um 19.05 Uhr. Das gleiche gilt für ein bis dahin noch fehlendes weiteres Vertragswerk.

8. Hat die Zusicherung von Herrn Weisener (JHV , 31.10.98), dem Verein die Lizenz für die kommende Spielzeit zu sichern, noch Gültigkeit?

Herr Helbing: Diese Frage kann nur Heinz Weisener beantworten, und hat das ja auf der letzten MV auch getan.

Herr Marten: Die Zusage stand bis zum 15. April. Der Aufsichtsrat und ein Präsidiumsmitglied haben verhindert, daß der FC St. Pauli die Lizenz für die Saison 1999/2000 erhält. Dieses Verhalten ist derart unbegreiflich, daß Heinz Weisener bis zum 14. April, als der Aufsichtsrat sein endgültiges Nein mitteilte, nicht glauben wollte, daß dieser Fall eintreten könnte. Dieses Verhalten der Mehrheit des Aufsichtsrates und eines Präsidiumsmitglied ist nicht nur absolut unbegreiflich und eine persönliche Beleidigung von Heinz Weisener, es hat dem FC St. Pauli auch schweren Schaden zugefügt. Absolut unverständlich ist es auch, daß es der Aufsichtsrat, dem sechs Tage vor der Mitgliederversammlung das letzte Zugeständnis von Heinz Weisener in Form eines zusätzlichen außerordentlichen Kündigungsrechtes zugegangen war, und der seither behauptet, nun könne man dem Vertragspaket im Grundsatz zustimmen, für sinnvoll hielt, den Lizenzverlust hinzunehmen, um all das nochmals zu prüfen. Mit seiner Darstellung, Heinz Weisener habe den Aufsichtsrat ständig mit immer neuen Vertragsmodellen konfrontiert, und dieser habe gar keine Zeit gehabt, sie gründlich zu prüfen, stellt der Aufsichtsrat die Fakten auf den Kopf: Der Aufsichtsrat hat ständig Veränderungen innerhalb des Vertragspaketes verlangt, bei denen es sich fast immer lediglich um Teile einzelner Paragraphen handelte. Nicht Heinz Weisener hat den Aufsichtsrat mit immer neuen Zumutungen konfrontiert, der Aufsichtsrat hat ständig neue Vertragsentwürfe verlangt und sich dann mit seinen Antworten lange Zeit gelassen. Am schlimmsten war dieses Verhalten in der Zeit zwischen dem 9. und 15. April. Hier muß man den Eindruck gewinnen, daß die Mehrheit des Aufsichtsrates ganz bewußt den Lizenzentzug provozieren wollte. Obwohl es innerhalb dieser sechs Tage nur um die "Präzisierung" eines einzigen Halbsatzes ging, hat der Aufsichtsrat jedem neuen Formulierungsvorschlag ein neues Nein entgegengesetzt. Am 15. April schließlich hat ein couragiertes Aufsichtsratsmitglied, das bis zuletzt den Lizenzentzug vermeiden wollte, in Zusammenarbeit mit der KPMG Formulierungsfeinabstimmungen vorgenommen, die ein Ja von Präsidium und Aufsichtsrat noch vor der Mitgliederversammlung ermöglicht hätten. Dieser konstruktive Versuch von Teilen des Aufsichtsrates und von Heinz Weisener ist der Öffentlichkeit nachher als "Ultimatum" und "Druck auf den Aufsichtsrat" verkauft worden. Mit dieser bösartigen Verdrehung der Tatsachen, die einen entscheidenden Teil zur Verwirrung von Öffentlichkeit und Mitgliederinnen sowie Mitgliedern beigetragen hat, gelang es dem Aufsichtsrat, bei nicht wenigen den Eindruck zu erwecken, die Schuld am Desaster des FC St. Pauli trage der Präsident.

Der Aufsichtsrat antwortete auf die Frage: Hat der FC St. Pauli nach Ansicht des Aufsichtsrates noch eine Chance, die Lizenz vom DFB zu erhalten?
Ja. Der AR geht davon aus, daß der FC St. Pauli nach Vorlage neuer Unterlagen (Patronatserklärung, evtl. abgespeckter Finanzplan) die Lizenz in zweiter Instanz vom DFB erhalten wird. Der AR jedenfalls wird alles in seiner Macht stehende dafür tun. Allerdings kann der AR nicht ausschließen, daß der DFB aus den Verstößen gegen die Lizenzauflagen aus der letzten und der laufenden Saison Konsequenzen ziehen wird (schärfere Auflagen, Punktabzüge oder gar Lizenzentzug).

9. Es sollte vor der außerordentlichen Mitgliederversammlung am 15.4. 99 noch eine Infoveranstaltung zu der Ausgliederung der Lizenzspieler GmbH, den Gesellschaftsverträgen, des Stadionneubaus, aber auch zur Beantwortung und Offenlegung des Zahlenmaterials aus der Vergangenheit, geben. Diese war für den 7.4.99 vorgesehen, fand jedoch nicht statt. Hat es zu dieser Zeit noch kein schlüssiges Modell gegeben oder warum konnten die vielen Fragen der Mitglieder zu diesem Zeitpunkt noch nicht beantwortet werden?

Herr Helbing: Mir ist nicht bekannt, warum diese Sitzung abgesagt wurde.

Herr Marten: siehe 6.

Der Aufsichtsrat: Der AR hat immer wieder eine umfassende Information der Mitglieder gefordert, in einem Fall sogar selbst zu einer entsprechenden Veranstaltung mit dem Präsidium und den Amateurvertretern eingeladen. Diese Veranstaltung mußte auf Verlangen von Herrn Weisener wieder abgesagt werden. Über die unseres Wissens nach von der Marketing GmbH geplante Veranstaltung am 07. 04. 1999 war der AR weder informiert noch kennt er die Gründe für deren Absage. Ein schlüssiges Modell für die Struktur der Gesellschaften rund um das neue Stadion liegt dem AR bis heute nicht vor.

10. Wir hörten immer wieder von einem Stadionneubau. Seit drei Monaten wird plötzlich so ein Druck gemacht, unausgereifte Gesellschaftsmodelle werden vorgelegt, niemand hat mehr den Durchblick. Warum muß jetzt alles so schnell gehen?

Herr Helbing: Ich habe keine aktuellen Informationen zum Thema Stadionbau. Außerdem gab es bisher keine Präsidiumssitzung mit meiner Beteiligung, auf der konkrete Pläne diskutiert oder vorgestellt wurden.

Herr Marten: Damit mit dem Stadionbeau im Sommer 1999 begonnen werden kann, muß der Verein eine wirtschaftliche Grundlage haben. Dies wäre mit einer Zustimmung zu dem Vertragspaket von Heinz Weisener seit Anfang März möglich gewesen. Damit mit dem Bau begonnen werden kann, muß die Stadt dem Verein aber auch ein Grundstück übereignen. Zusätzlich müssen die Investoren ihre Unterschrift leisten. Diese Fakten verlangen Klarheit auf Seiten des Vereins: Spätestens Mitte April müssen die wirtschaftlichen Grundlagen gelegt sein. Zusätzlich bestehen Stadt und Investoren auf einem Bekenntnis der Mitglieder zur Professionalisierung des Vereins und zum Stadionausbau. Deshalb muß alles schnell gehen. Warum hier bislang nicht besser informiert und diskutiert werden kann, ist in den Antworten zu den Fragen 4, 6, 9 und 8 bereits ausführlich dargestellt.

Der Aufsichtsrat: Laut dem Kommunikationsbeauftragten des Herrn Weisener, Florian Marten, gibt es einen mit der Stadt vereinbarten Terminplan bis zum geplanten Baubeginn im Juni. Der AR hat Herrn Weisener bereits frühzeitig auf vielfältige Probleme dieses Terminplans hingewiesen (u.a. mangelnde Mitgliederinformation, Satzungsprobleme beim Hamburger Fußballverband, kein Modell für die im Verein verbleibenden Amateurabteilungen).


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