BLOSS NICHT AM TURM HÄNGEN
EIN NACHMITTAG AUF DER TRABRENNBAHN

Sicher, Pferderennen sind umstritten. Sie waren es schon immer und sie werden es auch in Zukunft sein. Tierschützer haben recht, wenn sie behaupten, daß Pferde zu Dingen veranlaßt werden, die sie in der freien Natur in dieser ausgeprägten Form nicht machen würden. Der Trab ist der Übergang vom Schritt zum Galopp. Normalerweise erfolgt dieser Übergang auf der Koppel bei 20 - 30 Stundenkilometern. In einem Rennen erreichen die Pferde im Spurt aber eine Trab-Höchstgeschwindigkeit von knapp 60 km/h. Ob die grazilen Vierbeiner hierzu allerdings gezwungen werden, ist durchaus eine Debatte wert.

Und ich möchte hier nicht von Trainingsmethoden sprechen, die auch in meinen Augen verabscheuungswürdig sind. Menschen, Trainer wie Fahrer, die ihre abhängigen Kreaturen mißhandeln, gehören bestraft, angeprangert und vom Betrieb ausgeschlossen. Ich muß allerdings auch gestehen, daß mir der Tierschutzaspekt in diesem Zusammenhang zwar sehr wichtig ist, mich kritische Stimmen aber bislang nicht wirklich davon haben überzeugen können, daß die Pferde im Normalfall in Training und Wettkampf tatsächlich gequält werden. Über ein Verbot von bislang erlaubten Züchtigungsmitteln, die durch Einwirkung auf den Kopfbereich des Pferdes erfolgen, sollte aber ernsthaft debattiert werden. Die Schweiz immerhin hat mit Verboten bewiesen, daß gute Leistungen der Gäule auch ohne entsprechendes Zaumzeug möglich sind. Wahrscheinlich aber ist es so, daß die Tiere genauso "gepeinigt" werden wie menschliche Hochleistungssportler, die ihre Leistung erzielen wollen. Vereinsmeister, Deutscher Meister, Olympiasieger, dies sind doch die Ziele, die die am Erfolg orientierten Sportler im Auge haben. Und sie quälen sich, gehen bis an die Grenzen ihrer Möglichkeiten und machen Dinge, die sie normalerweise nicht tun würden. Und es macht ihnen letztendlich Spaß, genauso wie es -und das unterstelle ich an dieser Stelle einfach mal- den Pferden Spaß macht, ihre Grenzen auszutesten. Der einzige Unterschied -und wohl der entscheidende-: Der Mensch kann zumeist selbst entscheiden, was er wie, wann und wo macht, das Tier kann dies nicht. Und trotz dieses Wissens gehe ich dennoch mehr oder minder regelmäßig auf die Trabrennbahn in Bahrenfeld und erfreue mich nicht nur an der Schönheit der Klepper, sondern genieße die dortige Atmosphäre und den Reiz des Zockens. Mir ist ziemlich klar, daß uns zu diesem Thema sicher einige empörte Leserbriefe von Tierschützern erreichen könnten, aber ich lasse mich auf diese Diskussionen gerne ein. Übrigens habe ich mich früher als Kind immer sehr darauf gefreut, wenn meine Großmutter mit mir einmal in der Woche zum Pferdeschlachter am Fischmarkt ging und ich eine leckere Pferdewurst bekam. Heute sind mir die Erinnerungen hieran ziemlich zuwider. Aber das ist eine andere Geschichte.

PUBLIKUM UND ZENTRALORGAN

Würde ich gerne schöne Hüte tragen, aufgetakelte und/oder lebensfrustrierte Blankeneserinnen (ersatzweise: Poppenbüttel, Volksdorf usw.) bewundern und geltungssüchtige Broker beobachten wollen, hätte meine Vorliebe -was den Pferdesport anbelangt- sicher beim Galoppsport seine Erfüllung gefunden. Wollte ich aber nicht. Als ich zum ersten Mal meinen faulen Arsch auf die Trabrennbahn in Bahrenfeld bewegte, gab es ganz andere Gründe: Ex-GALier Thomas Ebermann (den ich damals ziemlich klasse fand) sollte dort nicht nur Mitbesitzer eines Pferdes sein, sondern tatsächlich immer vor Ort anzutreffen sein, die Besucher und Wetter sollten Menschen wie Du und ich sein, und das ganze Geschehen sollte, auf dem mir bis dahin gänzlich unbekannten Oval, völlig unspektakulär, aber dennoch nervenaufreibend ablaufen. Da mußte ich also hin. Ja, und es war wirklich so! Sofort fühlte ich mich dem Wett-Mob automatisch zugehörig. Ein menschliches Konglomerat, wie es nicht einmal am Millerntor zu finden ist: Ebermann (echt!) neben der fünfköpfigen Familie; Wett-Deppen wie ich neben alten Zockern, die Tausender auf Außenseiter wetteten, Punker, die völlig willenlos auf die geilsten Namen setzten (Und es gibt wirklich klasse Pferdenamen. Beispielsweise diese: "Cool Runnings", "HippyHippy Shake" oder auch "Fesche Deern") und verzweifelte und bemitleidenswerte Loser, die mit ihren letzten Märkern eine unglaubliche Dreierwette wagten. Das war meine Welt! Ich liebte sie sofort; und ich liebe sie noch heute.

Als ich das erste Mal in das heilige Areal schritt - und ich fuhr damals bewußt allein dorthin (111er bis Trabrennbahn)- betrat ich nicht nur eine andere Welt, sondern war aufgeregt wie ein 15jähriger, der sein erstes Rendezvous hat. Am Eingang den "Starter" (4 Mark), die Bibel jedes Wetters, erstanden und stolz in Richtung Rennbahn geschritten. Und nun? Mal locker in das Fachblatt schauen und -immer wichtig- cool bleiben (zumindest wirken). Wettscheine besorgen (liegen überall aus), Bier ordern und wissend in den "Starter" blicken. Aber im Ernst: Der "Starter" ist nicht nur für Fachleute ein wichtiges Organ, sondern gerade auch für Wett-Anfänger eine recht wichtige Orientierung. Hier findet ihr alle wichtigen Informationen über die Pferde und die Jockeys, Gewinnsummen, Siege und Plazierungen, Kilometerrekorde usw. (siehe auch Grafik!). Für alle echten Wett-Anfänger gibt die im "Starter" am Ende abgedruckte Tabelle, in der die sogenannten Experten (Hamburger Tageszeitungen und tatsächliche Fachleute) ihre Tips abgeben, eine wirkliche Orientierung. Wenn ihr, festgemacht an diesen Tips, nur klug genug wettet, könnt ihr -mit ein wenig Glück- schon mit ein bißchen mehr Geld den Stadtteil Bahrenfeld wieder verlassen. Aber ihr könnt dort auch einfach nur Leute beobachten, euch entspannt die Rennen angucken, die Sonne genießen -sofern sie denn mal scheint- und einen netten Nachmittag bzw. Abend (Renntage sind normalerweise die Sonntage ab ca. 13 Uhr und die Donnerstag-Abende) verbringen. Doch für mich beginnt der wahre Reiz eines solchen Renntages erst mit meinen ersten Wetteinsätzen.

ICH WETTE, ALSO BIN ICH

Der Einsatz muß wirklich nicht groß sein: schon ab 2,50 Mark pro Rennen kann gewettet werden; nach oben gibt es allerdings keine Grenzen. Wer jedoch für solche Dinge besonders anfällig ist und seine (finanziellen) Grenzen nicht richtig einschätzen kann, sollte gänzlich auf die Wetterei verzichten! Um mal eben seine Miesen auf dem Konto zu kompensieren, ist dies absolut der falsche Weg. Allzuhäufig haben Wetter zunächst Erfolg gehabt und sind schließlich, weil sie Fortuna zu sehr herausgefordert hatten, als arme Kirchenmäuse wieder nach Hause gefahren. Wer aber pro Rennen immer nur 5 - 10 Mark wettet, kann, bei rund 15 Starts pro Renntag, höchstens DM 150 verlieren. Das ist zwar noch immer eine Menge Schotter, führt aber nicht zwangsläufig in den Ruin. Also: Vorsicht!

Die "einfachste" Wette ist die Siegwette: Mit seinem Einsatz versucht man hierbei den Sieger eines einzelnen Rennens richtig zu tippen. Je größer die Einsatzsumme, desto größer natürlich auch der Gewinn (diese Prämisse gilt selbstverständlich für alle Wettarten). Klar sollte sein, daß für den Sieg eines Favoriten selbstredend weniger Gewinnsummen ausgeschüttet werden, als wenn man auf einen Außenseiter setzen würde. Aber wie entstehen eigentlich die Gewinnquoten? In jedem Rennen wird die Quote daran gemessen, wieviele Menschen vor dem Start auf bestimmte Pferde wetten. Wird beispielsweise ein vermeintlicher Außenseiter von sehr vielen Leuten als Sieger getippt, so ist dieses Reiter/Pferd-Gespann quotenmäßig nicht mehr so attraktiv wie vor dem Wettbeginn vermutet und plötzlich auch kein Außenseiter mehr. Setzen aber alle Leute auf den Ober-Favoriten, so kann es sogar sein, daß man für einen Einsatz von 10 Mark, bei einem Sieg dieses Pferdes, lediglich 11 Mark wieder herausbekommt. Es gab sogar Rennen, bei denen lediglich der Einsatz wieder ausgeschüttet wurde. Die aktuellen Quoten könnt ihr übrigens am sogenannten 'Fieldboard' ablesen, das sich im Innenraum der Bahn befindet.

Was lernen wir daraus? Nur noch auf Außenseiter wetten? Ganz falsch! Natürlich solltet ihr auf die vermeintlichen Loser-Pferde setzen, wenn ihr davon überzeugt seid, daß der Gaul dennoch eine wirkliche Chance haben kann. Um dies allerdings einigermaßen richtig beurteilen zu können, solltet ihr ein bißchen Mäuschen auf der verglasten Tribüne oder im Foyer vor den Wettschaltern spielen, denn da wird über die Tagesformen der Pferde und die psychische und physische Verfassung der einzelnen Jockeys ausgiebig lamentiert und diskutiert. Ist zwar eher unwahrscheinlich, daß man da gleich an Insider-Infos gelangt, aber nicht ausgeschlossen. Was also bleibt? Andere Wettarten ausprobieren! Es besteht die Möglichkeit, Zweier- oder Dreierwetten zu tätigen. Dies heißt: Auf einem Wettschein (siehe Grafik) wird bspw. versucht, die ersten beiden oder drei Ersten eines Rennens in der richtigen Reihenfolge des Einlaufs zu tippen. Die Gewinnquote erhöht sich hiermit natürlich automatisch; schließlich ist es ungleich schwerer, mehrere Pferde gleichzeitig als Sieger-Pärchen zu wetten. Ich persönlich hatte einmal das Vergnügen, eine Dreierwette (also die ersten drei Pferde in der richtigen Reihenfolge) korrekt getippt zu haben. Dafür gab es dann für einen Einsatz von 10 Mark ungefähr 650 Mark als Gewinn-Auszahlung. Ich präferiere allerdings die Zweierwette, mit der ich bislang noch ganz gut gefahren bin und die mir zwar bislang keine Reichtümer verschafft hat, aber immerhin an ungefähr jedem zweiten Renntag meinen Einsatz wieder herausgeholt hat. Erwähnen möchte ich noch, daß es auch weitaus kompliziertere Wetten (sogenannte Kombinationswetten) gibt, bei denen sich die Gewinnchancen noch wesentlich erhöhen können. Es würde aber sicherlich zu weit führen, all diese im Einzelnen vorzustellen. Schließlich soll dies kein reiner Zocker-Artikel sein. Wer denn nun wirklich ein wenig mehr über die Materie erfahren möchte, der/die sei an die am Schluß abgedruckte Adresse/Telefonnummer verwiesen oder sollte sich an eines der Hamburger Wettbüros wenden, die bereitwillig Auskunft geben. Ihr findet eins davon an der Reeperbahn 116 und eins in der Schanzenstraße 95 (in der Nähe der S-Bahn).

HARTES GESCHÄFT

Wer die Regionalpresse in den letzten Monaten aufmerksam verfolgt hat, dem wird nicht entgangen sein, daß es im Zusammenhang mit der Bahrenfelder Trabrennbahn einige Turbulenzen gegeben hat. Nicht nur, daß die Tribüne dort mit Asbest-Elementen gebaut wurde und der Fortbestand der Rennbahn allein deswegen schon gefährdet ist. Es ging auch um Korruption und Bestechung, an denen auch städtische Behörden beteiligt gewesen sein sollen (geht aber nicht um Wett-Manipulation!). Und es gibt Machtkämpfe! "Hol' schon mal den Wagen"-Wepper will Chef des Ganzen werden, und es blieb bei den folgenden Auseinandersetzungen nicht nur bei Verbal-Attacken, die sehr oft unter die Gürtellinie gingen. Es kam sogar zu körperbetonten Begegnungen, die aber irgendwie auch den proletarischen Geist in dieser eigenen Welt dokumentieren, in der es nicht nur symbolisch immer auch ein Stück nach Pferdemist riecht.

Schlimmer ist allerdings der allgemeine Vorwurf, der im Raum hängt, daß Sieger und Verlierer in Bahrenfeld nicht regulär in's Ziel gelangt sein sollen. Trabrennfahrer-Champion Henning Rathjen (fast 5000 Siege) wurde zuletzt für zwei Monate gesperrt und mußte 5000 Mark Strafe zahlen, weil sein Pferd Joker Mauritz (10:300-Außenseiter) Ostern ´98 zwar als Sieger durch´s Ziel ging, ihm und seinem Pferd aber illegales Doping (in Deutschland sind nicht einmal Schmerzmitel erlaubt) nachgewiesen werden konnte: Im Körper des Pferdes wurden Spuren des Schmerzmittels Phenylbutazon nachgewiesen. Für Rathjen, der übrigens auch im Vorstand der Bahrenfelder Rennbahn sitzt, ist dies bereits das vierte Mal, daß er mit Dopingvorwürfen konfrontiert wird. Rathjen betont allerdings weiterhin, daß er seinem Traber absolut kein illegales Mittel gegeben haben will. Rathjen hat Berufung eingelegt und will gegebenenfalls auch vor ein ordentliches Gericht ziehen.

Bundesweit finden jährlich rund 10.000 Trabrennen statt. Der Wettumsatz beläuft sich auf rund 400 Millionen Mark. Die Sieger- und Züchterprämien betragen ca. 70 Millionen Mark. In Hamburg wurden ca. 42 Millionen Mark umgesetzt. Dies bedeutet zwar ein Minus zum Vorjahr von 2%, ist aber, im bundesweiten Vergleich (5% minus), eine noch ganz ansehnliche Bilanz. Dennoch ist das Ergebnis ziemlich erschreckend: Mehr als 20.000 Besucher weniger mußte Bahrenfeld für 1998 verbuchen. Nach 109 Renntagen und 1396 gelaufenen Rennen fehlen für das abgelaufene Jahr unterm Strich 200.000 Mark in der Kasse.

"Noch eine Minute bis zum Start des elften Rennens", poltert es scheppernd aus den Lautsprechern. Die richtigen Zocker geben erst jetzt, kurz vor Rennbeginn, ihre Tips am Totalisator ab, und sie munkeln bereits über ihre Chancen: "Ich hing schon zweimal am Turm", läßt mich mein Nebenmann wissen und meint damit, daß das jeweils von ihm getippte Pferd bereits zweimal wegen Galoppierens disqualifiziert wurde.

Gut, daß ein mir bekannter Pferdebesitzer mir mal die Möglichkeit gegeben hat, in die Stallungen hineinzuschauen: Denn jetzt weiß ich zumindest, was die Pferde so machen und wie sie untergebracht sind, wenn sie nicht mehr oder noch nicht auf der Bahn gebraucht werden. Komisch fand ich nur, daß dort ein eigener Wettschalter existiert. Irgendwie hatte dies für mich was Konspiratives. Ist aber wahrscheinlich völliger Quatsch. In diesem Zusammenhang fällt mir noch Günter Netzer ein, der kürzlich auf die Frage von Heribert Faßbender, ob so etwas wie der Bundesligaskandal heute noch möglich wäre, sinngemäß etwa meinte, daß dies in der heutigen Zeit völlig undenkbar sei. Na ja, dein Wort in Gottes Ohren, ehemaliger Regie-Gott. Ein wenig blauäugig fand ich diese Antwort aber schon. Mist, jetzt habe ich in unserer 'Out Of Soccer'-Edition doch noch was zum Tretsport geschrieben. Aber wenn ich sowieso schon dabei bin: Ziemlich viele Fußballer und Fußballtrainer frönen ihrer Leidenschaft als Sulky-Fahrer. Hannes Bongarts, Horst Hrubesch, Helmut Schulte und Manfred Kaltz seien an dieser Stelle stellvertretend genannt.

Das von meinem Nebenmann gewettete Pferd wurde übrigens nicht disqualifiziert. Allerdings hatte er trotzdem Pech, denn "sein" Pferd lief Kopf an Kopf mit einer Konkurrentin in's Ziel. Und erst ein Zielfoto konnte -dann aber eindeutig- feststellen, daß er um Nüstern-Länge verloren hatte. Mein Favorit ging das Rennen eigentlich ganz rasant an, traute sich aber offensichtlich ein wenig zu viel zu und endete schließlich abgeschlagen auf dem siebten Rang. Daß das von mir auf Platz 2 getippte Pferd tatsächlich auch Zweiter wurde, war da für mich kein Trost, schließlich hatte ich einen Zehner für eine Zweierwette ausgegeben. Okay, 10 Mark verloren, aber das nächste Rennen steht ja bereits bevor. War aber insgesamt nicht so mein Nachmittag. Schade! Aber demnächst bin ich wieder dabei.

Trabrennbahn am Volkspark, Luruper Chaussee 30, 22761 Hamburg, Telefon: 040/8996580, Telefax: 040/89965830. Verkehrstechnisch zu erreichen über die Buslinien 111 (aus der Innenstadt), 187 und 188. Alle Linien halten fast direkt vor der Rennbahn.

ro.

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