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Ich habe mich mit unserem gelegentlichen Übersteiger-Autoren Dr. Hermannus Pfeiffer zusammengesetzt. Er arbeitet als Wirtschaftspublizist und Finanzexperte unter anderem für DIE ZEIT, taz und Stiftung Warentest. Wir versuchen, ein bißchen Klarsicht in die Aktienpläne zu bekommen.
ÜS: Hermannus, "KGaA" ist ein gänzlich neuer Fußballbegriff. Was versteckt sich dahinter?
HP: Die "Kapitalgesellschaft auf Aktien" (KGaA) wird in Deutschland selten benutzt. Sie ist eine Kapitalgesellschaft, also eine Firma, die sich ihr Geld nicht allein von den Firmenbesitzern besorgt, sondern auch von außerhalb. Eigentümer im weitesten Sinne sind zwei verschiedene Gruppen: Zunächst sind dies die sogenannten Komplementäre - das kann auch ein Einzelner sein; die Komplementäre haften mit ihrem gesamten Vermögen und bilden das eigentliche Machtzentrum in einer KGaA. "Haftung mit gesamtem Vermögen" klingt gewaltig, tatsächlich könnte diese Rolle bei unserem Klub jedoch eine GmbH ausfüllen. Diese "Gesellschaft mit beschränkter Haftung" würde mit ihrem Stammkapital haften. Was wiederum zunächst gewaltig klingt. Allerdings ließe sich das Risiko auf die doch überschaubare Summe von 50.000 Mark begrenzen. Diese Merkwürdigkeit verdanken wir einem Urteil des Bundesgerichtshofes aus dem Jahre 1997: Seitdem haften die Komplementäre nicht mehr zwingend mit ihrem vollen privaten Vermögen. Stattdessen kann auch eine GmbH - die schlappeste Form von Kapitalgesellschaft - diese Rolle ausfüllen.
ÜS: Okay, Komplementär könnte also indirekt der FC St.Pauli sein, dem ja die GmbH gehören würde?
HP: Ja, die eigentliche Macht könnte beim Verein verbleiben - und damit letztlich bei dessen Mitgliedern. Wenn "man" das wirklich will. Dafür müßten allerdings sämtliche Verträge und Firmengründungen diesem demokratischen Ziel folgen. Die andere Seite in einer KGaA bilden die "Kommanditaktionäre". Diese kaufen die Aktien der KGaA, dürfen auf eine Dividende hoffen und eventuell auch auf steigende Kurse für ihre St.Pauli-Wertpapiere. Verlieren können sie maximal dasjenige Geld, welches sie für ihre Aktien bezahlt haben. Anders als in einer normalen Aktiengesellschaft (AG) haben diese KGaA-Aktionäre jedoch so gut wie nichts zu bestimmen. Jedenfalls ist dies formal so. Sollte freilich jemand wie der Rechtevermarkter Ufa viele, viele St.Pauli-Aktien kaufen, würde faktisch ein weiteres Machtzentrum entstehen! Im Interesse des heutigen Vereins wäre es daher, ein echtes Kunststück zu vollbringen, nämlich die St.Pauli-Aktien "breit zu streuen", also möglichst viele Aktionäre zu gewinnen.
ÜS: Welchen Sinn macht diese ungewöhnliche Rechtsform der KGaA?
HP: Handwerklich sauber gemacht, kann eine KGaA nützlich für die Vereinsziele sein. In gewisser Weise verdanken wir diese für Fußballvereine an sich intelligente Idee den prominenten bayerischen Ökonomen Beckenbauer und Hoeneß. Sie träumen seit langem von einer richtigen Aktiengesellschaft für ihren FC Bayern. Nach vielen lauthals vorgetragenen, aber naiven Absichtserklärungen dämmerte selbst den beiden Aktien-Experten das Kernproblem solcher Fußball-AG-Pläne: Präsidium und Verein verlieren ihre Macht! Denn auf Dauer ist es für einen Fußballverein unmöglich, "50 Prozent plus eine Aktie" zu halten und damit die Mehrheit und Macht in der AG. Dafür müßte der Verein jede zukünftige Kapitalerhöhung mitgehen. Dazu sind aber sämtliche Fußballvereine viel zu kapitalschwach und die Profitraten in der Branche zu niedrig. Vor diesem Hintergrund versucht die KGaA einen Spagat: Einerseits soll die Macht beim Verein selber verbleiben, anderseits soll fremdes Kapital in den Klub hereingeholt werden. Dabei könnte der Handel zunächst quasi privat, über Makler oder - wie es die Deutsche Bank erstmals versucht - über das Internet plaziert werden. Der Gang an eine Börse wird wohl für unseren klitzekleinen FC erst mittelfristig denkbar und wahrscheinlich nie sinnvoll sein.
ÜS: Also ist die KGaA ein brillianter Befreiungsschlag, um endlich Deutscher Meister zu werden?
HP: Nein. Selbstverständlich verliert der Verein auch etwas - und zwar nicht allein an sozialem und kulturellen Gebrauchswert für seine Freunde. Schließlich wird niemand eine Aktie kaufen, der nicht auf Gewinn hofft: Dabei setzen kluge Aktionäre weniger auf Dividenden - die liegen hierzulande nur auf Sparbuch-Niveau. Der clevere Aktionär setzt auf steigende Kurse. Dafür muß aber die Firma "FC St.Pauli" ordentlich Profit abwerfen und blendende Zukunftsvisionen entwerfen, damit die Kursphantasien ordentlich gefüttert werden. Diese profitablen Ideen sind allerdings nicht recht zu erkennen! Unsere lahme Kickertruppe kann es nun wirklich nicht sein, und allein auf einen teuren Verkauf von Klasnic zu hoffen, ist auch zu dünn.
ÜS: Es hängt also alles am neuen Stadion?
HP: Ja, denn wäre das Stadionprojekt bislang so ein ökonomischer Renner gewesen, hätten sich auch ohne KGaA genügend Interessenten gefunden, um sich mit ihrem Kapital am Stadionbau kräftig zu beteiligen - wie es etwa die Hamburgische Landesbank beim Neubau der Schalker tut. Angesichts der am Millerntor jahrelang dahindümpelnden Stadionpläne scheint mir die KGaA ein verzweifelter Versuch der Vereinsführung, aus dem sportlich-ökonomischen Tal herauszukommen. Das läuft dann gleichwohl darauf hinaus, einen Vermarkter wie die Ufa als Großaktionär ins St.Pauli-Haus zu holen! Die Mitglieder im Aufsichtsrat des Vereins sind also gut beraten, wenn sie ihr Augenmerk hauptsächlich auf Demokratie und Mitbestimmung aller anstehenden Satzungsänderungen und Firmengründungen lenken. Einen Verein real zu verlieren, um eine KGaA zu gewinnen, wäre ein schlechter Tausch.
ÜS: Siehst Du eine Alternative?
HP: Aus ökonomischer Sicht haben wir es bei Fußballvereinen, auch bei Bayern oder Dortmund, mit Klitschen zu tun. Und auch Aktien und Börsen sind keine Gelddruckmaschinen! Übrigens: Die meisten Fußball-AG - in England, Schottland, Dänemark oder der Schweiz - sind ein Flop für die Anleger. Profitvisionen entstehen hauptsächlich im Zusammenhang mit dem Fernsehen und den neuen Medien. Deren Veranstalter, wie die Ufa-Mutter Bertelsmann (Premiere, AOL), wollen ihre neuen digitalen Programmsegmente über den Fußball an den Mann und an die Frau bringen. Der Fußball bietet Bertelsmann und Consorten nur einen Spielball. Zumindest kleinere Vereine sollten lieber auf frische Ideen und Konzepte setzen und auf ihre eigentliche Basis auch in der Ökonomie bauen: auf ihre Zuschauer und Mitglieder. Die angemessene "Kapitalgesellschaft" für den FC ist daher eine Genossenschaft, wie wir sie erfolgreich im Wohnungswesen oder in der Kreditwirtschaft kennen. Die Volks- und Raiffeisenbanken haben einen Marktanteil von 20 Prozent inne. Viele kleine Beträge ergeben bekanntlich auch einen großen Kapitalbetrag, und fehlende Investitionsgelder können auch bei einer Bank gepumpt werden - wenn strahlende Ideen und durchschlagende Konzepte vorliegen. Übrigens sind die Zinssätze 1999 so niedrig, wie seit Menschengedenken nicht mehr.
Vielen Dank an Hermanus Pfeiffer
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