Von einer Diskussionsveranstaltung zu einer Rechtsformdiskussion

Am 12. Januar 1999 wurden im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung in der Springer-Passage so ganz nebenbei von Heinz Weisener richtungsweisende Stichworte erwähnt, die die Zukunft des FC St.Pauli demnächst bestimmen sollen. Die Fußball-Profiabteilung des Vereins soll in eine GmbH als 100%ige Tochtergesellschaft ausgegliedert werden - unser Verein wird eine Kapitalgesellschaft!?!

Bereits am 15. April soll eine außerordentliche Mitgliederversammlung des FC über den Weisener-Plan beschließen und ihn auf den kapitalistischen Weg bringen. Dabei sind die brandneuen Ideen des Präsidenten weder klar, noch eindeutig, noch sind sie von Mitgliedschaft und Anhang hinreichend durchdiskutiert worden. Ursprünglich war sogar schon bitte anklickender 26. März als MV-Termin geplant. So haben wir etwas mehr Zeit, diese für den deutschen Fußball noch sehr unbekannte Form der Ausgliederung des Profifußballs, etwas zu beleuchten.

Der nächste, aber nicht zwangsläufige Schritt, wäre eine Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA), oder sogar die GmbH & Co KGaA zu gründen, um über Ausgabe von Aktien frisches Kapital von außen hereinzuholen. Ein Muß, um das Stadionprojekt zu finanzieren.

Der ÜS versucht auf den folgenden Seiten Aufklärungsarbeit zu leisten. Mit Unterstützung der Marketing GmbH durch Götz Weisener und einem Interview mit Dr. Hermannus Pfeiffer, Wirtschaftspublizist und Finanzexperte, konnten wir sowohl befürwortende als auch kritische Strömungen mit einbeziehen. Diese auf den Seiten 14 und 15.

So, wie unten, könnte das mögliche Modell aussehen. Im folgenden nun die Fragen, Bedenken, manchmal auch Antworten von 1=Verein bis 6= Stadionbesitzergesellschaft GmbH & Co KG aA, die wir, soweit nicht extra gekennzeichnet, durch diverse Gespräche, Recherche und Überlegungen selbst einbringen.

Zunächst aber unser Eintopf:

1a) Die Spieler haben noch Verträge mit dem Verein. Diese müssen geändert werden, da ja die neuzugründende GmbH die Spieler anstellen soll. Welche Komplikationen könnte es geben?

Ein Spieler könnte den Vertrag mit der GmbH ablehnen, da diese Rechtsform, bei einem möglichen Konkurs, dem Spieler keine ausreichende Garantie bietet, sein Gehalt zu bekommen.

1b) Der Altverein (1) hält die GmbH (2) als 100%ige Tochter und stellt den Geschäftsführer. Welche Gefahr besteht, wenn der Präsident des Vereins auch Geschäftsführer der GmbH ist?

Es gibt geringe Kontrollmöglichkeiten über das Geschäftsgebaren. Unterschiedliche Vertragsgestaltungen könnten ohne Wissen des Aufsichtsrates geregelt werden. Außer, der Aufsichtsrat des Vereins steht in Personalunion mit dem Aufsichtsrat der GmbH. Dazu rät übrigens auch der DFB, obwohl eigentlich bei einer GmbH kein Aufsichtsrat vorgesehen ist.

1c) Kann der Aufsichtsrat des Vereins auch Aufsichtsrat der GmbH sein?

Der Aufsichtsrat des Altvereins sollte bei seinen Tochtergesellschaften mehrheitlich vertreten sein. Dabei ist allerdings darauf zu achten, "daß keine Person in mehr als einem Aufsichtsrat der lizensierten Kapitalgesellschaften vertreten ist"(DFB: Sicherstellung der "Eckwerte" des DFB bei der Ausgliederung von Kapitalgesellschaften aus Fußballvereinen der Bundesligen). Bei GmbH's wäre der Aufsichtsrat nicht zwingend, würde sich aber empfehlen, um die geschäftlichen Tätigkeiten besser kontrollieren zu können.

1d) Wie kann der Aufsichtsrat seine Stellung verbessern?

Bei der zu beschließenden Satzungsänderung am 15. April sollte darauf geachtet werden, daß die Kompetenzen des Aufsichtsrates weiter ausgebaut werden, damit auf die Lizenzspieler GmbH und damit auf den Geschäftsführer, besser eingewirkt werden kann.

1e) Die DFB-Lizenz liegt nicht mehr beim Altverein, sondern würde auf die neugegründete Lizenzspieler GmbH übertragen werden, um ihr eine wirtschaftliche Substanz zu ermöglichen. Die Werbe- und Vermarktungsrechte liegen theoretisch auch bei der Lizenzspieler GmbH, obwohl zur Zeit die Marketing GmbH diese Rechte vom Altverein übertragen bekommen hat. Bei Konkurs der Lizenzspieler GmbH hat der FC St.Pauli zwar keine Lizenzspielerabteilung mehr, er wäre aber schuldenfrei und die Amateurabteilungen könnten bestehen bleiben.

1f ) Spätestens zum 15. März müssen die vollständigen Unterlagen für das Lizensierungsverfahren zur Saison 1999/2000 beim DFB eingereicht werden. Kann die KPMG-Deutsche Treuhandgesellschaft in der Kürze der Zeit ein plausibles, für alle Beteiligten durchschaubares Konzept entwickeln, welches auch vom DFB anerkannt wird, und sind bis dato ausreichende Geldmittel herangeholt worden?

Zu diesem Zeitpunkt muß "nur" ein schlüssiger Finanzierungsplan für die kommende Saison vorgelegt werden. Dies ist wohl Arbeit genug, bei einem Etat von ca. DM 9-10 Mio. müssen diese Gelder erstmal beschafft werden. Ob Heinz Weisener mit einer Patronatserklärung zumindest einen Teil dessen zunächst zur Verfügung stellt, hat er selbst bei der vergangenen Jahreshauptversammlung bejaht, indem er versprach, daß der FC St.Pauli für die kommende Saison die Lizenz erhält.

2a) In der GmbH -Lizenzspielerabteilung sollen die Profis, die 1. Amateure sowie A/B und C-Jugendmannschaften unter Vertrag stehen. Wird beim FC in Zukunft nur noch Profifußball gespielt?

Nein, es gibt vom DFB eine Verpflichtung, in dem Lizenzvertrag, in der geregelt ist, daß 10 Amateur- und Jugendmannschaften im Spielbetrieb des Altvereins unterhalten werden müssen.

2b) Wie kann gesichert werden, daß auch zukünftig der vereinsinterne Mitteltransfer für den restlichen Amateur- Frauen- und Jugendbereich des Altvereins gesichert ist?

Dies kann einzig und allein nur durch gut erstellte Gesellschaftsverträge gesichert werden.

2c) Gibt es Vorteile für den Verein bei der Ausgliederung der Lizenzspieler GmbH?

Ja, er wird nicht mehr diesen Schuldenberg anhäufen, bei Konkurs der Lizenzspieler GmbH könnte der Verein weiterbestehen.

2d) Zur Ausgliederung der Lizenzspieler GmbH wäre eine umfassende Satzungsänderung (3/4 der anwesenden Mitglieder) bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung am 15. April notwendig. Das ist dann auch einziges Thema, obwohl alles im Gesamtzusammenhang gesehen werden muß. Ohne Ausgliederung wäre auch der Stadionneubau gefährdet, gegen die Empfehlung des Aufsichtsrates wird es wohl keine ¾ Mehrheit geben. Kann eine ausreichende Aufklärungsarbeit der Vereinsmitglieder in dieser Zeit ermöglicht werden, wenn ja, wie?

Dazu antwortete Götz Weisener: Hierzu wird in der heutigen Ausgabe der Stadionzeitung "Pauli", wie auch im Internet, Aufklärungsarbeit geleistet.

3a) Das einzige Kapital des FC St.Pauli ist zur Zeit das Vereinslogo, mit dem durch Lizenzgebühren im Merchandise-Bereich Geld verdient werden kann. Zur Zeit besitzt die Marketing GmbH diese Rechte und führt entsprechend Gewinnlage und Klassenzugehörigkeit ein Teil der Geldeinnahmen an den Verein ab. Dies ist auch vom DFB beim Lizensierungsverfahren so gefordert. Da dieser Vertrag, bzw. die Vermarktung des Logos am 30.06.2001 ausläuft, stellt sich nun die Frage, wird die Marketing GmbH dann noch weiter bestehen, oder wird das Logo einem attraktiven Hauptsponsor, in welcher Form auch immer, zur Verfügung gestellt?

Hierzu siehe das Statement von Götz Weisener

Nach unserer Einschätzung ist es möglich, daß aus den neu zu formulierenden Verträgen sich auch eine neue Vertragsgestaltung zwischen dem FC St.Pauli und der Marketing GmbH ergeben könnte.

3b) Es besteht allerdings auch eine Verlängerungsoption um weitere vier Jahre mit geänderten Konditionen zu Gunsten des FC St.Pauli. Bei den Summen, die Heinz Weisener aus seiner Privattasche in den Verein gepumpt hat, ist denkbar, daß die Marketing die Aufgaben der Werbe- und Vermarktungsrechte weiterhin wahrnimmt, um dem Großmäzen einen Teil seines Geldes zurückfließen zu lassen. Könnte die Marketing GmbH dann in die Stadionbetreiber /-besitzergesellschaft überführt werden, bei der Heinz Weisener seit der Übernahme von Verbindlichkeiten des FC 1995 auch Rechte selbst übernommen hat?

Hierzu siehe das Statement von Götz Weisener

Eine andere Variante könnte sein, daß die Marketing die Rechte an die Lizenzspieler GmbH abgibt.

4) Wie könnten die Einflußmöglichkeiten der Geldgeber/Investoren und Sponsoren aussehen?

Egal, welche Rechtsform nun letztendlich bei den Hausaufgaben herauskommen wird, Geldgeber wollen im Regelfall eine entsprechende Gegenleistung erhalten. In England haben einige Vereine Verträge mit den Pay per View oder Internetgesellschaften abgeschlossen, die z.B. exklusiv über ihre Lieblingsmannschaften berichten, Spiele anbieten und dergl. mehr. Die Fernsehgesellschaft British Sky Broadcasting Group (BSkyB) mit 40%iger Beteiligung von Medienmogul Rupert Murdoch wollte 1998 Manchester United übernehmen. 623 Mill. Pfund wurde den United-Aktionären geboten. Auch in Italien hat sich Telepiu (gehört zu 90% dem französischen Sender Canal Plus) die Übertragungsrechte von Fußballklubs wie Juventus Turin, SSC Neapel AC und Inter Mailand gesichert. Aber aufgepaßt! Der Fanartikelverkauf stagniert oder ist sogar rückläufig, und das nicht nur in Deutschland. Manchester United hat einen Erlöseinbruch im Fanartikelverkauf 1997/98 um die 16% hinnehmen müssen (Handelsblatt 29.9.98). Bei St.Pauli dürfte dies noch deutlich höher ausfallen, da die fetten Bundesligajahre und -leistungen vorbei sind.

Es ist auch möglich, daß es Investoren gibt, die nur an der Stadionbesitzergesellschaft interessiert sind, um z.B nur Konzerte zu betreiben, Werbebanden aufzustellen oder andere Happenings zu veranstalten.

5) Die Stadionverwaltungs GmbH könnte zu 100% vom Altverein gehalten werden, damit der FC St.Pauli seinen Einfluß auf die Stadionpolitik (z.B. Sonderveranstaltungen) nehmen kann. Sie hat mehr oder weniger eine politische Funktion. Als Komplementär bei der Stadionbesitzergesellschaft GmbH & Co KG a.A. wäre auch hier die Einflußnahme zu sichern.

6a) Bei der Stadionbesitzergesellschaft GmbH & Co KG aA ist zur Zeit noch alles offen. Hier hängt es von unterschiedlichen Rechtsmodellen ab, welche zusammenpassen müssen. Auch die möglichen Partner werden ein Wort mitreden wollen. Wichtig ist, daß die Mitgliederversammlung dem Stadionneubau zustimmen muß. Aucn wäre es möglich, daß das Stadion nie gebaut werden wird.

6b) Wer oder was ist unter dem Sammelbegriff der GmbH & Co KG a.A. vertreten?

Da die Rechtsform der GmbH & Co. KG a.A. seit 1997 zulässig ist, wäre es denkbar, daß die Stadionverwaltungs GmbH der persönlich haftende Gesellschafter (phG) der GmbH & Co KG a.A. sein wird. Allerdings, so ist sogar vom Bundesgerichtshof (BGH) zu vernehmen, sei diese Konstellation durch geringe Kontroll- und Einflußmöglichkeiten gekennzeichnet. Der phG haftet zwar mit seinem Privatvermögen, ist dies aber eine juristische Person (z.B. GmbH), wäre nur noch das Stammkapital, also die Mindesteinlage (DM 50.000,-) gefährdet. Siehe hierzu auch das Interview mit Hermannus Pfeiffer

6c) Die Stadionbesitzergesellschaft GmbH & Co KG a.A. wäre das Sammelbecken der unterschiedlichen Investoren, die am Bau des Stadions beteiligt sein wollen und ihre Einlage für spätere Geldrückflüsse nutzen wollen.

Das soll zunächst ausreichen, um sich ins Thema einzudenken. Die Zeit spielt natürlich eine große Rolle, Gesellschaftsverträge müssen ausgereift und abgestimmt werden. Dieses Regelwerk ist nur für die 1. und 2. Liga vom DFB vorgesehen. Und wenn die Truppe nicht punktet...?

Fachausdrücke in Stichworten

Komplementäre: Haften unbeschränkt auch mit ihrem Privatvermögen, deshalb auch persönlich haftender Gesellschafter (phG) genannt

Kommanditaktionäre: Haften nur mit ihrer Einlage, z.B. der gekauften Aktie

Patronatserklärung: Schutzherr, der auch Rechte geltend machen kann, die zur Verfügung gestellten Mittel nicht sofort zurückfordert.

Fremdkapital: Geld von außenstehenden Unternehmen z.B. Kredite

GmbH: Die Gesellschaft mit beschränkter Haftung ist eine Kapitalgesellschaft, die von mindestens zwei Gesellschaftern gegründet werden muß. Die Gesellschafter haften beschränkt und mittelbar mit ihrer Einlage.

KPMG Deutsche Treuhand Gesellschaft: Ist eine Unternehmensberatungsgesellschaft, die den FC St.Pauli bei der Ausgliederung der Lizenzspieler GmbH und den anderen zu gründenden Gesellschaften berät. Sie verfügt über "eine spezielle European Football Unit, deren Zentrale sich in Liverpool befindet". Die Aktivitäten im deutschen Sportberatungsmarkt werden von Düsseldorf aus koordiniert.

Fachliteratur in Stichworten

Wedit Deloitte & Touche GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft: Vom Rasen auf das Börsenparkett-ein Vergleich der Finanzdaten europäischer Fußballclubs und Rechtsformanalyse

DFB e.V.: Amtliche Mitteilungen Nr.11/98 sowie Sicherstellung der "Eckwerte des DFB bei der Ausgliederung von Kapitalgesellschaften aus Fußballvereinen der Bundesligen

M. Siebold/Dr. J. Wichert: Die KGaA-Der unbekannte Glücksfall?

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