Players Corner
heute mit:

Stephan Hanke

Hallo, liebe St.Pauli-Fans.

Mit diesem Schreiben möchte ich euch gerne meine Eindrücke über die Beziehung Spieler zu Fan mitteilen. Da ich mittlerweile schon meine fünfte Saison am Millerntor erlebe (woran ich nie geglaubt habe), denke ich, mir ein Urteil über den Zuschauer oder Anhänger des FC St.Pauli erlauben zu können. Ich muß ehrlich sagen, daß sich das Publikum am Millerntor in den letzten Jahren sehr gewandelt hat, und ich bin der Meinung, nicht unbedingt zum Guten. Obwohl das sicherlich auch mit der Leistung der Mannschaft zu tun hat. In den vergangenen 4 1/2 Jahren habe ich sportliche Höhen und Tiefen mit der Mannschaft (aber auch persönlich) erlebt, doch die Fans standen meistens zu 100% hinter uns. Das ist leider nicht mehr so. Wie gesagt, die Mannschaft, also wir, haben die letzten 1 1/2 Jahre nicht besonders schönen Fußball gespielt. Wir haben sicherlich auch nicht immer den nötigen Einsatz gezeigt, den Ihr euch vorgestellt bzw. gewünscht habt, aber ich bin mir 100% sicher, daß alle Spieler immer alles gegeben haben. Ich glaube, daß nach unserem Aufstieg in der Saison 94/95 das Publikum sehr verwöhnt worden ist und vielleicht geglaubt hat, daß jedes Spiel am Millerntor zu einer "Riesen-Party" wird. Es folgten 2 1/2 Jahre, die sehr erfolgreich waren.

Mein Gott, der Aufstieg, danach der Klassenerhalt; wie oft wurden da Spiele gefeiert? Selbst, wenn wir, wie gegen Dortmund, zu Hause 0:3 verloren hatten. Der Absturz kam nach der Winterpause 96/97, von da an ging es peu à peu den Berg herunter. Aber wenn wir ehrlich sind, hieß es doch, die Fans am Millerntor sind etwas Besonderes. Sind sie das wirklich noch ??? Ich hoffe mal, daß ihr mir das jetzt nicht übel nehmt, ich habe euch sogar mal fast alle gehaßt, obwohl ich immer so stolz war, vor so vielen Leuten spielen zu dürfen. Anfangs war ich sehr begeistert von diesem Publikum und ich hoffe, es wieder zu werden, obwohl ich sehr harte Erfahrungen mit euch habe machen müssen. Allerdings war die Flugblattaktion damals sehr fair von euch, und man hat gesehen, daß ihr als Fans auch anders könnt und bereit wart, euch dafür zu entschuldigen (Danke nochmals an die, die diese Aktion gestartet haben). Aber wo gibt es das schon, daß alle einen mögen oder seine Leistung als gut empfinden. Doch man sollte jeden Menschen akzeptieren und respektieren.

Was ich eigentlich sagen wollte, ist, daß ein richtiger Fan doch zu seiner Mannschaft hält, in guten und in schlechten Zeiten. Mittlerweile ist mir bewußt, wie ein echter St.Pauli-Fan fühlt oder sogar manchmal leidet, daß er oft sogar jeden Pfennig zusammenkratzt, nur um am Wochenende das Spiel zu sehen. Daß er nach einem Wochenende sich oft hat beschimpfen lassen müssen oder gemein ausgelacht wurde, weil die Mannschaft mal wieder einen auf den Arsch bekommen hat. Aber mal ganz ehrlich: Glaubt ihr, wenn ihr uns dann noch beschimpft, auspfeift, auslacht, Hohn und Spott über uns bringt, daß es dann besser wird ???

Wir Spieler sollten uns sicherlich mal mehr damit befassen, wie es auch in einem Fan aussieht, aber umgekehrt genauso. Ein Fußballer lebt von seinem Selbstvertrauen. Ohne dieses kann er noch so viel Talent besitzen, noch so viel Erfahrung haben, er wird keine vernünftige Leistung zustande bringen. Und wenn wir dann eben mal wieder so 'ne absolute Scheiße spielen, und Ihr euch geärgert habt, so viel Geld ausgegeben zu haben usw., dann würden wir uns wünschen, daß ihr uns noch mehr unterstützt, als uns nur auszubuhen oder euch über uns lustig zu machen. Wir leben von euch und ihr vielleicht in gewisser Hinsicht auch von uns; umsonst gibt es bestimmt nicht den Spruch "Der FC St. Pauli ist schuld, daß ich so bin." Der Trainer sagt immer zu uns, nur gemeinsam schaffen wir es, da unten rauszukommen, und nur gemeinsam sind wir stark, und nur gemeinsam haben wir Erfolg. Mit euch können wir noch viel stärker sein. Mit euch gewinnen und verlieren wir. Nur mit euch können wir Erfolg haben. Aufgrund unserer schlechten Leistungen in der Vergangenheit müssen wir uns den Kredit von euch wieder zurückholen, das geht aber nicht von heute auf morgen. Gebt uns Zeit und wieder euer Vertrauen.

Glaubt nicht, daß ich euch nicht verstehe, welcher Frust schon oft in euch gesteckt hat, aber durch pöbeln wird auch nichts besser. Wirklich, mir ist in den vergangenen Monaten durch Fan-Treffen im Fanladen (leider erst ) klar geworden, was so in euch vorgeht, aber ich habe mir vorher auch keine Gedanken darüber gemacht, weil ich euch genauso wenig gemocht habe, wie ihr mich. Das ist aber hoffentlich vorbei. Apropos Fanladen: Als ich meine erste Einladung für ein Fan-Treffen bekam, habe ich gedacht, man will mich veräppeln. Im Nachhinein bin ich sehr froh, daß ich zugesagt habe, denn dies war auch ein weiterer Schritt, um die Beziehung Spieler zu Fan wieder etwas auszubauen. Wißt Ihr, solche Augenblicke wie z.B. in der Alsterdorfer Sporthalle bringen doch nichts. Daß ihr die Amateure unterstützen wollt und man dem vermeintlich Kleineren helfen möchte, ist jedem verständlich. Doch wo gibt es das denn, daß die eigenen Fans ihre Mannschaft niedermachen oder besser gesagt, sich über sie lustig macht? Das paßt nicht zum FC St.Pauli !!! Ihr wollt uns wieder leidenschaftlich kämpfen sehen, ihr wollt sehen, daß die Gegner sich wieder in die Hosen machen, wenn sie ans Millerntor kommen. Also dann trimmt, pusht und brüllt uns wieder dahin. Ich kann euch nur sagen, es ist ein wahnsinniges Gefühl, wenn das Millerntor brodelt. Ich werde auf jeden Fall versuchen, als Kämpfer Vorbild zu sein, um andere Spieler mitzuziehen.

Ach ja, eines noch: Oft wurde ich auch schon darauf angesprochen, daß wir so viel Geld verdienen würden und wir dafür Leistung zu bringen haben. Anderen Leuten in anderen Berufen würde man den Arsch aufreißen und sie rausschmeißen, wenn sie keine Leistung bringen würden. Zum ersten sollte es Voraussetzung sein, in seinem Job immer das Beste zu geben. Aber glaubt nicht, daß wir uns freuen, wenn wir den größten Mist spielen. Und glaubt nicht, daß wir da keinen auf den Deckel bekommen. Da braucht ihr euch bei unserem neuen Trainer schon gar keine Gedanken machen. Hinzu kommt noch die Presse, die dafür sorgt, daß wir permanent unter Beobachtung stehen. Wer auf Dauer keine Leistung bringt, der wird auch keinen Vertrag mehr bekommen und kann manchmal schneller auf der Straße landen, als er schauen kann. Aber was das Finanzielle betrifft, kann man niemandem einen Vorwurf dafür machen, daß er ein ganz gutes Vertragsergebnis erzielt hat. Grundsätzlich hat jeder auf seine Art diese Möglichkeit; auch wenn ich weiß, daß dies bei 5 Millionen Arbeitslosen hierzulande nicht einfach ist. Ich hatte halt auch Glück. Also, laßt uns wieder zusammenrücken, wir auf dem Platz und Ihr auf den Rängen, dann lebt auch wieder die Hoffnung!!!

Vielen Dank, Euer Stepi
P.S. Da ich diesen Brief vor unseren beiden Testspielen gegen Lyngby und Hertha geschrieben habe, möchte ich noch anmerken, daß trotz der geringen Anzahl von Zuschauern eine tolle Stimmung herrschte, die uns sehr angeheizt hat. So macht es Spaß für euch zu spielen; und durch eure Unterstützung pusht ihr uns wieder zum Erfolg.

Copyright by Übersteiger

zurück Titelseite dieser Ausgabe weiter