Gut gekräht ist halb gegrillt -
der Hähnchenkrieg auf St. Pauli geht weiter

Vor gar nicht all zu langer Zeit berichtete unser beliebtes Lokal-Monatsmagazin HH 19 direkt von der Front des Hähnchenkrieges. Hintergrund der diplomatischen Spannungen im Stadtteil St. Pauli war nicht etwa ein kampflustiger Bratling, sondern der Preiskrieg der zahlreichen Hähnchendealer im Viertel. Den ersten Schuß, es war gegen 5.45 Uhr, gab die neue Frittenbude vorm Conti Markt ab: Broiler für 2.99 Mark. Doch es wurde zurückgeschossen. Der Döner-Laden an der Feldstraße lockte mit Dumpingpreisen, hier war das Federvieh kurze Zeit später schon für 2.90 Mark zu erstehen. Die Kriegstaktik: Das Angebot des Döner-Ladens gilt nur bis 19 Uhr, da die Frittenbude um diese Uhrzeit schließen würde - dachte zumindest der Inhaber des besagten Bahnhofs-Imbisses. Doch der Wirt hatte seine Rechnung scheinbar ohne sich selber gemacht, heißt es doch von der Conti-Bude, man habe sogar noch nach 20 Uhr geöffnet. Aber wen interessiert schon dieses ganze Verwirrspiel, schließlich kommt es auch auf die Qualität an. Der Übersteiger testete für Euch exklusiv die Broilerstände rund um´s Stadion. Im folgenden die Wertungen:

U-Bahnhof Feldstraße

Wie eben schon beschrieben, hat der Dönerladen zumindest bis 19 Uhr im Preiskampf die besten Aktien. Doch was der Kunde für 2.90 erhält, ist nicht gerade berauschend. Das Fleisch ist nicht wirklich saftig, und die Haut könnte deutlich knuspriger sein. Zwar stimmt der Fettgehalt (ungefähr das Saug-Volumen von zwei Taschentüchern), doch erscheinen die Zweibeiner ein wenig mager. Die Keule ist eher etwas mickriger geraten und auch die Brust killt den großen Hunger nicht. Insgesamt hat man eher den Eindruck, man bekommt ein mutiertes Küken, ein Kampfhahn verbirgt sich zumindest nicht hinter den Plexi-Glas-Scheiben des Grills. Wertung: Der Kunde sollte lieber auf die Qualität und nicht auf den Preis achten und einen Bogen um den Imbiss machen, wenn es um Hähnchen geht. Ansonsten kann man andere Speisen wie Döner oder Pommes aber nur wärmstens empfehlen, doch Hand ab von den Billig-Broilern. Testnote: 4-.

Kleine Pause (Wohlwillstr.)

Der Laden macht seinem Namen wahrlich keine Ehre, da mensch schon eine ziemlich große Pause haben muß, um eines der begehrten Tierchen zu erstehen. "Ich habe gerade welche nachgelegt", so die Ausrede, die unserer Testperson gegenüber zur Abendbrot-Prime-Time von 18.30 Uhr mehrmals geäußert wurde. Entweder liegt der Trend der Käuferschaft darin, die gerupften Krähtiere bevorzugt zur Kaffeezeit zu verdrücken oder aber die Organisation in dem Laden ist mangelhaft. Wenn man dann aber doch eins der Tiere ersteht, so hat sich das Warten gelohnt. Die Haut ist so knusprig, daß man die Crunch-Geräusche von Schnorrer-Hendrik bis in den letzten Winkel des Fan-Ladens hört. Und auch der Fleischgehalt ist mehr als zufriedenstellend. Die Keule läßt darauf schließen, daß sich der Hahn, bevor er am Spieß landete, sogar mal selbstständig bewegt hat, und der Fettgehalt läßt die unbeschwerte Verdauung von 6-8 Pilsener zu. Wertung: Wenn die guten Damen in der Pause mal zwei drei Hähnchen auf Vorrat hätten, wäre alles o.k. Es kann einfach nicht angehen, daß die leckeren Tierchen scheinbar nur nach Bedarf in den Ofen geschnallt werden. Auch der Preis ist wenig zeitgemäß, schlägt der Gockel doch mit 4 Mark (mittlerweile nur noch 2,90 DM)zu Buche. Nichtsdestotrotz wird mensch wirklich lecker satt. Testnote: 2.

Conti-Bude (Feldstraße)

Wer gerne mal einen Gummi-Adler einschiebt, ist hier gut aufgehoben. Die Haut fühlt sich an wie ein Hubba-Bubba nach 30 Kauminuten, und auch das Fleisch ist nicht der Hit. Einziger Vorteil: Der Kunde kann aus 10 Reihen mit jeweils cirka 6 Hälften auswählen. "Ich nehme den zweiten von links aus der dritten Reihe von oben". Irgendwie macht die Bude den Eindruck, als hätte sie eine Doppelfunktion: Nachts dient sie als Legebatterie für Hennen und nach getaner Arbeit werden die männlichen Tierchen zu einem Sauna-Tag eingeladen. Wertung: Diese Bude bestätigt das Vorurteil, man möge nichts "von der Stange" kaufen. Trotz der 2,99 DM Offerte sollte man die Bude lieber nicht anlaufen. Ausnahme: Du bist männlich und brauchst ein Verhüterli nach 20 Uhr - einfach geschickt die Haut des Adlers einsetzen und schon klappt es mit der Nachbarin. Testnote: 5.

Thadengrill (Thadenstr.)

Diese Örtlichkeit zählt wohl zu den am schlimmsten verrufenen Freßbuden des Viertels. Zugegeben, von innen ist ein Unterschied zum Speisesaal des "Vier Jahreszeiten" wirklich nicht zu leugnen. Und wer schon mal die Pommes ausprobiert hat weiß, daß diese vor Fett triefend meistens parabelförmig kippen, wenn man sie zwischen die Finger nimmt. Auch ich hatte nicht die besten Erfahrungen mit der Hofküche des Fan-Ladens gemacht, aber gab dem Imbiss trotzdem eine Chance. Und diese nutzte er. Die Broiler sind, auch wenn sie unter der Stange in Alufolie liegen, stets knackig frisch. Die Keule erinnert an den Oberarm von Arni Blackeck, und das Gewicht des ganzen Halben stimmt ebenfalls - einfach klasse. Einziger Nachtteil: Nach 18 Uhr sind die Kornpicker anscheinend wieder im Stall anzutreffen. Schade, ist dies doch ein wirklich gelungener Beitrag zur Abendbrotplanung, die bei mir in der Regel aber erst nach 18 Uhr stattfindet. Wertung: Die 4.50 Mark lohnen sich wirklich. Zwar würde ich davon abraten, die Pommes auszuprobieren, den Broilern dagegen kann man blind zusprechen. Testnote: 2+

So, leider ist die Weihnachtszeit vorbei und meine Lust auf gegrillte Vögel hat mich verlassen, so daß ich gar nicht Hendriks Ex-Stammbroiler Freddys in der Hein-Hoyer-Str. austesten konnte. Wer mir sein persönliches Testurteil von diesem oder anderen Hähnchen-Vorverkaufsstellen in HH zukommen lassen will, kann das gerne unter dem Stichwort "Kikeriki" tun (Adresse siehe vorne). Zum Schluß noch ein paar Worte an die tapferen fleischlosen Ernährer unter uns, denen der Artikel vielleicht noch schwerer im Magen liegt als der Conti-Flattermann in meinem Fall: Ich bin mir durchaus bewußt, daß diese Tiere in den meisten Fällen nicht artgerecht gehalten werden, doch welcher Verkäufer gibt einem auf Nachfrage schon eine ehrliche Antwort. Außerdem mache ich mich indirekt am Mord dieser Tiere mitschuldig, aber ich muß ganz ehrlich sagen, daß mir die Hähne im Bauch lieber sind als in Cloppenburg-Vechta.

MiG

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