Der ÜBERSTEIGER
vor 5 Jahren

Heute:
Der Winter schaut vorbei - Die Nr. 3

In diesen kalten und düsteren Zeiten bleibt einem ja nicht mehr viel zum Aufwärmen, vielleicht hilft da ein Blick zurück in vermeintlich bessere Zeiten, am 03.12.1993 erschien nämlich die Ausgabe Nr. 3 des ÜS zum Spiel gegen den VfL Wolfsburg.

Das seinerzeit beherrschende Thema waren übrigens die in atemberaubender Weitsicht vom DFB in Hamburg angesetzten Länderspiele gegen England. Wir erinnern uns; ausgerechnet am 20. April (na... was war denn da noch?) sollten Deutschlands Elitekicker und -Fans im Volkspark auf ihre englischen Gegner und/oder Gesinnungsgenossen treffen. Am Tage zuvor war ein B-Länderspiel der gleichen Teams am Millerntor geplant. Nach dem allgemeinen ungläubigen Kopfschütteln und dem danach immer deutlicher vor Augen tretenden wahrscheinlichen Horrorszenario war schnelles Handeln angesagt. Hierbei ging es im Übrigen nicht, wie z.B. unser Freund Reinhard Kock auf der letzten JHV so völlig im Zusammenhang bemerkte, darum, daß uns die Klänge der Nationalhymne am Millerntor unangenehm wären (dies ist ein ganz anderes Thema), sondern einzig und allein um die Folgen für Stadion, St. PaulianerInnen und Stadtteil! Einer der ersten Aktionen sollte das Hochhalten von 7.000 roten Flugblättern beim Wolfsburg-Spiel sein, was auch einigermaßen gut klappte. Unter den 73 Erstunterzeichnern des Flugblattes befanden sich die meisten Fanclubs, Kneipen und Läden aus dem Viertel, sowie sportliche, kirchliche und soziale Einrichtungen. Die Presse (v.a. Abendblatt) stürzte sich aber natürlich nur auf die Mitunterzeichner Hafen und Flora, weil sich damit ja so wunderschön polemisieren läßt. Kurz zuvor allerdings war das B-Spiel am Millerntor bereits "wegen Parkplatzproblemen"(!) abgesagt worden. Der Kampf gegen das Treffen am 20.04. ging aber weiter, mehr dazu in der nächsten Folge.

Natürlich war noch ein wenig mehr im Heft enthalten, z.B. die angedachten Bemühungen, ein umweltfreundliches Stadion zu entwickeln, gute Ideen waren da schon dabei, bisher hat's aber ja noch nicht mal für Pfandbecher gelangt. Auch das Titelbild sollte eigentlich auf dieses Thema hinweisen, so mit Kerzenschein statt Flutlicht, wurde aber dann von der "Vorfreude" auf's Länderspiel übernommen. Interessant war auch das nette Gespräch mit Dirk Zander, war halt noch einer mit eigener Meinung und Antworten mit Inhalt.

Celtic war ja im UEFA-Cup gegen Bern eine Runde weitergekommen und nötigte 6 junge Männer aus St. Pauli zu einer Ferienreise nach Portugal, hieß der nächste Gegner doch Sporting Lissabon. Ein 0:2 und ein sehr ausführlicher Bericht (aus Jugendschutzgründen aber wohl nicht komplett...) waren die Folge. Da es im Rückspiel nur zu einem 1:0 langte, war das Abenteuer Europa für diese Saison auch mal wieder zu Ende, für viele ältere Celts bot dieses Spiel aber immerhin die Gelegenheit, sich noch einmal die Stätte ihres größten Triumphs, des Europacup-Sieges 1967 gegen Inter Mailand anzusehen.

Die auch damals schon glorreichen Amateure hatten sich in der Verbandsliga bis zur Winterpause schlappe 30:6 Punkte und 60:21 Tore (davon 12 von Jens Scharping) erspielt, darunter so grandiose Spiele wie das 6:1 gegen Bergedorf 85 oder ein 5:2 gegen Concordia (das mit dem Scheiß kam erst später...). Klar, daß Kapitän Andrew Pfennig hierzu und zu anderen Dingen des täglichen Lebens im Heft Stellung nehmen mußte.

So, was fällt noch ins Auge? Die Rezensionen hatten sich auf 26 Zines und 3 Platten fast verdoppelt, durch die hier erste öffentliche Erwähnung eines neuen (na ja, war schon die Nr. 16) St. Pauli-Zines aus Blankenese mit der Wahnsinnsauflage von 40 Exemplaren starteten Jan und seine PiPa den nunmehr legendären Siegeszug um die Welt. Geahnt hatte Sven das bereits damals, lautete sein Schlußfazit doch "Vielleicht wird's ja noch".

Ein gewisser Folke H. sucht eine Videoaufzeichnung von einem Spiel der Nationalmannschaft, Jürgen Hunkes Buch "Sieh zu wie Steine wachsen" findet vor Ronnys strengem Auge wenig Gnade und neben unserem Kalender wird in einer Minimeldung auf der Döntjesseite die erste ÜS-CD (ja, die mit "You'll never walk alone" und den alten Singles und dem alten Orgelspieler) angepriesen. Ich glaube, die Möglichkeiten von Werbung und Marketing haben wir mittlerweile auch begriffen...

Den inzwischen stattgefundenen Auswärtsspielen folgten ebensolche Berichte. Das 1:2 in Wuppertal löste ei ortlich gar nicht mal schlecht, die mittlerweile fantypischen Begleitumstände lösten einen poetischen Artikel wieder von Hendrik aus, der neben dem Text mal eben ein siebenstrophiges Gedicht mitlieferte.

Trotzdem, nach einem 1:0-Heimsieg gegen Hertha BSC (Tor: Ari Hjelm), bei dem wir die glorreiche Idee hatten, bei eiskaltem Wind und Schneetreiben unseren Kalender zu verkaufen, und dem 1:0 durch Driller gegen Wolfsburg (mit einem Trainer namens Krautzun) durfte der FC St. Pauli die Winterpause auf Platz 3 verweilen.

Martin Driller war immer noch bester Schütze, mit nunmehr sieben Treffern, ihre fünften gelben Karten hatten die Herren Zander und (na klar) Hollerbach mittlerweile auch gesehen, etwas rötliches blieb uns aber bis zum Winter erspart, der Zuschauerschnitt hatte sich bei 16.000 eingependelt. Die Youngster Scharping, Goch und Tholen hatten auch bereits ihre ersten Zweitligaspiele absolviert, während Jens noch öfter während der Saison eingesetzt wurde und in 11 Spielen immerhin 5 Tore erzielte, blieben es für Thommy und Sven die einzigen Einsätze. Einen Nachtrag zur letzten Folge hätte ich allerdings noch, denn durch einen netten Käpt'n aus der Heftmitte wurde ich darauf aufmerksam gemacht, daß neben den erwähnten Spielern mit Nikolai Pisarev bei Spartak Moskau noch ein vierter Ex-Braun-Weißer in dieser Saison in der Champions-League tätig ist, dies nur zur Vervollständigung, wie's nach der Winterpause im Jahre 1994 mit dem FC und dem ÜS weiterging, könnt Ihr, so Ihr denn wollt, in ÜBERSTEIGER Nr. 38 nachlesen. Bis dahin alles Liebe.

thomas

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