T.A.C.S.
erinnert sich...und uns.

Heute: Das 0:6 hat mich geprägt

Die Saison 86/87 war entscheidend für mein weiteres Fandasein. Bis dahin ging ich des öfteren mal zu St. Pauli hin - in dieser Saison wurde ich zu einem St. Paulianer, besser gesagt: ein einziges Spiel entschied über meine Zukunft in der Fußballfanlandschaft.

Es war am Buß- und Bettag 1986. St. Pauli spielte bis dato eine eher mittelmäßige Zweitligasaison, lediglich im DFB-Pokal fiel die Elf mehr als positiv auf, als sie beim VfL Bochum mit 2:1 gewann. Nach dem Sieg in Runde 2 beim Bremer SV wartete als Gegner in der nächsten Runde kein Geringerer als die Mannschaft der SG Bahrenfeld/Rotherbaum auf die Braun-Weißen (eben an jenem Buß- und Bettag). Da ich in dieser Zeit lediglich zu St. Pauli "hinging", ging ich auch zum HSV, allein aus dem Grunde, weil ich schon damals fußballverrückt war, es schon damals nichts Schöneres für mich gab als Fußball im Stadion mitzuerleben und ich schon damals bei Fussi im Fernsehen eingeschlafen bin.

Vor diesem Spiel war mir irgendwie schon klar, daß ich nach diesem Derby entweder 3 Schritte gen HSV oder 3 Schritte in Richtung St. Pauli tun werde. Ich hatte mir einfach vorgenommen, mich zu entscheiden - entweder mit meinen Klassenkumpels alle 2 Wochen in den Volkspark pilgern, oder mit meiner Meinung ganz alleine in meinem Umfeld dazustehen.

Da war es also, mein erstes Derby.

Ein regnerischer Novemberabend, volles Haus und ich mittendrin in der Ostkurve. "Wieso Ostkurve?", werdet ihr euch jetzt sicherlich fragen, schließlich wäre das ja schon Schritt 1 in Richtung Braun-Weiß. Nun, immer, wenn ich zu den Salmis gegangen bin, hat es mich in die Ostkurve verschlagen, weil ich dort in Ruhe und ohne Sichtbehinderung Fußball gucken konnte. Ähnlich war es seinerzeit auch beim FC, dort habe ich mich immer hinter das eigene Tor gestellt, während sich der Mob hinter dem gegnerischen Tor postierte.

Da stand ich nun, als einziger Unentschlossener in einer Kurve voller fanatischer St. Paulianer.

Das Spiel entwickelte sich recht schnell zu einer klaren Angelegenheit für die Rothöschen. Es fiel Tor um Tor für die Volksparkler, doch die Stimmung war nicht unbedingt schlecht in der Ostkurve. Viele wußten, daß der HSV unter Zugzwang stand, und daß der FC schon sein Soll mit dem Sieg in Bochum erfüllt hatte. Auch die Spieler in den braun-weißen Lappen (besser sahen die Auswärtstrikots damals wirklich nicht aus) wußten das, und spielten dementsprechend befreit auf. Das hatte zur Folge, daß der FC mit 0:6 einging, trotzdem war es für den großen HSV fast schon eine Blamage, gegen den kleinen Stadtteilklub nicht mindestens zweistellig gewonnen zu haben.

Kaltz gegen Dahms, Jakobs gegen Golke, Okonski gegen Trulsen - und trotzdem springt nur ein 6:0 für den HSV heraus - was für eine Schmach. Der ganze Verlauf des Spiels, das Drumherum (muß man dabei gewesen sein), alles sprach, trotz der 0:6-Pleite, für den FC St. Pauli.

Vielleicht war dieses großkotzige Auftreten der Volksparkler ausschlaggebend für mich, vielleicht war mein Leben aber so und nicht anders vorbestimmt, sprich: ich bin als der Underdog, der ewige Zweite, der Verlierer geboren worden. Hört sich nach 'ner ziemlich traurigen Erkenntnis an, vielmehr ist es aber eine Art Liebesbeweis gegenüber diesem Verein. Kein Mensch, keine Sache - nichts hat mein Leben so geprägt, wie der sportliche Verlauf der Ligamannschaft (später auch Amateurmannschaft) des FC St. Pauli in den letzten 11 Jahren.

Ich hoffe wirklich, irgendwann mal davon etwas Abstand (aber nur etwas) nehmen zu können, da es mir seit ungefähr derselben Zeit jeglichen Nerv, Kraft und auch Zeit nimmt. Nach Abstand nehmen sieht es bei mir allerdings, trotz einer Freundin, die ich sehr liebe, überhaupt nicht aus, geschweige denn, daß ich irgendwann einmal überhaupt nicht mehr hingehen würde.

Die Entscheidung war also gefallen, und sie fiel genau zum richtigen Zeitpunkt, denn nach diesem Derby ging es aufwärts für den FC. Es folgte eine Serie von 12 Spielen ohne Niederlage und die Frage, ob eine Mannschaft schon mal den Durchmarsch von Liga 3 in Liga 1 geschafft hat.

Obwohl gegen Ende der Saison das Rückspiel beim späteren Aufsteiger KSC noch ausstand, konzentrierte man sich auf Platz 3 - zu groß war die Überlegenheit von Zweitligameister Hannover 96 (Siggi Reich schoß damals schon Tore gegen uns, remember 3:4 zuhause 86/87) und dem KSC, wo ein gewisser Winni Sch.seine erste Saison als Trainer ableistete.

Am vorletzten Spieltag ging es dann also nach Karlsruhe. Ein Unentschieden, und der KSC wäre in der 1. Liga - bei Sieg für St. Pauli hätte der FC zumindest schon Platz 3 sicher. Es kam so, wie es kommen mußte - das Spiel endete 1:1, Karlsruhe war durch und auf St. Pauli wartete im entscheidenden letzten Spiel die abstiegsgefährdete Eintracht aus Braunschweig. Auch hier wieder die Ergebnisspielerei. Bei Unentschieden wäre sowohl St. Pauli in der Relegation, als auch Braunschweig gerettet gewesen. Doch Michael Dahms kannte keine Gnade mit den Zonenrandgebietlern und beförderte mit seinem trockenen Flachschuß den FC einen großen Schritt in Richtung Bundesliga und die Eintracht eine Etage tiefer.

Die Euphorie kannte keine Grenzen. Eine Mannschaft voller Namenloser (mal abgesehen von Wenzel und Gerber), gespickt mit jungen Talenten, die noch lange nicht ihren Zenit erreicht hatten, klopft an die Bundesliga-Tür an. Um mal hier kurz Vergleiche zu ziehen: Wie wär's mit den Herren Ahlf, Pomorin, Algan, Bajramovic, etc. Über kurz oder lang in der ersten Elf (Ivan hat's ja schon geschafft)?

Um zurück zum Thema zu kommen: es war schlicht unbegreiflich, daß diese Elf es jetzt hätte schaffen können. Hätte.

Da waren dann allerdings noch die zwei Relegationsspiele gegen den FC Homburg im Wege. 3:1 verloren im Hinspiel - war um ein Tor zu hoch. Dann das Rückspiel. Da ich zu dieser Zeit leider mit meinen Eltern auf Bootsurlaub in Frankreich war und nur via Deutsche Welle dem Spiel beiwohnen konnte, weiß ich nur aus Erzählungen, daß es die Hölle war. Aber, Leute, ich sage euch, wenn man nur das Radio hat, und der Empfang miserabel ist, dann ist es tausendmal schlimmer.

Wir wissen alle, daß es am Ende nicht ganz gereicht hat - vielleicht auch ganz gut so. Die junge Elf war noch nicht reif genug für die höchste deutsche Spielklasse, der Aufstieg in der folgenden Saison kam genau zum richtigen Zeitpunkt.

Lesen sie in ÜS 38: Wenzel bricht sich das Bein, und am Flughafen alle Dämme

Saison 86/87: 2.Liga, Platz 3, 63:45 Tore, 49:27 Pkt.
Volker Ippig, Klaus Thomforde - Kingsley Afahene, Dietmar Demuth, Reinhard Kock, Christian Paulick, Jürgen Roloff, Stefan Studer, Helmut Schulte, Andre Trulsen - Hans-Jürgen Bargfrede, Jens Beermann, Jürgen Gronau, Christian Hofmeister, Reenald Koch, Rüdiger Pfeiffer, Dirk Zander - Michael Dahms, Franz Gerber, Fred Klaus, Thorsten Koy, Ronald Lotz, Rüdiger Wenzel - Coach: Willi Reimann


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