Es gibt Fragen,
bei denen wir uns fragen,
warum wir sie noch fragen?

Bezüglich der letzten Jahreshauptversammlung (JHV) stellten sich uns Fragen über Fragen, die wir gerne für uns und Euch beantwortet haben wollten.

Da die Bilanz den Mitgliedern erst kurz vor Beginn der Versammlung zugänglich gemacht wurde, haben wir versucht, die unklaren und (absichtlich?) verschlüsselten Posten in Zusammenarbeit mit dem Verein, Robert Ahrens und der Marketing GmbH aufzudröseln. Wir denken, daß einem zahlenden Mitglied auch das Recht eingeräumt werden sollte und das möglichst detailliert über den Verbleib des Geldes informiert werden sollte. Schließlich handelt es sich um eine Angelegenheit, in der der Verein seinen Mitgliedern - also Euch - gegenüber zur Rechenschaft verpflichtet ist. An unsere Fragen hefteten wir die Bitte, doch die Bilanz schon vor der nächsten JHV zu verschicken (dieser Beschluß wurde vom Präsidium auch so am Abend der letzten Versammlung akzeptiert) und die einzelnen Posten in Zukunft stärker zu differenzieren.

Doch nun zu den Reaktionen: Leider war es in der -zugegebenermaßen- sehr kurzen Zeit für den Verein nicht möglich, die Fülle der Fragen (siehe am Ende des Artikels) zu beantworten. Wir haben dafür natürlich vollstes Verständnis und werden in der nächsten Ausgabe die angeforderten Antworten abdrucken. Diesen Service können wir Euch im Fall von Horst Niewiecki nicht bieten, da dieser sich aufgrund seiner gesundheitlichen Situation nicht zu den Vorfällen äußern wollte. Seine dritte Operation steht im Januar an, für die wir ihm auf diesem Wege alles Gute und baldige Genesung wünschen. Horst teilte uns aber doch noch mit, daß ihn das Ergebnis der letzten JHV (seine Nichtentlastung) sehr enttäuscht habe, insbesondere auch die Person Hans Apel. Blieben also nur noch die Marketing GmbH und der nicht angetretene (bis dahin kommisarisch eingesetzte) Vizepräsident Robert Ahrens über, die bereitwillig und schnell antworteten. Letzterer hielt sich verständlicherweise ein wenig zurück, doch bedenkt man die Situation, in der er sich befand und befindet, ist dieses Ergebnis schon mehr als zufriedenstellend - von hier aus nochmal vielen Dank. Ein ebenso großes Dankeschön geht auch an die Marketing, die durch Götz Weisener die ausführlichste Stellungnahme ablieferte. Aus Platzgründen können wir leider nicht alles abdrucken, werden jedoch versuchen, Euch die Inhalte zusammengefasst zu präsentieren. Und nun haben die eben erwähnten Personen das Wort:Allgemeine Fragen zum wirtschaftlichen Verhältnis zwischen dem FC St.Pauli und der Marketing GmbH:

ÜS: Wie werden die Marketinggelder genau verteilt und welche Partner stehen in welcher vertraglichen Beziehung zueinander?
Robert Ahrens: Das ist auf einer der letzten Jahreshauptversammlungen bekanntgegeben worden.
Götz Weisener: Die Rechtsverhältnisse zwischen dem FC St. Pauli, Heinz Weisener und der Marketing GmbH werden gemäß den Verträgen vom 30.6.95 geregelt. Der Verein überträgt die Werbe- und Vermarktungsrechte (W+V) an Herrn Weisener. Dafür übernahm Herr Weisener einen Großteil der Verbindlichkeiten des Vereins. Der Restteil der Verbindlichkeiten wurde ebenso von ihm übernommen, allerdings gegen Rechte an der Stadionbetriebsgesellschaft, so es denn gebaut wird. In einem weiteren Vertrag werden die W+V-Rechte von Herrn Weisener zur professionellen Verwertung an die Marketing GmbH übertragen.

ÜS: Wer sind die Gesellschafter der Marketing GmbH?
Ahrens: Das ist bekannt.
Weisener: Alleiniger geschäftsführender Gesellschafter ist Heinz Weisener. Der Wirtschaftsprüfer Robert Ahrens hatte übergangsweise die Anteile (Stammeinlage 50.000.-) treuhänderisch gehalten, bis die Rechtsbeziehung endgültig vertraglich geregelt war. (Anm.: Bei Gründung einer GmbH ist ein "Startkapital" von 50.000.- notwendig, um bei einem eventuellen Konkurs wenigstens etwas Bares für die Gläubiger zu haben.)

ÜS: Gibt es ein Beteiligungsverhältnis (z.B. Gewinnabführungsvertrag) zwischen dem Verein und der Marketing GmbH und wenn ja, wie ist dieses vertraglich fixiert?
Ahrens: Hierzu möchte ich nichts sagen.
Weisener: Ein Beteiligungsverhältnis des Vereins an der Marketing besteht nicht, somit auch kein Gewinnabführungsvertrag. Mit Schließung des Lizenzvertrages zwischen H. Weisener und der Marketing GmbH zahlt diese je nach Gewinnlage und Klassenzugehörigkeit an den FC St. Pauli jährliche Lizenzgebühren. Als Berechnungsgrundlage für die Ermittlung der Lizenzgebühren dienten die zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses realisierten Vermarktungserlöse. Wenn es der Marketing gelingt, diese über die Laufzeit zu steigern, muß der Verein und die GmbH daran angemessen partizipieren. Dies dient der Marketing als Leistungsanreiz und verhindert eine reine Werberechtsverwaltung. Die Verträge haben im Ergebnis zum Ziel, daß Heinz Weisener über die Laufzeit von sechs Jahren, das von ihm dem Verein gezahlte Entschuldungskapital über die Jahre sukzessive zurückerhält. Die Marketing hat die Verpflichtung, die ihr anvertrauten Rechte über die Laufzeit zu steigern und in den einzelnen Vermarktungsbereichen professionelle kaufmännische Strukturen aufzubauen, die dem Verein bei Rückübertragung der Rechte einen angemessenen Mehrwert und eine branchenübliche Wettbewerbsfähigkeit zukommen läßt.
Für den Fall des Aufstiegs während der Laufzeit der Verträge, war eine entsprechende Wertsteigerung der Rechte vorgesehen. Dies hat zur Folge, daß die Marketing GmbH verpflichtet ist, an den Verein eine jährliche Mindestlizenzgebühr i.H.v. 1,5 Mio. DM zu zahlen und darüber hinaus einen nach Abzug der erfahrungsgemäß anfallenden Kosten, übersteigenden "Restgewinn" mit dem Verein hälftig zu teilen.
Aufgrund der finanziellen Notlage des Vereins, hat die Marketing GmbH in der abgelaufenen Zweitligasaison bei der Berechnung der Lizenzgebühren zwangsläufig den Erstliga-Fall zur Anwendung gebracht, um den Untergang der Rechte zu verhindern. Sowohl die Anwendung der Erstligaklausel auf die abgelaufenene Saison, als auch der Ansatz der Vermarktungskosten in Form einer Pauschale von TDM 500 bei der Ermittlung der Lizenzgebühren der letzen drei Jahre, haben bislang das Ziel des Vertrages, nämlich die Rückführung des Entschuldungskapitals an den Präsidenten, verhindert.

ÜS: Wie lange bestehen die Vermarktungsrechte am Logo des FC für Heinz Weisener?
Ahrens: Dazu gibt es auch einen Vertrag.
Weisener: Die W+V-Rechte sind bis zum 30.6.2001 übertragen. Es besteht eine Verlängerungsoption um weitere vier Jahre mit geänderten Konditionen zu Gunsten des FC St. Pauli.

ÜS: Wie viele Angestellte sind bei der Marketing GmbH beschäftigt und in welcher Anstellungsform (volle Stellen, Aushilfen...)?
Weisener: Die Marketing GmbH beschäftigt sieben Festangestellte und eine Auszibildene. Desweiteren arbeiten durchschnittlich acht studentische Aushilfskräfte. Das Kartencenter ist hierbei enthalten.

ÜS: Kann ein Vereinsmitglied in die Bilanz der Marketing Einsicht nehmen, wenn ja, wo?
Weisener: Sofern Publizitätspflicht besteht, gibt es Einsichtsmöglichkeiten im Handelsregister. Die Überprüfung der Einhaltung der Verträge und somit der Geldflüsse obliegt den von den Mitgliedern gewählten Kassenprüfern und Aufsichtsräten sowie der Treuhandgesellschaft und dem DFB.

Hier nun noch ein paar Fragen, die nur Herrn Ahrens gestellt wurden.

ÜS: Ist die Lizenzspielerabteilung ein wirtschaftlicher Geschäftsbetrieb?
Ahrens: Sicher, anders ist ein Spielbetrieb im Profifußball nicht möglich.

ÜS: Hat der Verein die große oder die kleine Gemeinnützigkeit?
Ahrens: Die kleine, es gibt nur Durchlaufspenden, die über den Hamburger Sportbund (HSB) laufen.

ÜS: Wie werden die Spieler bilanziert?
Ahrens: Seid dem Bosman-Urteil ist es nicht mehr möglich, Spieler zu aktivieren (in die Bilanz aufzunehmen als Besitzposten). Früher ging das und es war auch für die Bank eine Sicherheit ein Darlehen zu geben. Heute bekommt man ja nur noch selten eine Ablösesumme für Spieler, z.B. wenn ein Spieler aus einem laufenden Vertrag herausgeholt wird.

ÜS: Aus welchen Gründen sind Sie zurückgetreten?
Ahrens: Im April 1998, nach Niewickies Rücktritt, gab es einen Verlust von 3,5-3,6 Mio, der für die laufende Saison abgedeckt werden mußte. Die Bilanz zum 30.6.98 wies ein negatives Kapital von DM 270.000,- auf, nach Auflösung der Berufsgenossenschaftsanteile. Bei Überschuldung wäre dies konkursantragspflichtig, es sei denn, eine Fortführungsprognose, vom Verein aufgestellt, kann darstellen, daß die Schulden abgebaut werden können. Eine Schätzung meinerseits für die Saison 98/99 sah voraus, daß die Verbindlichkeiten weiter zunehmen werden. Unabhängig davon, daß Heinz Weisener die Mittel bis zum 30.6.99 zur Verfügung stellen will, damit nach den Richtlinien des DFB (gesteht den Vereinen ein negatives Kapital von DM 1,19 Mio. zu) die Lizenz erteilt wird, hieße es für den Verein eine permanente Überschuldung. Für mich in der Verantwortung als Wirtschaftsprüfer ist dies nicht tragbar. Eine permanente Überschuldung des Vereins, mit Wissen des Vorstands würde eine persönliche Haftung für diesen nach sich ziehen. Ich als Wirtschaftsprüfer könnte meine Zulassung zur Berufsausübung verlieren.

ÜS: Warum sind Sie erst bei der Jahreshauptversammlung, in letzter Minute, zurückgetreten?
Ahrens: Zunächst einmal, ich hätte gerne weitergemacht. Die Finanzsituation mit und ohne Stadionneubau wurde fortlaufend im Präsidium diskutiert.
Ich war nur kommissarisch als Vize-Präsident eingesetzt. Ich bin für den Vorstand nicht angetreten. Daß ich so kurzfristig nicht mehr kandidierte hat folgende Gründe. Am Mittwoch vor der Jahreshauptversammlung gab es ein Gespräch über die fertiggestellte Bilanz, in der die TRHS Treuhandgesellschaft (Wirtschaftsprüfungsgesellschaft) die von uns vorgelegte Fortführungsprognose über die Zukunft der Vereinstätigkeit anzweifelte, und somit nur ein eingeschränktes Testat für das Sanierungs- und Fortführungskonzept ausstellte. Diese Tatsache bewog mich zum Rücktritt. Ich hatte keine andere Wahl.

ÜS: Sie werden von einigen Fans beschuldigt, das sinkende Schiff zu verlassen, und damit den Verein seinem Schicksal zu überlassen.
Ahrens: Ich habe immer sehr gerne für den Verein gearbeitet und werde auch weiterhin für den Verein arbeiten, wenn es gewünscht wird. Es tut mir sehr Leid, daß meine zurückgenommene Kandidatur so bei den Fans ankommt. Mein Herz schlägt noch immer für den FC St.Pauli.

ÜS: Wären Sie bereit, mit den Fans ein Gespräch zu führen, in dem Sie einige Sachverhalte richtigstellen könnten?
Ahrens: Ja, jederzeit.

ÜS-Anmerkung: Dieses Gespräch fand am 17.12.98 im Fan-Laden statt. Darüber wohl mehr im nächsten ÜS, oder auf der JHV am 29.1.99.

?????

So liebe Leser - nun aber flugs an der Uni für BWL einschreiben lassen! Doch im Ernst, einige Dinge haben uns doch ein wenig verwirrt. Da bleibt ja wohl noch einiges offen! Könnte vielleicht jemand Interesse daran haben, daß der Verein in einer permanenten Überschuldung steht? Vielleicht, um sich selber Unentbehrlich zu machen...? Warum gab es, wie Götz Weisener beschreibt, 1995 Verbindlichkeiten beim FC St. Pauli, die Heinz Weisener auf sich genommen hat. Schließlich spielte der FC doch in Liga 1 und der Zuschauerschnitt lag bei 16.554. "Der Restteil der Verbindlichkeiten 1995 wurde von Heinz Weisener übernommen, allerdings gegen Rechte an der Stadionbetriebsgesellschaft" (O-Ton Götz Weisener). Wie sehen diese Rechte aus und steigen diese prozentual an, je mehr Verbindlichkeiten durch Heinz Weisener beglichen werden? Götz Weisener: "Allerdings schützen alle Kontrollinstanzen nicht davor, den Verein vor einem Desaster zu bewahren, wenn die Ausgaben nicht durch entsprechende Einnahmen am Saisonende abgedeckt werden können." Meint Götz Weisener damit etwa, daß der Verein falsch kalkuliert hat (wie es sich im Fall der sinkenden Zuschauerzahlen bereits abzeichnet)? Natürlich hätten wir diese Fragen gerne noch ausführlicher mit Götz Weisener, der sich als sehr kooperativ erwies, geklärt. Deshalb werden wir ihn im nächsten Heft nochmal zu Wort kommen lassen.

Trotz alledem bleiben noch einige bilanzspezifische Fragen offen, die ihr natürlich gerne auf der nächsten JHV stellen könnt.

Ist es möglich, daß die Mitglieder eine detaillierte Gewinn und Verlustrechnung einsehen können?

Warum wurden die Kosten in der letzten Bilanz in Blöcke zusammengefaßt? Ist eine detaillierte Aufschlüsselung noch Personalkosten, Miete, Betriebskosten etc.. möglich?

In wie weit ist die Rückstellung der VBG-Beiträge in die Bilanz miteingeflossen, gibt es noch Forderungen an die VBG?

Wie setzen sich die zwei Millionen Gewinn der Lizenzabteilung zusammen?

Wie kommen die zwei Millionen Verwaltungskosten zu Stande?

Welchen Anteil am Gewinn haben die Einnahmen aus dem Merchandise-Bereich?

Welche Form von Sachanlagen besitzt der Verein?

Was verbirgt sich hinter dem Sanierungs- und Fortführungskonzept und wie soll es umgesetzt werden?

Woher rührt die Kostenexplosion beim Neubau des Stadions?

Sind die sonstigen Vermögensgegenstände die Forderung an die Berufsgenossenschaft?

Fragen über Fragen...

MiG/hog/ra

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