"Was fällt, muß man nur noch stoßen"

Mit diesen Worten des Philosophen Friedrich Nietzsche hätte Präsident Heinz Weisener die diesjährige Jahreshauptversammlung eröffnen können. Die Mitglieder-Vollversammlung erwies sich als episches Theater im Brechtschen Sinne: Die Aktionen der Protagonisten sollen Verwunderung beim Publikum auslösen. Der Betrachter soll nicht nur konsumieren, sondern auch nach der Vorstellung noch über bewußt offengelassene Fragen diskutieren. Brecht hätte seine Freude an diesem "Stück" gehabt, stehen die Zuschauer danach doch quasi vor dem Nichts. Die Sozialismus-Diva Christa Wolf würde wahrscheinlich versuchen , das Informationsdefizit mit folgender Frage auszumerzen: Was bleibt? Transferiert man den Titel eines ihrer bedeutungsvollsten Werke auf die Situation nach der JHV, müßte es wohl besser lauten: Wer bleibt? Einige bleiben, weil sie das Gefallene wieder aufstellen möchten, andere gehen, weil sie das Fallende nicht aufhalten konnten oder wollten, oder vielleicht doch diejenigen waren, die gestoßen haben.

Der Rattenfänger bleibt St. Paulianer - die feigen Vier verlassen das sinkende Schiff.

Dr. Hans Apel scheint den Grund seiner Agitation in diesem miesen Sprichwort wiedergefunden zu haben. "LŽAufsichtsrat - c'est moi" - diese Zeit ist passé, Herr Apel. Der passionierte Solist hat wieder einmal persönlich in die Flöte geblasen, und Michael Böcken, Georg Kuhr und Hans Grutschus folgten seinen Tönen.

An diesem Abend hat Apel den Mitgliedern nicht nur erneut bewiesen, was für ein starrsinniger Choleriker er ist - nein. Nicht genug, daß er als Aufsichtsratsvorsitzender versuchte, die eigenen Versäumnisse zu leugnen, einen Schuldigen hatte er mit Horst Niewiecki ebenfalls parat.

Zu diesem Thema sei folgendes bemerkt: Nur ein einziges Mal ging Apel im vergangenen Jahr an die Öffentlichkeit. Damals echauffierte er sich über die mangelnden Informationen seitens Heinz Weisener bezüglich das Stadionneubaus. Am Abend der JHV machte er seinem Ärger dann so richtig Luft: "Der Aufsichtsrat wurde systematisch hinters Licht geführt", so seine Anklage gen Weisener und Niewicki. In Teilen mag er damit auch Recht haben, doch muß man mit aller Deutlichkeit die Passivität des Rates anprangern. "Der Aufsichtsrat hat sich mehr oder minder freiwillig hinters Licht führen lassen", wäre wohl die ehrliche Variante gewesen. Sicher, das Präsidium hat gegenüber dem AR eine "Bringschuld", doch wenn jemand wirklich daran interessiert ist, daß er etwas bekommt, dann könnte er es sich doch auch holen, anstatt so lange zu warten, bis es ihm gebracht wird. Im Klartext: Hans Apel und seine Kollegen wurden vielleicht nicht immer mit den nötigen Informationen versorgt, doch haben sie es ganz klar versäumt, diesen Zustand, notfalls auch mit öffentlichem Druck, zu verbessern. Das Gremium hat versagt, und das auf ganzer Linie, und vorneweg war es Hans Apel, der an der finanziellen Situation mitverantwortlich ist. Nicht, weil er sie verursacht hat, sondern, weil er sie nicht verhindert hat. Horst Niewicki habe dem AR bewußt falsche Zahlen vorgelegt, so der Vorwurf Apels. Wie war das mit dem Vertrauen und der Kontrolle. Der AR ist dazu eingesetzt worden, eben diese Zahlen zu kontrollieren. Nur abnicken und sich hinterher zu beschweren ist ein deutlicher Beweis dafür, daß Apel und Co. ihren Aufgaben in keinster Weise nachgekommen sind. Das treffendste Zitat zu diesem Thema lieferte Niewieckis Anwalt Dr. Wolfgang Klein: "Wenn Herr Apel meint, er sei hinters Licht geführt worden, dann muß er das Licht mal anschalten". Dem bleibt eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Apel und seine Gefolgschaft haben sich aus der Verantwortung gestohlen, anstatt die Misere, an der sie Mitschuld trifft, zu bewältigen.

Der Versuch, den Begriff Demokratie neu zu definieren

Der Gipfel des peinlichen Auftritts wurde bei dem Antrag zur Stadionumbenennung erreicht. Um es gleich vorwegzunehmen: Sicherlich sind einige Mitglieder zu diesem Zeitpunkt bereits nach Hause gegangen, aus welchen Gründen auch immer. Aber denjenigen, die dageblieben waren, sich also für diese Abstimmung interessierten, jegliche Form von Stimmberechtigung abzusprechen - das klang schon latent diktatorisch: "Ich lasse mir nichts von einer Minderheit diktieren", so der kollabierende Ex-Politiker. Vielleicht sollte er noch mal erklären, wie die Minderheit auf die Mehrheit der Stimmen kommt und warum ausgerechnet diejenigen, die es für wichtig halten, bei der JHV zu erscheinen, als eine solche tituliert werden. Was ist denn mit den anderen -über 1.500- Mitgliedern. Eine tolle Mehrheit, Herr Apel. Potentiellen Nichtwählern per Urabstimmung mehr Demokratieverständnis zuzugestehen, als anwesenden Mitgliedern, ist verabscheuenswürdig. Ein Zitat zu diesem Thema: "Bis sie ihren Rücktritt an diesen Antrag gekoppelt haben, war ich unsicher, für was ich stimmen werde. Jetzt habe ich keine Zweifel mehr".

Nur noch ein letzter Gedanke zu diesem Mann und seiner Gefolgschaft. Herr Apel hat zu Beginn der Veranstaltung einen Treueschwur abgegeben: "Wir müssen den Karren jetzt gemeinsam aus dem Dreck ziehen". Am Ende trat der AR angeblich wegen einer solchen Lapalie zurück. Selbst nach dem überaus positiven Ergebnis des runden Tisches, an dem Vertreter aus allen Gremien (AgiM, Ehrenrat, Alter Stamm, Amateurvertretung) teilnahmen, hielten die vier an ihrem Rücktritt fest. Es war wohl doch die Mitschuld an der finanziellen Situation, die sie zu diesem Schritt veranlaßt hat. Und wenn man bedenkt, daß Apel sich mit den Worten "Ich habe das nächste halbe Jahr keine Zeit" verleugnen ließ, so kommt man zwangsläufig zu der Frage, wie er mit diesen temporären Problemen den Karren aus dem Dreck ziehen wollte. Um bei Nietzsche zu bleiben: Die vier haben es versäumt, das Fallende aufzuhalten. Und nun, kurz vor dem Aufprall, stoßen sie noch mal kräftig nach. "Ich bleibe St. Paulianer" - warum drohen sie uns weiterhin, Herr Apel?

Die couragierten Drei stellen sich dem Trümmerhaufen

Mit eindeutiger Mehrheit erreichte die AgiM Ihr Ziel: Mit Holger Scharf zog erstmals ein Kandidat der "interessierten Mitglieder" in den Aufsichtsrat, besser gesagt das, was noch davon übrig ist, ein. Natürlich steht Holger nun unter dem Druck, den Leuten, die immer noch behaupten, daß die AgiM mit ihm den Anstifter für Anarchie und Brandschatzung in den Verein geschleust hat, das Gegenteil zu beweisen. Zusammen mit Jens Clauss und Günther Schlichting hat Holger sich dem Chaos, das andere verursacht haben, gestellt. Bis zur nächsten Jahreshauptversammlung (29. Januar) bleibt das Kontrollgremium durch die Rücktritte dennoch handlungsunfähig. Neben Olaf Wuttke, der seine Kandidatur bereits angekündigt hat, wird auch die AgiM nicht unbeteiligt bei der Aufstockung des Rates zusehen, und auch andere Gremien im Verein werden wohl den einen oder anderen Kandidaten stellen. Mitte Januar werden wir mit allen Bewerbern, die sich vorstellen möchten, wieder eine Vorab-Informationsveranstaltung organisieren.

Bei einer Entscheidung saßen dann aber doch noch mal alle Aussteiger, bis auf Apel, an einem Tisch. Heinz Weisener schlug am letzten Tag der Beschlußfähigkeit mit Kassenprüfer Uli Schult einen Kandidaten für den Posten des Vizepräsidenten vor, der sich bestens mit den finanziellen Problemen des Vereines auskennen müßte. Der Gastronom wurde von den Kontrolleuren angenommen, so daß er sich nun im Januar zur Wahl stellen kann. Nietzsche wäre beruhigt zu wissen, das wenigstens einige das Fallende aufhalten und wieder aufrichten wollen.

Bei Insolvenz hört die Integrität auf

Könnte sich auch Wirtschaftsexperte und kommissarischer Vizepräsident Robert Ahrens gedacht haben. Die rechte Hand Weiseners hat rechtzeitig auf der vergangenen JHV erkannt, daß er für das finanzielle Desaster haftbar gemacht werden kann. Weniger rechtzeitig, nämlich am Abend selber, gab er seinen Rücktritt bekannt, weil er angeblich keine Chance sieht, daß sich die finanzielle Situation des Vereines verbessert. So lange Weisener die Schuld noch auf sein Konto nimmt und von selbigem die Millionen überweist, konnte Ahrens nichts passieren. Was aber, wenn Weisener den Hahn zugedreht hätte? Ahrens hätte persönlich und mit seinem Privatvermögen haften müssen. Ein Fakt, der dem Wirtschaftsprüfer wohl ein bißchen zu heiß erschien. Er hat als einer der ersten erkannt, das etwas fällt, doch anstatt es aufzuhalten, rennt er mit den anderen weg. Wenigstens ohne dabei zu stoßen.

Wenn der Vater ohne Söhne

Papas liebstes Kind ist gegangen und mit Wolfgang Helbing rückte allerhöchstens ein Stiefsohn ins Präsidium. "Papa Heinz kann einem nur noch leid tun" - Leute, laßt Euch diesen Satz doch am besten auf ein T-Shirt drucken, schließlich erzählt ihr jedes Jahr das gleiche. "Ich hab auf die falschen Leute gehört", so die jährliche Universal-Begründung Weiseners für die desolate Finanzlage. Aber mit einer kräftigen Ablaßzahlung wird den Kritikern der moralische Maulkorb verpaßt. Wann soll der Verein denn auf eigenen Beinen stehen? Auch dafür immer die gleiche, mittlerweile fadenscheinige Antwort: "Wenn das neue Stadion kommt". Dann aber gute Nacht. Wir sind gespannt, mit welcher nicht einkalkulierten Hürde die Zeit bis zur nächsten ordentlichen JHV überbrückt wird. Oder glaubt jemand von Euch, daß es Umweltverträglichkeitsprüfungen erst gibt, seitdem Heinz Weisener ein neues Stadion bauen will?

Das Geld von Weisener verhindert mal wieder, daß das Fallende ungebremst zu Boden schnellt. Ein wirkliches Aufrichten ist trotzdem nicht zu erkennen.

Die Redaktion

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