|
Von Tälern und Schluchten Ein bunter Heimatabend mit Finanzlöchern und Generationsgräben
Wer gedacht hatte, die Jahreshauptversammlung 1997 hätte schon alle Möglichkeiten der Rißbildung im Verein ausgeschöpft, sah sich an diesem 30.10.1998 schwer getäuscht. Ich will nun hier Wollen wir also zunächst einige positive Aspekte, die am Beginn der Versammlung lagen, kurz erwähnen. Zum Einen hat, wie im letzten Jahr gefordert, Karsten Marschner dankenswerterweise die Aufgabe übernommen, als Moderator durch den Abend zu führen, und hat dies mit bewundernswerter Ruhe und Sachlichkeit bis zum Ende hervorragend gemeistert. Übrigens sind zunächst immerhin 480 stimmberechtigte Mitglieder anwesend, diese Zahl sollte aber im Laufe des Abends noch rapide sinken, was an den diversen Wahlresultaten und Abstimmungsergebnissen abzulesen ist. Nach den üblichen anfänglichen Mikroproblemen wurde der Antrag gestellt, die Protokolle der letzten JHV und die Bilanz demnächst zwecks genauerer vorheriger Prüfung bereits mit den Einladungen zu verschicken, anstatt sie lediglich am Abend auszulegen. Dies wird "so vom Präsidium übernommen". Warten wir's ab. Auch die obligatorischen Ehrungen wurden noch recht souverän gemeistert, stellvertretend für den erfolgreichen Jugendbereich wurden die letztjährige A-Jugend (in Person von Kapitän Frank Dröge) und die C-Jugend ausgezeichnet, und auch das Prunkstück des Vereins, das Damen-Rugby-Team (nach der deutschen Meisterschaft '95 dieses Jahr zum wiederholten Male Vize geworden), wurde bedacht. Ebenfalls mit einer silbernen Ehrennadel wird Jugendleiterin Schnell versorgt, was einen etwas vorwitzigen Zeitgenossen zu dem Ausspruch "Mutter Schnell hängt an der Nadel" nötigt, das aber nur nebenbei. Der Bericht der Amateurvertretung konnte im Gegensatz zum Vorjahr heuer verlesen werden, und zwar vom Vorsitzenden Rummelhagen höchstselbst. Finanziell sieht's überall, bis auf den Fußballbereich, ziemlich mau aus, hinzu kommen auch noch, hauptsächlich wohl atmosphärische Probleme mit der Geschäftsstelle; die Anerkennung der ehrenamtlichen Tätigkeit Vieler im Amateurbereich und der allgemein bessere und respektvollere Umgang miteinander wurden von ihm eingefordert. So, das war dann also die etwas laue Warmlaufphase, nun wurden Tempo und Temperamente deutlich forciert: Der Präsident schritt zur Tat und zum Pult und verkündete (bzw. Robert Ahrens Uups!! Geweitete Augen und fragende Blicke machten die Runde, aber das war ja noch laaange nicht alles. Robert Ahrens stellt zwar klar, daß der Verein "zu keinem Zeitpunkt zahlungsunfähig war", für das laufende Geschäftsjahr werden aber wieder bis zu 3,5 Mio. DM Verlust erwartet (bei den momentanen Zuschauerzahlen wohl eher noch mehr...), Präsi Weisener wird zwar, wie üblich, die Lizenz für die kommende Saison sichern (Zitat Weisener: "Es hat schon schlimmere Zeiten gegeben"), aber "wir sind zu keiner positiven Fortsetzungsprognose unter den jetzigen Bedingungen gekommen"! Was zur Folge hat, daß Ahrens seine Kandidatur für das (bisher kommissarisch ausgeführte) Vizepräsidentenamt niederlegt, was auch und gerade mit seinem Beruf als Wirtschaftsprüfer zu tun hat. Weisener sieht dann im berühmt-berüchtigten Stadionbau wieder mal die einzige Möglichkeit einer positiven Zukunftsprognose. Wie stand doch in unserer allwissenden MoPo vom selben Tage geschrieben? "Einige Indizien sprechen dafür, daß Heinz Weisener heute abend den Spatenstich verkünden wird". Nun, es war wohl mehr ein Stich ins Herz derjenigen, die noch immer an den Stadionbau glauben bzw. bis dahin geglaubt hatten, denn "der Bau kann zur Zeit nicht verbürgt werden", der ca. 47. Baubeginnstermin lautet nun Sommer 1999. Neuer Grund für die Verzögerung ist, neben den angeblich ca. 10 Mio. DM fehlenden Kapitals, eine Umweltverträglichkeitsprüfung, welche für die Erteilung der Baugenehmigung erforderlich ist, diese soll dann wohl im Frühjahr `99 vorliegen. Wer's (immer noch) glaubt... Dann war es endlich soweit, unser aller Liebling, Aufsichtsratsvorsitzender Hans Apel, betrat die Bühne und haute noch mal kräftig oben drauf. Unter anderem konnten folgende Zitate von ihm notiert werden: "Der Aufsichtsrat ist hinters Licht geführt worden, und zwar systematisch", "Ex-Schatzmeister Niewicki hat uns immer wieder von ausgeglichenen Bilanzen erzählt", "Als er im März `98 zurücktrat, hatten wir keine Chance mehr", "Man sollte sich vorbehalten, rechtlich gegen ihn vorzugehen" und dann als dramatisches Ende "Wenn wir jetzt nicht alle zusammenhalten, dann holt uns der Teufel". Wie er selber dieses Zusammenhalten interpretiert, dazu später mehr. Jedenfalls machte Apel genügend Stimmung gegen Niewicki (ob nun berechtigt oder nicht, vermag ich nicht zu beurteilen), was bei der daraufhin folgenden Abstimmung dazu führte, daß dem ehemaligen Schatzmeister als einzigem die Entlastung verweigert wird, und zwar mit 231 Nein-Stimmen bei 89 Enthaltungen und 8 Ja-Stimmen. Präsident Weisener wird die Entlastung bei 22 Gegenstimmen und 13 Enthaltungen ebenso gewählt wie Robert Ahrens (und damit gleichzeitig auch noch dem ehemaligen Vize Christian Hinzpeter), der 14 Gegenstimmen und ebenfalls 13 Enthaltungen verbuchen konnte. So, einen Vizepräsidentenkandidaten hatten wir ja glücklicherweise noch übrig, und Ex-Aufsichtsratsmitglied Wolfgang Helbing wurde somit auch relativ deutlich mit 307 von 388 Stimmen gewählt, das war also immerhin geschafft. Ein zweiter Vizepräsident soll auf einer außerordentlichen JHV am 29.01.1999 (ebenso wie die im Laufe des Abends abhanden gekommenen Aufsichtsratsmitglieder) nachgewählt werden. Und weiter mit den Wahlen, der nunmehr vakante Platz von Helbing im Aufsichtsrat wollte ja auch wieder besetzt werden. Zunächst aber trat Guntram Uhlig angesichts der Finanzkrise von seiner Kandidatur zurück, da er nun weiter in seiner Funktion als Kassenprüfer wirken möchte. Und so war der Weg frei und Holger Scharf wurde mit 232 Stimmen und einem Jahr Verspätung in den Aufsichtsrat gewählt. Tonny Burggraaf durfte sich immerhin über 80 Stimmen freuen, und der sich spätestens durch seine wirre Vorstellungsrede selbst disqualifizierende Hans-Wolfgang Ritter hatte trotzdem noch 48 Mitglieder überzeugt. Tosender Jubel brandete auf, Holger nimmt die Wahl an und fordert sofort alle auf, ihn zu unterstützen, aber auch ständig zu hinterfragen. So, und dann waren da ja noch (lt. Tagesordnung) "aus früheren Versammlungen vorliegende Anträge" (vgl. hierzu auch ÜS Nr. 30). Zunächst hatten wir ja noch das Konzept der AGiM zur Werbung neuer passiver Mitglieder (pM). AgiM-Sprecher Uwe Doll stellte dann das vor, was noch vom Ursprung übriggeblieben war, denn ein Jahr Gespräche und Verhandlungen mit den Gremien dieses Vereines (vor allem der Amateurvertretung) hatten ihre Spuren hinterlassen. So bleibt der Beitragssatz bspw. nun doch bei 18,- DM. Bei mehr als 100 km Wohnortentfernung vom Millerntor wird dann grundsätzlich der ermäßigte Preis von 9,- DM. Bei der Marketing wird den pM ein Rabatt von 10 % gewährt, ebenso wird es spezielle Merchandise-Artikel für Mitglieder geben, das bereits bestehende Vorkaufsrecht für Dauerkarten bleibt natürlich bestehen. Und schließlich kann für 1.910 Euro eine lebenslange Mitgliedschaft erworben werden. Die Kampagne zur Gewinnung neuer pM soll dann im Sommer starten. Wie Ihr seht nicht gerade das, was wir uns so vorgestellt hatten, ging dafür aber auch fast einstimmig durch. Vielleicht aber ist das Modell "Supporters Club" doch für die Zukunft die beste Lösung, wir werden sehen. Das aber war ja eher eine Verschnaufpause, denn als hätte der Abend nicht schon genug aufgewirbelt, war ja noch die Sache mit der Stadionumbenennung auf dem Programm. Zwei Anträge standen hierüber zur Abstimmung. Zunächst der Ursprungsantrag vom letzten Jahr, den Ronny Galczynski etwas aktualisierte und mit dem Umbenennungstermin Saisonbeginn 99/00 wiederum zur Abstimmung stellte, sowie ein Antrag auf sofortige Umbenennung, der von Mirko Wollenberg eingebracht wurde. Doch dann passierte das, was niemand, auch und gerade nicht die Antragsteller, geahnt und gewollt hatten. Viele der (hauptsächlich) älteren Mitglieder fühlten sich wohl persönlich angegriffen (was im Falle des Ehrenratsvorsitzenden Harald Stender wohl auch tatsächlich verbal geschehen ist). Um es nochmals klarzustellen, es geht keinesfalls darum, die unbestreitbaren Verdienste Wilhelm Kochs um den FC St. Pauli in irgendeiner Weise zu schmälern. Auch sollen mitnichten die Ergebnisse des Gutachtens von Prof. Bajohr und (ex)-Aufsichtsratsmitglied Hans Grutschus, welches relativ deutlich darlegt, daß die Vorwürfe, die im letzten Jahr zu diesem Antrag führten, in den meisten Punkten widerlegt sind, beiseite gewischt werden. Und ganz besonders sollen die älteren Mitglieder, die nach dem Krieg den Verein wieder aufgebaut und in seine sportliche Blütezeit Ende der 40er geführt haben, bestimmt nicht aus dem Verein vertrieben werden. Es geht einzig und allein um den feststehenden Fakt, daß der Namensgeber unseres Stadions (unabhängig von der Person) von 1937 bis 1945 Mitglied der NSDAP war. Punkt! Nicht mehr, aber auch nicht weniger! Die Abstimmung zur sofortigen Umbenennung ging jedenfalls mit 112:114 Stimmen denkbar knapp verloren, nun aber hatte wieder einmal Hans Apel seinen großen Auftritt. Für den Fall der Annahme des zweiten Antrages kündigte er (und die Herren Grutschus, Böcken und Kuhr) seinen Rücktritt aus dem Aufsichtsrat an, die Wellen schlagen hoch, die Stimmung wird erhitzter, Worte wie "Erpresser" fallen und Apel versucht durch Störungsanträge, die aber alle abgelehnt werden, das Chaos noch zu vertiefen. Trotz oder zum Teil sicher auch wegen seiner Versuche, sich "peinlich und billig aus der Verantwortung zu ziehen" (Zitat Scharf), wird der Antrag mit 133 Ja-Stimmen gegen 72 Nein-Stimmen bei 20 Enthaltungen angenommen. Das W.K.-Stadion heißt nun also ab Beginn der nächsten Saison auch offiziell so, wie im "Volksmund" eh schon immer: Millerntor-Stadion. So, dann war es mittlerweile 0:30 h geworden und die Versammlung beendet. Einigen, wohl vor allem erst kürzlich eingetretenen Mitgliedern, sollte übrigens dringend bis zum Januar klarwerden, daß dies eine verdammt ernste Veranstaltung ist, Tüten voll Dosenbier hier völlig fehl am Platze sind und eine gewisse Form von Respekt anderen Mitgliedern gegenüber (v.a. auch denen, die sich seit Jahrzehnten ehrenamtlich in den verschiedensten Funktionen für den Verein den Arsch aufreißen) unbedingt geboten ist! Danke im voraus! Was aus diesem Abend dann noch so alles erwuchs, dürft Ihr nun auch noch gerne nachlesen. thomas |
|
Titelseite dieser Ausgabe |
|