VERWALTUNGSBERUFSGENOSSENSCHAFT
EIN MONSTERWORT PEINIGT DIE FUSSBALL-LIGEN

Schon seit fast genau einem Jahr plagen sich die 108 Fußballvereine der 1. bis 3. Liga ernshaft mit den finanziellen Forderungen der Verwaltungsberufsgenossenschaft (VBG).

Diese hatte ihre Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung im Herbst 1996 rückwirkend zum 1. Januar 1995 um 700 Prozent (!) erhöht. Insgesamt hätten die Vereine weit mehr als 200 Millionen Mark für die Jahre 1995 bis 1997 an die VBG zu zahlen. Eine Summe, die insgesamt schon schwindelerregnde Dimensionen angenommen hat, einzelne Clubs aber, insbesondere die der Regionalliga (immerhin 72 an der Zahl), mit Sicherheit in den Ruin treiben würde. Daher verhandelte der DFB seit mehr als zwei Jahren mit der VBG, um eine Reduzierung dieser Summe zu erreichen. Heraus kam ein Kompromiß, der eine Gesamtsumme von nur noch 85 Millionen Mark vorsieht. Hiervon sollen angeblich allein die beiden Profiligen 70,5 Millionen tragen, um explizit den Regionalligisten finanziell unter die Arme zu greifen. Der DFB seinerseits hat sich gegenüber der VBG dazu verpflichtet, die Gelder von den Vereinen beizutreiben. Allein die Kosten für den Verwaltungsaufwand lassen sich so um rund 80 % verringern. Die Regionalligavereine müssen in Zukunft nur noch die tatsächlich anfallenden Kosten plus einem 20prozentigen Zuschlag für administrative Leistungen der VBG bezahlen. Ab 1999 müssen alle Vereine ihre Beiträge wieder selbst bezahlen. Das größte Problem ist jedoch, daß nicht alle Clubs bereit sind, sich dieser Kompromiß-Lösung zu unterwerfen. Doch das gesamte Vetragspaket funktioniert tatsächlich nur dann, wenn alle dem Ergebnis zustimmen. Für den Fall eines Scheiterns hat die VBG bereits angedroht, auf die alten Beitragsbescheide zurückzugreifen, was unwiderruflich ein Massensterben von Zweit- und Drittligisten, wenn nicht sogar einiger Erstligisten, bedeuten würde. Der DFB hat deshalb bereits angekündigt, bei Zahlungsverweigerung, die über ihn laufenden TV-Gelder sowie den Anteil an der Zentralvermarktung einzelner Vereine einfach einzubehalten, um die Kosten für die VBG so auf perfidem Weg zu kassieren. Dem SC Norderstedt fehlen, nach eigener Aussage, bereits DM 150.000 für den aktuellen Etat, weil ihm die genannten Gelder für die Jahre 1998 und 1999 bereits gesperrt wurden. Fakt ist, daß auf den 30.9. vereinbarte Erklärungsfrist mittlerweile abgelaufen ist und es immer noch ein paar Clubs gibt, die ihre Zahlung partout verweigern. Hierzu gehören neben Kickers Offenbach und dem FC Remscheid auch die drei Nord-Regionalligisten Kickers Emden, VfB Lübeck und der VfB Oldenburg. Eine Ausnahmestellung nimmt der Ex-Drittligist VfL 93 ein, der derzeit in der Verbandsliga kickt, aber dennoch für die vergangenen Jahre an die VBG zahlen soll. Die Winterhuder führen darum auf eigene Faust einen Prozeß gegen die Forderungen der Spieler-Krankenkasse. Besonders krass wird es in jedem Fall die Emdener treffen. Die finanziell angeschlagenen Ostfriesen sollten nach den ursprünglichen VBG-Forderungen weit mehr als eine Million Mark zahlen, beim Kompromiß würde sich diese Summe lediglich auf 635.000 Mark reduzieren. "Auch das können wir nicht bezahlen", erklärte Präsident Engelbert Schmidt. In Emden wird inzwischen sogar überlegt, das Stadion zu veräußern. Und Jürgen Springer, Geschäftsführer in Lübeck, moniert, daß die "Aufstellung der VBG nicht stimmt". Daß beispielsweise der Traditionsverein Hessen Kassel, gerade auch wegen der hohen Forderungen der VBG, Konkurs anmelden mußte und der Wuppertaler SV nun gerade mal eben den Kopf aus der Schlinge der VBG-Forderungen ziehen konnte, sei hier nur am Rande erwähnt.

PROBLEME VOR ORT

"Wenn wir das nicht machen, sind wir pleite", so wollte uns der damalige Schatzmeister des FC St.Pauli, Horst Niewicki, den Umzug für ein paar Spiele (Bayern, Dortmund, Rostock und HSV) in das geliebte Volksparkstadion schmackhaft machen. Begründet hatte er sein unseriöses Anliegen im Juli 1996 mit den rapide gestiegenen Beiträgen für die VBG. Drei Millionen Mark jährlich mehr müßte unser FC an die Berufsgenossenschaft abführen. Bereits damals zweifelten viele an der enormen Summe und empfahlen dem Präsidium, sich gerichtlich gegen die Forderungen zu wehren. Heute wissen wir, daß die Spielverlegungen nicht nur wesentlich zum Abstieg von St.Pauli beigetragen haben, sondern auch, daß die regelmäßig gezahlten Gelder an die VBG zur absoluten Verzerrung des Wettbewerbs geführt haben. "Für 1995 und 1996 haben wir jeweils 1,7 Millionen Mark bezahlt", erklärt der kommissarische Vize-Präsident Robert Ahrens. Und damit wird es sicherlich, vorausgesetzt der Vertrag zwischen DFB und VBG hat Bestand, zu einer satten Rückzahlung an unseren Verein kommen. Vielleicht ein paar Mark, um einen hungrigen Spieler zu verpflichten, der ein wenig die derzeitige Lethargie aufbricht; wäre schön. Allerdings zögert unser Club, der statt der bisherigen 400.000 Mark zukünftig jahrlich ca. 2 Millionen D-Mark blechen soll, noch mit seiner Vertrags-Einwilligung, weil er -zurecht- kritisiert, daß man selbst gespart hat, um die VBG-Beträge bezahlen zu können, während andere Vereine "sich nicht um die Zahlungsaufforderung gekümmert und weiter eingekauft haben" (taz). Dies könnte, formuliert Ahrens zurückhaltend, durchaus zu einer krassen Wettbewerbsverzerrung geführt haben. Na, immerhin sind keine finanziellen Nachforderungen zu erwarten.

DAS PROBLEM

Bis Ende 1997 wurden alle Mitglieder eines Vereins, von der Schreibkraft über den Platzwart bis hin zum Mittelstürmer, bei der VBG in der gleichen Gefahrenklasse geführt. Dies ist seit Januar 1998 anders: Die einzelnen Vereinsmitglieder werden, entsprechend ihres Gefährdungspotentials, in verschiedene Versicherungskategorien eingestuft.

Ein weiteres Problem: Nur ein Prozent der VBG-Mitglieder, zumeist Erstliga-Kicker, beanspruchen 75% der Leistungen der VBG. Immer häufigere Verletzungen haben die Kosten für Verletzungsgeld, Rehabilitation, Umschulung und Invaliditätsrente explodieren lasen. Auch wenn dies unstrittig ist, werden die niederklassigen Clubs benachteiligt. Der Grund ist die Bemessungsgrundlage, nach der bis zu einem Brutto-Gehalt von 144.000 Mark rund 38% an Prämie zu zahlen sind, maximal also gut 55.000 Mark. Demnach zahlt ein Profi, der durchaus ein paar Millionen Mark verdienen kann, keine Mark mehr als ein gut bezahlter Kicker aus dem Amateurbereich. Ein Witz! Die derzeitige Berechnung der Beiträge hat also mit dem vielbeschworenen Solidarsystem nichts mehr zu tun. Und die Erfahrungen der VBG belegen, daß die Behandlung eines Profis viermal teurer ist als die eines Regionalligaspielers. Außerdem besteht der Verdacht, daß bei den Profis Leistungen höher abgerechnet oder schon bei Bagatellfällen in Anspruch genommen werden. Die DFB/VBG-Verhandlungskommission geht sogar davon aus, daß es unter den Profiklubs einige "schwarze Schafe" gibt, die "über Jahre hinweg konstant Kosten in Höhe von über einer Million Mark" abrechneten, während die Mehrzahl der Clubs nur einen Bruchteil der Summe in Anspruch nimmt.

Gerhard Mayer-Vorfelder (DFB-Ligaausschuß-Vorsitzender) weiß Rat: "Der Profifußball gehört aus dieser Solidaritäts-Versicherung herausgenommen und in eine private Versicherung. Spieler mit Gehältern in Millionenhöhe haben in einem sozialen System der bisherigen Strukturen nichts mehr verloren und private Vorsorge zu treffen". Und auch der DFB sucht nach einer grundsätzlichen Regelung für die Profi-Kicker: "Das ist eine Personengruppe, die eigentlich dafür prädestiniert ist, sich selbst zu versichern".

P.S. Letzte Meldung vom 23.10.: Der DFB hat die VBG um Aufschub bis Ende Oktober gebeten.

ro.

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