Players Corner
heute mit:
Markus Lotter
Hier die erste Frucht der beiden Diskussionsabende "Enttäuschte Fans treffen enttäuschende Profis" - oder umgekehrt?!
Vorab ein Dankeschön an die Redaktion des Übersteigers für die Bereitstellung von Raum für meine geistigen Ergüsse.
"Männer, Tore, Siege", so der Titel einer Schallplatte, die mittlerweile in den Besitz des Fan-Ladens übergegangen ist. Drei Worte, die gut 20 Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen dieses Tonträgers wohl niemand mehr unmittelbar bei dem Stichwort `Fußball` assoziiert und deswegen wohl kaum noch erste Wahl bei der Gestaltung eines Covers sein dürften. Dann schon eher "Millionäre, die `Null` muß stehen, das Saisonziel revidieren - oder für potentielle Absteiger: Saisonziel verpaßt!" Anscheinend ist auch der Fußball-Wortschatz in Deutschland wie der Sport selbst nicht von einem Wandel verschont geblieben, hat im Laufe der Zeit enorm an Komplexität gewonnen und dagegen an Einfachheit und Unmittelbarkeit verloren.
So ist der Fußball "wirklich nicht mehr das, was er einmal war" (Werbung eines Automobilherstellers), kann es aber auch nicht mehr sein.
Die Gründe für diese in vielen Augen bedauerliche Entwicklung des allseits geliebten Sports in unserer BRD sind vielfältig und an anderer Stelle hinreichend diskutiert worden. Die Frage, wer nun von Medien, Wirtschaft, Profis oder sogar Fans die Hauptschuld dafür trägt, sei dahingestellt und ist auch nur schwer zu beantworten.
Kurz und gut: Immer mehr Geld ist im Spiel, und das ist aufgrund der deutschen Mentalität der Nährboden für Mißgunst, Erfolgsdruck, Prominenz, Angriffe auf die Privatsphäre, für Trägheit, Hochmut usw. Nur im Erfolgsfall sterben diese negativen Begleitumstände für kurze Zeit, schaffen aber nach ihrer Reanimation in/durch sich selbst ein neues Ausgangsniveau.
Bei unserem FC St. Pauli hatte man sich dieses einfache Vokabular jahrelang bewahrt, spielten die Finanzen keine Hauptrolle. Dank außerordentlicher Strukturen sowohl im Verein als auch im Umfeld, dank leidenschaftlicher Fans und durch all dies infizierter Spieler war man nahezu autonom und geriet nicht in die Mühlen der Zeit. Aber diese natürlich gewachsene Ausnahme des deutschen Fußballs ist ins Alter gekommen, hat Schwachstellen bekommen, die v.a. im Mißerfolg unwillkürlich zutage treten.
Typische Symptome: Mancher Fan - diesen Entwicklungstendenzen scheinbar ohnmächtig gegenüberstehend - flüchtet sich von Sehnsucht erfüllt in die guten, alten Zeiten; schüttet seine verbliebene, kindliche Freude aus seinem Rucksack und füllt diesen mit lähmender Wehmut, vielleicht auch schon mit Ärger und Neid.
Wir Spieler, nicht frei von Eitelkeiten, entziehen uns aus sinnlosem Selbstschutz der gesellschaftlichen Verantwortung, vergessen allzu leicht, daß insbesondere am Millerntor Profi immer noch von Profession abgeleitet wird und nicht wie vielerorts von Profit und Profilneurose.
So gerät der Mythos aus Mangel an gesundem Unterbau ins Wanken.
Das einfachste und dümmste wäre jetzt zu kapitulieren und sich den Gesetzmäßigkeiten einer solchen Entwicklung tatenlos auszusetzen, das Tempo dieses Tagesgeschäfts ohne Widerspruch anzunehmen. Die Folge wäre langfristig eine Mutation des FC St. Pauli zu einem Verein der Mittelmäßigkeit, ohne Gesicht, nur mit sagenumwobener Vergangenheit und ohne vielbeachtete Zukunft.
Doch ich bin zuversichtlich, daß der jetzige Kader und die Fangemeinde über Persönlichkeiten mit genügend geistigem Potential, Bereitschaft und Energie verfügen, um eine baldige Genesung herbeizuführen, ja sogar den entscheidenden Impuls zu geben.
Also Schluß mit unfruchtbarer Kritik und Interpretation, sondern Mut zur Veränderung, zur Schaffung eines modifizierten Mythos ohne Zwang, um den uns Fußball-Deutschland erneut beneiden wird.
Ohne Zweifel ein hehrer Wunsch und bestimmt kein leichtes Unterfangen, eine Nische für dieses Projekt in diesem System Wirtschaft - Gesellschaft - Sport zu finden.
Aber es handelt sich nicht um eine Utopie, die ich hier äußere.
Die Players Corner als erster kleiner Schritt
Markus Lotter
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