VOM ANFANG DES ANTIFASCHISMUS BEI ST.PAULI

Die Reaktionen nach dem 1.Mai und zuletzt dem Derby waren in der St.Pauli Fan-Szene recht ähnlich. Ein allgemeines Motzen und Jammern setzte ein, ob der rechten Schlägerbanden die sich an beiden Tagen (fast) unbedrängt auf dem Kiez vergnügen konnten. Die Ereignisse wurden dabei als "Unfall" und Eklat in der Szene betrachtet; und es wurde ermahnt, doch schnell wieder zum "Normalzustand" zurückzufinden, denn St.Pauli-Fans sind anders: antifaschistisch, bunt, laut, avantgardistisch, lustig, links-alternativ und immer aktiv, wenn es um Belange über den reinen Fußball hinaus geht.

Damals...

Über den "Mythos St.Pauli" ist in der letzten Zeit ja ausreichend geschrieben worden, das soll an dieser Stelle nicht noch einmal aufgerollt werden. Was aber als Essenz aus der gesamten Diskussion hervorging, hat sich jetzt an den beiden Terminen in der Praxis bestätigt. Der FC St.Pauli ist nicht mehr das, was er einmal war, und auch die Fans des Clubs nähern sich dem gemeinen Fussballfan eines "ganz normalen" Vereins immer mehr an. Dieses müssen jetzt endlich auch die letzten Menschen kapieren und einsehen, daß man mit den Kriterien von vor zehn Jahren an das Umfeld von heute nicht mehr herangehen kann! Wenn man ehrlich ist, sah die Situation damals auch nicht so paradiesisch aus, wie sie heute allzuoft dargestellt wird. Auch damals standen keine 20.000 aktiven, linksbewegten und alternativen Fans am Millerntor, die Gewehr bei Fuß standen, sobald es galt, gegen böse Menschen vorzugehen. Es war auch nur ein Kreis von einigen wenigen tausend Menschen, die begannen, sich über den reinen Sport hinaus Gedanken zu machen und politische Inhalte in die Stadien zu tragen. Sie schafften es schnell, das Bild eines kleinen "anderen", sympathisch-chaotischen Vereins zu zeichnen, welches von den Medien so dankbar aufgegriffen wurde ( zumindest das chaotische Element konnte sich unser Club ja bis heute erhalten) . Die linke Hegemonie, die damals im Stadion und rund herum geschaffen wurde und bis heute formal erhalten wurde, ließ St. Pauli als den linken Verein bekannt werden und drückte allen Besuchern, vom letzten Nordkurven-Proll bis tief in den Kuchenblock, ihren Stempel auf.

Sie sind St.Pauli-Fans, also sind sie links. Bedeutet, schwarze Spieler wurden nicht mehr beleidigt, Nazis sind doof, die Hafenstraße muß bleiben und wir feiern die Mannschaft frenetisch, auch wenn es mal wieder eine 0:6-Heimpleite gab. Und Ende ! Meiner Ansicht nach - und ich denke die meisten werden mir da zustimmen- ging es bei einem Großteil über dieses Niveau nie hinaus und die Impulse gingen immer von einer (relativ) kleinen Gruppe aus. An dieser Gruppe lag und liegt es, den "Mythos St.Pauli" mit Inhalt zu füllen.

...war alles besser...

Daß es schwer ist, dieses Niveau zu halten und über Jahre hinweg immer wieder neue Inhalte und Impulse zu geben, dürfte allen klar sein. Trotzdem haben sich viele jahrelang reingekniet und dabei auch beachtliche Erfolge erzielt (Fan-Laden, BAFF etc.). Aber mit den Maßstäben von damals an die Verhältnisse heran zu gehen, ist realitätsfremd und ignorant. Also an alle die es noch immer nicht gemerkt haben: auf den Dächern der Hafenstraße tanzen keine Schwarzvermummten mehr, nicht jeder, der die Grünen wählt, muß zwangsläufig einen terroristischen Hintergrund haben, und die Zahl der Rassisten und Faschisten hat in den letzten Jahren auch nicht abgenommen. Die Gründe hierfür sind vielfältig und an dieser Stelle kaum zu erörtern, der allgemeine, weitere Verfall der Linken ist aber Fakt und muß im Zusammenhang mit den Ereignissen rund um unseren Verein gesehen werden. Alles andere wäre naiv. Während um uns herum alles Linke und Alternative zerfällt, sich auflöst und dem Zeitgeist unterwirft, bleibt bei St.Pauli alles so wie es früher war und in den Medien beschworen wird. Schön wär's! Aber so ist es nicht . Auch der FC St.Pauli hat seinen Niedergang erlebt und das schleichend, fast ohne Wendepunkte und prägnante Ereignisse. Erst jetzt, durch die letzten Vorkommnisse wurden wir mit der Nase hart darauf gestoßen.

...ohne Nazis!?...

Mußten die Fans des FC St.Pauli irgendwann in den letzten Jahren ihren Ruf- speziell den des Antifaschismus- unter Beweis stellen? Ins Station gehen, Bier trinken, Fußball gucken und "Nazis raus!" schreien, wenn sich irgendwelche Ost-Hools mit den Bullen schlugen oder gar ein bengalisches Feuer entzündeten. Das war es doch für die Meisten.

Auf Auswärtsfahrten wurden St.Pauli-Fans oft von örtlichen Fascho-Hooltruppen bedroht, aber was soll's? Betroffen waren ja ohnehin nur ein paar wenige St.Pauli-Fans; und die sind ja bekanntlich friedlich und jeder, der zurückschlägt, ist selbst ein Hool. Die Ereignisse von Rostock hätten hier sicher eine Zäsur darstellen können, zeigten sie doch, daß jeder St.Pauli-Fan einen Umgang mit diesen Typen finden muß und das Fußball und Politik -zumindest bei St.Pauli- nicht zu trennen sind. Doch als Reaktion auf die Angriffe gab es nur ein paar neue Haßgesänge gegen Hansa Rostock und bei vielen wohl die stille Übereinkunft, ab sofort den Ostboykott wieder aufzunehmen (schon mal daran gedacht, ob der jüngsten Ereignisse das Millerntor zu boykottieren?). Schon damals hätten wir uns mit allen Anhängern über unsere Rolle und unser Handeln als linke und antifaschistische Fussballfans auseinandersetzen müssen. Haben wir aber nicht, wie uns der 1.Mai so grausam demonstriert hat.

...doofe Fans???...

Im Publikum finden sich heute auch andere Menschen als noch vor zehn Jahren. Zwar ist nicht der komplette Anhang ausgetauscht worden, aber recht viele fanden erst durch den "Mythos" Millerntor hierher, ohne alle Facetten des selbigen für sich übernommen zu haben (siehe Modefandebatte). Die "Paadie" am Millerntor stand dabei im Vordergrund, ein bißchen "links" und "anders" sein wurde akzeptiert und als Titel ohne echten Inhalt getragen. So können wir uns über die Nazis-was-ist-das-Reaktionen der vergangenen Zeit kaum wundern. Bei diesen Anhängern unseres Clubs ist dieses antifaschistische Bewußtsein, die gesellschaftliche Erkenntnis und die daraus resultierende Bereitschaft zum Handeln definitiv nicht vorhanden. Und ständiges Motzen und verzweifeltes Appellieren wird daran nichts ändern.

Aufgabe der etablierten Fanszene und organisierten Gruppen muß es jetzt sein, unsere ursprünglichen Werte und Grundsätze in das Umfeld zurückzutragen und sie wieder der breiten Masse zugänglich zu machen, und wenn es bedeutet, noch mal eine Million "St.Pauli gegen rechts"-Aufkleber zu verkleben. Wir müssen nicht bei Null beginnen, aber voraussetzen kann man zur Zeit wirklich nicht viel. Es muß klargemacht werden, daß diese Nazis keine harmlosen Spinner sind, nicht nur besoffene Hools, die hinter einer doppelten Bullenkette rumwüten. Hinter diesen Ereignissen steht eine gesellschaftliche Tendenz, eine politische Entwicklung, die über den Fußball hinausgeht. Wenn wir gegen diese Menschen effektiv vorgehen wollen, müssen wir selbst über den Sport hinaus ins Politische! Wir müssen Stellung beziehen und uns im Zweifelsfall bei einigen Menschen unbeliebt machen ( im schlimmsten Fall sogar bei "Papa Heinz" ). Es muß klargemacht werden, daß Rassismus und Neonazismus keine Phänomene sind, die am Samstag nachmittag auftreten und den Rest der Woche wieder verschwinden. Es ist keine Krankheit, die man sich in asbestverseuchten, ostdeutschen Plattenbauten holt, und die hochdeutsch sprechende Menschen sowieso nicht befallen kann.

Seitdem seltener die Flüchtlingsheime in Deutschland brennen und es keine Lichterketten mehr gibt, ist das Thema "Rechtsradikalismus" aus den Köpfen der Deutschen wieder verschwunden. Erst pünktlich zur Bundestagswahl kehrt es zurück und die Verwunderung, wieso die Nazis plötzlich so viele sind, ist groß. All dieses hat in Deutschland eine Tradition und Vergangenheit, ob es auch eine Zukunft hat, liegt (unter anderem) an uns.

...und Gewalt!!

Wenn sich das nächste Mal solche Typen wie am 1.Mai und dem Derby ankündigen, müssen wir schon im Vorfeld klarmachen, daß wir, die Fans des FC St.Pauli, keine Nazis am Millerntor dulden! Wie es, nebenbei erwähnt, auch in der Stadionordnung steht. Wir dulden sie auch nicht im Umfeld des Stadions oder auf dem Kiez. Und jedem Nazi, der trotzdem erscheint, muß verdeutlicht werden, daß er nicht wiederzukommen braucht.

An Tagen wie dem 1. Mai müssen St.Pauli-Fans sich aktiv wehren. Neofaschistischer Hoolterror ist nicht mit "Nazis raus"-Rufen zu bekämpfen. Über die beliebten "Wir sind friedlich, was seid ihr?"-Parolen lachen diese Typen doch höchstens. Mit diesen Menschen kann man nicht reden, und wir wollen auch nicht mit ihnen reden. Wir müssen ihnen im Zweifelsfall eben allen klar machen, daß ihr nächster Aufenthaltsort die Notfallambulanz sein könnte; dies ist der einzige Weg, ihres offenen Straßenterrors Herr zu werden. Verändern werden wir so keinen Nazi, aber unser Recht auf Selbstverteidigung und unsere Pflicht, alle anderen zu schützen, die nicht in das arische Weltbild der braunen Horden passen, werden wir wahrnehmen. Dieses müssen wir den Leuten verdeutlichen.

Zu den Machern dieser Demo nach dem Derby mit ihrer "Auslachen ist viel witziger als draufhauen"-Logik (Anmerkung des Korrektors: Woher hast Du denn diese Erkenntnis?) nur soviel: Lacht ihr eigentlich auch, wenn ihr brennende Flüchtlingsheime seht, oder vor euch der rassistische Mob Schwarze aus der U-Bahn wirft ? Denkt besser noch mal ganz schnell über eure Grundpositionen nach. Gerade von euch müssen jetzt die richtungsweisenden Impulse kommen, die den neuen, alten Kurs bestimmen.

Ich war an beiden "kritschen" Abenden auf dem Kiez. Nebenbei erwähnt halte ich die Berichte von 500 Hools, die plündernd und brandschatzend über den Kiez zogen, für ziemlich übertrieben. Speziell am ersten Abend waren noch 200-300 junge Fans da, die bereit waren, sich den Nazis entgegenzustellen. Sicher nur ein kleiner Teil der Fan-Szene und ziemlich unerfahren und unentschlossen, aber sie waren da. Vor zehn Jahren waren sie sicher noch nicht dabei, sondern sie sind neue Fans, sogenannte "Modefans", wie sie so häufig beschimpft werden. Bei ihnen ist anscheinend doch mehr als Fußball, Party und Bier angekommen, und auf solchen Gruppen sollten wir jetzt aufbauen.

Mittlerweile hat auch die Hamburger Presse bemerkt, daß der "Mythos St.Pauli" nicht mehr das ist, was er einmal war. Sie macht es vor allem an schlechter Stimmung im Stadion und sinkenden Zuschauerzahlen fest. Aber auf diese "Fans", die nur bei gutem Wetter und ewigen Siegesserien kommen, können wir sowieso auch gut verzichten. Durch die Berichte dürfte jetzt aber auch der letzte Fan kapiert haben, daß der FC St.Pauli in einer Krise steckt und dürfte ins Grübeln kommen. Zeit also, ihm mit einer Informationsoffensive den Staub der letzten Jahre aus dem Hirn zu pusten.

Es gibt viel zu tun...

Gastartikel von Albert Antifa

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