Die AGiM vor der Jahreshauptversammlung
Alle Fragen offen

"Von der AGiM hört man auch gar nichts mehr", so wurde man von manchem Fan in letzter Zeit öfter einmal angefrotzelt, und in der Tat war es über die Sommermonate etwas ruhig geworden um die ehemals vereinsrevolutionäre Zelle.

Das hatte nur zum Teil mit urlaubenden Mitgliedern und auch nicht nur mit der selbstauferlegten Zurückhaltung bei der Lieferung von Schlagzeilen für die Boulevardpresse zu tun. Der Hauptgrund liegt in der immer wieder überwältigenden Beharrungskraft des Faktischen, die uns fühlen läßt, wie es Don Quichotte ergangen sein mag bei seinem Kampf gegen die Windmühlenflügel. Die schleuderten dann auch Kurt Hesse aus dem Schanzenpark bis nach Marienthal (trotzdem scheiß Cordi). Nicht nur aus diesem Grund wurden ein bis zwei Sitzungen in letzter Zeit mit dem gemeinsamen Absingen von Klageliedern (die special agim singing area) und dem Versuch, sich trotz allem neu zu motivieren, verbracht.

Was das wichtigste Anliegen der letzten Zeit, die Initiative zur Werbung neuer Mitglieder betrifft, so ist bis zum heutigen Tag (11. 09.) noch immer nicht entschieden, ob es einen gemeinsamen Antrag von AgiM und Präsidium an die Mitgliederversammlung geben wird. Allerdings ist für den 22. 09. eine erneute und hoffentlich entscheidende Sitzung anberaumt. Als Resultat der vorangegangenen Gespräche müssen wir konstatieren, daß Argumente allein selten ausreichen, um Veränderungen, und seien sie auch noch so vernünftig, in diesem Verein herbeizuführen. So stößt der Vorschlag einer Senkung der Mitgliedsbeiträge für passive Mitglieder trotz intensiver Überzeugungsarbeit noch immer auf den erbitterten Widerstand der Amateurvertretung. Weder die Tatsache, daß wir mit unseren Beiträgen für Passive unter den deutschen Proficlubs an der Spitze, mit unserer Mitgliederzahl aber am Ende stehen, noch der Hinweis darauf, daß zwischen beidem ein offensichtlicher Zusammenhang besteht, noch die Zusage eines finanziellen Ausgleichs der zwischenzeitlich zu erwartenden Mindereinnahmen für die Amateure, noch die Aussicht, daß die bei einer Steigerung der Mitgliederzahl effektiv höheren Einnahmen aus Mitgliedsbeiträgen vor allem den Amateurabteilungen zugute kämen, vermochte bei deren Vertretern ein Umdenken auszulösen. Vielmehr hängt das Herz an allem, was schon immer so war, so auch an der Mitgliederzeitschrift "Blickpunkt". Eine Modernisierung bzw. eventuelle Verschmelzung mit der Stadionzeitung würde mindestens von einigen wohl doch sehr bedauert werden. So konnte also der von der AgiM erarbeitete Maßnahmenkatalog, der neben der Beitragssenkung noch weitere Vergünstigungen und Vorteile für Mitglieder vorsieht, noch immer nicht verabschiedet werden. Zuletzt wurde ein Vorschlag ins Spiel gebracht, der die Mitgliedsbeiträge unverändert läßt und dafür Vergünstigungen bei Dauerkarten vorsieht. Eine solche Regelung würde den Amateurbereich nicht tangieren und dürfte damit von dieser Seite her unproblematisch sein. Dafür allerdings müßte dann der Profibereich bluten. Eine Stellungnahme des Präsidiums zu diesem Vorschlag (der nicht von der AgiM stammt) wird nun für den 22. 09. erwartet. Sollte es am Ende zu keinem Konsens kommen, werden wir kurzfristig entscheiden, ob wir unseren Antrag dennoch der Mitgliederversammlung zur Abstimmung vorlegen werden.

Überhaupt die Mitgliederversammlung. Obwohl uns bis heute kein Termin bekannt ist, müßte sie laut Satzung noch im Oktober stattfinden. (Anm. d. Red. Am 30.10., so wurde jetzt bekannt) Das allerdings dürfte wieder einmal eng werden. Denn schließlich muß dort das komplette Präsidium neu gewählt werden (eine Regelung für die Nachwahl einzelner Präsidiumsmitglieder fehlt in der Satzung). Heinz Weisener muß dem Aufsichtsrat rechtzeitig vorher seine zwei neuen Teammitglieder benennen. Der muß diese prüfen, wird den einen oder anderen evtl. nicht akzeptieren, daraufhin muß der Präsident einen neuen Vorschlag machen... Wie gesagt, es wird eng. Aber vom Rücktritt Horst Niewickis wissen wir ja auch erst seit Anfang März. Seit diesem Zeitpunkt haben wir den kommissarischen Vizepräsidenten auch immer wieder auf die erwähnte Satzungslücke hingewiesen. Darüber soll nun ebenfalls am 22. 09. gesprochen werden. Dasselbe gilt für das Prozedere in Sachen Bilanz. Wir möchten erreichen, daß diese den Mitgliedern bereits mit der Einladung zugeht, da eine gründliche Prüfung während der Mitgliederversammlung unmöglich ist. Auch sollte die Bilanz etwas detaillierter sein als bisher üblich. Das scheint um so wichtiger, als wir laut Presseberichten ja bereits wieder mit einigen Mios in der Kreide stehen. Und das, obwohl unser damaliger Schatzmeister während der letzten MV eine kritische Frage zu den vor der letzten Saison getätigten Investitionen in Spitzenkräfte (Carlo Werner und Co.) mit dem lapidaren Hinweis auf seinen vom DFB genehmigten Finanzplan abbügelte. Und trotz der immer wieder vorgetragenen Beteuerungen des Präsidiums, für eine erneute Verschuldung nicht zur Verfügung zu stehen. Wie gesagt, wir hoffen auf eine rechtzeitig vorliegende aussagekräftige Bilanz. Wie die Mitgliederversammlung verlaufen wird und ob kritische Stimmen dort überhaupt die Chance haben werden, Gehör zu finden oder ob sie, wie so oft niedergebrüllt werden, hängt sicher ganz entscheidend von der Entwicklung der Stadionpläne ab. Sollte Heinz Weisener - was wir alle hoffen - tatsächlich erstmals konkrete Fakten auf den Tisch legen und ein konkretes Datum für den Baubeginn nennen können, dann wird die daraus folgende Euphorie kaum Platz für Kritik lassen. Sollte dies aber nicht der Fall sein, könnte die Stimmung auch durchaus einmal kippen. Ob die Atmosphäre dann allerdings sachlicher wird, darf stark bezweifelt werden. Deshalb gehen wir, trotz allen Frusts, nach wie vor davon aus, daß unsere Anliegen wenn überhaupt nur auf informellem Wege und nicht auf der stimmungsabhängigen Mitgliederversammlung eine Chance haben. Jedenfalls solange, bis endlich alle von euch in den Verein eingetreten sind.

Aber nicht nur beim Präsidium scheint der anfängliche neue Elan nach der Einsetzung von Robert Ahrens als kommissarischen Vizepräsidenten inzwischen erlahmt. Auch vom Aufsichtsrat geht alles andere als Dynamik aus. Und auch wir, die ach so dynamisch-kritische Szene des Vereins muß sich fragen lassen, was eigentlich hinter den Biertischreden steckt. Dort gibt es messerscharfe Positionen etwa zur Frage der Umbenennung des Wilhelm-Koch-Stadions zu hören. Das im Frühsommer vorgelegte Gutachten der vom Präsidium eingesetzten Kommission (Hans Grutschus, Dr. Frank Bajohr - der ursprüngliche Antragsteller Ronny Galczynski wurde trotz gegenteiliger Zusage des Präsidiums nicht mehr hinzugezogen) wurde allerdings von den allerwenigsten zur Kenntnis genommen, die Exemplare stapeln sich nach wie vor auf der Geschäftsstelle. Keine besonders gute Grundlage für einen erneuten Antrag bei der Mitgliederversammlung, eher eine peinliche Vorstellung. Ähnlich wie die Spiele der Mannschaft. Lethargie, dein Name ist Pauli. Nichtsdestotrotz soll auf unsere Initiative hin noch vor der Mitgliederversammlung eine Veranstaltung zu dem Thema stattfinden, entweder am 29. 09. oder am 06. 10. Achtet deswegen auf die Ankündigungen in der Tagespresse. Und vielleicht holt der eine oder andere sich ja vorher doch noch ein Exemplar des Gutachtens ab.

Ein weiteres Thema für die AgiM war in letzter Zeit zunehmend die Arbeit der Marketing GmbH. Auch die Beschäftigung mit dieser wichtigen Einnahmequelle des Vereins trägt nicht zum Frustabbau bei, ganz im Gegenteil. Aufgrund der rechtlichen Konstellation (die Marketing ist formal völlig selbständig und steht lediglich in einer vertraglichen Beziehung zum Verein) sind unsere Einflußmöglichkeiten hier noch geringer als sie es im Verein sind. Vorschläge, sofern sie denn überhaupt zur Kenntnis genommen werden, versickern oder werden abgeblockt. Man rühmt sich einer Steigerung des Ertrags von mehreren hundert Prozent in den letzten Jahren, was bei einer Ausgangssituation, die bei fast null lag, allerdings schon etwas weniger beeindruckt. Der Vergleich mit anderen Vereinen sieht weit weniger rosig aus. Und das auf der Grundlage einer nach wie vor großen Sympathie für unseren Verein, die erst kürzlich durch eine Studie der Ufa erneut belegt wurde. Doch bei der Marketing herrscht Bunkermentalität. Das Resultat vieler Gespräche ist immer dasselbe: Wir sind topprofessionell, wir haben alles im Griff, wir brauchen keine Hilfe. Dann fragt man sich allerdings, warum der FC St. Pauli dann wahrscheinlich der einzige Verein im Profifußball ist, der zur neuen Saison kein neues Trikot aufgelegt hat. Und damit quasi eine Lizenz zum Gelddrucken ungenutzt läßt. Oder warum es für die Millionen Touristen, die jedes Jahr über die Reeperbahn bummeln, keinen attraktiven Fanshop gibt. Oder warum ein Billigduft in peinlichen Flacons vertrieben wird, die mit der St. Pauli Kultur nicht das geringste, dafür mit Billigkitsch sehr viel zu tun haben. Oder oder... Aber Götz Weisener und Co. wissen ja alles besser. Dabei bestätigt jeder neutrale Beobachter, daß sogar der Fan-Laden mit seinem bescheidenen Angebot weit originellere Ideen präsentiert als die Marketing.

Ebenfalls nicht weiter gekommen ist die AgiM bisher mit der Aufbereitung von Möglichkeiten der Umwandlung unseres Vereins in eine Kapitalgesellschaft. Fest steht, daß für uns eine Aktiengesellschaft auf keinen Fall in Frage kommt. Ob es Alternativen geben könnte, die einerseits eine Beschaffung von Fremdkapital ermöglichen, andererseits aber die Identität des FC St. Pauli erhalten, ist weiterhin ungeklärt. Als mögliches Vorbild geistert immer wieder einmal der Name Green Bay Packers, ein renommierter mehrfacher NFL Meister, durch die Gespräche. Dort hält praktisch jeder Einwohner der Stadt Anteile am Club. Auf unsere Verhältnisse ist das allerdings nur schwer zu übertragen. Um endlich in dieser Frage einmal Boden unter die Füße zu bekommen, wollen wir jetzt eine Veranstaltung mit einem Experten organisieren. Ob das in diesem Jahr noch realisiert werden kann, ist allerdings fraglich.

Dieses und anderes wird sicher auf der nächsten regulären AgiM-Sitzung am 12. 10. im Clubheim besprochen. Es könnte allerdings sein, daß aus aktuellem Anlaß bereits vorher eine Sitzung einberufen wird. Achtet einfach auf die Aushänge im Pfennig und im Fan-Laden.

Uwe Doll (AgiM Sprecherrat)
P.S. Inzwischen ist ein Kandidat für den Posten des Vizepräsidenten benannt worden. Es handelt sich um das Aufsichtsratmitglied Wolfgang Helbing.

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