Nachdem Stephan Beutel (SB) für das neue Konzept als Leiter der Lizenzabteilung bekanntgegeben wurde, dachten wir uns, den Mann müssen wir Euch eigentlich mal vorstellen. Außerdem gab es ja schon kurz nach seinem Amtsantritt, laut Boulevardpresse, die ersten Streitigkeiten und eine zeitlang sah es so aus, als sei er der erste, der für das Konzept 2000 in Stücke geschlagen würde. Wir fragten bei ihm nach, ob er noch Lust an seinem Job hat, und ob er es wirklich war, der die Lunchpakete bestellt hat...
ÜS: Wie hast Du Deine Zeit in Rostock in Erinnerung?
SB: Nach meinem Studium habe ich im Marketingbereich bei Fortuna Düsseldorf angefangen. Zur Saison 94/95 habe ich dann ein Angebot von Hansa erhalten. Damals gab es die Situation, daß Hansa Rostock in der zweiten Liga vorne weg marschiert ist und Düsseldorf nur noch theoretische Aufstiegschancen hatte. Drei Wochen vor Saisonende hab ich dann in Rostock unterschrieben, weil auch keiner mehr damit gerechnet hatte, daß Düsseldorf noch aufsteigt. Es kam dann das ominöse Spiel in Chemnitz, wo wir einen 2:0 Sieg brauchten um aufzusteigen. In der 80. Minute fiel Frank Mill dann beim Stande von 1:0 im Strafraum hin und es gab Elfmeter. Ich war dann natürlich traurig, daß ich in den für mich damals noch dunklen Osten mußte. In Rostock wartete dann anfangs ziemlich viel Arbeit im Marketingbereich auf mich, da dort noch sehr viel brach lag. Die hatten eine sehr starke Mannschaft mit jungen, ambitionierten Spielern, das muß man sagen. Ich lebte mich dann langsam ein, obwohl es starke Ressentiments gegen Leute aus dem Westen gab, so auch gegen mich.
ÜS: Von welcher Seite ging das aus?
SB: Von den angestammten Ostleuten dort. Die haben Hansa Rostock als Antwort des Ostens auf den Westen gesehen. Es gab halt nur zwei Wessis dort: Das waren Frank Pagelsdorf, der Trainergott, und ich. Nach Pagelsdorf Weggang kam mit Ewald Lienen ein sehr fähiger Mann, mit dem man sehr gut zusammenarbeiten konnte.
ÜS: Bist Du denn mit P.M. Diestel klargekommen?
SB: (spontan und energisch) NEIN!
ÜS: Kann man mit dem überhaupt klarkommen?
SB: Sicherlich können einige Leute das. Schließlich hat er mir damals in Düsseldorf auch das Angebot mit den Worten "bei Euch sieht alles so schön bunt aus; ich glaube sie wären einer für uns", gemacht. Doch in der Zeit danach entpuppte er sich als ein völlig anderer Mensch, so daß wir einige Probleme bekamen.
ÜS: Dann hast Du ja auch die Spiele gegen St. Pauli miterlebt...
SB: Ja, das hab ich und ich muß sagen, dafür muß man sich schämen. So kann man einfach nicht mit seinen Gästen umgehen, ob ihr das nun seid oder Köln. Wenn ich nach den Spielen nach Hause gegangen bin, vom Stadion ins Zentrum, hab ich da nur Scherben von den Bussen und Blut gesehen.
ÜS: Warst Du denn der einzige, der sich geschämt hat?
SB: Nein, da haben sich ganz sicher viele geschämt. Die Mannschaft hat das nie verstanden, sie hat nie eine andere Einstellung zu St. Pauli gehabt, wie zu jedem anderen sportlichen Gegner. (Danach kam noch eine kurze pseudosoziologische Ursachenforschung mit einer dunklen Prognose, die wir Euch aber lieber ersparen möchten; die Interviewer).
ÜS: Schließen wir dieses Kapitel ab. Wie bist Du denn nun zu uns gekommen?
SB: Ich hatte immer Kontakt zu Götz Weisener, da wir ja auch Kollegen waren. Ein freundschaftliches Verhältnis, wie immer geschrieben wurde, gab es nicht. Letztlich war er es auch, der den Kontakt zwischen dem Präsidium und mir hergestellt hatte, und nach einigen Gesprächen mit Heinz Weisener und Ahrens hatte ich keine Zweifel mehr, nach Hamburg zu gehen. Außerdem hatte ich schon immer ein Faible für den Verein, aufgrund der tollen Atmosphäre und der Spielweise, die ich immer schon optimal fand (gegen welchen Gegner soll das gewesen sein?; die Interviewer). Hier ist Fußball, wie er eigentlich sein sollte, wenig gekünstelt und die Leute die hier herkommen, die sind nicht da, um umsonst zu essen, sondern um Fußball zu sehen. Wie bei den Aufgaben bei den beiden anderen Vereinen gibt es auch hier noch eine Menge zu tun. Der Kult und die Atmosphäre müssen sicherlich vernünftig gemanagt werden. Irgendwann wollen die Leute hier auch mal wieder Erfolg sehen.
ÜS: Götz Weisener hat es bei der Konzeptvorstellung sinngemäß als "Vermarktung des Kultes" bezeichnet. Das ist einigen Fans ganz schön sauer aufgestoßen.
SB: Das ist sicherlich ein ganz sensibles Thema. Man muß versuchen, eine Gradwanderung aus Leistung der Lizenzspieler und Anspruch der Zuschauer hinzubekommen. Für den Eintritt, den die Fans bezahlen, und der ist ja auch im Vergleich zu anderen Vereinen nicht gerade billig, muß ein Gegenwert geschaffen werden. Ich glaube nicht, daß Götz das negativ gemeint hat. Er hat sicherlich nicht damit gemeint, daß irgendwelche Ströme von neuen Zuschauern gelenkt werden sollen, das darf meiner Meinung nach nicht passieren. Dieser Verein muß für alle offen sein, davon lebt er. Und wenn wir uns in diesem Verein mal auf das Wesentliche reduzieren, sind die Zuschauer und der Kult das einzige, was hier übrig geblieben ist. Wir spielen nicht in der ersten Liga, wir haben keine Trainingsbedingungen und keine Physiotherapie. Diese Dinge müssen auch irgendwann mal mitwachsen.
ÜS: Also sind wir Fans durchaus erstligareif, das Management aber noch nicht?
SB: In diesem Bereich müssen wir sicherlich noch einiges dafür tun, um das zu erreichen, was wir wollen: Daß der FC St. Pauli eine vernünftige Rolle im Deutschen Fußball spielt.
ÜS: Da spielt dann ja sicherlich auch der Stadionausbau eine große Rolle.
SB: Sicherlich. Wir brauchen ein reines Fußballstadion, vernünftige Stehplätze, Preise und Parkplätze - auch Stellplätze für Fahrräder, da viele Leute direkt aus dem Stadtteil kommen.
ÜS: Wie ist denn das neue Team?
SB: Wir stehen alle in den Startlöchern vor einer neuen Saison und jeder gibt sein Bestes: Götz Weisener vermarktet, Herr Weisener präsidiert und der Trainer trainiert die Mannschaft (und Brux angelt; Anm. der Interviewer).
ÜS: Was ist Deiner Meinung nach das Wichtigste für den Verein?
SB: Daß wir uns wirtschaftlich konsolidieren. Wir müssen die Kosten senken, damit wir uns Möglichkeiten eröffnen, in neue, wichtige Dinge zu investieren. Wir müssen versuchen, daß wir nicht nur über das Gehalt an die Spieler rankommen, sondern sie müssen sehen, daß sich Dinge im Verein bewegen, d.h. wir müssen Strukturen schaffen. Ein ganz wichtiger Punkt ist ein eigenes Trainingsgelände für den Profi- und Amateurbereich, sowie einige ausgesuchte Jugendmannschaften. Wir dürfen den Spielern keine Ausreden mehr anbieten. Natürlich spielt da auch wieder das Stadion eine wichtige Rolle.
ÜS: Ist es denn nicht frustrierend, wenn man sieht, daß der HSV die Baugenehmigung innerhalb von einem Monat bekommt?
SB: Wenn man sich von so etwas frustrieren läßt, ist man der falsche Mann, da muß man kämpfen. Die gehen ihre Wege, wir gehen unsere Wege, und am Ende wird dann abgerechnet.
Wir blickten dann mit Stephan Beutel noch kurz ins "Lexikon der nachbarschaftlichen Beziehungen" und fanden unter "H" den Eintrag "Hunkes Hexer", was allseits zur Belustigung beitrug.
Als nächstes kommt ein kleiner Gedankenschnitt, bevor wir Stephan zu der negativen Presse befragt haben, die unter anderem lautete: "St. Pauli will Beutel loswerden", "Beutel sitzt seinen Vertrag nur noch ab", usw. Zentrales Ereignis beim Mega-Zoff im Hause St. Pauli soll die Bestellung von Lunchpaketen gewesen sein, orakelte die Fanszene. Einer der Stürmer mit der Nummer 9 beschwerte sich über das "Billigessen" bei Beutel, der wiederum Kleppo beschuldigt haben soll, behauptet dieser - Stoff, aus dem sonst nur die JHV bei unserem Verein gestrickt ist - Der Übersteiger wird in den folgenden Zeilen versuchen, die große "Lunchpaket-Affäre" aufzudecken, bevor noch einer der Beteiligten darüber stolpert. Für Harmonie im Verein - gegen Ironie im Stadion!!!
ÜS: Kommen wir zu den Schlagzeilen, die es zu Beginn der Sommerpause über Dich zu lesen gab und zu der alles entscheidenden Frage: Hast Du die Lunchpakete bestellt?
SB: Ja, klar hab ich die bestellt.
ÜS: Folglich kann es nicht Kleppo gewesen sein!!!
SB: Was soll das ganze eigentlich...
ÜS: Das haben wir uns auch gefragt. Ist so ein Fall wieder einmal typisch für die Kompetenzüberschreitung einzelner Leute?
SB: Also an den Lunchpaketen hat sich das ganze sicher nicht entzündet. Ich hab die Dinger bestellt und mir haben sie geschmeckt.
ÜS: Was erwartet man denn als Spieler auf der Rückfahrt im Zug. Daß da ein Pizzaservice zu jedem Bahnhof kommt?
SB: Die Spieler erwarten es, daß man im Zugrestaurant vernünftig ißt, was wir auf der Hinfahrt bereits getan haben.
ÜS: War das nach einem Sieg oder nach einer Niederlage als disziplinarische Maßnahme?
SB: Das war nach dem Unentschieden in Freiburg.
ÜS: Da hätten die von mir auch nicht mehr als Lunchpakete bekommen...
SB: Das hatte ganz sicher nichts mit der Leistung zu tun, und außerdem ist es einfach zu lächerlich, sich darüber zu unterhalten.
ÜS: Wie ist es denn nun tatsächlich zu dem Streit gekommen?
SB: Das Konzept sieht es vor, daß ich mich ausschließlich um den wirtschaftlichen Teil kümmere, sprich DFB, Verträge und der kaufmännische Bereich. Was da in den Zeitungen stand, muß man hier in Hamburg wohl mitmachen. Wenn man dann aber die Leute fragt, auf die es ankommt, bekommt man ganz schnell mit, daß da nicht allzuviel dran ist. Man hat noch nie ein Wort mit mir besprochen, daß man mich loswerden will oder gesagt: Sie setzen sich dahin und machen nichts mehr. Wer soll denn dann die Aufgaben, die vor einiger Zeit noch von zwei Leuten, nämlich von Herrn Schulte und Herrn Abad übernommen wurden, erfüllen? Ich habe mich von Anfang an nicht an den öffentlichen Diskussionen beteiligt, weil das einfach nicht mein Stil ist, ich bin mir aber sicher, daß ich meine Position intern sehr deutlich gemacht habe. Das hat sich aber auch schon wieder beruhigt. Das Katastrophale an dieser Situation ist nicht das, was passiert ist, sondern wie damit umgegangen wurde. Da ist es auch fehl am Platze, den Medien die Schuld zu geben. Wenn Du als Journalist eine solche Story auf dem Silbertablett serviert bekommst, ist es Deine Pflicht, das auszuschlachten, denn leichter kannst Du Deinen Job nicht machen. Der Verein muß in der Lage sein, Konflikte, die völlig normal sind, intern zu lösen, um einfach der Sache zu dienen. Wir müssen hier ein geschlossenes Bild abgeben, und das ist uns in dieser Sache nicht besonders gut gelungen.
Hört, hört, das sind ja nun mal endlich ehrliche Worte. Überhaupt hatten wir während des Interviews das Gefühl, daß es sich bei Herrn Beutel um einen Mann handelt, der mit ehrlicher Arbeit den Verein nach oben bringen will. Schließlich ist er der einzige, der ohne Sommerurlaub in die Saison startet. Während wir dann noch beim gemütlichen Plausch ein bis zwei Kannen Kaffee vernichteten, erzählte er uns noch das eine oder andere Anekdötchen. Beispiel gefällig: "Ich stand neulich mit Brux über zwei Stunden im Stau, da hat er mir die ganze Zeit diverse Angelstories erzählt und mir sogar Fotos von riesigen Fischen gezeigt". Manche Dinge ändern sich einfach nie...
MiG/mw
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