Das Geheimnis, das keins war -
oder ein neues Konzept 2000?

Die Verkündung der neuen Struktur sollte wohl der Meilenstein in der Vereinsgeschichte des FC St. Pauli werden. Bis zum Tag X, dem 23. März, auf den Weisener und Co bei Fragen und Problemen immer wieder hinwiesen, sollten die Inhalte des neuen Konzeptes geheimgehalten werden. Doch wie schon im Fall Hesse/Klauck konnte durch eine neuerliche Indiskretion bereits alles am Morgen in der Tagespresse haarklein nachgelesen werden. Doch halt, nicht alles. Denn daß der langjährige Fanbeauftragte und Übersteigerredakteur Sven Brux neuer Organisationsleiter im Verein wird, war wohl selbst den ominösen Boulevard-Belieferer/in noch nicht bekannt.

Wir wollen euch das Konzept nochmal aus unserer Sicht vorstellen...

Präsidium (über allen schwebend)

Heinz Weisener: "Bereits im Frühjahr 1995 habe ich Herrn Ahrens (damals noch Wirtschaftsprüfer, heute kommisarischer Vizepräsident, Anm. d. Autoren) beauftragt, Strukturverbesserungen des FC St. Pauli zu erarbeiten." Bleibt die Frage, warum wurde die Strukturverbesserung erst jetzt, drei Jahre später, umgesetzt? Der erste Ansatz zum Strukturwandel wurde zur Saison 96/97 sichtbar: Christian Hinzpeter wurde vom bezahlten wieder zum ehrenamtlichen Vizepräsidenten und übergab die Geschäftsführung an Mario Abad, der noch eine Assistentin zur Unterstützung bekam. Dies war lediglich ein Köpfe austauschen mit unklarer Aufgabenverteilung (siehe ÜS 29, Hinzpeter Interview). Zu Beginn dieser Saison wurde auch ein neuer Manager präsentiert: Helmut Schulte. Hier wäre schon ein günstiger Augenblick gewesen neue Stukturen zu schaffen. Mario Abad bringt jetzt seine Zweitliga-Erfahrung bei Borussia Mönchengladbach an den Mann (oder an die Frau) , Christian Hinzpeter anwaltet in seiner Kanzlei und Helmut Schulte ist jetzt Jugendtrainer bei Schalke 04. Kommen wir zum sportlichen Teil. Lag es vielleicht an den häufigen Trainerwechseln, die eine Konsolidierung im sportlichen Bereich bislang quasi unmöglich machten? Uns erscheint es so, als habe Weisener (oder Ahrens) in Kleppinger jetzt endlich den Mann gefunden, dem er zutraut, das Konzept in seinem Sinne umzusetzen. Mag dies auch so sein, sollte man bedenken, daß die Sache mit dem Chefcoach steht und fällt. Und wie schnell Trainer in diesem Geschäft "ausgetauscht" werden können, wird ja wohl allen bekannt sein.

Geschäftsführer Marketing:

Götz Weisener: "Wir haben uns folgende Aufgaben gestellt: Wir werden in den nächsten Monaten eine Vereinsphilosophie herausarbeiten, wo wir bedenken, daß wir die traditionellen Werte des Vereines (Wilhelm Koch?!, Anm. d. T.) und die soziale Verantwortung gegenüber dem Stadtteil erhalten werden. Wenn wir diesen Markenkern gefunden haben, dann werden wir ihnen mit unseren neuen Strukturen zielgerichtet kommunizieren."(...) "Wir wollen neue Zuschauerkreise für das neue Stadion erschließen. Wir wollen die treuesten Urfans natürlich bei uns behalten, trotz alledem."

Die Marketing GmbH zieht mit einem Büro also ins Containerdorf auf dem Heiligengeistfeld ein und die Kommunikation soll mal wieder verbessert werden. Aber das haben wir ja schon öfter gehört...

Die traditionellen Werte des Vereines werden da plötzlich wieder ausgepackt. Bloß welche sind damit gemeint? Alles klar: Das antirassistischste Freudenhaus der Liga, die kreativsten und friedlichsten Fans, sollen auch über die Jahrtausendwende hinaus gerettet werden. Dann kann ja nix mehr schiefgehen. Kommen wir zur sozialen Verantwortung: Sie wird im neuen Konzept zum reinen Verkaufsargument und bleibt eine leere Worthülse. Und wo wir gerade bei "Verantwortung gegenüber dem Stadtteil" sind: Was war denn damals, als das Hafenkrankenhaus geschlossen werden sollte? Wir erinnern uns da noch ziemlich genau an den Tag, als die Initiative zum Erhalt des Krankenhauses bei einem Heimspiel ein Transpi durchs Stadion tragen wollte, dies aber nicht durfte, obwohl die Spieler sich vorher in der Presse lang und breit damit ablichten ließen. Marketingstrategisches Geseier, mehr nicht.

Leiter Lizenzabteilung

Stephan Beutel: "Ich werde eng mit Herrn Kleppinger zusammenarbeiten und versuchen, den administrativen Teil zu professionaliseren. Mein Aufgabenfeld liegt klar im wirtschaftlichen Bereich, denn für den sportlichen haben wir genügend kompetente Leute.

Herr Beutel hält sich im Hintergrund und wie die Schulte-Ära gezeigt hat, ist dies vielleicht auch sehr angebracht. Wir wünschen dabei viel Glück und hoffen, daß uns mit Hilfe von Herrn Beutel in Zukunft kein Präsident mehr entschulden muß.

Cheftrainer/Nachwuchsmanagement

Gerhard Kleppinger: "Wir wollen in Zukunft mehr für den Jugend- und Amateurbereich tun. Deswegen wird Joachim Philipkowski mit seinem Co-Trainer Ewald Reil die Amateurmannschaft trainieren. Die A-Jugend wird ab der kommenden Saison von Jürgen Gronau übernommen, die B-Jugend von Dirk Zander."

Frau kann nur hoffen, daß das Ganze nicht schnell zunichte gemacht wird. Es sollte allen klar sein, daß der gesamte sportliche Bereich über ziemlich wenig Erfahrung verfügt. Weder Kleppo als Chefcoach, noch Pipel als sein Assi und Chef der Amateure. Und auch Jürgen Gronau und Dirk Zander müssen erstmal zeigen, daß sie als Jugendtrainer kompetent sind. Wir wollen hier nicht hetzen oder alles von Anfang an verteufeln. Aber was ist, wenn der Cheftrainer, der wohl die meiste Verantwortung für das neue Konzept trägt, irgendwann gehen muß? Das eine Verbesserung zwischen Profis - Amateuren- und Jugend angestrebt wird, fordern wir seit Jahren und es wurde bislang immer viel angekündigt und nur wenig umgesetzt. Sollte es diesmal klappen, wären wir sicherlich die Letzten, die darüber unglücklich wären. Das Ganze bleibt also abzuwarten. Zur Ausbootung des erfolgreichsten Trainers Kurt Hesse steht ja an anderer Stelle in diesem Heft mehr, soll also hier nicht wieder durchgekaut werden. Hermann Klauck ist und bleibt auf seinem Posten, der ja in Wirklichkeit keiner mehr ist. Über den Mental-Coach Alfred Kaune kann man nichts sagen, nur das er Kleppo bei seiner Arbeit entlasten soll. Abwarten. Der neue Trainerstab ist aber erst komplett, wenn der neue hauptamtliche Talentsichter eingestellt ist. Ich wüßte da jemanden...

Medienkoordinator

Dirk Klaus Andresen: "Meine Aufgabe besteht in der Medienkoordination, d.h. ich bin für die Presse der erste Ansprechpartner und werde versuchen, die Verbindung zwischen den Medien und dem Präsidenten, sowie dem sportlichen Bereich, herzustellen."

Edgar Wieschendorf, hast Du das gehört...? Ja, nun sind also die Leiden beendet. Wir hoffen, das Herr Wieschendorf seine Entlassung mit Fassung trägt und nicht den Weg des Werthers einschlägt...(siehe ÜS 29)

Sekretariat und Empfangsbereich

Susen Knaack Sie war´s, sie ist´s, sie bleibt´s...und ähh, wie ging dieser But Alive Song weiter.

Buchhaltung

Lücke im Konzept. Unser Tip: Boller Jeschke, ein äußerst erfahrener Buch-Halter mit fußballerischer Kompetenz.

Organisationsleiter

Sven Brux Der wichtigste Mann in diesem neuen Konzept soll jetzt selber zu Wort kommen.

ÜS: Wo liegt Dein Aufgabenbereich in Deiner neuen Position?
SB: Das Aufgabengebiet umfaßt die Durchführung von Veranstaltungen aller Art, das bedeutet zu allererst die Heimspiele, also alles was rundherum um die Spiele passiert. Von Sicherheitsfragen bis hin zu organisatorischen Sachen. Außerdem soll ich die Schnittstelle zwischen Fans und Vereinsführung innerhalb des Vereins bilden, d.h. wenn Hendrik oder Imme oder wer auch immer mit einem Problem oder einer Bitte ankommt, habe ich dafür Sorge zu tragen, daß das auch so schnell wie möglich umgesetzt wird. Früher war die Geschäftsstelle oft nicht in der Lage, uns weiter zu helfen, so daß wir direkt beim Präsidium vorsprechen mußten. Das soll jetzt schneller gehen, weil auch die Kompetenzen erweitert worden sind.

ÜS: Bist Du jetzt auch für BEKOS (Ordnungsdienst am Millerntor, d.S.) zuständig?
SB: Ja. BEKOS ist vom Verein beauftragt worden und natürlich regelt der Auftraggeber, was der Ordnungsdienst wie handzuhaben hat.

ÜS: Wie siehst Du Deinen Wechsel vom Fan-Laden bzw. Fanprojekt zum Verein? Steckt da nicht eine gewisse Brisanz drinnen unter der Rubrik "Wir holen uns den Widersacher mit ins Boot"?
SB: Wenn in der Vergangenheit etwas war, dann bezog es sich immer gegen einzelne Sachen, die der Verein gemacht oder eben nicht gemacht hat. Diese waren dann auch immer wohlbegründet. Wir vom Fan-Laden haben in den letzten Jahren auch Sachen vom Verein den Fans vermittelt, die sonst wohl zu Protesten geführt hätten. "Widersacher" waren wir eigentlich noch nie, nur bei einzelnen Sachfragen. Das sehe ich also nicht so, daß sich der Verein einen "Widersacher" mit ins Boot geholt hat, weil gerade durch die Erfahrungen, die wir in den letzten Jahren mit dem Verein gemacht haben und da ja auch oft die gleichen Probleme aufgetaucht sind, kann ich mir auch vorstellen, wie dringlich manche Probleme sein können, die im ersten Moment für jemanden auf der Geschäftsstelle nicht dringlich erscheinen. Ich möchte im Fansinne innerhalb der Geschäftsstelle des Vereins einiges bewegen, wozu früher mangels Leuten keinen Gelegenheit war, weil erst mal das Tagesgeschäft bewältigt werden mußte.

ÜS: Welche Gedanken gingen Dir durch den Kopf, als vom Verein das Angebot kam?
SB: Zwei Sachen. Zuerst die persönliche Komponente, sich zu überlegen, "was mach' ich jetzt?". Ich habe das jetzt achteinhalb Jahre gemacht und mich gefragt: "Willst du immer noch jeden Sonntag zum Spiel fahren 'müssen'? ", "bringt's das mit den unregelmäßigen Arbeitszeiten?" usw. Es ist jedenfalls spannend, sich ein neues Betätigungsfeld zu erarbeiten, während die Arbeit im Fan-Laden nach der langen Zeit fast nur noch Routine war. Zum anderen, weiterhin für den Verein und für unsere Szene tätig zu sein, nur auf einer anderen Ebene und in einer anderen Position ist natürlich viel besser, als wenn man jetzt einen Job aufhört und fängt in einem ganz anderen Metier neu an. Ich kann auch weiterhin dort Herzblut 'rein stecken, weil es immer noch "mein" Verein ist, "meine" Szene, der ich mich zugehörig fühle. Das andere ist, daß wir immer gesagt haben und es unsere Politik ist, daß Fan-Betreuung immer von Leuten gemacht werden sollte, die nicht viel älter als die Fanszene selbst sind. Ich fühle mich jetzt nicht als zu alt und das hätte man bestimmt noch ein paar Jahre machen können, aber irgendwann wäre dann der Absprung auf jeden Fall gekommen, würden wir unserer eigenen Linie nicht untreu werden. Es gibt andere Fanprojekte, da laufen Fünfzigjährige als Fanbetreuer 'rum, das ist Irrsinn, das bringt es nicht. Demzufolge hat es jetzt ganz gut geklappt, daß auch neue, jüngere Leute nachrücken können, was auch vollkommen okay ist.

ÜS: Du siehst Deine neue Rolle als Ergänzung dieser achteinhalb Jahre, Du wirst auch weiterhin aktiv sein?
SB: Ja, sicher. Die Leute, die jetzt von der Fan-Basis an den Verein herantreten, für die bin ich dann zuständig und möchte deren Belange innerhalb des Vereins verwirklichen, zumindest innerhalb des Geschäftsstellenbereichs.

ÜS: Glaubst Du, daß das Konzept auf lange Sicht hin in sich schlüssig ist?
SB: Bis jetzt hatte es den Anschein, daß in der Geschäftsstelle vieles daran gekrankt hat, daß Leute nicht informiert waren, war jeweils das andere gemacht hat. Das Konzept sieht jetzt so aus, daß viel mehr im Team gearbeitet wird, daß ich also auch im Groben Bescheid weiß, was die Marketing plant, daß der Stephan Beutel im Groben weiß, was beim nächsten Heimspiel im Fan-Umfeld passiert usw.

ÜS: Dein letzter Wille bzw. Deine letzten Worte?
SB: Trotz aller Logik der Entscheidung, diesen Job anzunehmen, war es trotzdem schwierig, weil zum einen verläßt man liebgewonnenes Terrain uns Supersachen, amn hat ja nicht achteinhalb Jahre nur gearbeitet, sondern auch viel Spaß gehabt. Leider muß ich jetzt ja auch beim Übersteiger aufhören, als letztes verbliebenes Mitglied vom MILLERNTOR ROAR!, das ist schon ziemlich kraß. Es waren insgesamt genau 60 Ausgaben, die ich mitgemacht habe, es war nicht leicht, das aufzugeben, es hängt viel Herzblut daran. Persönlich wird sich nicht viel ändern, ich werde weiterhin mit zu Auswärtsspielen fahren, mit den selben Leuten zusammen hängen, in den Pfennig gehen, Bier trinken, Spaß haben es hat sich lediglich was am Job geändert. Eigentlich ändert sich also nicht so viel.

MiG/-sten

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