Traumhochzeit auf St.Pauli

Ihre Vermählung gaben bekannt:
Der Übersteiger Come Back
Ja, dieses einmalige Ereignis zog also am 20. März des schönen Jahres 1998 nach dem Spiel unseres FC gegen die Düsseldorfer Fortuna die extra (auch aufgrund der Zeitungsannonce vom Tage) oder aber zufällig Anwesenden vor unser aller Lieblingspinte in den Bann.
Nach schier endlos scheinenden Vorbereitungen im Dunkel der Nacht öffneten sich schließlich die Tore zum Hinterhof und zu den Klängen des Hochzeitsmarsches schritten Brautpaar und Trauzeugen angeführt vom Pfarrer und den Blumenkindern zum Ort der Zeremonie. Anstatt langer Vorreden drucken wir hier der Einfachheit halber und zum Nachlesen für die Ferngebliebenen den Text seiner Predigt ab:

"Ruhe!
Verehrte Hochzeitsgäste! Genervte Nachbarn! Fast immer freundliche Polizei! Liebes Brautpaar!
Wir sind hier zu dieser unchristlichen Zeit und an diesem lasterhaften Ort zusammengekommen, um eine Trauung zu zelebrieren. Eine Hochzeit wie sie Deutschlands Fanzine-Szene noch nicht erlebt hat. Es haben sich hier zusammengefunden: Das St. Pauli-Fanzine DER ÜBERSTEIGER und sein Düsseldorfer Pendant COME BACK.
Angefangen hat alles im vergangenen Sommer, als der ÜS in seiner Nr. 28 schrieb: "Wenn wir oft als Mutter der Fanzines bezeichnet werden, so seid Ihr der Vater" und hinzufügte, man harre eines Heiratsantrages. Dieser folgte postwendend, indem die fidelen Rheinländer in ihrer Nr. 22 - zugegeben etwas ordinär, aber so sind wir Fußball-Asis halt - den ÜS fragte: "Wollt Ihr ficken?" Sowas lassen sich St. Paulianer bekanntlich nicht zweimal fragen und die Sache war beschlossen.
Nach einem halben Jahr hin- und hergeschickter feuriger Liebesgrüße, deren Inhalt wir hier aus Jugendschutzgründen verschweigen müssen, ist es nun heute soweit. Wir können darangehen, dieses wilde und frivole Verhältnis in geordnete Bahnen zu lenken."

... längere Umblätterpause ...

"Vorab kann bereits bekanntgegeben werden, daß sich die Brautleute zu Folgendem entschlossen haben:
Bekannt für ihre soziale Ader und als anerkannte Gründungsmitglieder der bundesdeutschen Fan-Polizei werden sie sofort ein Kind adoptieren, um ihm eine gehaltvolle Erziehung anheim kommen zu lassen. Doch nicht irgendein Kind, nein, ein bedauernswertes Wesen aus einem Heim am Niederrhein soll es sein. Bislang nur aufgefallen durch wahrhaft riesige Mängel an Erziehung, Betragen und vor allem politischer Bildung. Ab sofort wird also an die Kandarre genommen: Die Gladbacher NORDKURVE!
So lasset uns nun beginnen"

- leicht lallender Zwischenruf: "So lasset uns den Heiland preisen", hiervon wurde jedoch Abstand genommen -

"Lieber COME BACK! Möchtest Du hier und heute vor der Kapelle zum heiligen Pfennig die hier anwesende ÜBERSTEIGER heraten, um mit ihr zusammen alle Höhen und vor allem Tiefen des Fan-Lebens zu durchschreiten, zusammen unendlich viele 0:0-Spiele und Heimniederlagen gegen Ost-Teams zu durchleiden und gemeinsam gegen Montagsspiele zu pöbeln, so antworte mit "Ja"!"

Ein entschlossenes "Ja, ich will!" ertönt, gefolgt von Jubel.

"Liebe ÜBERSTEIGER! Möchtest Du hier und heute vor der Kapelle zum heiligen Pfennig den hier anwesenden COME BACK heiraten, um mit ihm zusammen alle Höhen und vor allem Tiefen des Fan-Lebens zu durchschreiten, zusammen unendlich viele 0:0-Spiele und Heimniederlagen gegen Ost-Teams zu durchleiden und gemeinsam gegen Montagsspiele zu pöbeln, so antworte auch Du mit "Ja"!"

Ein etwas zaghaftes "Ja, ich will" ertönt, gefolgt von ungleich größerem Jubel.

"Da Ihr nun beide dem Bund der Ehe zugestimmt habt, tauscht bitte die Ringe."

Die beiden Trauzeugen walten ihres verantwortungsvollen Amtes und überreichen dem Brautpaar die wertvollen Schmuckstücke (welche sich bei Tageslicht allerdings als schlichte aufblasbare Schwimmreifen mit Schwanenhals entpuppten), die sich die Beiden gegenseitig liebevoll um den Hals legen.

"Hiermit erkläre ich Euch kraft des heiligen Catenaccio zu Mann und Frau. Ihr dürft jetzt küssen!"

Dies gestaltet sich durch die recht ausladenden Ringe etwas schwierig, gelingt dann unter Beifall aber doch. Zugleich werden tonnenweise Reis in nähere und weitere Umlaufbahnen gebracht (die sich in Haaren und Kleidung verfangenen Körnchen ergaben tags darauf noch annähernd eine Mahlzeit!).

"Roher Reis in der Fresse, cool! So, jetzt seid Ihr verheiratet.
Und nun, liebe Hochzeitsgäste, bildet bitte eine Gasse und bahnt dem Brautpaar den Weg zum Klo, damit dort die Ehe vollzogen werden kann. Wir werden dann hier warten, um uns nach alter Sitte davon zu überzeugen, ob die Braut auch unbefleckt war. Also los jetzt, wir warten auf den Beweis"
Kleine Pause, danach leiser: Habt Ihr mal was zu trinken?"

Nach einiger Zeit gespannten Wartens erschien dann das sichtlich aufge- und zerwühlte Brautpaar mit dem (ehemals) blütenweißen Bettlaken und präsentierten hierdrauf etwa mittig einen roten Klecks.

"Lasset sehen ... ah, der Beweis!
So, welche Fanzine-Macher sind noch anwesend, jetzt kommt der Brautstrauß, wo ist der SPLITTER? Da, da!"

Die Braut wirft das Blumengebinde in hohem Bogen durch die Luft, es landet natürlich in unmittelbarer Nähe des Mannes aus der Hopfenstraße, hämischer Jubel erklingt.

"Und in zwei Wochen SUPPORTERS NEWS und SPLITTER.
Ja,... dann noch Prost!"

Nach dem Abgang des Pfarrers erklomm der Bräutigam den Altar und das Megaphon und bot seine wunderschönen Geschenke für die Braut dar. Neben einem rot-weißen Strampelanzug, ebensolchem Schnuller und dem grandiosen Fortuna-Tamagotchi gab es für die Hochzeitsgäste noch vielumjubelte Autogrammkarten des allmächtigen Fortuna-Trainers. Unter "Uli Maslo - Trainergott"-Rufen verschwand dieser Abend in den Tiefen der Nacht und in den noch tieferen Tiefen meines Gedächtnisses.

thomas


Copyright by Übersteiger

zurück Titelseite dieser Ausgabe weiter