Élimination, ha ha!
Erlebnisse beim Africa-Cup 1998

Vier Monate vor der Fußball-WM fand in Burkina Faso die Afrikameisterschaft statt, bis auf Nigeria (aus politischen Gründen) waren alle Mannschaften von Rang und Namen (u.a. die WM-Teilnehmer Kamerun, Südafrika, Tunesien und Marokko) vertreten. Das die Spiele in diesem westafrikanischen Sahelland (dem früheren Obervolta) ausgetragen wurden, ist der Freundschaft des Staatspräsidenten Blaise Campaore mit dem Chef des afrikanischen Fußballverbandes zuzuschreiben, sowie dem Willen der anderen Verbände in Burkina Faso ganz gezielte Entwicklungshilfe zu leisten. Und man hat in zwei Jahren mit interafrikanischer Hilfe (v.a. Ghanas und der Elfenbeinküste) ganz erstaunliche Dinge zuwege gebracht. Während die Hauptstadt Ouagadougou vor drei Jahren (1995 hab ich das Filmfestival FESPACO besucht) sehr dörflich und traditionell wirkte, wurde die Stadt richtiggehend aufgepeppt, Straßenbeläge erneuert, Beleuchtungen (das Land hat den geringsten Energieverbrauch pro Kopf der Welt) und Beschriftungen angebracht, die Hotelkapazität verdoppelt, drei Fußballdörfer für die ´biére aprés matches´ errichtet und vor allem natürlich die Stadien modernisiert und auf guten internationalen Standard gebracht. Dem Gastgeber wurden dann auch von allen Seiten Komplimente für die Organisation des Afrika-Cups gemacht, während man den "Ètalons", der einheimischen Equipe mit dem französischen Trainer Ph. Troussier nicht mal Außenseiterchancen in der Gruppe mit Guinea, Algerien und Kamerun einräumte.

Das Auftaktspiel am 7.2.98 ging dann auch mit 0:1 gegen Kamerun verloren, und das Stadion "4.August" war trotz farbenfroher Eröffnungsveranstaltung nicht restlos gefüllt. Als sich dann in den anderen Gruppenspielen (in den völlig neu rekonstruierten Stadien "Municipale" in Ouaga und "Omnisport" in Bobo-Dioulasso, der zweitgrößten Stadt im SW des Landes) zum Teil nur 1000 Leute einfanden, war in der europäischen Presse von enttäuschenden Zuschauerzahlen und Desinteresse der Burkinabés die Rede. Wenn man die Liebe und Hingabe gespürt hat, mit der dieses arme Land das Fußballfest organisiert hat, kann man über diese wirklich weltfremde und arrogante Berichterstattung nur wütend sein. Es ist nun mal einfach so, daß der normale Fußballfan dort große Probleme hat, die 3 bis 4,50,- DM Eintrittsgeld zu bezahlen und nicht nur das, sondern auch der Transport zu den Stadien ist ein finanzielles und logistisches Problem. Ohne S- oder U-Bahn, ohne Stadtbusse läuft man halt zum Spiel, oder kann bestenfalls auf ein altes Peugeot-Moped als Transporthilfe zurückgreifen (das größte hauptstädtische Stadion "4.August" liegt ca. 7 km vom Zentrum entfernt am westlichen Stadtrand). Dies erkannte zwar nicht die verwöhnte Euro-Presse, aber ein reicher Kaufmann des Landes, der für die folgenden Gruppenspiele alle verfügbaren Nichttribünenkarten (alles Stehplätze) aufkaufte und umsonst verteilte.

Da die Nachricht im Radio verbreitet wurde, strömte das fußballverrückte Fußvolk in die 40.000 Zuschauer fassende Arena und siehe da, Burkina gewann mit Klasse Offensivfußball und enthusiastisch unterstützt die beiden letzten Vorrundenspiele gegen Algerien (2:1) und Guinea (1:0), somit hatte sich das Team für das Viertelfinale qualifiziert. Weil damit wirklich niemand gerechnet hatte, war auch kein Halten mehr und die Fans machten eine zünftige Pitch Invasion. Die Feier ging bis zum frühen Morgen: "Ètalons ya but!"-den Hengsten ein Tor!. In Deutschland war von alldem nichts mitzubekommen, keinerlei Fernsehbilder, die Tageszeitungen lieferten 3-4 Tage (!) später die Ergebnisse und unser "Fachblatt" Kicker informierte sowieso nur über die Wehwehchen der teilnehmenden Bundesligaspieler, das war das Höchstmaß an Interesse was diese Ignoranten uns Fußballfans zugestanden. So kam ich ungeahnter Weise genau in der Nacht vor dem Viertelfinalspiel (v Tunesien) in Ouagadougou bei noch 26°C an (21.2.98). Reichlich beladen mit drei großen Seesäcken voll Kinderwäsche, -schuhen,-spielzeug für das Waisenheim "Home Kisito", dessen eine Erzieherin ich vor drei Jahren kennengelernt hatte, wurde ich von ihrer halben Familie im Toyota abgeholt und nach Hause gebracht, wo ich 9 Tage liebevolles Quartier und Rundumverpflegung genoß. An dieser Stelle noch mal ein Dankeschön an alle Berliner St.Pauli-Fans, die mit dafür gesorgt hatten, daß ich dem Waisenheim eine Spende von 1000,-DM überreichen konnte. Für mich hatte die ansonsten fußballabstinente Familie eine Endspielkarte als Geschenk. Das ich mir auch alle anderen möglichen Spiele ansehen wollte, nahmen sie anfänglich eher ungläubig zur Kenntnis, als ich aber mein 3x1,50m FC ST.PAULI- Transparent aus dem Rucksack zog, diverse andere Fußballutensilien hervorzauberte, galt ich dann doch recht schnell als etwas verrückt.

Zugegeben, in einer Umgebung, die sich mit fundamentalen Problemen herumzuschlagen hat, nimmt sich unser Hobby schon etwas exotisch-versponnen aus. Trotzdem begann die Familie sich richtig zu engagieren, nähte mit Begeisterung zwei kleine Burkina Faso Fahnen auf mein Transpi und das es bei Tagestemperaturen von locker 38°C kühles Bier schon ab dem Mittag zu genießen gab, fand auch mein volles Einverständnis. Ein Bekannter der Familie besorgte die Tickets (ca. 4,80,-DM für überdachte, schattige Tribüne), wir schmückten seine 30 Jahre alte Ente und zuckelten mit Musik vom dortigen Megastar BLACK SO MAN (hatte extra ein CAN-Tape herausgebracht) zum Stadion. 2 Stunden vor Spielbeginn rammelvoll und alles am grooven, tanzen und trillern. Jeder Zehnte hatte eine Djembej oder eine Tama, ein ohrenbetäubendes Spektakel, sehr fremd, aber ansteckend faszinierend. Mit Spielbeginn, Transpi war angebracht und von einer Bochumerin freudig begrüßt worden, setzten sich jedoch alle hin und stoppten den Volxtanz. Doch bei jeder guten Chance und erst recht beim 1:0 anfangs der zweiten Halbzeit war der Teufel los: "Ètalons!". Trotz Ausgleichs in der 90. min. schafften es die "Hengste" tatsächlich im Elfmeterschießen mit 8:7 die Oberhand zu behalten und völlig verdient ins Halbfinale einzuziehen. Nach dem Spiel rasteten die Burkinabés völlig aus, Autos wurden gestürmt und von den Dächern (auch der Busse, Lkw`s) die Fahnen geschwenkt, die Sensation schlechthin, das Unmögliche war wahr, Burkina war unter den letzten 4 des Kontinents.

Der Gag des Abends waren aber die unzähligen Mofas und Mopeds, die sich Blecheimer angebunden hatten und funkensprühend durch die Straßen knatterten. Ich bekam reichlich von der Straßenszenerie mit, weil die Batterie der Ente den Geist aufgegeben hatte und wir das Teil durch die nächtlichen Straßen Ouagas bis zur Werkstatt schoben. Längst war der Anfeuerungsruf "Ètalons ya but"(den Hengsten ein Tor!), in "Ètalons ya cup"(den Hengsten den Cup!") umgewandelt worden. Tatsächlich hatte die Mannschaft gemerkt, das sie sich vor heimischem Publikum vor niemanden verstecken mußte. Über Nacht war das ganze Land im Fußballfieber und es war klar, bis zum Halbfinaltag am Mittwoch (25.2.) mußte ich Fahrgelegenheit und Ticket für die Partie gegen Ägypten (hatte sich nach 0:0 im 11m- Schießen gegen die Elfenbeinküste durchgesetzt) in Bobo-Dioulasso organisiert haben. Nach viel Rumfragerei, dem Abklappern diverser CAN- Büros hatte ich das Objekt der Begierde in den Händen. Die Busse nach Bobo waren wie erwartet ausverkauft, von Zugfahren wurde mir aufgrund der üblichen Verspätungen dringend abgeraten. Glücklicherweise hatte die deutsche Entwicklungshelfercrew noch ein Plätzchen frei und ab gings per Peugeot (OFC Kickers-Fan Gerhard, kam extra aus Togo zur CAN) und Toyota (Vfl Bochum Supporterin Angelika) ins 300 km entfernte Bobo. Hier wurde das Transportproblem offensichtlich, wir hätten locker 300 Tramper mitnehmen können.

Die Fahrt bei 37°C war erfreulich problemlos, kaum Schlglöcher auf der ausgebesserten Straße, keine streunenden Elefanten, nur zwei obligatorische Polizeikontrollen. Dafür `zig mit Landesfahnen geschmückte Busse und Lkw`s, so daß die Fahrt einer Prozession glich. Das Stadion "Omnisport" war Stunden vorher proppenvoll besetzt, Hunderte Kinder und Jugendliche kletterten über die Stadionmauern und schlüpften großzügig von Polizei und Ordnern übersehen ins Stadion. Da es bei überfüllten Stadien schon die eine oder andere böse Überraschung gab (nicht nur in Entwicklungsländern), war ich froh auf der überdachten Tribüne Platz zu finden, wo halbwegs die Eintrittskarten kontrolliert wurden und nicht permanent Hautkontakt bestand. Das machte es möglich, einige Aufnahmen mit dem Camcoder zu machen und zu fotografieren. Eine Stunde vor Spielbeginn kamen die "Pharaones des Egypte" auf das Feld und wurden mit einem 40.000 kehligen, Gänsehaut verbreitenden "Èlimination! ha,ha!" begrüßt und es hatte den Anschein, als ob die Ägypter tatsächlich einen halben Meter kleiner wurden. Aber mit einer scheiß europäischen Defensivtaktik, Riesendusel (Lattentreffer für Burkina beim Stand von 0:0, krasser Torwartfehler führte zum 0:1 durch Unsympath Hassan, einem Vialli-Typ, der sich pro Halbzeit 3x todkrank mit der Trage vom Feld fahren ließ, ein Schauspieler vor Allah) und Cleverneß gewann Ägypten. Bemerkenswert in negativer Hinsicht war, daß die einheimischen Fans nach dem 0:2 in der 70. min in Scharen das Stadion verließen, afrikanischer Fatalismus... Gerhard war ganz außer sich und schrie sich mit "Kämpfen, Kickers, kämpfen!" heiser. Nutzte nichts, was blieb war ein Spiel um Platz 3 gegen Kabilas Kongo, diesmal wieder im Stade "4.Aout" in Ouaga, freier Eintritt für Burkinabés. Doch irgendwie war die Luft raus, das Stadion war nur zu Zweidrittel gefüllt, schon irgendwie eine Enttäuschung, wo das Land gerade dabei war, den größten sportlichen Erfolg seiner Geschichte zu erringen. Und wie es so kommt, wenn keiner so recht dran glaubt, verliert man sogar nach einer 4:1 Führung in der 87.min noch. Der zweite Gegentreffer war wieder ein krasser Fangfehler von Torwart Diarra, danach zweimal Anstoß, billigst den Ball verloren, zwei Gegenzüge, zwei Gegentreffer zum 4:4. Entsetzen pur, im 11m-Schießen schon demoralisiert, doch nur Vierter. Nach dem Spiel gabs richtig Randale, weil aufgebrachte Fans erst den Mannschaftsbus Burkinas und dann die 25 Gästefans stürmen wollten, woran sie von Polizisten mit Tränengasgranaten und Schlagstöcken gehindert wurden. Man munkelte von zwei Toten, aber offiziell kam keine Meldung. Klar, daß wir wie die Einheimischen im Finale Bafana, Bafana unterstützten, was allerdings auch nichts half, diesmal führte Ägypten schon nach zwölf Minuten mit 2:0 und gab die Führung in dem insgesamt schwachen Spiel auch nicht mehr ab. Übrigens übernahm der Trainer von Burkina direkt nach dem Finale die Mannschaft Südafrikas, kann ihr bezüglich des Offensiv-Spiels nur guttun. Ich zog gleich mit den Bafana-Fans in die Fernsehkamera-freundliche Stehplatzkurve, das unübersehbare St.Pauli-Transparent aufgehangen und einen Tag vor Rückreise noch mal entspannt einen Kick ansehen. Schönes Erlebnis am Rande war die Begegnung mit dem Londoner Peter, der mich nach St.Pauli-Fan Kai Keller ("Mutti") aus Kreuzberg fragte, den er vor 4 Jahren beim Afrika-Cup in Tunesien kennenlernte, wo folglich St.Pauli auch schon präsent war, und doch einigermaßen erstaunt war, daß ich ihn tatsächlich kannte. Tja und wenn's nur annähernd so einfach wäre Spiele bei der WM im benachbarten Frankreich zu verfolgen, hätte ich dort wieder afrikanische Teams oder Jamaica supportet... Aber da ich keine Lust habe, irgendwelche Schwarzmarktheinis zu sponsern, laß ich die Fahrt und labe mich an den tollen Erlebnissen beim Afrika-Cup, deren Mannschaften allesamt attraktiveren Fußball spielen als Bertis Hacker, fuck them.

VIVA ST.PAULI!

Gastartikel von Frank

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