Ein etwas anderer Auswärts-
bericht

Der König von St.Pauli
Als Auswärtsstory kann man diesen Bericht nämlich werten, weil wir zwar nicht mit'm FC zu einem Spiel gefahren , aber dafür in eine Szenerie eingetaucht sind, die der "normale Mensch" im Allgemeinen nicht so hautnah miterlebt. Und das kam so: Irgendwann im Herbst bekamen wir über nicht nachvollziehbare Pfade eine Einladung zur feierlichen Premiere vom "neuen Wedel" (Der König von St.Pauli) im Streits-Kino am Jungfernstieg incl. nachfolgender Premierenparty im Grünspan. Über den Film als solchen wollen wir hier gar nichts schreiben, der ist schließlich in allen Medien zu Genüge ausdiskutiert worden. Die zwei Auserwählten, nennen wir sie Lolek und Bolek, freuten sich also wie die Schneekönige (sic!) und malten sich schon Wochen im Voraus aus, wie sie am betreffenden Abend natürlich nicht nur entdeckt , sondern auch am ausschweifenden Partyleben der Promis partizipieren würden. Denn das kennt man ja aus'm Fernsehen: Models ohne Ende, Champagner aus Eimern, kiloweise Koks auf den Tischen usw. Blieb nur noch die Garderobenfrage: Feiner Zwirn oder wie immer? Dem Gedanken folgend, daß es sich ja um einen Film über den Kiez handelt, entschieden wir uns für den "Samstagnacht-am-Pfennig-Tresen-Look" und machten uns auf den Weg. Wir steckten ein Diktiergerät ein und haben einfach von Zeit zu Zeit unsere subjektiven Beobachtungen und Empfindungen da reingequasselt. Nachträgliche Eintragungen sind kursiv gedruckt. Unpassende und im Überschwang der Gefühle getätigte Äußerungen mußten aus Jugendschutzgründen und aus privater und beruflicher Vorsorge leider unkentlich gemacht werden. Und ab dafür:

18.45: Wir passieren das Streits, vier dicke Bodyguards, in deren Anzüge vier von uns 'reinpassen würden, Frisur Marke "Herrentag Magdeburg", stehen vor der Tür. Scheinwerferlicht, roter Teppich, wie in Hollywood. Wir trauen uns noch nicht rein und wollen auf'm Weihnachtsmarkt erstmal 'nen Glühwein trinken. Dort ist uns die Schlange zu lang. Wir kehren zurück und wollen rein. Bodyguard mit herablassendem Grinsen: "Kann ich EUCH helfen?" Wir: "Wir wollen da rein" und zeigen unsere Einladungen. Bodyguard, mit Verbeugung: "Ich wünsche IHNEN viel Spaß". Wir, nicht laut ausgesprochen:"Danke, Du Primat". Im Foyer ergattern wir den letzten Stehtisch. Es gibt Wodka/Blue Curacao auf lau.

19.01: Der 2. Wodka/Blue Curacao. Die Bedienung bedankt sich, daß wenigstens wir was saufen sprich: ihr Tablett leichter machen. Da nicht für.

19.07: Der 3. Wodka. Christian Fladwiek, äh, Quadflieg hat die Bühne betreten. Der Regisseur Dieter Wedel ist da und so'n paar andere, die wir jetzt nicht einordnen können, aber aus'm Fernsehen kennen. Die Bedienung und wir verstehen uns auf Anhieb, sind irgendwie auf einem Level. Unsere Garderobenwahl war wohl doch nicht so glücklich: Wir sind echt die einzigen Asis hier, sehen zumindest so aus, mit Bomberjacken und Docs. Es ist doch Abendgarderobe angesagt. So stehen wir in der Ecke und - trinken, irgendwie, passt.

19.14: So 'ne kleine Wurst betritt den Raum. Bolek sagt, das ist Fred Kogel, der SAT 1-Chef. Wir führen, äh, fühlen uns immer deplazierter, und es ist einfach nicht unsere Welt, fällt uns zunehmend auf. Immer mehr gelackte Filmproduzenten oder so mit peroxydblonden piep betreten den Raum, ekelhaft.

19.18: Mir läuft gerade ein kleiner Mann gegen den Oberschenkel. Wir gucken runter: Das ist original Ekel Alfred, wir lachen uns fast kaputt und müssen uns wegdrehen. Ekel Alfred kann sich kein Feuerzeug leisten, super geil, der nimmt sich etliche Packungen SAT 1-Streichhölzer vom Tisch und steckt sie in seine Smokingtasche.

19.19: Ekel Alfred nimmt sich noch zwei Packungen. Wir brechen zusammen, sind aber nur 'nen halben Meter entfernt. Erste irritierte Blicke von Umstehenden.

19.25: Pressefotografen lichten pausenlos ausgewählte Leute ab, wahrscheinlich für diese ganzen Klatschkolumnen a la Doris Banuscher. Bolek und ich schmeißen uns der Wodka... fortwährend in Pose, doch niemand beachtet uns. Die denken bestimmt, wir bewachen den Tisch.

19.28: leicht erregte, belegte Stimme Jetzt geht das ab langsam. Dr. Brinkmannshausen, Klaus-Jürgen Wussow, betritt das Foyer, jo. Wir werden übermütig und wollen uns nach unseren Leberwerten erkundigen, aber er ignoriert uns, wie uns eigentlich hier jeder ignoriert. Die Frau mit dem Wodka läßt übrigens ziemlich lange auf sich warten.

19.33: So 'ne komische Glocke bimmelt chaotisch, wir sollen wohl reingehen. Doch die Bedienung macht uns darauf aufmerksam, daß das sicher noch 10 min dauert und wir ruhig noch ein Getränk holen können. Wir bejahen. Bolek kommt zurück und sagt, er habe gerade aus Versehen Helmut Karrasseks Jacke mit seiner Kippe angekokelt, er hat aber nix gemerkt. Stefan Aust ist auch unpassend angezogen.

19.35: Wir halten, leider vergebens, Ausschau nach Sonja Kirchberger und Verona Feldbusch.

19.37: Da ist sie. Sonja Kirchberger kommt rein und gibt'n Interview für irgendwas. Aber wir müssen ganz klar sagen, die sieht in natura gar nicht so cool aus, nö. Ist ja doch 'ne Enttäuschung, doch. Außerdem guckt die so komisch, als ob die voll breit ist. Lolek sagt, das wär' ihm auch schnurz und seine Hose piep.

19.40: Wir treffen Helmut Schulte und Gemahlin und tauschen uns kurz aus.

19.41: Ich geh' auf's Klo pissen. Als ich wieder raus will, kommt da so'n Typ rein. Aber anstatt durchzugehen, stellt der sich nur vor'n Spiegel und kämmt sich die Haare, Idiot. Helmut Schulte weiß übrigens auch nicht, warum er hier ist. Aber auf jeden Fall ist es unstressiger als momentan im Verein. Yes, die Sonne geht auf. Andrea Sawatzki steht neben uns. Wir beide zerfliessen, schmacht. Ingrid Steeger ist auch da. Läßt sich aus'm Mantel helfen und sieht noch genauso aus wie 1975.

19.46: Lou Richter und Gaby Papenburg stellen sich an unseren Tisch und unterhalten sich mit uns. Endlich guckt uns mal einer an.

19.54: geflüstert, Hintergrundgeräusche wesentlich leiser als zuvor Wir sitzen auf unseren Plätzen und denken, daß es eigentlich cool wäre, jetzt eine zu rauchen und laut 'ne Dose Holsten aufzumachen. Kurz bevor wir reingegangen sind, stand neben uns so'n Filmproduzententyp und sagt zu seiner Begleitung, er habe gar keine Sitzplatzkarte und sei froh, wenn er gleich überhaupt einen Stehplatz bekäme. Wir sind 10 cm größer weitergegangen. Kurz vor Beginn des Films fällt uns auf, daß wir gar nicht, wie vorher vermutet, die Asiplätze haben, weil: Dieter Wedel sitzt 4 Reihen hinter uns, Ingrid Steeger 2 Reihen, Klaus-Jürgen Brinkmannwussow auch 2 Reihen. Supergenial, Frau Sawatzki 4 Reihen 'n Stück weiter links. Stefan Aust 2 Reihen hinter uns usw. und so fort. Bolek geht erst mal Bier holen.

22.28: Der Film ist geschafft. Die letzte Stunde haben wir uns dahingequält, weil wir pissen mußten ohne Ende, uns aber nicht getrauten aufzustehen. Vor allem sind nach der Vorführung alle, wirklich bis zu den Nebendarstellern alle auf die Bühne geholt und geehrt und beklatscht worden. Als Sonja Kirchberger da keine 3 m von uns entfernt stand, sah sie doch bezaubernd aus und die Blase war kurzzeitig vergessen. Aber natürlich kein Vergleich zu Andrea Sawatzki Beim Aufstehen haben wir gesehen, daß hinter uns der wahre König von St.Pauli saß: Willi Bartels mit 'nem anderen Typ, ich glaub vom Bürgerverein. Im Foyer bei der Zigarette danach müssen wir Reinhold Beckmann erstmal zeigen, wo der Ascher ist. Wir haben wieder Durst und rätseln, wie wir jetzt zur exklusiven Premierenparty ins Grünspan kommen.

22.56: Wir sind im Grünspan, welches außen auch mit Scheinwerfern , rotem Teppich und Bodyguards ausgestattet war Nachdem ich neben Ekel Alfred und Bolek mit Lilo Wanders, die nur Scheiße erzählt hat, mit Transferbussen ins Grünspan gefahren sind, stehen wir nun am Tresen auf der oberen Ebene. Die Frau, die im Bus vor mir saß...eine Bedienung kommt an "Möchten sie?" Hä, was ist das denn ? "Ziegenkäse" Nee, danke. Also noch mal, die Frau, die vor mir saß, irgendwoher kenne ich die, ich glaub', die hat beim Landarzt mitgespielt. Wir werden sehen, der Abend ist noch lang. Am Tresen wollten wir ein Bier bestellen, aber die trinken hier alle so komische andere Sachen, also bestellen wir das auch: Wodka/Lemon.

23.29: Mangels Gesprächspartner ergehen wir uns in vom Wodka beflügelten Phantasien, daß wenn man hier Leute kennenlernt, man sicher in feudale Ferienhäuser und/oder Yachten an der Cote d'Azur zu exzessiven Swingerparties eingeladen wird.

23.37: Wir entdecken die Frau aus'm Bus mitsamt dickem Begleiter und sind uns einig, daß die nur darauf wartet uns in ihr Ferienhaus einzuladen. Wir schleichen uns an und machen uns bekannt. Es stellt sich leider heraus, daß ihr Begleiter zwar der "Serienchef" vom ZDF ist, sie aber "nur" in 'nem Filmbüro in Altona arbeitet. Ist also nix mit tote Hunde an Brigitte Bardots Haustür nageln. Schade eigentlich.

00.20: Ingrid Steeger hat offensichtlich 'nen neuen Freund und knutscht rum. Unten spielt so 'ne merkwürdige Saxophoncombo, ziemlich eklig, ich hasse Saxophone. Dazu, unglaublich, tanzt ein halbnacktes GoGo-Girl auf einem Podest. Voll daneben. Ferner wurde uns eben der Unterschied zwischen Film- und Fernsehpremieren erklärt. Bei Fernsehpremieren wie dieser hier sind mehr ältere Leute in Anzügen dabei, bei Filmpremieren sei das Publikum jünger und flippiger. Naja, mal wieder Pech gehabt. Der Chef der Bodyguard-Firma heißt Achmed Mohammed, auch schon öfter in Talkshows gesehen.

01.35: mittlerweile stark lallend Wir stellen gerade fest, daß alle unsere Schauspielerhelden superklein sind. Heinz Hoenig wird wohl immer vom Kameramann liegend gefilmt, weil der Mann ist so dermaßen klein, das ist unglaublich. Sowas darf doch keinen Zuhälter spielen, der wär' doch voll die Lachnummer auf'm Kiez. Und immer noch tanzen irgendwelche karibischen piep auf der Bühne 'rum und nerven. Nein, sie nerven nicht. Aber jetzt weiß ich wenigstens, womit die Schönlinge, die ich vormittags im Fitneßstudio sehe, nachts ihr Geld verdienen.

01.50: noch stärker lallend Langsam lockert sich hier die Stimmung, man wird gelöster. Soeben wurden Bolek und ich für zwei Superschwule gehalten. Also, ein Bekannter von uns aus der Showbranche wurde angesprochen, seit wann er denn Kontakte in der Schwulenszene hätte. Wir sind, äh, betroffen und sprachlos.

01.54: Heinz Hoenig tanzt mit Tiger-Lilly. Die Fotografen interessieren sich dafür, wir eigentlich nicht. Denn die Mädels, die hier West-Zigaretten verteilen, sind viel interessanter.

01.58: Andrea Sawatzki ist zu uns gekommen. Bolek sagt, weil wir die beiden sexiest boys in town sind. Wir haben ihr 3 min auf 40 cm Abstand gegenüber gestanden. Vorhin auf'm Weg zum Klo hab ich Sonja Kirchberger am Ellbogen berührt. Da wasch ich mich jetzt nicht mehr. Lou Richters Angebot, uns mit Heinz Hoenig bekannt zu machen, haben wir erstmal ausgeschlagen, wegen Andrea Sawatzki. Außerdem ist Heinz Hoenig zu klein.

02.09: Stimmung lockert sich zusehends. Heinz Hoenig ist immer noch klein, wir werden immer voller. Wir tanzen zu Olivia Newton-John und holen erstmal eine Stimme eines St.Pauli-Fans aus einer Werbeagentur ein. Was hältst Du denn von der momentanen Lage im Club ? "Absolut desolat. Die hätten Schulte niemals gehen lassen sollen damals. Oder zumindest Maslo nicht" leicht genervt Ah ja, danke.

02.20: Es läuft Harpo. Alles im Lack. Wir unterhalten uns blendend. Andrea Sawatzki ist mitten auf der Tanzfläche, der Star des Abends. Sonja Kirchberger ist nicht zu sehen. Juri Sawitschew alias Toni Polster baggert rum. Heinz Hoenig ist immer noch klein.

02.30: Lou Richter verabschiedet sich mit den Worten, wir würden schon alles in seinem Sinne schaukeln.

02.55: kaum noch zu verstehen Wir werden uns jetzt auf unbestimmte Zeit verabschieden, weil um uns rum sind jetzt nur noch Frauen mit piep und wir sind jenseits von gut und böse. Oh, da ist Andrea Sawatzki schon wieder, direkt vor uns. Ooh. Hier laufen nur noch piep rum und richtige piep. Piep. Jetzt kommt Alexander Ratzun an, so'n Schauspieler, der immer fiese Schwiegersöhne spielt. Und er baggert Andrea Sawatzki an. Dafür werde ich Ihm gleich piep, weil er ist jetzt das Arschloch, grundsätzlich, mit seinen (piep). Und der tanzt da blöd 'rum mit seinem Wodka in der Hand.

03.05: Nach so 'ner piep Ansage steht auf einmal Bonnie Tyler auf der Bühne und singt, bzw. krächzt den Titelsong des Films. Ich sag'Euch, wenn die Jacke nicht wäre piep.

03.30: Andrea Sawatzki steht vor uns. Bolek sagt, er würde sie direkt heiraten. Ooh, die Frau hat so piep drauf, das gibt's überhaupt nicht. Und diese Kette um den Hals sagt alleine piep. Ich will jetzt piep, sonst piiiiiiiiiieeeeeeeeeeeeep.

Hier endet dieses schockierende Tondokument vom kompletten Niedergang zweier ansonsten eigentlich ganz bedachter Jungs, einhergehend mit dem Verlust jeder zivilisatorischen und moralischen Grenzen. Zum Ausgang der Party fehlen uns auf jeden Fall vollständige Erinnerungen. Ist wohl auch besser so. Bolek wußte nur noch, daß er beim Verlassen des Grünspans auf den Gehweg gekotzt hat. Lolek wußte gar nichts mehr und stellte am nächsten Mittag nur befriedigt fest, daß er sich zwar hundeelend fühlte, aber wenigstens alleine und unversehrt zu Hause war und nicht bspw. auf einer Yacht an der Cote d'Azur. Einig waren sich beide hinterher, daß diese Auswärtstour zwar ganz interessant war, aber jede Übersteiger-Party viel lustiger, weil ausufernder und vor allem ehrlicher ist. Soviel Rumgepose und "Sehen und gesehen werden" ist echt nicht unser Ding. Die Leute sind sicher nicht alle Scheiße und das Vorurteil vom arroganten Filmmenschen generell so nicht anwendbar (vor allem nicht bei Andrea Sawatzki...), aber der Gesamteindruck der Szenerie geht schon in die Richtung. Bleibt nur noch festzuhalten, daß der ganze Abend eine horrende Summe gekostet haben muß. Klar, wenn hunderte Leute die ganze Nacht umsonst fressen und saufen etc. So werden einem auch die hohen Kosten von Filmproduktionen klar. Aber das soll uns nicht weiter kratzen, und amüsiert haben wir uns schließlich auch.

Lolek und Bolek

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