wann, warum und wie?"Parkbesucher halten vom Singen ab" konnten die interessierten LeserInnen als Überschrift eines Artikels in der Februar-Ausgabe der Zeitschrift 'Kosmos' lesen und so auch ich. Was wollten die Überschriften-Macher mir damit sagen? Sollte ich mich in städtischen Parks tunlichst davor hüten, die Stimme für ein Wanderlied zu erheben, weil mir sonst eine ergraute Taubenfütterin ihren Regenschirm über den Schädel zieht? Wohl nicht! Wollte der Bericht mir gar vermitteln, daß es sich nicht schickt als allein Umherirrender im Hamburger Volkspark Lieder zu intonieren, die ansonsten nur am Millerntor gesungen werden? Auch nicht! Es ging in dem Kurz-Aufsatz lediglich um die Darstellung einer Studie, die belegt, daß Parkbesucher die Vogelwelt in ihrer Gesangsaktivität massiv stören. Also, kein Zusammenhang mit dem Thema dieser Abhandlung. Aber, mittendrin im Thema: Fangesänge! Dank gebührt also dem Kosmos-Verlag für diese Einleitung.
"Ein guter Gesang wischt den Staub vom Herzen" erkannte bereits Christoph Lehmann, Ende des 16. Jahrhunderts Stadtschreiber von Speyer. Ein guter Stadion-Gesang scheint dies auch leisten zu können; denn je besser die eigenen Gesänge im Stadion geraten, desto beglückter durchschreiten wir nach Spielende die Stadion-Ausgänge, selbst dann, wenn das Gekicke auf dem Rasen der Stimmung eher abträglich war. Ein eigentlich erstaunliches Phänomen, schließlich geht es doch um Fußball, um den Versuch, möglichst immer ein Tor mehr im Netz der gegnerischen Mannschaft zu sehen als in jenem des eigenen Teams. Es geht um ansehnliche Spielzüge, geniale Pässe, fulminante Freistösse, saubere Tacklings, einmalige Torwart-Paraden und um Tore, Tore, Tore. Oder? DER STIMMAPPARATMit einer Geschwindigkeit von vier Metern in der Sekunde strömt die verbrauchte Luft beim normalen Atmen durch die Kehle. Die Stimmbänder und die Stimmlippen (zusammen Kehlkopf) versetzen den Menschen in die Lage, einen Sprech- oder Sington zu erzeugen. Und das geht so: Die Stimmlippen werden beim Ausatmen verschlossen, es entsteht ein leichter Überdruck. Hierdurch wiederum werden diese genötigt, sich leicht zu öffnen, der Luftstrom der hindurchfließt erzeugt das von Wissenschaftlern so genannte "aerodynamische Paradoxon", das dazu führt, daß sich die Stimmritze ein paar hundert Mal pro Sekunde periodisch öffnet und wieder schließt. In den Resonanzräumen von Rachen, Mund und Nase wird dieser entstandene Klang verstärkt und verläßt die geöffneten Lippen des Klangerzeugers -unter Mithilfe der nun in Bewegung gebrachten Stimmbänder- als Ton. Rund hundert Muskeln sind hieran beteiligt, das Gehirn muß dabei pro Sekunde 150.000 Einzelentscheidungen treffen. Somit ist der eben beschriebene Stimmapparat das komplizierteste motorische System im menschlichen Körper. Dies wollte Enrico Caruso damals noch nicht glauben und behauptete frech, daß das ausreichende Zubehör eines Sängers allein aus einem großen Brustkorb, einem großen Mund, neunzig Prozent Gedächtnis, zehn Prozent Intelligenz, sehr viel schwerer Arbeit und einem gewissen Etwas im Herzen bestehen würde. Dieser Unwissende. Wenn dem tatsächlich so wäre -und ich behaupte, daß die St.Pauli-Fans mindestens 4-5 seiner Kriterien erfüllen- würden die Leute ja wohl statt in die 'Hamburger Staatsoper' an's Millerntor pilgern um dort formvollendete Arien zu genießen. Na, singen konnte der italienische Ausnahme-Tenor ja immerhin.
Wie so viele Dinge, die mit dem Bereich Fußball zu tun haben, sind auch die Fußball-Fangesänge in den Arenen (zumindest Europas) zuerst in England ausgemacht worden. Dort gab es in Viktorianischer Zeit (19.Jahrhundert) das Ritual des gemeinschaftlichen Singens von Hymnen vor Sportveranstaltungen. Dies war allerdings ein sehr formeller Akt, der meist ohne begleitende Musik auskam, aber von einem Dirigenten geleitet wurde. Teile hiervon haben bis heute überlebt -so gibt es vor den großen Cup-Finals in Wembley ein gemeinsames Singen- doch als gesellschaftliches Ereignis ist diese Einrichtung quasi verschwunden. Was aber die Fans in den Stadien gegen Mitte dieses Jahrhunderts nicht davon abhielt, die Sache nun selbst in die Hand bzw. den Mund zu nehmen. Mit der Zunahme des Flugverkehrs nach dem Krieg, der damit einhergehenden zunehmenden Reiselust, sowie der wachsenden Zahl internationaler Begegnungen, kam es zu einer belebenden Vermischung verschiedener Fanverhalten. Allerdings gehen die Meinungen darüber auseinander, wer denn nun das Trommeln, Klatschen u.s.w., mit dem die Fans aus Südamerika und dem Mittelmeerraum ihre Teams zu Hause bereits anfeuerten (Brasilien-Reiseberichte aus den 20ern erwähnen bereits damals heftige Zuschauer-Reaktionen, die im Abfeuern von Revolverschüssen ihren Höhepunkt hatten), zuerst an britische Ohren gelangen ließ. Fußball-Experte Stanley Reynolds ist der Auffassung, daß die Gesänge und das Fahnenschwenken aus Italien nach England gelangten. Brian Granville, ein anderer Experte, hingegen sieht die Einflüsse in der Fußball-WM 1962 in Chile begründet. Von dort hätten britische Fans die zumeist von Brasilianern zelebrierte Eigenart mitgebracht, Unterstützungsgesänge mit rhythmischem Klatschen zu begleiten. VON LIVERPOOL IN DIE ANTIKEDie Fans des FC Liverpool schließlich, zumindest jene auf den 'Spion Kop' genannten Stehtribünen, waren die ersten, die diese Gesänge übernommen haben. Parallel hierzu entwickelte sich Anfang der 60er in den Clubs und Kellern Liverpools urknallartig das, was uns heute als Popmusik bekannt ist. Und eben diese neue Musik vereinnahmten die Fans sofort und integrierten Texte, Melodien und Rhythmen, ganz, teilweise oder verändert, in ihre Schlachtgesänge. Deshalb ist es auch kein Wunder, daß die englischen Fans bis heute als die sangesfreudigsten und phantasievollsten gelten. Musikwissenschaftler Professor Dr. Reinhard Kopiez von der Musikhochschule Würzburg: "Fangesänge sind eine eigenständige Kulturform, eine Subkultur im positiven Sinne. Eine Kultur, die keine Schriftform hat, die nur auf mündlicher Weitergabe beruht, bei der man durch Mitmachen die Kultur weiterträgt. Sie hat keine Dokumente, sondern alles im Kopf".
Dieser Umstand erschwert es jedoch auch sehr stark, die Frage zu klären, seit wann denn überhaupt Sportveranstaltungen im weitesten Sinne von kollektiven Äußerungen des Publikum begleitet werden. Sicherlich wurden bereits in der Steinzeit nackte ringende Männer von den herumstehenden Massen irgendwie verbal angefeuert oder attackiert, aber ein abgestimmtes Verhalten wird es nicht gegeben haben. Indizien hierfür hat es sehr viel später nicht einmal für den Zeitraum der Antike gegeben. Zwar war bei Gladiatorenspielen und -kämpfen, wie Prof. Kopiez herausfand, die Ansammlung von Menschenmassen schon damals mit großem Lärm verbunden, selbst vor dem eigentlichen Wettkampf und sogar an anderen Orten (Texte des lateinischen Komödiendichters Terenz belegen dies), doch, so dessen Analyse römischer Veranstaltungen, kollektive Laute hat es noch nicht gegeben. Zwar Ausrufe, die meistens zur Sorte der blutrünstigen Art gehört haben sollen, aber eben nicht organisiert. Der Ausruf "Haut drauf" galt allerdings damals nicht den Kämpfern selbst, sondern den Aufsehern, die die Gladiatoren mit Peitschenschlägen in den Kampf treiben sollten. Die Analogie zum Terminus "Haut drauf, Kameraden", den wir aus heutiger Zeit kennen, ist also nur bezogen auf den Wortlaut existent. Allerdings konnte das Publikum Einfluß nehmen auf Leben und Tod des unterlegenen Kämpfers. Dies erfolgte auf zwei verschiedene Arten: Entweder wurden die Daumen kollektiv gesenkt bzw. gen Himmel gestreckt, oder Lappen in der Größe von Taschentüchern geschwenkt, oder auch nicht. Allein in einem einzigen Fall belegt Kopiez kollektives Handeln. Über ein römisches Wagenrennen 196 n.Chr. beschreibt der damalige Historiker Cassius Dio folgenden Vorfall: ....sie (das Publikum!; Anm. d. Autors) hatten die Wagen...angeschaut, ohne überhaupt irgendeinem Beifall zu spenden, was eigentlich ihre Gewohnheit war.....da schlugen sie...alle plötzlich ihre Hände zusammen und riefen noch etwas dazu aus.....so schrien sie: "..und bis wohin macht man Krieg mit uns?".... Eine deutliche politische Äußerung also, die sich in der Tatsache erklärt, daß Bürgerkrieg herrschte und Kaiser Septimius Severus permanent Kriege gegen den britannischen Statthalter Clodius Albinus führte. Über das Verhalten der antiken Griechen ist absolut nichts überliefert. Vermutet werden darf jedoch, daß diese sich ähnlich geriert haben wie die Römer, nur nicht ganz so krass, denn Gladiatoren-Kämpfe wurden bei ihnen durch Boxkämpfe ersetzt. Kopiez' Fazit: Rhythmisches Klatschen, Sprechchöre waren in der Antike unbekannt. Es gibt bis heute noch keinen direkten Beleg für etwaige derartige Äußerungen von Zuschauermassen. KOLLEKTIVES SINGEN ALS STAMMES-RITUALWoran aber liegt es, daß die Antike noch keine Fangesänge kannte? Welche Voraussetzungen müssen also erfüllt sein, damit es zu solchen Bekundungen kommen kann? Die Thesen von Reinhard Kopiez: Es muß Menschenmassen mit dem gemeinsamen Interesse geben, eine Gruppe zu unterstützen, ein regelmäßiger Spielbetrieb sollte gewährleistet sein, es muß ein ausgewogenes Verhältnis von Spannung und Entspannung während des Spiels geben, es bedarf einer großen Verbreitung von Musik, die auch noch gesangs-kompatibel sein sowie zur Fankultur passen muß, und eine ausreichende Anzahl an Stehrängen sollte vorhanden sein. Ein paar dieser Aspekte waren in der antiken Sportwelt durchaus gegeben, doch mitnichten alle. Insbesondere fehlte die Spannungs-/Entspannungs-Ausgewogenheit (wie bspw. auch beim Tischtennis u.a. Sportarten von heute, bei denen bekanntermaßen Gesänge eher unbekannt sind), ebenso wie die ausreichende Verbreitung volksnaher Weisen. Und nicht zuletzt das vollständige Fehlen von Stehplätzen in den antiken Arenen verhinderte dort das Entstehen einer Fangesangs-Kultur, wie wir sie heute kennen.
Auf die Frage, warum der Fan überhaupt singt, hat Kopiez eine wenn nicht vordergründig einleuchtende aber doch interessante wie nachvollziehbare Antwort: "Ich glaube, er möchte gerne die Götter um Unterstützung für seine Mannschaft anrufen. Das kennen wir aus allen Naturvölkern. Dazu tut er folgendes: Er braucht ein nicht-alltägliches Gewand, das ist seine Kutte; Gesichtsbemalung. Er braucht das Schalspann-Ritual, das ist die nicht-alltägliche Bewegung, ist der Tanz. Und das Dritte sind die Narkotika, das ist der Alkohol in unserer Kultur. Narkotika, Tanz und Maske sind die Voraussetzungen dafür, daß ein solches Ritual der Götter-Anrufung funktioniert". Verhaltensforschungs-Guru Desmond Morris geht noch einen Schritt weiter in seiner Einschätzung: "Das Fußballspiel ist eine rituelle Jagd. Als ich in Afrika einmal Massai-Krieger bei ihren Kriegsgesängen gefilmt habe, hat mich das sofort an Fußball-Fans erinert. Die Massen wirken wie ein großes aus vielen Menschen gebildetes Tier. Die Funktion ist ja auch: Die Masse soll furchteinflößender sein; also Aggression ohne Blutvergießen". NIE WIEDER ALLEINE GEHENDie Fans in Liverpool benehmen sich zwar nicht wie Tiere, aber furchteinflößend ist ihr Support durchaus. Noch heute partizipiert die Fangemeinschaft dort von ihrem innovativen Tun Anfang der 60er, als die verschiedensten Einflüsse in das eigene Gesangs-Repertoire aufgenommen wurden: viktorianisches Hymnen-Singen, italienische Gesänge, lateinamerikanisches Schreien und Klatschen (Synchronklatschen ist allerdings eine englische Erfindung) und eben die gerade aufkommende Popmusik-Kultur. "Ein neues Stammesritual wurde dort geboren, das sich wie ein Buschfeuer von Fußballclub zu Fußballclub über das ganze Land ausbreiten sollte" (D.Morris). Gerry Marsden heißt der Schuft, dem wir ein Lied zu verdanken haben, das auch noch 35 Jahre nach seinem Top-Ten-Erfolg in England Wirkung zeigt. Die Band nannte sich 'Gerry And The Pacemakers', und der Song der sie in die Charts katapultierte ist euch nicht nur allen bekannt, sondern wird gemeinhin als die 'Mutter aller Fußballsongs' bezeichnet: "You'll never walk alone" (YNWA)! Die unsterbliche Hymne, die zwar nicht die Band, aber das Lied für Fußball-Fans weltberühmt machte. Und sie fand ganz schnell ihren Weg zu den sangesstarken Liverpooler Fans, die den Hit quasi zu ihrer Vereinshymne machten und mit Inbrunst bei ihren Heimspielen intonierten. Doch das Original war der Song schon damals nicht, denn bereits 1945 (!) wurde das Musical 'Carousel' in New York uraufgeführt, und YNWA war Teil des Musicals. Bis heute gibt es rund 150 verschiedene Versionen 'unseres' Songs. Shirley Bassey, Tom Jones, Frank Sinatra, Nina Simone, Mario Lanza, Placido Domingo u.v.a. bekannte und weniger bekannte InterpretInnen versuchten sich am Schmalz-Lied und scheiterten teilweise kläglich, weil sie der inbrünstigen Herausforderung nicht annähernd gewachsen waren. Über den Umweg MR-Video (musikalische Untermalung mit der 82er-Adicts-Version) und der Rubbermaids-Variante auf der ÜS-CD wurde der Song schließlich zum Allgemeingut der Millerntor-Besucher und zum heimlichen Vereinslied. Somit darf YNWA zwar durchaus als Urhymne aller Fußballsongs bezeichnet werden, doch zu den ansonsten typischen Stadion-Fangesängen gehört es eigentlich nicht, zumal ein Großteil der Gesänge, die wir heute kennen, eher textlich oder musikalisch vom Original abgewandelte Weisen sind, die nicht annähernd 1:1 übernommen wurden. Ein frühes Beispiel hierfür ist "Yellow Submarine" von den Beatles, das ich hier einmal als zweites Urlied bezeichnen möchte. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als Kind/Jugendlicher nach dieser Melodie das spöttische "Zieht den Bayern die Lederhosen aus" gesungen zu haben. Einer der wenigen Gesänge, der sich unverändert über Jahrzehnte hinweg bis heute gehalten hat. Kopiez spricht in seiner Untersuchung der Fangesänge hierbei von 'Zersingen' und erläutert, warum sich ein solches Lied so lange halten konnte: "Hohn und Spott sind die wichtigen kreativen Motoren bei den Fangesängen".DAVE DEE, DOZY, BEAKY, MICK & TICHNachdem nun mehr oder minder klar geworden ist, wo die Wurzeln der Fangesänge zu finden sind, wäre noch zu klären, wo der Urrhythmus zu suchen ist. Unser quirliger Würzburger Musik-Professor fand natürlich auch ihn: 1966 landeten die in der Überschrift genannten fünf jungen Herren in England einen Hit, der umgehend seinen Weg in die britischen Stadien fand. 'Hold tight' heißt der Topseller und wird den älteren Semestern unter euch sicher bekannt sein. Der prägnante Anfangsrhythmus wird sogar allen Stadionbesuchern geläufig sein, zumal der Rhythmus in quasi jedem Rund klatschend adaptiert wird. Und jeweils wird diesem Soccer-Rhythmus ein schnell gesungenes zweisilbiges Wort hinterhergeschickt. Meist ist dies der Vereinsname, bei Länderspielen regelmäßig auch ein dumpfes "Deutschland". Allerdings möchte ich an dieser Stelle betonen, daß dieser Lied-Rhythmus des englischen Quintetts eigentlich geklaut ist, nämlich von einem Volkslied der neuseeländischen Ureinwohner, den Maoris, das im Original genauso klingt, wie das euch allen bekannte "Schöne Maid" von Tony Marshall, das vom damaligen Komponisten und heutigen Fußballfunktionär Jack White eigentlich nur mit einem deutschen Text versehen wurde. Da ich allerdings annehme, daß die Insel-Fans 1966 nicht einmal wußten, daß es so was wie Neuseeland überhaupt gibt, liegt die Vermutung nahe, daß der Rhythmus tatsächlich von Dave Dee & Co. übernommen wurde. Kopiez: "Wichtiger als die Lieder sind die Rhythmen. Sie sind noch leichter zugänglich für viele Leute, weil sie nicht singen müssen; sie müssen nur klatschen".Doch wer "richtiger Fan" werden will, muß schon ein wenig mehr tun, als nur grobmotorisch die Handinnenflächen gegeneinander zu schlagen. Reinhard Kopiez spricht in diesem Zusammenhang vom Fan-Abitur: "Es ist nicht so leicht für jeden Fan irgendwann wirklich dazu zu gehören. Hierzu bedarf Der zweite Urrhythmus, den es zu entdecken galt, ist der Car-Wash-Rhythmus, jener Klatsch-Rhythmus also, durch den das Lied im gleichnamigen Film aus 1976 weltberühmt wurde. Das geniale an diesem Rhythmus ist ja die Tatsache, daß er zwar ganz einfach zu klatschen ist, aber absolut nicht langweilig-eintönig wirkt. Außerdem erkennt man bei einer Rhythmus-Vereinfachung eindeutig Struktuten von Marschmusik. Insofern verwundert es natürlich nicht, daß gerade er Einzug in die Stadien gehalten hat, und nicht selten mit einem militärisch-zackigem "Sieg" abgeschlossen wird. WIE NEUES ENTSTEHTMit die schönsten Momente in meinem kargen Fußball-Leben sind jene, in denen die Fans, seien es die eigenen oder andere, intelligent-phantasievoll auf aktuelle Ereignisse -die nicht immer zwingend mit dem Tretsport zu tun haben müssen- durch neue Gesänge reagieren. Meist ist das Neue natürlich ein neuer Text, schließlich können selbst wir nicht mal eben, von heute auf morgen, einen neuen Song schreiben. Ein für mein Dafürhalten recht interessantes Beispiel ist der relativ neue Knappen-Slogan "Steht auf, wenn ihr Schalker seid!" Der ist jetzt zwar völlig überstrapaziert, weil fast jede Fangemeinde nun meint, für welches Anliegen auch immer, aufstehen zu müssen.Und vor lauter Aufstehen und in der Gegend herumstehen kommt man eigentlich gar nicht mehr dazu, sich irgendwie mal hinzusetzen und auszuruhen. Aber die Entstehungsgeschichte ist wirklich gut und wird von einem Schalke-Trommler (interessant in diesem Zusammenhang übrigens das Ergebnis einer aktuellen Untersuchung, das eindeutig belegt, daß Trommeln für das Entstehen von Stadiongesängen einen kontraproduktiven Charakter haben) in einem Interview mit der Jugendbeilage der SZ (28.07.1997) erläutert: " Bei irgendeinem Bundesligaspiel im Frühling haben wir in Block 4 der Nordkurve den Countdown zur 'La Ola'-Welle angestimmt. Beim ersten Mal ging die Welle nur bis zur Gegengeraden, beim dritten oder vierten Mal dann durchs ganze Stadion. Ja, sogar die Haupttribüne machte mit; nur die Ehrengäste hatten keine Lust aufzustehen. Da gingen einige Fans aus der Nordkurve rüber zur Ehrentribüne, stellten sich vor das Absperrgitter und riefen: 'Steht auf, wenn ihr Schalker seid'. Da bewegte sich aber auch nichts. Also kamen sie zurück in die Nordkurve, und wir beschlossen, alle zusammen den Satz zu rufen. Immer noch nichts. Einer hatte dann plötzlich die Idee, den Satz in der Melodie von 'Go West' zu singen - und als dann Tausende von Fans 'Steht auf...' sangen, standen die Ehrengäste tatsächlich auf und waren begeistert. Seitdem gehört dieser Spruch zu unserem Repertoire, und er wurde vor allem durch die UEFA-Cup-Spiele berühmt". Wie lange dieser Gesang noch bei den Gelsenkirchener Fans im Repertoire bleiben wird, ist nach meinem Ermessen ziemlich offen, da er zwar offensichtlich eine 'Erfindung' der Blau-Weißen ist, aber mittlerweile so inflationär auch von anderen Vereinsanhängern be- und genutzt wird, daß langsam verschwimmt, wem dieses Lied eigentlich gehört (und ich meine nicht die 'Village People'!). Da aber jede Fangemeinschaft auch Lieder braucht, mit denen sie sich von anderen abgrenzen kann (Reviermarkierung sozusagen), ist es durchaus möglich, daß der neue Spruch dem Lied-Darwinismus zum Opfer fällt. So wie es mit vielen anderen auch schon geschehen ist.DIE VIELEN GESANGSCHARAKTEREIn der Saison 78/79 hat es bei einigen Vereinen der englischen Ligen eine umfassende Analyse der Fangesänge gegeben, die nun zwar leider schon 20 Jahre alt ist, aber dennoch ein paar hochinteressante Ergebnisse beförderte. So wurde eine Gesamtzahl von durchschnittlich (alle nachfolgend genannten Zahlen sind die Durchschnittswerte) 147 Gesängen pro Spiel festgestellt, davon waren 57 verschieden. Dreifünftel des Singens erfolgte in der 1. Halbzeit und rund 60% der Gesänge (98) waren ereignisunabhängig!! Desmond Morris: "Es scheint so, als würden die Zuschauer ein Spiel besuchen, um einem Gesangsengagement nachzukommen, dort ihr Programm vorführen und dann wieder gehen. Ganz eindeutig hat der Drang zu singen seine eigene Triebkraft und nichts, nicht einmal ein schwaches Spiel, kann sie stoppen". Kopiez: "Das Wesen der Fangesänge ist, daß die Fans die selbst erfunden haben. das ist ihre eigene Welt. Da kommt nichts von oben rein".Ein weiterer interessanter Versuch, die Gesänge zu analysieren, ist die Einteilung in Kategorien. Insgesamt 2179 verschiedene Gesänge mit 251 Liedern wurden beleuchtet und wie folgt eingeordnet:
PHÄNOMENE, PHÄNOMENE, PHÄNOMENEFestzuhalten ist, daß, trotz der großen Anzahl an Fan-Liedern, deren Ursprungs-Song fast immer noch bekannt, erkennbar oder zumindest nachvollziehbar ist. Lediglich eine einzige Ausnahme konnte Professor Kopiez in seinen Untersuchungen finden. Allein die Wurzel des Fangesangs "Cologne, Cologne, die ...vom Dom"; ersatzweise: "Halii Haloo, Halii Haloo" konnte er nicht ermitteln. Vielleicht gibt es ja jemanden unter euch, die/der dem Herrn Professor (und natürlich uns) weiterhelfen kann. Und einem weiteren Phänomen war der Wissenschaftler auf der Spur: Beim Frauen-Fußball wird angeblich nicht oder nur kaum gesungen! Eine Erklärung hierfür konnte allerdings nicht gefunden werden. "Sprich, und Du bist mein Mitmensch! Singe, und wir sind Brüder und Schwestern!" (T.G. Hippel/18.Jhrh.). Vielleicht ist das der Grund.Das Erstaunlichste an den Stadiengesängen ist allerdings die Präzision, mit der ein eigentlich willkürlich zusammengewürfelter Haufen seine Songs schmettert, ohne daß es eines Dirigenten bedarf. Fischer-Chöre ohne Gotthilf, sozusagen. Darum unterstellt Kopiez den Leuten ein "kollektives Tonhöhengedächtnis", an das sie immer wieder anknüpfen können. Der Englisch-Professor Cherrill Heaton untersuchte in einer kleinen Studie ein ähnliches Phönomen und stellte fest, daß Fans zuverlässig den Ton 'f' treffen können, erklärt dies damit, daß dieser Ton der kleinste gemeinsame Nenner aller Stimmlagen und -geschlechter sei und prägt seinerseits den Begriff des 'Großgruppen-Präzisionssingens'. Ein alternativer Ansatz also, den Heaton da im Gegensatz zu Kopiez postuliert. Den Grund, für die in den letzten Jahrzehnten vermehrte Bereitschaft sich als Fan in den Stadien gesanglich einbringen zu wollen, sieht der Würzburger Musikexperte im Umstand begründet, daß zu Hause, in der Familie, eigentlich nicht mehr gesungen wird. Gerade noch mal zu Weihnachten vielleicht. Nach einer Befragung aus 1974, wurde damals noch in 9% aller Familien gemeinschaftlich gesungen. "Ich glaube, heutige Untersuchungen würden 0% ergeben". Seien wir also froh darüber, daß dem so ist, denn gesanglich austoben wollen sich die jungen Menschen nun in den Sportarenen dieser Welt. Und gibt es denn ernsthaft etwas schöneres anzuschauen, als ausgelassene junge Menschen mit glücklichen Gesichtern? Ich meine nein. In diesem Sinne: "You only sing when you're singing!". Mein Dank gilt abschließend dem netten Prof. Kopiez, der mir für diesen Text einen Teil des Rohmanuskripts seines Buches überlassen hat, das im Frühjahr im Verlag 'Königshausen + Neumann' erscheinen wird. Preis incl. einer CD, auf der alle im Buch erwähnten Lieder dokumentiert sein werden: 39,80 DM. Eine weitere Literaturempfehlung: "Dicks out", ein Führer durch die Welt der Fußballsongs in den Stadien der britischen Inseln. Das Buch ist über das 'When Saturday Comes' (Adresse siehe Rezi in diesem Heft) zu bestellen und kostet 10 Pfund plus Porto. ro. |
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