Eine kochende Leidenschaft

"Mensch, das war doch der Trulsen gerade eben! Die laufen hier einfach so im Clubheim 'rum und unterhalten sich mit den Leuten? Unglaublich! Bei uns wäre das nicht möglich. An unsere Spieler kommt man nur nach dem Training 'ran, aber dann kann man sich mit ihnen nicht unterhalten, die haben es dann immer furchtbar eilig und geben, wenn sie gut gelaunt sind, höchstens ein paar Autogramme!"

Scheiße, da ist er wieder, ein gewichtiger Teil des Mythos von dem etwas anderen Verein, wenn man seine auswärtigen Gäste zum ersten Mal nach Spielende ins Clubheim auf ein Bierchen mitnimmt. Solche
Marcus Marin: Die Atmosphäre ist dort nicht besonders gemütlich und ich geh' meistens mit Freunden und meiner Frau noch was essen. Das ist im Ligaraum problematisch, dort ist es immer so voll durch andere Leute, die nicht unbedingt zur Mannschaft gehören, so daß ich meistens immer was anderes mache. Wenn ich in Stimmung bin, schau ich dann auch mal auf ein Getränk herein.
Aussagen dürften bald der Vergangenheit angehören und man könnte seinen Enkeln wieder eine neue Anekdote aus dem 'Früher-war-alles-besser' Märchenreich erzählen. Doch was ist passiert? Ein weiteres Kapitel aus dem Hause FC St. Spielerrat.

Es war einmal, vor gar nicht all zu langer Zeit, ein kleiner Fußballclub aus dem Stadtteil St.Pauli... . Stop! Hier noch mal bei der guten alten Oberliga Zeit anzufangen und über die Entstehung des 'etwas-anderen-Vereins-Mythos' zu schreiben würde den Rahmen dieses Übersteigers sprengen und wurde bereits in älteren Ausgaben und anderen Zines ausgiebig getan. In der Prä-Maslo-Ära trafen sich die Spieler auch mal nur so im Clubheim um nach Spielende, ihr Feierabend-Bierchen zu trinken und unterhielten sich dort zwanglos mit den Anwesenden. Wenn man noch was untereinander zu besprechen hatte oder einfach mal seine
André Trulsen: Es sollte keine Pflicht sein, aber eine Selbstverständlichkeit, als St.Paulianer da durch zu gehen.
Ruhe haben wollte, stand der Ligaraum als Separé zur Verfügung. Im Ligaraum standen immer warme Mahlzeiten, Schnittchen und Getränke für die Spieler zur Selbstbedienung bereit.

Begeben wir uns also in die Ära Maslo. Uli M. führte seine Mannschaftsbesprechungen nach Spielende im Ligaraum durch. Damit mußte jeder Spieler quer durch das Clubheim gehen, um dorthin zu gelangen, und nach deren Ende wieder zurück. Mit Uli M. wurde es zur Pflicht, und für die Profis augenscheinlich lästig, bis auf wenige Ausnahmen, sich durch das Clubheim 'zu schlagen'. Uli M. ging und K.P. Nemet war wohl eher damit beschäftigt, seinen Rekord als schlechtesten Trainer aufzustellen, als sich um solche Dinge zu kümmern. Es folgt die Ära Eckhard Krautzun. Er stellte es der Mannschaft frei, zur 'After-Show-Party' im Ligaraum zu erscheinen. Nun waren die Spieler das in zwei Wochen Rhythmus stattfindene 'Schaulaufen' los. Ab durch den Hinterausgang ins Auto und bloß wech. Trotzdem trifft man regelmäßig André Trulsen und Stephan Hanke (sic!) im Clubheim nach Heimspielen an. Die Spieler Marin, Mason und Sawitchew tauchen nur bei 'Pflichtveranstaltungen' und die anderen mal mehr, mal weniger (Anm. d. K.: eher weniger) im Clubheim auf.
Gerd Kleppinger: Bei mir ist die Zusammenkunft nach den Spielen keine Pflicht, es bringt nichts es zu erzwingen, es muß von Innen heraus kommen.
Wobei anzumerken ist, daß die Spieler, die auch bei den Amateuren eingesetzt werden, sich bei jenen Spielen, dort unter den Fans anscheinend wesentlich wohler fühlen und einem netten Plausch nach Spielende nicht abgeneigt sind. Doch nun zur Ära Kleppinger. Unser aller Clubheimwirtin Brigitte fragte bei Pipel (aktueller Co-Trainer) an, ob sie auch weiterhin den Ligaraum für die Spieler so wie immer herrichten solle. Pipel meinte, Es würden eine Bouillon und Getränke reichen, wollte aber noch mal die Mannschaft konsultieren. Unsere Mannschaft bzw. der Spielerrat ist bekanntlich ja ein Gremium, das seine Entscheidungen sehr schnell und unkonventionell trifft. Sie traten zur Abstimmung an und die Mannschaft sprach sich mit drei Gegenstimmen für die Abschaffung des gemeinsamen Essens im Ligaraum aus. "Wir wollen das auf freiwilliger Basis so lassen, nur dann braucht sie (Brigitte. Anm. d. S.) sich nicht immer die Mühe machen, zu kochen." (Zitat Marcus Marin) 'Brigitte braucht sich nicht mehr die 'Mühe' zu machen, zu kochen', das ist doch wohl lächerlich. Sie betreibt das Clubheim nicht nur, weil sie so ein großes Herz für St.Pauli hat, sondern es dient ihr und ihren Angestellten auch zum Lebensunterhalt. Hier wurde wieder mal
André Trulsen: Ich find das immer eine sehr gute Atmosphäre, ich zwäng' mich eben halt durch, ob wir nun gewonnen oder verloren haben. Ich habe auch schon nette Kontakte geknüpft. In diesem Sinne schönen Gruß an Christian, mit dem ich mich immer nach dem Spiel am Tresen treffe.
ein Vorwand gesucht und gefunden, seine gewaltige Wochenarbeitszeit um eine Stunde zu reduzieren. "Unsere Fans sind die Besten der Liga!", "Wir sind hier wie eine große Familie!", oder so ähnlich leere Worthülsen kennen wir von anderen Spielern, von anderen Vereinen, hier auf St. Pauli wurden die Spieler dem auch zum größten Teil gerecht. Sie stellten sich ihren Fans nach Heimspielen im Clubheim zur Verfügung, auch, wenn es mal nicht so gut lief. Gerade ein Stephan Hanke, der es in der Hinrunde bestimmt nicht leicht hatte, bewies Charakter und war im Clubheim präsent. Ihr Armen, von Fans so 'belästigten' Spieler, ihr habt es gerade nötig, euch nach den Vorfällen der letzten Saison, als ein Beispiel sei die Aktion der Fans nach dem verlorenen Derby (1:3 gegen neun HSV'er) genannt, euch offensiv mit euren Fans auseinander zu setzen. Die von euch viel beschworene Fannähe nur als angenehm zu empfinden, wenn es sportlich gut läuft, ist einfach zum kotzen. Ihr habt wiedermal eine Möglichkeit verbaut, auch mal die Probleme eurer Fans kennenzulernen. Die eine Stunde nach dem Duschen, die ihr mit denen verbringen solltet, ist für euch nur eine kleine Geste, aber für die Fans wichtig. Ihr seid dann keine St.Paulianer mehr. Geht kacken!

-sten


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