"Trainer, den Sobo pack ich mir"

Das ÜS-Interview mit Eckhard Krautzun

ÜS: Herr Krautzun, Präsident Weisener hat davon gesprochen, daß es die schwierigste Trainerentscheidung seines Lebens gewesen sei? Wie schwer ist Ihnen dieser Rücktritt gefallen?
K: Der ist mir sehr schwer gefallen, weil ich vor hatte, hier länger zu arbeiten und weil ich, und das ist keine
"Leider hatte ich noch keine Gelegenheit, dies im Radio oder Fernsehen zu sagen."
Gefühlsduselei, diesen Verein mag. Er ist ein volksnaher Club und ich bin ein volksnaher Mensch. Mir gefallen die Fans, mir gefällt das Umfeld, mir hat auch die Mannschaft sehr gut gefallen, und ich glaube bestimmt, daß ich hier noch etwas hätte bewegen können. Doch als ich hörte, daß einige Spieler, ohne mit mir vorher zu sprechen, zum Präsidenten gegangen seien, da war für mich die Vertrauensbasis gebrochen. Ich war von diesen Vorwürfen so geschockt, daß ich mir gesagt habe, da ist keine Basis mehr. Wenn sich da wirklich ein Großteil an Mannschaftsführern so negativ über mich geäußert hat. Da habe ich doch gar kein Vertrauen mehr. Wenn ich weiter gemacht hätte, hätten Marin und Werner ganz schlechte Karten gehabt. Die hätte ich gar nicht mehr aufgestellt.

ÜS: Wann haben sie denn von der ganze Geschichte erfahren?
K: Ich habe beim Training eine merkwürdige Stimmung gespürt. Dann bekam ich einen Anruf, daß ich abends zum Präsidenten kommen sollte.

ÜS: Das ist ja immer ein schlechtes Zeichen?
K: Da habe ich dem Kleppo gesagt, du ich habe so eine Situation schon mal in Wolfsburg nach einer Niederlage in Rostock erlebt. Ich befürchtete da irgend etwas komisches. Da wußte ich allerdings noch nichts von der Aktion des Spielerrats.

ÜS: Marcus Marin hat in einem Interview auf Sport 3 gesagt, daß der Spielerrat nur zum Präsidenten gegangen wäre, um seine Sorgen mitzuteilen und das er kurz vor dem Gespräch mit Heinz Weisener zweimal bei Ihnen gewesen sei, aber das Gefühl hatte, daß sich nichts ändern würde.
K: Mir hat der Präsident gesagt, daß der Spielerrat da war, und daß die Spieler ihren Unmut über gewisse Dinge kundgetan haben und dann sind mir die Namen genannt worden und da ist auch Carlo Werner dabeigewesen, der überhaupt nicht zum Spielerrat gehört. Und als mir die Argumente genannt wurden, die fand ich so an den Haaren herbeigezogen. Leider hatte ich noch keine Gelegenheit, dies im Radio oder Fernsehen zu sagen, der Spielerrat war nie bei mir und hat gesagt: "Trainer, wir müssen mal reden über taktische Dinge oder Aufstellungen."

ÜS: Einige Spieler haben in den Medien gesagt, daß sie des öfteren zu ihnen gekommen sind, um derartige Dinge anzusprechen.
K: Bis auf Klaus Thomforde war keiner bei mir! Das kann Kleppo bestätigen.

ÜS: Sind Sie auf Spieler zugegangen als sie gemerkt haben, daß es irgendwelche Probleme gab?
K: Ich habe immer mit Spielern gesprochen. Mit Carsten, mit Marcus, mit Klaus. Ich hatte mich auch noch vor dem Spiel mit Truller und Dirk Dammann abends im Frankfurter Hotel kurz geschlossen, wie ich vorhatte zu spielen. Ich hatte mich auch entschieden, den Marcus in dem Spiel draußen zu lassen und den Juri zu bringen, weil er besser drauf war und einfach eine Chance verdient hatte, da Marcus in den letzten Spielen auch nicht gerade überzeugte. Und der Marcus hat das dann irgendwie gespürt nach unserem Freundschaftsspiel bei Altona 93, wo ich ja mit dem Pärchen Juri und Cem angefangen habe. Wir hatten zum ersten Mal vier einsatzfähige Stürmer, die gesund waren, da habe ich dann entschieden, daß Juri spielt. Und das muß Marcus mir wohl sehr übel genommen haben.

ÜS: O-Töne aus der Mannschaft waren u.a. daß einige Spieler "ihre Felle haben wegschwimmen sehen".
K: Also, ich bin ein Trainer, der auf Namen überhaupt keine Rücksicht nimmt. Ich habe auch schon mal Weltklasse-Spieler auf die Bank gesetzt, ob das der Gerd Müller war, Hölzenbein, Figeroah oder Pele Wollitz. Dem Spieler Marcus Marin zum Beispiel, habe ich von Anfang hier den Rücken gestärkt.. Er kam hier mit Rückenproblemen an, und ich hatte mich enorm dafür eingesetzt, daß er seine Rückenprobleme top-medizinisch versorgt. Ich habe ihm durch meine Kontakte die Mooswald-Klinik besorgt. Ich habe ihm das Privileg zugesprochen, nach Absprache mit Dr. Benckendorf, daß er nur einmal täglich trainieren brauchte und den zweiten Teil des Trainings dann in der Therapie verbracht hat. Deshalb ist es für mich sehr enttäuschend, daß ein Marcus Marin, den ich in den Spielerrat geholt hab', den ich immer wieder gefördert habe, den ich in die Hierarchie der Mannschaft einbauen wollte, das der mir dann so in den Rücken gefallen ist. Das ist für mich auch menschlich 'ne riesen Enttäuschung.

ÜS: Carlo Werner hat laut "Sport-Bild" gesagt, daß einer dieser Distanzgründe darin begründet war, daß Sie die Spieler telefonisch kontrolliert haben?
K: Ich habe lediglich die Reha-Klinik von Eplinius gebeten, dem Dr. Benckendorf die ganzen Termine zu schicken, ob die Spieler immer pünktlich da sind. Das muß ja auch kontrolliert werden. Aber das war nicht gegen Marcus, das war 'ne allgemeine Kontrolle, damit die Spieler, die in die Rehabilitation gehen und dort behandelt werden auch wissen, aha, da kann ich mir nicht leisten zu fehlen und das ist wie Training und der Trainer muß das auch mal kontrollieren.

ÜS: Sie haben sich ja lange Zeit dadurch ausgezeichnet, daß Sie einzelne Spieler in der Öffentlichkeit nicht kritisiert haben und sich immer schützend vor Marin oder Werner gestellt haben. Was denken Sie, wenn "Fußballgott Carlo" in der Bild sagt , sie hatten auch nach 14 Spielen kein System und würden sich rausstehlen? Das ist doch ein ziemlicher Hammer?
K: Ich kann über Carlo Werner nur folgendes sagen, daß ich enorm enttäuscht bin, denn nach dem Spiel gegen Nürnberg hab' ich die Zügel angezogen. Ich habe der Mannschaft gesagt, jetzt ist Feierabend, jetzt wird noch härter trainiert, jetzt müßt ihr um 23:00 Uhr diese Woche zu Hause sein. Ich will keinen in irgendwelchen Kneipen oder irgendwo sehen oder davon hören. Ihr müßt auch damit rechnen nach dem Motto "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser", daß ich hier und da auch mal 'nen Kontrollanruf mache. Ich hab' da zwei, drei Spieler angerufen, da war der Carlo Werner dabei.

ÜS: Können Sie uns sagen, welche Spieler ausdrücklich auf Ihren Wunsch verpflichtet worden sind?
K: Ja, das ist Caraca, Sidibe, Thomas Seeliger. Die anderen hatte Helmut schon kontaktiert, er hatte sie schon verpflichtet und hat das mit mir abgestimmt. Und da hab' ich gesagt, o.k.. Marcus ist über Helmut Schulte ins Gespräch gebracht worden und dann habe ich dem Transfer zugestimmt, weil Marcus ein Hamburger Junge ist, weil wir gesagt haben, wenn der nach Hamburg zurückkommt, kriegt der noch mal volle Motivation, der hat ja sein Geschäft in Hamburg und der wird sich hier bestimmt voll reinhängen.

ÜS: Franco ist auch auf ihren Wunsch hin verpflichtet worden?
K: Bei Franco hatte ich als einziger ein paar Bedenken, weil ich gesehen hab', daß Franco trotz der Euphorie nach dem Spiel gegen Schalke, Defizite im Abwehrverhalten hat. Und dann hieß es, den müssen wir sofort verpflichten. Da hab' ich gesagt, mal abwarten. Ich habe seinem Berater gefragt: "Ist der Franco wirklich linker Verteidiger oder ist er Mittelfeldspieler"? Nein, er spielt hinten in der Viererkette, in seinem Club in Brasilien, den linken Verteidiger. Dort habe ich ihn dann aufgestellt gegen OFI Kreta. Und dann habe ich Helmut wieder gesagt, paß' auf, der hat da Defizite im Abwehrverhalten, der ist nicht sehr schnell und hat Probleme beim Decken. Bei dem Spiel war auch der Karl-Heinz Förster und dann hieß es, Stuttgart ist an dem interessiert.

ÜS: Hätte man das nicht von Manager Schulte soweit vorbereiten können, daß dieses ganze Hin und Her mit Stuttgart gar nicht erst aufkommt?
K: Ja gut, die Berater, der Herr Knispel (Ex-Schatzmeister von Eintracht Frankfurt) und der Herr Mennighoff, das ist der brasilianische Berater, der auch deutsch spricht, die haben da massiv Druck gemacht und gesagt, nein, wir müssen den noch in Stuttgart vorspielen lassen. Wir haben dann über den DFB eingegriffen und da hat sich der Präsident eingeschaltet und mit Mayer-Vorfelder gesprochen. Man hat gesagt, das ist unsportlich, das ist unfair. Das lassen wir uns nicht bieten, daß ein Spieler, der hier im Probetraining ist, von Euch einfach runterbestellt wird. Der hat hier 14 Tage auf Kosten von St. Pauli gewohnt und gegessen. Ihr könnt den nicht einfach abwerben. Und da habe ich noch zweimal mit dem Trainer Löw drüber gesprochen. Und ich habe mich dann massiv dafür eingesetzt, daß Franco doch zu uns kam.

ÜS: Wo wir gerade bei den Spielern sind, die geholt wurden oder die man nicht geholt hat. Haben Ihre intensiven Forderungen, nach Spielern wie Wollitz andere Spieler verunsichert?
K: Nee, überhaupt nicht, ich hab' das mit den Spielern abgesprochen, vor allen Dingen mit Carsten und er hat sich da nicht negativ geäußert. Ganz im Gegenteil, er hat gesagt, er kann sich vorstellen mit Pele Wollitz im Mittelfeld zu spielen. Ich habe gesagt, Carsten spielt im rechten Mittelfeld, Pele im linken Mittelfeld, dann haben wir zwei Spielmacher. Es zeigt sich ja jetzt im Nachhinein, daß wir in der spielerischen Substanz im Mittelfeld zu schwach besetzt sind und mit Wollitz, da wären wir sicherlich viel stärker gewesen. Ich hatte aber den Eindruck, daß sag' ich hier auch mal ganz deutlich, daß nicht alle im Umfeld den Wollitz hier wollten.

ÜS: Also das entspricht doch Ihren Äußerungen, daß Helmut Schulte diesen Spieler nicht wollte?
K: Also zumindest glaube ich nicht, daß Helmut davon 100%ig überzeugt war.

ÜS: Hätten sie nicht die Position vertreten können, daß die "Rädelsführer" den Verein verlassen sollten?
"Er hat sie angerufen, da hat sich Marcus nämlich verplappert..."
K: Also, wenn ich Präsident wäre und da kommen Spieler zu mir und die tragen das vor, dann hätte ich gesagt, so jetzt geht mal zu Eurem sportlichen Leiter, zu Eurem Trainer und redet mit dem über Eure Probleme, bevor Ihr hierher kommt. Und da ist die Tür, seht zu, daß Ihr das mit dem Trainer geregelt kriegt. Aber die Argumente dieser Spieler in der Besprechung bei Herrn Weisener, von der ich ja überhaupt nichts wußte, die Dinge, die mir dann berichtet wurden, was die Spieler dort losgelassen haben, die haben mich doch sehr schockiert

ÜS: Ist dieses Gespräch nur mit Herrn Weisener alleine geführt worden, oder da waren auch andere Personen beteiligt?
K: Nein.

ÜS: Die Spieler saßen alleine mit Weisener in der Hansastraße?
K: Ja.

ÜS: Was für Vorwürfe sind denn konkret vorgebracht worden?
K: Ich würde z.B. oft das System wechseln. Das ist totaler Quatsch. Ob der Hanke mal rechter oder Innenverteidiger spielt, oder Carlo mal Innenverteidiger spielt oder Stani. Wir haben immer modernes 3-5-2-System gespielt und wir hatten am Anfang vier Stürmer die verletzt waren. Marcus konnte nicht, Scharping konnte nicht, Goumai war verletzt, Juri war verletzt, so daß ich dann nur noch Cem hatte. Als Cem dann bombig einschlug, und ich wußte ja, daß das ein guter Spieler war, hatte Cem die Stammposition, er hat super gespielt. Für mich entscheidet die Trainingsleistung, ich bin da sehr konsequent und da nehme ich vor Namen überhaupt keine Rücksicht. Merkwürdig fand ich die Frage eines BILD-Redakteurs nach dem Testspiel bei Altona 93: "Fürchten Sie nicht, wenn Marcus Marin nicht spielt, daß da Riesenzirkus für Sie kommen könnte und daß der Baum brennen könnte"? Da stand dann ja auch am nächsten Tag einiges in der Zeitung.

ÜS: Gab es noch einen anderen Vorwurf als den des häufig wechselnden Systems? Wir zitieren: "Mit diesem Trainer geht es nur noch gegen den Abstieg", "Er hat kein System", "Ewige Wechselei ohne Sinn" und "Miserabler konditioneller Zustand".
K: Also, das ist ja totaler Quatsch. Wir sind in einem hervorragenden konditionellen Zustand.

ÜS: Das hat die medizinische Abteilung, von der wir auch jemanden befragt haben, durchaus bestätigt.
K: Laktatwerte sind ja medizinische Werte der allgemeinen Ausdauer und das sind ja geheime Unterlagen der Mediziner. Wir haben diese zweimal überprüft. Beim zweiten Mal hatten wir ausgezeichnete Werte, so daß alle Mediziner sagten: "Toll, die Mannschaft ist topfit". Co-Trainer Kleppinger und ich haben die Truppe mit gut dosiertem Training topfit gekriegt. Also das ist totaler Quatsch, denn sonst kannst Du so ein Spiel wie gegen Cottbus oder Jena nicht mehr in den letzten Minuten noch herumbiegen. Wir waren auch in Frankfurt in der 2. Halbzeit läuferisch die klar bessere Mannschaft.

ÜS: In Frankfurt gab es ja kurz vor dem Spiel die Situation, wo sie ihr System ändern wollten und Thomforde zu ihnen gekommen ist und gesagt hat: Trainer, änder das System nicht. Und innerhalb von 30 min. gab es drei Gegentore. Wie erklärt sich sowas?
K: Ich habe den Spielern lediglich gesagt, daß wir so und so spielen. Und jetzt erkläre ich ihnen, warum wir das geändert haben. Ich will euch das jetzt mal aufzeichnen, denn ihr seid ja alle Fußballexperten (sic!). Ich zeig euch mal, was jeder der Trainer der Welt machen würde. (Ecki malt die gesamte Aufstellung mit Namen locker aus der Erinnerung auf...) Wir sind immer optimal vorbereitet. Die Informationen unser Informanten waren, daß Sobotzik hier spielen würde, Weber hier, so sollte die Aufstellung sein und die Aufgabenverteilung war klar. Die ganze Woche schon war der Hanke heiß, gegen den Sobotzik zu spielen. Hanke hier (gegen Sobo), Truller gegen Weber, hier Stani und hier Carlo. In dieser Form ist uns die Frankfurter Aufstellung von Freunden berichtet worden. Und jetzt ist da ein Spieler bei der Eintracht, der heißt Gebhardt, ein äußerst schneller Mann auf der linken Seite. Plötzlich spielten die doch mit Gebhardt in der Mannschaft und Sobotzik rückt in die Spitze. Da hat Stani gesagt: "Trainer, den Sobo kenne ich. Keine Bange, den pack ich mir", und da sagt der Hanke:"Na, dann geh ich doch ganz klar auf die rechte Seite gegen Gebhardt und das andere bleibt." Das war eine Minute Erklärung an der Tafel, Stani, Du packst Dir den Sobo jetzt. Das ist doch eine ganz normale taktische Sache. Die Vorwürfe sind an den Haaren herbeigezogen, um Ausreden zu haben.

ÜS: Herr Kleppinger hat uns bezüglich dieser Situation gesagt, daß ein Trainer auch Situationen neu bewerten muß, und: "Naja, der Trainer hat ja schließlich die Fehlpässe nicht selbst gespielt".
K: Das ging ja auch alles wunderbar auf. Wir haben durch individuelle Ballverluste und dadurch, daß Dirk einen katastrophalen Tag hatte, der ist ja zweimal von Epp ausgetanzt worden, das Spiel verloren. Wir haben völlig normale taktische Änderungen gehabt, die jeder Trainer machen muß, wenn er die Aufstellung des gegnerischen Trainers kennt. Das hat mit Umstellungen oder Verwirrung überhaupt nichts zu tun.

ÜS: Und dieses Zitat von Thomforde nach Spielende, er wüßte im Grunde, warum es nicht funktioniert, aber das wär intern. Das bezieht sich nicht auf diese Änderung?
K: Klaus habe ich vor dem Spiel gesagt, daß wir so und so spielen und er hat gesagt: "Hoffentlich geht das gut mit der Aufstellung."

ÜS: Nach dem Nürnbergspiel, hatte die BILD ja gefordert, daß der Trainer Krautzun weg müsse. Sie sollen nach dem Spiel ihren Rücktritt angeboten haben. Herr Kleppinger sagte uns gegenüber, sie hätten ihm nach dem Spiel intern gesagt, daß, wenn sie hier mal aufhören, dann solle er weitermachen?
K: Das stimmt nun gar nicht. Wir hatten 1:0 verloren, der Spieler Sawitchew und der Spieler Pröpper mußten zur Dopingprobe und wir mußten warten. Da war schon eine gereizte Stimmung, weil die Nürnberger Mannschaft im VIP-Raum war und sich auf den Sieg schön einen trank. Da waren noch, ich glaube Carlo und Thomas Seeliger, die haben ein Bier getrunken, weil wir eben warten mußten. Und da war der Helmut unheimlich sauer. "Das ist ja wohl ein Unding nach so einem Scheißspiel.." Der Thomas sagte:" Wenn man hier eine Stunde sitzt und trinkt mal ein Bier, was ist denn dabei?" "Gut", sagte ich, "ich seh das genauso, aber der Helmut macht hier ein Riesenrabatz." Und dann waren wir am Flughafen und Carsten und Juri waren immer noch nicht da. Da kam die Bildzeitung und hat gesagt:" Haben Sie nochmal 20 min Zeit? Wir müssen jetzt nochmal reden." Da habe ich gesagt: "Ich habe jetzt gar nichts mehr zu sagen. Ich bin jetzt hier am Flughafen. Ich möchte jetzt mir Herrn Kleppinger in Ruhe das Spiel analysieren. Sie waren bei der Pressekonferenz, sie haben direkt nach dem Spiel wieder Statements gehabt. Ich will jetzt nichts mehr sagen."
Und dann weiß ich, daß die schon im Flugzeug den Präsidenten massiv bedrängt haben - "So geht das nicht mehr weiter" - also praktisch dabei waren, mich abzusägen. Und dann war ja die Kritik in der Zeitung am nächsten Tag, gerade in der Bild sehr stark. Der Kommentar in diesem kleinen Kästchen lautete in etwa, man sollte jetzt nicht warten, nicht zu lange wie bei Maslo. Man sollte jetzt einen Wechsel vornehmen usw. Und dann bin ich zum Präsidium zitiert worden, um zu erklären wie es bei der Mannschaft läuft und warum wir so schlecht gespielt haben. Da habe ich dann ganz sachlich und analytisch die Situation erklärt, und habe gesagt: "Meine Herren, die Mannschaft steht nicht gut, es gibt Unruhe in den Medien. Wenn es wirklich am Trainer liegen sollte, dann sage ich Ihnen hier an dieser Stelle; wenn Sie glauben, für den FC St.Pauli, es sei besser mit einem neuen Trainer dieses Klassenziel, sprich Aufstieg, noch zu erreichen, dann würde ich Ihnen heute die Gelegenheit geben, dann würde ich zurücktreten.

ÜS: Wer war denn bei diesem Gespräch alles dabei?
K: Herr Hinzpeter, Herr Niewiecki und Herr Weisener. Und dann haben die gesagt: "Um Gottes willen. Das ehrt Sie, Herr Krautzun. Das ist ja was völlig neues im Trainergeschäft. Das kommt überhaupt nicht in Frage. Das haben wir uns überhaupt nicht so vorgestellt. Das liegt nicht an Ihnen." Und dann bin ich geblieben. Zu der Zeit hatte auch das Präsidium, in die Mannschaft hineingehorcht, um zu erfahren, ob da was nicht stimmt zwischen Mannschaft und Trainer und da gab es nicht eine negative Stimme. Da hat der Präsident gesagt:"Die Spieler sind ja alle mit ihnen zufrieden, das läuft, die Stimmung ist gut, das Training ist gut. Warum sollten Sie zurücktreten? Die sollen sich mal den Arsch aufreißen und die Fehler bei sich selber suchen".

ÜS: Der Präsident hat uns gegenüber gesagt, daß er das so einschätzt, daß viele Spieler ihm gegenüber wegen seiner Autorität die er als Präsident in dem Verein hat, nichts gegen Sie und ihre Trainingsmethoden gesagt haben. Und er selber war ja der Meinung, ein Tag nach ihrem Rücktritt, daß 70 oder 75% der Spieler derselben Meinung waren wie der Spielerrat.
K: Ich zähle jetzt hier 15 Spieler auf, die mündlich zu mir gekommen sind, zwei unter Tränen und 13 oder 10 haben mich angerufen und haben sich von dieser Sache total distanziert und haben gesagt: "Trainer, wir sind total geschockt. Das ist mit uns überhaupt nicht abgesprochen. Wir haben da überhaupt nichts mit zu tun.

ÜS: Können Sie uns da ein paar Namen nennen?
K: Stani, Hanke, Springer, Cem, Erdogan...

ÜS: Also wirklich 15 Stück vom 24 Kader?
K: 15 Stück, ja.

ÜS: Der bekannte Kommunikationswissenschaftler Uwe Seeler hat mal gesagt: "Der beste Weg aus der Krise wäre Selbstkritik." Hat denn der Fußballpädagoge Eckart Krautzun Fehler ohne Ende gemacht?
K: Ein Fehler war und das werde ich in Zukunft nicht mehr machen. Daß ich in ein vorbereitetes fertiges Bett gestiegen bin, welches ich nicht selber zubereitet habe. Ich bin zu spät gekommen. Man hat hier nach der Absage von Ristic und der nicht zustande gekommenden Verpflichtung von Gelsdorf mich in Tunesien kontaktiert. Und das war alles sehr spät. Helmut Schulte ist dann mit Dierenga (Redakteur der BILD!) rübergeflogen und wir haben zwei Tage diskutiert. Und dann bin ich hier rübergeflogen und habe gesagt, daß der FC St.Pauli einer meiner Wunschvereine in Deutschland ist, das ist eine Superchance, mit dieser Mannschaft aufzusteigen, die haben viele Zuschauer, das ist ein Kultverein, der mir liegt und dann habe ich hier zugesagt. Es war zu kurz, um meine Handschrift zu sehen, um meine Ideen hereinzubringen, um die Spieler zu bekommen, die ich haben wollte. Ob das Studer, Lakies, Wollitz oder Jan Jensen waren, um nur einige zu nennen.

ÜS: Und außer dem Zu spät kommen würden Sie keinen Fehler nennen? Zum Beispiel, daß Sie zu locker waren und dieser Mannschaft zu viel Spielraum gegeben haben, denn Sie wußten im Grunde genommen ja, was unter Uli Maslo abgegangen ist...
K: Nein. Ich habe von vornherein gesagt, das ist hier ein Neuanfang für euch. Ihr habt euch zum Teil selber zerfleischt, in dem ihr mehrere Gruppen hattet. Es geht hier nur mit Einheit. Das Zauberwort, welches ich immer wiederholt habe, in meiner Antrittsrede, im Trainingslager.., daß wir einen Kreis bilden und rufen: Teamwork. Für mich ist das Team entscheidend, da nehme ich wirklich den Berti Vogts beim Wort: Das Kollektiv zählt und nicht der Einzelne. Daß sich die Stars unterordnen müssen, das wir eine Mannschaft haben, ob alter oder neuer Spieler, Teamwork ist das, was ich mir wünsche und Teamwork habe ich vorgelebt und hab das mit der Mannschaft auch immer wieder durchgezogen.

ÜS. Hätte es denn etwas gebracht, wenn sie mit den St. Pauli Spielern vor Spielbeginn Hand in Hand "You'll never walk alone" gesungen hätten?
K: Vielleicht.

ÜS: Aber die Mannschaft ist ja offensichtlich in Cliquen zerstritten. Es hat sich trotz ihrer Versuche nichts geändert.
K: Ich hatte aber vorher in den Spielen nie den Eindruck, daß die Mannschaft in Grüppchen zerfallen war. Die haben zusammengehalten. Ich habe auch mit dem Thomforde immer alles versucht, habe gesagt, wir müssen was machen, müssen Mannschaftsabende veranstalten.

ÜS: Aber auch für den Laien war es ja auffällig, daß in einigen Spielen die Einstellung in der ersten Halbzeit nicht stimmte. Man hatte selbst bei gewonnenen Zweikämpfen immer das Gefühl, daß der Gegenspieler einen Drive mehr hatte. Man hatte oft den Eindruck, die fangen jetzt erst mal an und kucken, was die anderen machen. Und erst wenn man merkte, das geht jetzt aber den Bach runter, dann kam mal ein bißchen Power. Das ist uns nicht erklärlich. Der FC St. Pauli zeichnete sich eigentlich früher dadurch aus, daß da von der ersten Minute an Power war.
K: Da waren auch andere Typen dabei, da war ein Schlindwein, ein Hollerbach und andere, die haben die Sache in die Hand genommen. Ich war hier dreimal zu Gast mit einer Mannschaft und da ging schon einigen die Muffe, wenn der Bus hier ankam. Die wußten einfach, hier geht's jetzt rund, hier geht's zur Sache. Und das haben wir immer betont und wenn wir in der Halbzeit hinten lagen, dann hat es Riesenkrach gegeben .In der Halbzeit, da sind harte Worte gefallen und einmal auch von Klaus, der war total sauer und hat gesagt: "Wir sind Memmen hier, wir verpissen uns, hier muß jetzt mal Dampf rein."

ÜS: Sie haben nach ihrem Rücktritt gesagt: "Gut bezahlte Millionäre und Halbmillionäre verpissen sich aus der Verantwortung. Spieler, die keine Leistung zeigen, treten die Flucht zum Präsidium an und schaffen sich ein Alibi. Aber das passt, statt sich selber in Frage zu stellen." Da stellt sich doch die Frage, warum Sie an diesen Spielern festgehalten haben. Hätten Sie die denn nicht schon viel früher die Notbremse ziehen müssen?
K: Das habe ich ja gemacht. Ich hab ja Leute auf die Tribüne gesetzt. Der Carsten war draußen. Aber bei 18 Spielern ist das oft sehr schwer. Wir hatten oft nur 18-20 Spieler. Sonst wären wohl noch der eine oder andere auf der Tribüne gelandet.

ÜS: In dieser Gehaltsdimension sitzen Leute normalerweise am Schreibtisch oder kucken in die Kamera, aber sie schuften nicht. Vielleicht ist das ein Problem, daß man den Spielern klar machen muß, daß sie, um dieses Gehalt erzielen zu können, malochen müssen wie ein richtiger Arbeiter. Ist das vielleicht immer schwerer geworden, dieses Bewußtsein bei den Spielern in die Köpfe zu kriegen. Und vielleicht hilft es gar nichts mehr, den einen oder den anderen auf die Tribüne zu setzen, weil damit ein generelles Problem nicht aus der Welt ist.
K: Vielleicht haben wir aber auch den Fehler begangen, und das hat, glaub ich, auch Helmut erkannt, und ich im nachhinein auch, daß wir zu viele Spieler geholt haben, die schon im reifen Fußballeralter sind. Der Seeliger ist 32, der Marcus ist 32, Werner ist über 30. Und ich habe den Eindruck, wenn die spüren, daß ihre Position gefährdet ist, der Trainer greift hier knallhart durch, der Trainer setzt uns auf die Bank oder die Tribüne - da gibt es ja auch keine Prämien - daß die gesagt haben, eh wir da auf die Tribüne müssen, sollten wir mal den Trainer abschießen.

ÜS: Also klar finanzielle Erwägungen, die zu der Situation geführt haben?
K: Das meine ich. Wenn es dazu kommt, daß Profis, die ihren Zenit überschritten haben, den Eindruck haben, daß ihre Position und damit ihre Prämie gefährdet sei, so daß sie Angst bekommen und sich dann zusammenrotten, um diesem Verantwortlichen an's Bein zu pinkeln. Das habe ich auch Helmut unter vier Augen gesagt. Spieler sind wie Kinder, die spüren das, daß der Trainer bei einer solchen Situation nicht die 100%ige Rückendeckung des Managers hat. Und das hat Carsten auch gesagt in dem Interview mit DSF nach dem Uerdingenspiel, daß der Trainer auch von den Verantwortlichen nicht die Rückendeckung hatte.

ÜS: Also, Herr Schulte hat ganz klar gesagt, die Spieler sind vor ihrem Schritt zu ihm gekommen.
K: Er hat sie angerufen, da hat sich Marcus nämlich verplappert, zum Teil sind die angerufen worden.

ÜS: Von Helmut Schulte?
K: Das hat er auch zugegeben.

ÜS: Also er hat das anders ausgeführt. Die wären so wild entschlossen gewesen, daß sie nicht mehr zu bremsen gewesen wären. Aber Herr Schulte hat im Prinzip Spieler angerufen?
K: Das hat er auch zugegeben. Er hat Marcus und den einen oder anderen angerufen.

ÜS: In welchem Zusammenhang hat er das zugegeben?
K: Weiß ich nicht. Er hat das gesagt. Mir hat das ja Marcus selbst erzählt.

ÜS: Er wehrt sich mit den Worten:"Nachdem sich Krautzun öffentlich gegen mich ausgesprochen hat, wurde es für mich noch schwieriger."
K: Ich habe jetzt unter mehreren Prokuristen gearbeitet. Die haben alle gesagt, sie sind mein Mann ich sitze mit dir im gleichen Boot. Ich habe diese Mannschaft zu 80 % mit dir zusammengestellt und versuche dir den Rücken frei zu halten. Ich erwarte nicht das der Manager wie beim Röber, einen umarmt nach den Spiel und sagt, ich freue mich für meinen Trainer, daß wir da durch sind nach dieser harten Woche. Ich hatte nicht den Eindruck das mein Manager so solidarisch Schulterschluß mit seinem Trainer gemacht hätte.

ÜS: Wo vermuten sie da die Gründe?
K: Weiß ich nicht.

ÜS: Konkurrenzdenken?
K: Es gibt ein allgemeines Problem. Ich werde aus diesem Rücktritt von St. Pauli lernen und Konsequenzen ziehen. Wenn in Deutschland oder überhaupt Ex-Trainer die auch in der Bundesliga trainiert haben, plötzlich Manager werden, und es kommt ein erfahrener Trainer, wenn die nicht die gleiche Philosophie über Spieler und Spielsysteme haben, gibt es ein Problem. Und ich hatte in vielen Diskussionen den Eindruck das meine Ansicht über Spieler und Spielstil differierten mit Helmuts. Und das ist ganz fatal.

ÜS: Pele Wollitz hat im Bezug auf die Pauli Kicker gefragt ob man Charakter ändern kann? Liegt das in den Möglichkeiten eines Trainers?
K: Das ist eine gute Frage. Das Wort Charakter muß ich ihnen mal definieren. Das kommt aus dem griechischen und heißt, etwas hineingravieren. Ich als Kind bin auf dem Dorf aufgewachsen, da sind wir immer in den Wald gelaufen und haben dann über unsere erste Liebe Herzen in die Bäume geritzt. Das kann ich machen wenn der Baum noch sehr jung ist, mit einer jungen Rinde. Wenn das aber ein Baum ist der schon gefestigt ist, z.B. eine knorrige Eiche dann kann ich keinen Namen eingravieren. Der Charakter eines Menschen wird bestimmt durch sein Umfeld, durch Vererbung, durch soziales Umfeld und seine persönlichen Erfahrungen. Sie können die Persönlichkeit ändern aber nicht den Charakter.

ÜS: Ist diese Mannschaft untrainierbar?
K: Ich persönlich glaube das nicht, aber bei der Zusammenstellung der Mannschaft muß ich mir auch Fehler eingestehen. Ich hätte vielleicht den einen oder anderen der weggegangen ist, nicht gehen lassen.

ÜS: Wen zum Beispiel?
K: Ich hätte Eigner und Sobotzik auf alle Fälle behalten. Wir haben das Problem, daß wir in unserer Mannschaft im Mittelfeld zu wenig spielerische Substanz haben. Carsten Pröpper ist der Ideengeber, der den tödlichen Paß spielen kann, wenn er gut drauf ist. Wir haben drei Probleme in der Mannschaft: Die Hackordnung und Hierarchie stimmt nicht. Und wenn es wackelig wird, dann haben wir zu wenig Persönlichkeiten die diese Mannschaft führen können. Das zweite Problem ist, daß wir im Mittelfeld zu viele Spieler haben die zu ähnlich sind. Scherz, Mason, Springer und Seeliger sind ähnliche Spielertypen, Konterspieler, die viel mit dem Ball laufen. Aber wir haben zu wenig Spieler die den Ball halten können, und dann Carsten in dem Moment auch richtig helfen.

ÜS: Das wußte man aber doch vorher, wo die Stärken und Schwächen der Spieler liegen?
K: Das wußte ich alles nicht so sehr. Ich kannte die Spieler auch nicht alle. Ich war nicht so up to date mit St. Pauli. Viele unserer Spiele die wir verloren haben sind durch grobe individuelle Fehler erstanden. Zum Beispiel in Zwickau lagen wir ruckzuck durch zwei riesen Stellungsfehler von Thomas Seeliger auf der rechten Seite nach 10 Minuten schon 2:0 hinten. Das ist bei 350 Hitze tödlich.

ÜS: Hat diese Mannschaft eine Chance in der 2. Bundesliga zu bestehen?
K: Siege, und das die Rädelsführer jetzt 120 % spielen und die Mannschaft hoffentlich in Meppen gewinnt. Nur Siege können da jetzt Ruhe reinbringen.

ÜS: Was muß denn der neue Trainer an Qualifikation und Eigenschaften mitbringen?
K: Einer der mehr Fortune mitbringt und mehr Spiele gewinnt. Aber im Ernst, der muß gut mit Stars umgehen können, der muß aber auch sehr gut mit jungen Spielern umgehen können, ein guter Psychologe sein und der muß glaube ich, ein harter Hund sein. Und der muß auch für die spezielle Situation des FC St. Pauli als volksnaher Kultclub ein Feeling mitbringen, muß sich mit dem Publikum identifizieren, und sich mit dem besonderen Umfeld identifizieren können.

ÜS: Haben sie die Reaktionen der Fans nach ihren Rücktritt beim Spiel gegen Uerdingen mitbekommen?
K: Ich habe das für die Mannschaft als Belastung angesehen, aber für mich war das eine Bestätigung das viele Fans und neutrale Beobachter die Situation richtig empfunden haben, und das ganze als äußerst unfair und unsportlich angesehen haben, was zu meinem Rücktritt geführt hat.

ÜS: Herr Krautzun zum Abschluß ein paar Worte an die Fans.
K: Ich habe diese Atmosphäre in diesem Stadion total genossen, das St. Pauli die fairsten Fans hat, die lustigsten und die intelligentesten. Denn sie finden auf alle Situationen einen richtigen Spruch. Ich glaube das die Fans mit der Mannschaft eins sind, und das die Spieler viel mehr erkennen müßten, das sind die besten Fans von Deutschland, für die muß ich mir den Arsch aufreißen bis zum letzten Blutstropfen. Ich habe hier für den FC St. Pauli von morgens bis abends geschuftet und habe von dieser schönen Stadt kaum was gesehen. Für mich ist das eine tiefe menschliche Enttäuschung das ich nicht solange bei diesem Klub mit diesen tollen Fans arbeiten konnte.

ÜS: Wir danken ihnen für das Gespräch, Herr Krautzun!


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