Jetzt bricht zusammen, was zusammen gehört!

Schon im Vorfeld der diesjährigen Jahreshauptversammlung am 31. Oktober war klar, daß sich die interessantesten, weil brisantesten Themen hinter den unscheinbaren Tagesordnungspunkten 10 und 12 ("Wahlen zum Vorstand" und "Anträge") verbargen. Was zur Folge hatte, daß die üblichen Ansprachen und Ehrungen ziemlich schnell heruntergespult wurden. Sogar Kassenwart Niewicki hatte sich mit dem Kontostandsbericht für seine Verhältnisse ziemlich beeilt. Übrigens scheinen die Kommunikationsmängel im Verein auch die Amateurverwaltung erfasst zu haben, denn der Bericht derselben konnte nicht verlesen werden, da sich Vorsitzender Rummelhagen noch auf der Arbeit befand. Kein Problem, sollte man meinen, doch niemand der anderen Mitglieder der Amateurverwaltung war in der Lage, besagten Bericht vorzutragen. So gab's nur einige nichtssagende Allgemeinheiten seines Stellvertreters Rittmeier zu hören, nix mit Handball, Rugby, Kegeln usw., ziemlich peinlich und ärgerlich, wie ich finde. Interessant in diesem Teil der Versammlung eigentlich nur, daß die Finanzierung des Stadionneubaus immer noch nicht steht und somit auch nur in äußerst groben Zügen dargestellt wurde. Ach ja, der Baubeginn ist mal wieder verlegt worden, diesmal von der Winterpause in den Sommer... Fortsetzung folgt!

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Dann aber ging's an's Eingemachte, was sich zunächst darin ausdrückte, daß sich der Aufsichtsratsvorsitzende Apel höchstselbst mit der Versammlungsleitung ausstattete, da der Vorstand ja noch nicht (wieder)gewählt war. Sachlich richtig, doch wer hatte ihn darum gebeten? Nun ja, die Stimmen wurden gegeben (oder auch nicht), eingesammelt und in die Hinterzimmer zum Auszählen geleitet.

Diese Zeit wurde mit Antrag Nummer 1 sinnvoll überbrückt: Die AGiM hatte ein Konzept ausgearbeitet, wie der Verein für fördernde (sprich passive) Mitglieder attraktiver gestaltet werden kann (was dann zu einer steigenden Mitgliederzahl und also auch zu fest einzukalkulierenden Mehreinnahmen für den Verein führen soll) und dieses bereits im Vorfeld mit Teilen des Präsidiums abgestimmt. Aufgrund o.e. Kommunikationsmängel war der Antrag leider auch nur diesen Teilen bekannt, konnte daher nicht zur Abstimmung gestellt werden und wurde stattdessen den Mitgliedern nur vorgestellt und sollte dann - ein positives Echo vorausgesetzt - dem Präsidium zur Umsetzung überwiesen werden.

Hier die Kernpunkte dieses Antrages:

  • Der Beitrag für passive Mitglieder (pM) wird auf 15,- DM (ermäßigt 7,50 DM) gesenkt.
  • pM, welche mehr als 100 km vom Millerntor entfernt wohnen, zahlen grundsätzlich den ermäßigten Preis.
  • Der Eintritt bei Amateurspielen wird für pM auf 5,- DM gesenkt (Ermäßigte freier Eintritt).
  • pM wird ein Rabatt von 10 % auf Artikel der St. Pauli-Marketing gewährt.
  • Für pM wird es spezielle Vereinsnadeln und ähnliche "Identifikationsartikel" geben.
  • Die Vereinszeitung "Im Blickpunkt" wird (möglichst in Zusammenarbeit mit den bisherigen Herausgebern) umgestaltet und vierteljährlich als Beiheftung der Stadionzeitung "pauli" an alle Mitglieder versandt.

Eine besonders gehaltvolle Gegenrede kam danach von Mr. "Ich war Deutscher Meister, ich weiß alles" Johannsen, der nicht nur den Sinn des Antrages völlig mißverstanden hatte, sondern auch noch den Antragsteller Scharf persönlich attackierte, woraufhin er mit entsprechender Geräuschkulisse zu seinem Platz geleitet wurde. Die folgende Abstimmung (aber halt nur eingeschränkt, s.o.) ergab dann so gut wie einstimmige Zustimmung. Wir werden sehen, ob der angestrebte Einsatztermin 01.01.98 eingehalten werden kann, AGiM übernehmen sie!

Nun aber war die Stimmenauszählung endlich beendet, und folgende Zahlen wurden der erwartungsfrohen Menge dargeboten: Bei jeweils 321 gültigen, abgegebenen Stimmen votierten für Präsident Weisener 228 Mitglieder (45 Enthaltungen, 48 Gegenstimmen), für Vize Hinzpeter gab's 256 Stimmen (31 Enthaltungen, 34 Gegenstimmen) und Schatzmeister Niewicki durfte sich bei 252 Menschen (47 Enthaltungen, 22 Gegenstimmen) bedanken. Uups! Merklich überrascht und ungehalten nahmen die drei die Wahl an. "Nur im Interesse des Vereins, ich möchte auch diejenigen nicht enttäuschen, die mich gewählt haben", so Weiseners Begründung, nicht alles hinzuschmeissen. Was in den Tagen danach dann an Zitaten des Präsidenten durch die Presse geisterte, löste bei vielen ein resigniertes Kopfschütteln aus. Wer geglaubt hatte, dieses Wahlergebnis würde Weisener zu denken geben, sah sich erheblich getäuscht. "Der Enthusiasmus ist weg, ich mußte feststellen, daß ich nicht mehr für alle Mitglieder spreche. Das wird dazu führen, daß ich denen mit weniger Diplomatie begegne, deren Meinung nicht meine Meinung ist". "Noch weniger?", möchte man ihm da entgegenrufen! Auch sehr spaßig folgende Aussage: "Ich glaube, ihnen (der "Opposition", d. Verf.) ist nicht bewußt, daß ich auf Zeit und private Annehmlichkeiten verzichte, zum Wohle des Vereins". Dies ist mir sehr wohl bewußt, Herr Weisener, geht mir nämlich exakt genauso!

Sehr zügig leitete Zuchtmeister Apel dann zum zweiten Antrag des Abends über, welcher wie folgt lautete: "Der offizielle Name des Stadions des FC St. Pauli wird von Wilhelm-Koch-Stadion in Millerntor-Stadion umbenannt". Warum dies, wird sich der unbedarfte Leser (haben wir solche?) fragen. Nun, im kürzlich erschienenen Buch über den FC St. Pauli (siehe auch Rezension in diesem Heft) wird in einem Extrakapitel auf die Rolle des ehemaligen Präsidenten und Namensgebers unseres Stadions in der Zeit zwischen 1933 und 1945 eingegangen. Nach den Recherchen des Buchautors war Koch nicht nur seit dem 01.05.1937 Mitglied der NSDAP (was alleine schon schlimm genug wäre), sondern übernahm im Oktober 1933 die Firma, in der er zuvor als Prokurist tätig war, von den jüdischen Vorbesitzern, welche im selben Jahr noch nach Schweden emigrierten. Man könnte also ihn (und auch den FC St. Pauli, denn viel von dem von Koch dann erwirtschafteten Geld floß in den Verein) als Nutznießer der Judenverfolgung bezeichnen. Trotzdem wurde Koch (vom "Military Government of Germany" im Entnazifizierungsverfahren lediglich als "Mitläufer" (wie so viele...) beurteilt) nach Abschluß dieses Verfahrens 1947 als Präsident wiedergewählt (amtierte dann bis zu seinem Tode 1969).

Daraufhin wurde auf der JHV von Mitglied Galczynski stellvertretend für viele andere der o.e. Antrag (natürlich begründet und ausführlicher) gestellt. Daß dieses Thema schon in der Woche zuvor in der Presse zu finden war, lag übrigens nicht am Antragsteller, der dies ausdrücklich verhindern wollte, sondern an Vize Hinzpeter, der, nach dem fristgerechten Eingang des Antrages beim Verein, dieses im Beisein eines Pressevertreters "beiläufig erwähnte".

Als Gegenredner zu diesem Antrag entpuppte sich der an diesem Abend scheinbar omnipräsente Apel, der sich schon gleich zu Beginn mit dem Ausspruch "Ich weiß heute, wie es wahrscheinlich wirklich war" als allwissend darstellte. Er präsentierte zudem einen offenen Brief der Töchter Kochs, die eine erzwungene Geschäftsübernahme verneinten, stattdessen auf gute Kontakte zu den Vorbesitzern während und nach dem Kriege verwiesen. Wobei die Frage bleibt, ob deren Besuch nach 1945 nicht eher Rückerstattungsforderungen zu Grunde lagen.

Nachdem Apel seine Rede beendet hatte, wurde er aus dem Publikum aufgefordert, die ungefragt übernommene Rolle des Versammlungsleiters wegen nunmehr offensichtlich vorhandener Befangenheit abzugeben. Dies sah er zwar ein, ordnete jedoch eine Abstimmung hierüber an, welche eindeutig sichtbar (nur nicht für ihn) diese Aufforderung unterstützte. Erst massiver Protest ließ ihn schließlich Vize Hinzpeter auffordern, die Leitung zu übernehmen. Und weiter ging's auf der Showbühne, denn mehr als ein verzweifelter Appell, den Verein nicht an dieser Frage zerbrechen zu lassen und eine Absage, die Leitung wegen der kurz zuvor erlittenen Wahlschlappe nicht übernehmen zu können, standen heute nicht in seinem Drehbuch. So wurde dann HFV-Geschäftsführer Marschner gebeten, und dieser erfüllte diese Aufgabe bis zum Ende hervorragend, was bei vielen später die Frage aufwarf, warum nicht immer ein Moderator eingesetzt wird. Sollte zur nächsten JHV ernsthaft vorher eingefordert werden, denn noch einmal Apel überlebe ich (und viele andere) sicherlich nicht.

In den folgenden, meist sehr emotionalen, Redebeiträgen stand zumeist die Persönlichkeit Kochs im Vordergrund; mal wieder voll am Thema vorbei, denn die Leistungen Kochs für den FC St. Pauli sowie sein persönliches Verhalten wollte und konnte der Antragsteller überhaupt nicht in Frage stellen. Völlig unterirdisch übrigens der unbekannte Verwirrte (Bj. '77), der zum einen dem Präsidenten sein baldiges Ableben in Aussicht stellte und den Nazi-Vorwurf an Koch einem eventuellen Homosexuellen-Vorwurf an Weisener gleichstellte. Himmel hilf! Davon abgesehen, daß ein solcher "Vorwurf" niemals und bei niemandem ein Thema sein darf! Hier übrigens war Heidi W. ausnahmsweise mal zu Recht empört und schickte den jungen Herrn gleich zu Papa zum Rapport. In diesem Zusammenhang sei auch noch der ältere Mitbürger erwähnt, der uns freundlicherweise darauf aufmerksam machte, daß es sich hier um einen Sportverein und um keine Ahnenforschung handelt. Danke dafür.

Fragen bleiben allerdings zu dem Thema "Geschäftsübernahme" nach diesem Abend noch mehr als genug, welche schlußendlich dann zum einen den Antragsteller veranlaßten, zwar nicht inhaltlich begründet, jedoch der Situation angemessen, auf eine Abstimmung zu verzichten und zum anderen zu dem Entschluß führten, hierzu eine fachkompetente Prüfungskommission einzusetzen, die diese Thematik, aber auch die allgemeine Rolle des FC St. Pauli während der NS-Herrschaft, beleuchten soll. Hoffen wir, daß diese schnellstmöglich zu einem aussagekräftigen Ergebnis kommt.

Wie auch immer dieses dann aussieht, daß Koch Mitglied der NSDAP war, reicht immer noch lang und breit aus, die Forderung nach Umbenennung des Stadions aufrechtzuerhalten, denn eine Zahl von 8,5 Mio. Parteimitgliedern sagt aus, daß beileibe nicht das gesamte Volk der Partei beigetreten war, warum also Koch? Zum Wohle des Vereins, wird immer wieder betont. Mag dies sein Beweggrund gewesen sein, die Tatsache als solche bleibt bestehen und kann mit solchen butterweichen Begründungen auch nicht abgeschwächt werden!

Spätestens an diesem Abend ist deutlich geworden, daß sich ein Graben durch den Verein zieht, die Zukunft muß nun zeigen, wie tief er wirklich bereits ist.

thomas
Anm. des Autors: Dieser Artikel wurde bereits vor den letzten Ereignissen im Verein verfaßt, wäre ansonsten mit Sicherheit schärfer und emotionaler ausgefallen!

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