HEUL DOCH!

Zur Kulturgeschichte des Weinens

Der 29.Juni 1991 war so ein Tag. Einfach zum Heulen! Einmal Vollmer, einmal Cayasso, einmal Fengler und einmal Knäbel. Knäbel? Ja, genau, der Knäbel. Peter Knäbel, der damals beim FC St.Pauli gespielt hat.

Wir befinden uns in der Nordkurve des Gelsenkirchener Parkstadions und wohnen einem historischen Ereignis bei, der Verabschiedung eines 1.Liga-Vereins aus der höchsten deutschen Spielklasse. Weit mehr als 10.000 Supporter der Braun-Weißen schreien sich die Lunge aus dem Hals. Umsonst, denn um 17.17 Uhr ist es Gewißheit: St.Pauli muß absteigen. Im entscheidenden 3.Relegationsspiel-Spiel gegen die Kickers aus Stuttgart fährt das Team vom Millerntor eine deutliche 1:3-Niederlage ein und hinterläßt im mit rund 17.000 Leuten "gefüllten" Stadionrund einen desillusionierten Mob aus Hamburg. Was dann folgt, ist legendär: Weinende Spieler -das Tränenmeer der Torwart-Ikone Volker Ippig wird den meisten noch gut in Erinnerung sein- und tränenvergießende FC-Fans bestimmen fortan die Szenerie. Kollektives Abheulen ist angesagt. "Und ich will meinen Schmerz mit keinem teilen, der hiermit nichts zu tun hat" ist wohl die Motivation jener, die, lt. 'Hamburger Abendblatt' vom 1.7.1991, ein NDR-Kamerateam, das diese Tränen filmen will, mit Steinchen bewirft. "Die wollen mit ihrem Schmerz alleine sein", konstatiert NDR-Redakteur Biereichel messerscharf im gleichen Blatt. Und der Schmerz war wirklich groß, auch wenn die TAZ zwei Tage später fabulierte, daß die 'Scheißegal-Haltung' dominiert hätte. Warum wollte uns das 'Alternativ'-Blatt denn unsere Tränen nicht gönnen? Darf ein (männlicher) Fußball-Fan nicht weinen?

"Deutschlands beste Fans reichen eben nicht aus zum Klassenerhalt", gab uns Marcus Marin damals mit auf den Weg. Ob er hiermit auch heulende PaulianerInnen meinte?

Der 19.April 1997 war eigentlich auch so ein Tag. Einer zum Heulen. Entweder aus Scham, Wut oder Trauer. Der FC hatte im Breisgau bei den längst abgestiegenen Freiburgern sang- und klanglos seine endgültige Abschiedsvorstellung gegeben: 0:4, was für eine Klatsche. Mir war nicht nach Weinen an jenem Tag, es überwog doch eher die Wut. Meine Jammer-Nummer holte ich dann allerdings in Bochum nach, zu einem Zeitpunkt, an dem es für uns um wirklich nichts mehr ging. Aber ein demoralisierendes 0:6 muß ja auch erst einmal verarbeitet werden. Tja, und nach dem 0:5 war es dann soweit: Die Salzlake verließ die Tränendrüsen, überflutete die unteren Augenlider und benetzte mir die Wangen; zunächst nur schwach, dann im steten Strom. Ein paar Schluchzer dazu, und nach 5 Minuten war dann auch Schluß. Der Frust war endlich raus, und ich fühlte mich merklich erleichtert.

Tags darauf stellte ich fest, daß es nicht viele Ereignisse gibt und gab, bei denen ich heulen mußte und muß; na gut, bei 'E.T.', als die Freundin Schluß gemacht hat und natürlich bei Sinead O'Connors herzerweichendem Video zu ihrem wundervollen Hit 'Nothing compares 2 U'. Und es gibt Menschen, konstatierte ich wenig später, die haben einfach so ein Image von 'Heulsuse', BVB-Memme Andreas Möller ist wohl so ein Exemplar. Mein nächster naheliegender Gedanke war: Warum weinen wir eigentlich? Spannende Frage! Ob die Antwort hierauf ebenso spannend ist, müßt ihr nach Lektüre dieser Zeilen dann selbst beurteilen. "Es ist so geheimnisvoll, das Land der Tränen" läßt Antoine de Saint-Exupery seinen 'kleinen Prinzen' sagen. Laßt uns gemeinsam ein Stück dieses Geheimnisses lüften.

DAS NEUGEBORENE VERGIESST KEINE TRÄNEN

Mit einem Schrei beginnt der Mensch sein Leben. Nicht verwunderlich, schließlich geht niemand wirklich freiwillig in diese Welt, wo es doch bei Muttern im Leib so schön warm und kuschelig war. Doch, das haben Studien gezeigt, Tränen fließen beim Neu-Erdling in der Regel zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Erst ein paar Wochen nach der Geburt ist das Baby in der Lage seine Emotionen auch durch den Tränenfluß auszudrücken. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen und sogar Untersuchungen von Gynäkologen, die nachweisen konnten, daß einige von uns schon in vorgeburtlichem Stadium weinen können. Die Schreie und das Weinen der ersten Lebenswochen ist aber nicht nur der Ausdruck von Hunger und Mißbehagen. Der erste Schrei dient auch zur Einstellung von Atmung und Herzfunktion, die Tränen tragen u.a. zur Immunisierung gegen Infektionen bei, zumal die Schleimhäute in Nase und Hals hierdurch mit anti-bakteriellen Sekreten benetzt werden. Drei Hauptsignale gibt es bei Neugeborenen: Weinen, Lächeln und Lachen. Weinen signalisiert den Eltern: Kommt sofort her, ich habe ein Bedürfnis; Lächeln und Lachen dient dazu, die Herbeigerufenen in der Nähe zu halten. Je geübter das Baby im Lachen, Lächeln und Plappern wird, desto mehr nimmt das Weinen als bestimmender Emotions-Ausdruck ab.

Erwiesen ist -die Lakrimologen (Tränen-Wissenschaftler; lacrima: lat. Träne) haben's herausgefunden- daß die Bereitschaft zum Weinen auch genetisch bedingt ist, doch spielen äußere Faktoren ebenso eine gewichtige Rolle. Wem sind nicht die bekannten Floskeln geläufig, die den schwanztragenden Lebewesen immer wieder eingeimpft wurden und heute -zugegeben, nicht mehr in der Absolutheit vergangener Zeiten- noch immer werden: 'Ein Indianer kennt keinen Schmerz', 'Jungs weinen nicht' und ähnliche Perversitäten. Und so kann es wirklich nicht überraschen, daß der erwachsene Mann sehr viel mehr Probleme damit hat, seine Gefühle auch durch Tränen auszudrücken ("Frühe Tränen machen hart"; Sigmund Graff, Aphoristiker). Sicher kritikabel, doch ist an dieser Stelle anzumerken, daß, einhergehend mit der Pubertät, gleichwohl unterschiedliche physische Veränderungen in den Körpern der werdenden männlichen wie weiblichen Erwachsenen passieren: Tränen enthalten das die Milchproduktion regulierende Hormon Prolaktin, das aber auch bei Stress und Emotionen vermehrt ausgeschüttet wird. Vor dem Einsetzen der Pubertät ist der Prolaktinspiegel im Blut bei Mädchen und Jungen ungefähr gleich. Danach bei der Frau um gut die Hälfte höher als beim Mann. Dies mag mit ein Grund sein, daß Frauen, allein schon qua Physis, rund viermal so häufig weinen wie Männer. Hierzu jedoch später mehr.

WIE FLIESSEN DIE TRÄNEN?

Das Gehirn befiehlt den Tränendrüsen -übrigens auch bei Reptilien (außer Schlangen), Vögeln und Säugetieren existent- die Produktion der schwach salzigen (Natriumchlorid) und leicht eiweißhaltigen und antibakteriellen Tränenflüssigkeit, die dann, per Lidschlag, auf Binde- und Hornhaut verteilt wird. Von dort wandert der Saft zu den inneren Augenwinkeln und gelangt von dort über Tränenkanal und Tränensack in den Tränen-Nasen-Gang und schließlich in den unteren Nasengang, um dort die Schleimhäute feucht zu halten. Normal werden täglich 1-3 ml produziert, in außergewöhnlichen Situationen (Fliege im Auge, Zwiebeln geschnitten, aus der 1.Liga abgestiegen) kann sich diese Menge merklich erhöhen; dann läuft die überschüssige Flüssigkeit über die unteren Augenlidränder ab. Dies nennen wir dann 'weinen'. Die permanente Benetzung des Augen-Glaskörpers dient einerseits dafür, daß sich die Augenlider (immerhin rund 15.000 Wimpernschläge pro Tag) geschmeidig öffnen und schließen lassen; sie verhindert eine Austrocknung, die letztendlich zur Erblindung führen würde (zur Verdeutlichung: Glasaugen müssen bspw. alle paar Jahre ausgewechselt werden, da durch die Lid-Reibung der Fremdkörper schier abgehobelt wird). Zudem schützen die in den Tränen nachgewiesenen bakteriziden Lysozyme vor Viren und Bakterien.

Die Tränenflüssigkeit besteht aus drei Komponenten; einer schleimhaltigen, einer fetthaltigen und einer wäßrigen Schicht. Die Schleimschicht sitzt direkt auf der Augenoberfläche und gleicht kleinste Unebenheiten aus. Hierüber finden wir die wäßrige Schicht, in der sich auch die wichtigen oben beschriebenen Substanzen befinden. Die äußere Fettschicht, die aus mindestens acht Körperfetten besteht, verhindert die Verdunstung und das Ablaufen der Tränen. Und je länger wir weinen, desto spärlicher fließt das Fett, das salzige Tränenwasser aber läuft und läuft; durch den zunehmenden Salzwasseranteil weren die Tränen immer saurer, und so entstehen die sogenannten 'bitteren Tränen', die, die weh tun.

Die Flüssigkeit, die die Tränendrüse für ihre Produktion braucht, nimmt sie sich aus dem Blutserum. Deshalb muß beim Weinen besonders viel Blut zu ihr fließen. Eine Erklärung dafür, daß beim Flennen die Hautregion rund um's Auge eine krasse Rötung annimmt.

TRÄNEN-THEORIEN

Der Umstand, daß Tränen zur Immunisierung des gesamten Atmungssystems gegen Infektionen beitragen, indem sie die Schleimhäute in Nase und Hals mit antibakteriellen Sekreten befeuchten, führte einige Forscher zu der Schlußfolgerung, daß dies der eigentliche Grund für Tränen sei. Diese Theorie ist allerdings von anderen mit der Begründung zurückgewiesen worden, daß Weinen meistens nicht zwangsläufig Schluchzen (unregelmäßige Atmung) einschließt. Außerdem atmen wir auch zu anderen Zeiten rasch, zum Beispiel bei anstrengendem Training, und doch müssen wir unter diesen Bedingungen nicht weinen.

Klar ist, daß die ersten Tränen geflossen sind, weil unsere Vorfahren das eine oder andere Partikelchen aus ihrem Seh-Sinn spülen mußten. Eine Theorie besagt folgendes: Wurde der Frühmensch auf trockenem Boden von Feinden angegriffen, während er sich dabei kampfbereit machte, wurde durch die Tränenabsonderung der Staub aus den Augen geschwemmt. Der feuchte Blick, der erhöhte Augenglanz wurden schließlich zu einem eigenständigen Signal mit der Bedeutung: 'Ich werde angegriffen, helft mir'. Dieses Signal wurde dann folglich immer in jenen Situationen benutzt, in denen es um Hilfsbedürftigkeit ging. So funktioniert Evolution.

Eine faszinierende Lehre postuliert der Neurophysiologe Paul MacLean: Die ersten (emotionalen) Tränen wurden vor ungefähr 1,4 Millionen Jahren geweint, als Feuermachen Allgemeinbrauch wurde. Er stellt die Hypothese auf, daß der dazugehörige Qualm die ersten Tränenreflexe auslöste. Die Stämme saßen um Feuer, um zu kochen, Wunden auszubrennen, Familienmitglieder zu verabschieden und die Toten mit Zeremonien zu beerdigen. So soll das Weinen ein eingelernter Reflex in Verbindung mit Trennung geworden sein. Der Beginn ritueller und gemeinsamer Tränen.

An dieser Stelle ist festzuhalten, daß der Mensch das einzige Individuum auf Erden sein soll, daß Tränen vergießen kann. Auch wenn wir häufig von 'Krokodilstränen' (Kurz bevor Kroko-Kinder schlüpfen, kündigen sie dies durch heul-ähnliche Laute an. Sogenannte Fachleute glaubten, daß die Muttertiere diese Geräusche verursachen würden, um 'Menschenfutter' anzulocken. Ein Trugschluß! Und allein der Umstand, daß zufällig zwei unterschiedliche Ausscheidungsdrüsen beim Krokodil dicht beieinander liegen, sollte wirklich nicht zu der falschen Einschätzung führen, daß diese Urviecher Tränen vergießen können ) sprechen, als Synonym für geheuchelten Tränenfluß, kann festgestellt werden, daß weder Krokodile noch andere Tierarten emotionale Tränen, so wie wir sie kennen, vergießen können. Auch wenn Ex-Kanzler-Kandidat-Ehefrau Hiltrud Schröder dies in Zweifel zieht: "Früher dachte ich, Pferde können nicht weinen. Jetzt weiß ich: Sie können es. Ich hab es mit eigenen Augen gesehen". Na ja, soll sie. Schließlich meint auch TV-Journalist Volker Arzt, Kühe weinend gesehen zu haben: "..schwere Tropfen flossen über den Augenrand". Doch was die gesehen haben, waren keine Tränen im eigentlichen Sinne, sondern die üblichen Sekret-Absonderungen der Tier-Augen, die natürlich einen ähnlichen mechanischen Schutz gegen Fremdkörper entwickelt haben, wie wir Menschen. Die Kinder der dem Menschen genetisch recht nahen Schimpansen allerdings zeigen eine Vorstufe der menschlichen emotionalen Tränen: Wenn diese sich bspw. verletzen, haben sie oft Tränen in den Augen, was die Aufmerksamkeit der Elterntiere erregt. Der Tränenfluß ist allerdings derart minimal, daß er die Augenlider nicht überflutet. Dies wäre allerdings im Sinne der Außenwirkung auch relativ sinnlos, zumal die dichte Behaarung, und eben nicht nur die der Schimpansen, sondern die der meisten Säugetiere diese 'Wasser-Zeichen' sozusagen schlucken würden. Auf der glatten Gesichtshaut des Menschen hingegen ist jede einzelne Glücks-, Wut- oder Trauerträne für jede andere Person deutlich zu erkennen; es sei denn von sprießenden männlichen Barthaaren zugewuchert. Die immer wieder kolportierte Behauptung, auch Kamele könnten weinen, sollten wir an dieser Stelle ignorieren.

VON ZWIEBELN, MÜCKEN, VIREN UND HORMONEN

Der US-amerihanische Psychologie-Professor Jeffrey A. Kottler unterscheidet in seiner Sammlung aktueller Tränen-Studien ("Die Sprache der Tränen"; ISBN 3-8284-5002-4; Diana Verlag, München 1997; DM 36) zwischen drei wesentlichen biologischen Varianten von Tränen. Zum einen gibt es die 'ständigen Tränen', jene, die er als Teil der automatischen Waschvorrichtung bezeichnet; sie halten Oberfläche feucht und sauber und sind Schmierflüssigkeit der Drüsen. Mit jedem Wimpernschlag wird die Flüssigkeit gleichmäßig verteilt. Diese Tränen dienen wesentlichst zur gesundheitlichen Vorbeugung und führen Dauerfehden gegen fremde Eindringlinge, wie Viren und Bakterien. Zumeist erfolgreich.

Irritations-Tränen nennt Kottler die Tränen, die nur dann auf den Plan treten (müssen), wenn die Augen vor externen akuten Bedrohungen geschützt werden müssen. Wimpern, verirrte Mücken und Gewitterfliegen zählen hier ebenso dazu, wie Chemikalien und Gase, die ja bekanntermaßen auch beim allseits beliebten Schneiden von Speisezwiebeln entstehen und die Augen -sofern ihr ohne Taucherbrille gearbeitet habt- zu unangenehmem Tränenfluß reizt. Kein Wunder, denn die der Zwiebel entweichenden Substanzen reagieren auf der Augenoberfläche zu Schwefelsäure. Ein Segen also, daß ein Ausschwemmsystem existiert, daß die fremden Reizstoffe entweder abmildert oder sogar auswäscht.

Die dritte Kategorie von Tränen sind die Emotions-Tränen. Jene Art von emotionalem Ausdruck also, der lediglich uns Menschen eigen ist, und doch so viel Hilflosigkeit, Irritation und Unwissenheit erzeugt. Der Biochemiker und Lakromologie-Guru William H. Frey, der bereits in den 70ern erstmals ernsthaft damit begann, die Sprache der Tränen zu erforschen, hat bis heute sehr interessante Ergebnisse liefern können. Wichtigste und vielleicht für einige auch erschreckendste Erkenntnis des Forschers aus Minnesota: "Weinen ist ein Ausscheidungs-Vorgang wie Stuhlgang, Schwitzen und Urinieren", nur eben auf einer anderen Ebene. Das nepalesische Wort für Weinen bedeutet in seiner genauen Übersetzung übrigens 'aus den Augen pissen'! Insbesondere zur genaueren Zusammensetung der Tränenflüssigkeit und deren Unterschiede bei emotionalen und den sonstigen Tränen, hat Frey Pionierarbeit geleistet. Zahlreiche Testpersonen ließ er in seinen Labors wissenschaftliche Tränen vergießen und analysierte deren Zusammensetzung. Überraschendes Ergebnis: Emotionale Tränen (Frey ließ die Probanden 'Schmalz'-Filme schauen) enhielten andere bzw. Substanzen in anderer Zusammensetzung als die Irritations-Tränen (durch Zwiebelschnüffeln provoziert). Eine um 24% höhere Konzentration an Eiweißen (60 verschiedene Verbindungen in der Träne) konnte in den emotionalen Tränen nachgewiesen werden. Das bereits erwähnte Streß-Hormon Prolaktin, das bei emotionaler Intensität von der Hypophyse produziert und ausgeschüttet wird, wies Frey in Gefühls-Tränen nach, seine Konzentration ist bei Frauen um 60% höher als bei Männern. Erstaunlich, daß männliche Tränen ein halbes Grad kühler sind als die weiblichen. Ist das die sprichwörtliche männliche Gefühlskälte? Außerdem fand der Wissenschaftler noch folgende Substanzen: Natrium- und Kaliumchlorid, Spuren von Ascorbinsäure (Vitamin C), Lysozyme, schmerzlindernde und stimmungsaufhellende Endorphine, Proteine, Harnstoffe, Glucose, Sauerstoff, Mangan (in beiden Tränenarten dreißig mal höher als im Serum!), Kupfer, Eisen, Zink, Lipide, Triglyzerin u.v.m.

William Frey stellt nun die These auf, daß mit dem Vergießen von emotionalen Tränen für den Körper in höheren Konzentrationen giftig wirkende körpereigene Substanzen ausgeschwemmt werden, um somit eine Vergiftung zu vermeiden. Das bei Stress vermehrt freigesetzte Prolaktin kann bspw. den Stoffwechsel stören. "Wenn man weint, wird es, wie andere Giftstoffe auch, ausgeschwemmt", so Frey. Doch wer nun glaubt, jeder Tag Zwiebelschneiden würde das Leben verlängern, irrt, denn lediglich authentische Gefühlstränen (ergo: Gefühlsstreß) entgiften den Leib. Aber wer so richtig heulen kann, dem/der geht's hinterher so richtig gut. Kein Wunder, das Gift ist raus! "Was Seife für den Körper ist, sind Tränen für die Seele", heißt ein jüdisches Sprichwort. Umgekehrt können nicht vergossene Tränen zu schweren Erkrankungen führen: Asthma, hoher Blutdruck, Krebs, Magengeschwüre und Dickdarm-Erkrankungen treten bei Nicht-Weinern häufiger auf. "Emotionale Verstopfung" nennt Psychologe Kottler dieses häufige Phänomen. Nicht zuletzt die Streß-Forschung konnte diese Untersuchungen immer wieder bestätigen. Jüngste Forschungen konnten sogar eine direkte positive Heilwirkung von Tränen vermuten lassen, so daß angenommen wird, daß die Tränendrüsen auch noch direkt eine Substanz in den Blutkreislauf absondern.

Und nicht zuletzt der kommunikative Charakter auf höchstem Level macht diese Art der non-verbalen Kommunikation so bedeutend. Kottler: "Geschichte, Biologie und Entwicklung des Weinens als höchster Form menschlicher Evolution laufen auf seine ursprüngliche Funktion hinaus, eine tiefere Ebene des Verstehens zwischen Menschen zu fördern. Keine andere Verhaltensweise ermöglicht Intimität so rasch, keine andere Form von Kommunikation kann das Wesen der menschlichen Erfahrung so schnell ausdrücken". Tränen verleihen also eine Authenzität, an die Worte nicht herankommen. "Sie sind", so Kottler, "Ausrufezeichen am Ende einer Erklärung". Und seltsamerweise ist das Weinen ebenso eine emotionale Ausdrucksweise, die auch ein ganz privates Unterfangen sein kann. Dies ist dann weniger Kommunikation, denn Überlaufventil tiefster Gefühle.

WEINEN IN ANDEREN KULTUREN

Der mächtige ägyptische Sonnengott Ra hatte sich bei der Erschaffung der Welt derart angestrengt, daß ihm die Augen tränten. Einige dieser Tränen fielen nun auf die gerade von ihm gestaltete Erde, und es wurden Menschen daraus. So zumindest will es uns eine alt-ägyptische Sage kundtun. Und Jesus von Nazareth vergoß Tränen nach seinem Einzug in Jerusalem: "Und als er nahe hinzukam, sah er die Stadt und weinte über sie..." (Lukas 19,41). Die Germanen gaben ihren Toten gefüllte Tränenkrüge mit in's Grab, im Mittelalter wurden Frauen, die nicht weinten, angeblich als Hexen verbrannt. In etlichen Kulturen, die ihren Göttern menschliche Opfer erbrachten, glaubte man an einen direkten Zusammenhang zwischen den Tränen, die für das Opfer vergossen wurden und dem erbetenen Regen. Die Helden der griechischen Sagenwelt -Odysseus, Agamemnon und Achill- heulten ungehemmt und ungestraft, Kaiser Nero sammelte seine falschen Tränen in einem Gefäß, als sein Rom brannte, das er selbst angezündet hatte. In der Antike setzten Perikles und Alkibiades ihre Tränen bei öffentlichen Auftritten ganz gezielt ein, sie zählten zu ihrem rhetorischen Repertoire. Folgerichtig schrieb der römische Dichter Ovid: "Im Weinen liegt eine gewisse Wonne." Selbst noch im 18. und 19. Jahrhundert galt es für Männer als schick, sich der Tränen nicht zu schämen. Kein Mann verließ ohne gesticktes Schnupftuch sein Haus, und selbst Goethe kannte keine Hemmungen, sich seiner emotionalen Tropfen zu entledigen: "Ein Mann, der Tränen streng entwöhnt, mag sich ein Held erscheinen. Doch wenn's im Innern sehnt und dröhnt, geb' ihm ein Gott - zu weinen".

So war es damals, doch wie sieht's heute aus in anderen Ländern? Die Chinesen haben ein Zeichen für Träne, das doppelt gemalt 'Peinlichkeit' bedeutet, und selbst die temperamentvollen spanischen Toreros dürfen nach einer Niederlage nur ohne Publikum weinen (Ehrenkodex), obgleich doch der südeuropäische Mann (Spanier, Italiener, Grieche bspw.) dafür bekannt ist, daß er sich seiner Tränen nicht schämt. Das Konstrukt ist kompliziert: Jede Gesellschaft geht von einer besonderen Vorstellung von Werten, religiösem Glauben, familiären Traditionen und interaktiven Regeln aus. Verschiedene Menschen in verschiedenen Ländern haben jeweils ihren eigenen Dialekt des Weinens.

Die Makonde, ein Bantuvolk aus Tansania, weinen in kurzen, lauten und hohen explosiven Ausbrüchen. Ein Missionars-Ehepaar, das dort einer Beerdigung beiwohnte und seine Tränen in Taschentücher schniefte, wurde von den Einheimischen gefragt, warum sie denn die Tränen aufheben würden und ob dies denn eine besondere Bedeutung hätte.

Bei den entsetzlichen Klitoris-Beschneidungsriten in Afrika ist es den Opfern, trotz fürchterlicher Schmerzen, absolut verboten, Tränen zu weinen. Dies würde nicht nur Schande über das Individuum, sondern auch über Familie und Dorfgemeinschaft bringen.

Bei den indonesischen Minangkabu ist es absolut verpönt, zu weinen oder andere Zeichen emotionaler Traurigkeit zu zeigen. Hier gibt es nur zwei Möglichkeiten, die Gefühle zu zeigen: Singen oder die Probleme mit auf eine private Reise zu nehmen.

Auf Bali werden wohl die wenigsten Tränen dieser Erde vergossen. Hier muß der Mensch auch angesichts eines tragischen Verlustes ruhig und ungerührt bleiben. Der Wissenschaftler Paul Rosenblatt, der eine umfangreiche Studie über Trauerverhalten verschiedener Kulturen erstellte, entdeckte, daß die Kinder dort zwar gelegentlich Weinlaute von sich geben, dabei aber keine einzige Träne produzieren. Und bei einem Gespräch mit einem Vater, der drei Kinder verloren hatte, lachte und lächelte dieser während der ganzen Geschichte. So, als wollte er sagen: "So halte ich mich vom Weinen ab".

Für unsere Breiten besonders merkwürdige Rituale finden wir bei den Bosavi in Neiguinea: Wann immer Gäste das Dorf besuchen, wird von denen erwartet, daß Tänze und Gesang zum Besten gegeben werden. Plötzlich ergreift einer der Dorfbewohner eine Fackel und beginnt, die Schultern eines Tänzers anzusengen, der weder protestiert, noch Schmerz zeigt. Die Gastgeber jedoch fangen nun an zu heulen und zu weinen - manchmal die ganze Nacht. Der Erfolg dieses Rituals wird daran gemessen, wie lange und wie gut die Menschen geweint haben.

In Nordindien gibt es einige Gemeinschaften, bei denen Weinen regelmäßig als Kommunikationsmittel eingesetzt wird. Hier ist die Grenze zwischen den geschlechts-spezifischen Ausdrucksweisen so streng definiert, daß es zu sozialer Ächtung käme, würde ein Mann ein Sprachmuster benutzen, das Frauen vorbehalten ist. Melodisches Weinen ist so eine Möglichkeit, die ausschließlich von Frauen benutzt wird. Jede geweinte Botschaft hat eine eigene Struktur und außerdem noch einen Refrain. Die Frauen wenden dieses Mittel an, wenn Freunde wieder zueinander finden, aber auch wenn ihnen Unrecht geschieht.

Jeffrey A. Kottler: "Es hat Ethnologen oft verwirrt, daß Menschen anderer Kulturen nicht wegen der gleichen Dinge weinen wie wir. Die Antwort auf dieses Geheimnis liegt anscheinend im Vorhandensein oder Fehlen bestimmter Wörter, die Bestandteil gedanklicher und sprachlicher Muster sind".

FALSCHE, KOLLEKTIVE UND POSITIVE TRÄNEN

"Tränen sind wie Perlen. Man weiß nie, ob sie echt sind" (aus Indonesien). Natürlich gibt es auch geheuchelte Tränen, und dafür muß man mitnichten Krokodil sein. Doch diese sind die Ausnahme. Dennoch gibt es sie; aus verschiedenen Motivationen heraus. Tränen der Manipulation, die andere dazu verleiten sollen, Dinge zu tun, die sie sonst nicht zun würden. Die Intentionen sind mannigfaltig: Aufmerksamkeit erhaschen, Dinge durchsetzen wollen, Tatsächliches verschleiern u.ä. Ein besonders perfider Fall von Schein-Tränen ist jener der Kindermörderin Waneta Hoyt, die behauptete, daß alle ihre fünf Kinder am plötzlichen Kindstod gestorben seien. Sie konnte die Polizei-Beamten zunächst dadurch beeinflussen, indem sie ihre Trauer und Betroffenheit durch steten Tränenfluß versuchte zu untermauern. Ironischerweise konnte ihr schließlich nachgewiesen werden, daß sie ihre Kinder umgebracht hatte, weil sie deren Weinen nicht ertragen konnte. Psychologie-Professor Kottler konstatiert: "In manchen Fällen gibt es sowohl authentische als auch erfundene Komponenten für den Einsatz von Tränen - ein Teil des Gefühls kommt von innen, während ein anderer Teil aus der Reaktion auf das Verhalten anderer entsteht".

Und natürlich wirkt kollektives Heulen ungleich befreiender als das isolierte Rumgejammere einzelner. Doch jede Wein-Eskapade ist eingebunden in unser Wertesystem. Und jetzt für alle 'Unhaltbar!'-Leser: "Wir lachen über degradierte Werte oder um Werte zu degradieren. Wir weinen über bedrohte, verlorene und unverwirklichbare Werte. Das Lachen über das Komische ist der instinktive Ausdruck eines negativen Werturteils über degradierte oder zu degradierende Werte. Weinen dagegen ist der instinktive Ausdruck eines positiven Werturteils über bedrohte, unverwirklichbare oder verlorene Werte. Das Weinen bezieht sich immer auf positiv bewertete Dinge oder Menschen".

Und wir 'lachen Tränen', weil Fasern des Lachnervs Vagus beim Lachen -immerhin werden hierbei ein paar Dutzend Gesichtsmuskeln beansprucht- auf die Tränendrüsen drücken; ähnlich verhält es sich beim Gähnen. Insoweit ist die spanische Redensart "So lange man lacht, weint man nicht" auch zu relativieren.

VON BAMBIS, DUMMEN COWBOYS UND EINÄUGIGEN HEULERN

Genauso wie es Menschen gibt, die noch nie emotionale Tränen vergossen haben (Es wurden Familien gefunden, in denen über Generationen hinweg keine Träne vergossen wurde), gibt es auch jene, die kaum aufhören können zu weinen. Beides kann wohl als pathologisch bezeichnet werden, und hat mit psychischen oder physischen Störungen zu tun. Ein besonders krasser Fall ungewöhnlichen Weinens allerdings ist aus Australien dokumentiert: Eine Frau war, wie immer sie dies auch geschafft haben mag, in der Lage, mit jeweils dem linken oder dem rechten Auge zu heulen. Ging es im Zusammenhang mit ihrer Mutter um eine traurige Angelegenheit, liefen ihr die Tränen aus dem rechten Auge, dachte sie an den Vater, wurde das linke Auge geflutet.

Und auch wenn viele beim Weinen so aussehen wie Bambi, als es herausfand, daß seine Mutter tot war, so soll dieser Text dennoch ein Appell sein, dem Fluß der Tränen (ca. 70 Liter pro Jahr) freien Lauf zu lassen. Allerdings nicht im Sinne von John Wayne, der einmal erklärte, er könne wohl um sein Pferd, seinen Hund oder einen Freund weinen, aber nie um eine Frau. Hätte der alte Kuhjunge doch nur häufiger geheult, dann könnte er, so Tränenexperte David Engelhard, wohl ein paar Jahre länger gelebt haben. So, mit einer Träne im Knopfloch werde ich mich jetzt leise weinend von euch, liebe Leserschaft verabschieden und kann euch nur noch raten: Heult doch!

ro.

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