"Ich war nie ein Talent...
...aber habe immer gespielt"
Plötzlich war er da, der "Fußballgott". Aber eigentlich wissen wir gar nicht, wie wir zu diesem himmlischen Wesen des Tretsports gekommen sind. Oder ist er etwa zu uns zugeflogen? Lest doch selbst:
ÜS: Carlo, beschreibe uns doch mal bitte kurz Deinen fußballerischen Werdegang!
Carlo: Also, Fußball spielen wollte ich eigentlich schon immer. Und dann bin ich halt mit einem Kumpel mal mitgegangen zu einem Verein, mein Vater wollte mich noch nicht mitnehmen, ich war sieben oder acht, der hat selber trainiert. Da bin ich zu einem anderen Verein mit, hab dort unterschrieben und bin dann heim gegangen und hab' gesagt, ich fang' das Fußballspielen an, er hat gesagt: "Nix, Du fängst an, wo dein Vater Trainer ist". Da hat es angefangen, so von 8 bis 12 Jahren war ich in Erlangen, dann mit 12 nach Nürnberg. Das wollte mein Vater so, weil er meinte, ich hätte dort die besten Möglichkeiten. Von 16 bis 20 war ich in Herzogenaurach, wo ich bei adidas meine Lehre zum Außenhandelskaufmann gemacht hab'. Ich hab' dort zwei Jahre Jugend gespielt und zwei Jahre in der ersten Mannschaft. Mit 20 hatte ich Probetraining beim HSV, und die haben gesagt, ich soll halt Oberliga spielen und in zwei Jahren noch mal zurückkommen. Für die zwei Jahre bin ich nach Frohnlach gegangen und bin dann noch mal beim HSV zum Probetraining, aber das hatte irgendwie nicht geklappt, und dann bin ich über den Ristic in Düsseldorf gelandet. Dort war ich vier Jahre bis zum ersten Rausschmiß. Mit 26 ging ich nach Bayreuth und hatte eigentlich vom Fußball schon die Schnauze voll wegen des ganzen Ärgers mit der Ablösesumme und so. Im folgenden Jahr hatte ich dann einige Angebote aus der ersten und zweiten Liga, bin dann aber wieder in Düsseldorf gelandet, und wir sind mit Ristic von der Oberliga in die Bundesliga aufgestiegen...
ÜS: Bis zu Deinem zweiten Rausschmiß, wie kam es denn dazu?
Carlo: Der neue Trainer (Wojtowitcz) hat immer gesagt: "Jeder kann seine Meinung sagen", und die haben wir auch gesagt. Als wir dann vier Muskelverletzungen in einer Woche hatten, es mich dann auch noch erwischte und noch zwei andere, bin ich zu ihm hin und hab' gesagt, "mir langt's" und hab' das öffentlich gemacht. Einen Tag später war ich weg vom Fenster, so schnell geht das.
ÜS: Und Dein erster Rausschmiß...
Carlo: In einem Jahr hatten wir vier Trainer und wir waren Schuld am sportlichen Niedergang, neben mir Schreyer, Spannring und Wittborn, der zweite Torwart. Das hat keiner kapiert, wie der Ersatztorwart schuld am sportlichen Mißerfolg sein kann. Und ein Jahr später sind sie dann noch aus der zweiten Liga abgestiegen und haben wohl doch gemerkt, daß es nicht nur an den Spielern liegen kann.
ÜS: Wie bist Du dann zu St.Pauli gekommen?
Carlo: Der Kontakt kam über Helmut Schulte zustande direkt nach meinem Rausschmiß. Mein Glück war, daß die Fortuna in ihrem nächsten Spiel ohne mich gegen St.Pauli gleich gewonnen hat, so daß ich dann ablösefrei gehen konnte, der Vorstand dachte wohl. "Siehste, es geht auch ohne Dich."
ÜS: Warum gerade St.Pauli?
Carlo: St.Pauli, Nürnberg und Wolfsburg waren an mir dran und ich hab' mich für St.Pauli entschieden, da der Verein nach dem Abstieg den sofortigen Wiederaufstieg anpeilt. Und weil ich in der Nähe einer schönen Stadt bleiben wollte, denn von Düsseldorf war ich verwöhnt.
ÜS: Es gibt an der Uni Düsseldorf eine DKP (Düsseldorfer Karlo Partei), die mit Deinem Konterfei auf den Wahlkampfplakaten ins Studierendenparlament gewählt wurde...
Carlo: (schmunzelt)
ÜS: ...wie erklärst Du Dir diese Begeisterung und vor allem woher kommt der Titel "Fußballgott", der wird ja nun nicht jeden Tag vergeben?
Carlo: Das waren die Spiele als Bundesligaaufsteiger, wo wir in der Vorrunde nur 13 Punkte geholt hatten und eigentlich mausetot waren. In der Rückserie hatten wir dann nur zwei Spiele verloren beim HSV und daheim gegen Dortmund. Die Mannschaft und auch ich hatten einen Riesenlauf, wir hatten in Stuttgart nach 18 Jahren zum ersten mal gewonnen und da kam das dann halt, daß die Fans das gesungen haben.
ÜS: Es ging hier durch die Presse, Du wärst in Düsseldorf Kneipenbesitzer gewesen...
Carlo: Ich hatte zusammen mit einem Kumpel eine Gaststätten GmbH, aber ich hatte mich da nur kaufmännisch mit beschäftigt, ich war nur Gesellschafter...
ÜS: ...so etwas hast Du in Hamburg nicht vor?
Carlo: Nee, überhaupt nicht, geht auch nicht, wenn im September das zweite Kind kommen wird, dann muß man (Mann? d.Tip.) sich um die Kinder kümmern.
ÜS: Auf die Frage, ob Du lieber Weizen- oder Altbier trinkst, hast Du mal geantwortet: "ich mag lieber Pils". Welches schmeckt Dir denn besser Holsten oder Astra?
Carlo: (lachend) Bis jetzt noch nix, ich hab' jetzt eine Kiste Holsten gehabt und werde dann eine Kiste Astra probieren, mir ist ja auch die Problematik mit Brau und Brunnen wohl bekannt, ich komme ja aus dem Metier. Mal sehen welches mir besser schmeckt.
ÜS: Wie siehst Du das Engagement der Fans, selbst wenn sie sich in Vereinspolitik einmischen?
Carlo: Jeder hat eine andere Meinung und soll sie auch schreiben. Ideen wie "St.Pauli gegen Rechts" kommen ja auch daher und das ist schon eine sehr gute Geschichte. Man sieht ja auch, die Randale-Geschichten sind in den letzten Jahren schon verschwunden (naja, vielleicht weniger als in den 80er Jahren, d.Tip.), und das ist ein Verdienst der Fans.
ÜS: Wem gehört der Fußball?
Carlo: Bei mir daheim gehört jeder Ball meinem Kleinen, weil der immer "Ball, Papa, meiner" sagt. Nee, Fußball ist ein Volkssport und jeder sollte die Möglichkeit haben für 10 Mark ein Spiel zu sehen.
ÜS: Wie beurteilst Du die fortschreitende Kommerzialisierung des Fußballs, aktuelles Beispiel: das Playmobil-Stadion in Fürth?
Carlo: Naja gut, wenn ein kleiner Verein nicht die Möglichkeit hat und sich ein Großsponsor findet, um ein Stadion auszubauen, warum nicht? Für mich wird es allerdings immer der Ronhof bleiben. Schön, daß das ein reines Fußballstadion ist. Schau mal in Düsseldorf mit der Laufbahn braucht es 30.000 Leute, um so eine Stimmung zu machen, wie zum Beispiel 5.000 St.Paulianer gegen Schalke. Aber mit dem Kommerz ist das einfach so, sieh mal den neuen Liga-Cup: Die großen, die schon reich und fett sind, die kriegen dann noch mal richtig Kohle. Warum nimmt man nicht ein oder zwei Absteiger mit rein? Immer die, die schon fett sind, in den UEFA-Cup rein kommen, die kriegen dann noch mal 'ne Million. Das ist schon ein Witz, das sind doch nur Vorbereitungsspiele.
ÜS: Zu den Montagsspielen des DSF...
Carlo: Der Rhythmus ist durcheinander, da muß der Trainer drauf aufpassen und das Training dafür umgestalten. Aber Du kannst nicht sagen, "Ich bin schlecht drauf", du mußt halt auf Deinen Körper aufpassen.
ÜS: Wann spielst Du am liebsten?
Carlo: Freitag oder Samstag, dann hab' ich noch was vom Wochenende.
ÜS: Du hast einen Zwei-Jahres-Vertrag, welches Ziel hast Du Dir in dieser Zeit bei St.Pauli gesetzt?
Carlo: Ich möchte gerne wieder erste Liga spielen mit St.Pauli, wenn es geht schon nächstes Jahr.
ÜS: Das hoffen wir auch, aber wenn der Aufstieg nicht klappt?
Carlo: ...dann auf jeden Fall übernächstes Jahr, daß ich noch mal einen Aufstieg mit mach'.
ÜS: Du bist jetzt 31, wie lange möchtest Du noch Fußball spielen?
Carlo: Mit 34 oder 35 Jahren möcht' ich schon noch spielen, ob das dann noch im Profibereich ist, weiß ich nicht. Aber so lang die Knochen halten...
ÜS: Willst Du denn danach im Fußballbereich bleiben, oder lieber Deinen gelernten Beruf aufgreifen?
Carlo: Ich glaub' schon, daß ich in einem kaufmännischen Beruf unterkomm', aber es wäre natürlich schön, wenn es mit Fußball etwas zu tun hat. Ich möcht' auf jeden Fall noch meinen A-Schein machen. Und irgendwann, wenn ich trainieren will, dann werde ich lieber im Jugendbereich trainieren, weil dort werden so viele Fehler gemacht, das ist grausam. Da dreht's Dir wirklich um, wenn Du siehst, wie die Jungs teilweise schon trainieren. Da würde ich sehr vieles anders machen. Es muß auch nicht unbedingt bei einem Profiverein sein, aber so eine E- oder D-Schüler, das ist so das Alter, wo Du am meisten kaputt machen kannst, wenn der Trainer sie zusammenscheißt. Es muß ihnen Spaß machen.
ÜS: Wie siehst Du das Potential der Mannschaft den Wiederaufstieg zu schaffen?
Carlo: Am Anfang hatte das noch nicht so ausgeschaut, aber mit den Verstärkungen Marin, Seeliger, Franco und Sidibe glaub' ich schon, daß wir ein Wörtchen um den Aufstieg mitreden werden.
ÜS: Wir danken Dir für dieses Gespräch und wünschen Dir eine erfolgreiche Saison!
S&M
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