Unsinniger Modus, aber dafür in voller Länge

RTL presents the Champions League

Das Stöhnen über Presse und Fernsehen gehört nun schon langsam zu ähnlich markanten Lebenszeichen wie der Herzschlag oder der Atem auf einem Spiegel. Vollgedröhnt mit täglichen Berichten verliert die einzelne Sendung zusehend an Bedeutung. Und wie es nicht anders zu erwarten war: Früher war alles besser. Das gilt nicht nur für die Wochenendpräsentation, sondern vor allem für den Europapokal. Bevor ich nun einsteige in die genaue Betrachtung der Champions League auf RTL, sozusagen als zweiten Teil der Mediaanalyse (Sat1 hatten wir ja in Nr. 24), eine kleine verheulte Reminiszens auf vergangene Zeiten. Bevor die TV-Anstalten damit begannen, uns jedes Spiel einer deutschen Mannschaft live zu zeigen und man das Gefühl bekam, daß sogar Synchronschwimmen erheiternder ist als Leverkusen gegen Banik Ostrava (Rückspiel nach 4:1 Sieg von Bayer in Ostrava), da war es noch so, daß man sich auf jede Übertragung in der Woche schon zehn Tage im Voraus freute. Meine Mittwoche waren richtig geordnete Abläufe. Gegen 17.00 begann DDR 1 mit der Übertragung von irgendeiner Ostblockmannschaft (zumeist UDSSR oder DDR-Teams), danach konnte man in Ruhe Abendbrot essen, um dann gegen 20.00 Platz zu nehmen für die Übertragung der westdeutschen Mannschaft, dies allerdings zumeist erst ab der dritten Runde. Ansonsten freute man sich auf die Zusammenfassungen ab ca. 22.00 Uhr. Alle Spiele der deutschen Teams in 90-120 min. Da war alles drin, das war schön. Die Europapokalwoche wurde dann abgerundet mit der Zusammenfassung aller Tore aller Spiele auf DDR 1 am Donnerstag. Herrliche Zeiten. Heute muß man ja schon froh sein, wenn wenigstens die öffentlich-rechten die Ergebnisse von anderen Plätzen nennen, bei den Privaten wäre man ohne Videotext diesbezüglich völlig aufgeschmissen. Das ist eine perverse Arroganz, die sich auch in der Vorberichterstattung wiederfindet. ARD und ZDF hatten es sich früher zur eisernen Regel gemacht, am Wochenende vor dem EC die Gegner der deutschen Mannschaften ausführlich vorzustellen, bei ranissimo am Sonntag erhält man heute dagegen das zehnte Interview mit dem Trainer des deutschen Teams und herrliche Bilder aus dem Trainingslager seiner Mannschaft. Das ist dann in etwa so spannenend wie der Hanse-Marathon bei Kilometer 12. Aber Schluß mit der guten alten Zeit, schließlich romatisiert man ohnehin viel zu sehr. Kommen wir zur Gegenwart. Es ist Mittwoch abend und RTL ist an der Reihe. Ich gebe ganz ehrlich zu, bevor ich mir vornahm, diesen Artikel zu verfassen, habe ich vielleicht zwei oder drei der Champions League Sendungen komplett gesehen. Gruppenspiele gehen einem einfach am Arsch vorbei und immer wieder dieselben Teams von September bis März, es ist einfach grausig. Dazu kommt noch diese maßlose Arroganz, mit der ein Herr Beckenbauer über die sogenannten "Kleinen" herfällt, deren einziges Schicksal es ist, nicht 50 Millionen für Spieler ausgeben zu können, dafür aber der Möglichkeit beraubt zu werden, durch ein gutes und ein glückliches Spiel die "Großen" herauszukicken. Allein für die Anmoderation und Kommentierung der Zusammenfassungen von Lodz gegen Bukarest durch Jauch, Beckenbauer und Potofski hätte man diese drei Herren wegen Großkotzigkeit an die Wand stellen müssen. Egal. Wir befinden uns im Viertel- und Halbfinale. Grundlage der folgenden Zeilen sind die Champions League Übertragungen. BVB vs. AJA, AJA vs. BVB und BVB vs. ManU vom 5.3., 19.3. und 9.4.97. Da sich das Prinzip wiederholte, war die ursprünglich eingeplante Sendung vom 23.4. nicht mehr vonnöten. Hierbei geht es nur um die Präsentation. Die Spiele an sich und der Kommentar von Marcel Reif wurden nicht berücksichtigt. Ich halte ihn aber für den mit Abstand besten Reporter, den es im deutschen Fernsehen gibt und das nicht wegen eines Konfliktes mit den schwarz-gelben, sondern ich bin bekennender Reif-Fan seit er regelmäßig Eishockey übertragen hat, und das ist schon sehr lange her. Um es vorweg zu nehmen, das sehr bewußte Zusehen erbrachte einige überraschende Ergebnisse.

1. Die Vorberichterstattung

In den etwa sieben Minuten, die jeweils den Vorberichten gewidmet werden, kommen Jauch & Co nicht über normale Plattituden hinweg. Jauch betritt Studio-Applaus-Jauch kündigt das Spiel an-Jauch kündigt Beckenbauer an-Applaus-Jauch plaudert mit Beckenbauer. So beginnt jede Sendung. Der nächste Automatismus ist das Interview mit Hitzfeld zur Lage beim BVB und der Mannschaftsaufstellung. Letzteres ist bei der Verletztenliste der Borussen allerdings immer wieder ein spannender Moment. Daraufhin darf Franz die Stärken und Schwächen des Gegners analysieren und wir gehen in die erste Werbepause.

Fazit: Eigentlich bekommen wir über die fröhlichen Gesichter des Studiopublikums und die kleinen Neckereien zwischen Jauch und Beckenbauer nur das serviert, was seit der Kickerlektüre vom Montag ohnehin jeder wußte bzw. noch weitaus weniger als das. Allerdings schwankt hier die Qualität. Während Beckenbauer bei der Analyse von Auxerre nur ein paar laufende Bilder platt begleitete (gezeigt wird Lamouchi bei einer schönen Aktion und Beckenbauer sagt: Lamouchi ist ein starker Spieler), ist die Analyse von ManU schon weitaus genauer. Natürlich lassen sich in 30 Sekunden keine tiefschürfenden Erkenntnisse gewinnen, aber die Darstellung der Lücken in der Viererkette war sehr anschaulich und verständlich.

2. Halbzeit

Da sich die Halbzeit der Spiele zu dreivierteln aus Werbung zusammensetzt, fällt eine weitreichende Analyse recht schwer. Im Grunde genommen werden nur einmal kurz die Highlights zusammangefaßt und durch einen Kommentar von Beckenbauer ergänzt. Auch hier fällt die Tagesform von Beckenbauer auf. Einmal sind es nur kurze Plattituden, das andere Mal stellt er seinen Sachverstand unter Beweis und zeigt dem unbedarftem Zuschauer die gemachten Fehler auf (TW zu sehr auf der Linie verharrend, Abwehr zu weit vom Gegner weg, Probleme bei Standards). Natürlich viel zu kurz, um wirklich etwas zu erfahren, aber das wenige hat Gehalt und ist sachlich.

3. Nach dem Spiel

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel oder besser hier beginnt die Zeit der platten Analyse. Günter Jauch kommt ins Spiel und auch wenn es ausschließlich um Fußball geht, die Hektik des Mediums Fernsehen fordert ihren Tribut. Nach den Highlights des gesamten Spiels inkl. Wiederholung derer aus der ersten Halbzeit mit den exakt selben Kommentaren folgt in ca. 8-10 Minuten das unsägliche Fazit. In Ansätzen analysieren Beckenbauer und Hitzfeld das Spiel in der Kürze auch sachlich, doch dieser Sendeabschnitt wird dominiert von folgenden beispielhaften Aussagen: "Borussia Dortmund und AJ Auxerre, zwei Mannschaften, die sich wirklich überhaupt nichts geschenkt haben" (Jauch, 5.3.); "Ein enorm wichtiges Tor, denn mit einem 3:1 geht man doch beruhigter nach Frankreich als mit einem 2:1 (Beckenbauer, 5.3.); "Das Schalke-Feeling stellt sich dann ein" (Jauch zum BVB-Tor in Auxerre, 19.3.); "Marcel Reif meinte, den BVB in der Champions League selten spielerisch so gut gesehen zu haben, daß auch alle so gekämpft haben?" (Jauch, 9.4.). Diese Inhaltsschwere setzt sich auch in den Interviews mit den Spielern fort, wobei die Qualität auch immer von dem Spieler selbst abhängt. So ragte René Tretschok am 9.4. doch heraus, während Leute wie Ricken oder Stars wie Sammer oder Kohler wahrlich nichts hergeben. Allerdings muß hier erwähnt werden, daß sich die Interviews wirklich um Fußball drehten und im Gegensatz zu Sat1 der Firlefanz auf der Strecke blieb, sieht man einmal davon ab, daß jeder gefragt wurde, ob ein Spiel in Old Trafford ein Traum sei. Schade, daß keiner mit "mir doch Latte" geantwortet hat, daß hätte gepaßt.

Fazit: In der Kürze liegt nicht die Würze, sondern die Inhaltsleere, denn wir wissen es echt schon ein bißchen länger, daß ein Auswärtstor wirklich wichtig ist, man gerne zu null spielt und ein 2:0 besser ist als ein 1:0.

4. Die anderen Spiele

Dieser Aspekt war der eigentliche Grund für meinen Wunsch, diese Sendung einmal ausführlich zu betrachten. Den ganzen Herbst über hatte man das Gefühl, daß eigentlich nur Dortmund in der Champions League spielt. Es ist zwar verständlich, daß das Spiel des Deutschen Meisters im Vordergrund steht, aber die Kürze, mit der die anderen Spiele betrachtet wurden (da waren oft sogar die Tabelleneinblendungen länger), war frustrierend und im Endeffekt arrogant. Die totale Konzentration auf den BVB mag ja für "Fußballdeutschland", wo immer auch das liegt, interessant sein, aber es gibt hierzulande tatsächlich auch Leute, die gerne mal mehr als 1 Minute von Juve, Milan, Ajax, Madrid usw. usw. sehen möchten.

Ab dem Viertelfinale sollte das eigentlich besser werden, dachte ich so bei mir, aber denkste. Zwar wurden die Berichte etwas länger (ManU.-Porto als direkt Dortmund betreffend 6 bzw. 4 Min., Trondheim-Juve 3 bzw. 2 Min. und Atlethico-Ajax 3 bzw. 7 Minuten). Eine etwas längere und darüberhinaus gerafftere Sendeform wäre sehr wünschenswert, um hier mehr zeigen zu können. Schließlich werden in der anstehenden Europaliga auch nicht immer nur deutsche Mannschaften kicken.

Abschließendes:

Zunächst ein Wort zu Rosenborg Trondheim. In der Vorrunde waren sie der Schrecken der Sendung. Man konnte fast den Ekel spüren, mit dem Franz Beckenbauer diesen Namen aus den Niederungen des Fußballs, sozusagen aus dem Dreck des Proletariats, aussprach. "Was hatten die denn bloß zu suchen in der Bel Etage der Elitekicker?" Ab dem Viertelfinale waren sie aber plötzlich der sympathische Außenseiter, der einem fast ans Herz gewachsen ist. Ich wiederhole mich gerne. Die Arroganz, die gegenüber Mannschaften mit kleinem Namen in dieser Sendung herüberkommt, ist widerlich. Aber das hat ja nun bald ein Ende. Bei zwei potentiellen Teilnehmern aus den besten acht Verbänden wird ja bald kein Kleiner mehr dazwischenpuffen und wir können die eigentliche Idee des Europapokals, nämlich den Wettstreit aller Meister untereinander endlich ad acta klegen. Was interessiert schon der norwegische Meister, wenn wir den portugiesischen Vizemeister dabeihaben (Nur, Norwegen wird wohl in Frankreich 98 dabeisein, Portugal wohl eher nicht).

Zurück zur Sendung. Wenn ich Sat1 und RTL so vergleiche, dann muß ich zugeben, daß Jauch und Co die wesentlich bessere Sendung machen. Natürlich gehen einem die ständigen Werbeblöcke auf den Zeiger, auch kann man in der kurzen Zeit nichts Tiefgründiges präsentieren, aber immerhin geht es bei RTL in fast allen Gesprächen und Bildern um Fußball, und nur um Fußball. Da ist der getretene Ball tatsächlich noch wichtiger als die Freundin des Auswechselspielers. Zwar ist das Studiopublikum ähnlich game-show-orientiert wie bei ran, aber das sind wohl die Zeichen der Zeit. Damit mich hier keiner falsch versteht, ich werde jetzt nicht ständig Mittwochs vor der Glotze hocken, dafür ist mir das Niveau zu dünn und dafür gibt es wahrlich genug Fußball im Fernsehen, aber ich bin der festen Überzeugung, daß RTL von zwei Übeln im Vergleich zu Sat1 das kleinere ist. Das liegt aber nicht zuletzt auch an dem hier nicht weiter erwähnten Marcel Reif. Auch der hat seine Fehler, aber nenn mir doch bitte einmal jemand einen Besseren, es sei denn wir bekommen endlich das, was sich nicht wenige schon lange wünschen: Fußball ohne Kommentar, in Zeiten des Stereoempfangs eine technische Kleinigkeit, aber dafür hören sich die Herren und Damen wohl zu gerne selber zu.

lüh


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