"Wir" vs. "Modefans" - eine Situation spitzt sich zu?!
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Mir wurde von der Redaktion die äußerst schwierige Aufgabe zugeteilt, einen Bericht über ein Thema zu verfassen, das in letzter Zeit in zunehmendem Maße die Gemüter erregt. Schwierig deshalb, weil sich bei heißen Eisen (diese Erfahrung hat der ÜS ja schon öfter machen müssen) grundsätzlich die falschen Leute angesprochen zu fühlen scheinen und dann bitterböse Reaktionen erfolgen, die die Szene nur noch mehr entzweien. Aber trotzdem - sollen wir deshalb einen Streitpunkt verschweigen? Wohl nein, höchstens noch vorsichtiger und bedachter mit Formulierungen umgehen und nicht so heftig aus dem Bauch heraus schreiben - das gebietet die Verantwortung, die wir als recht großes Fanzine für unser Geschreibsel haben. Genug der Vorrede. Bei Heimspielen haben wir seit geraumer Zeit folgende Situation: Die Stehplätze sind rappelvoll, die Stimmung äußerst mies. Hinter den Trainerbänken sind's vielleicht 200 Leute, die etwas öfter versuchen, die Atmosphäre anzuschieben. Sonst finden wir überall kleine Grüppchen von 20-30 Fans, die singen. Doch bis auf manchmal "St.Pauli, St.Pauli", "Heyayippieyeah" oder "You'll never walk alone" (dazu noch vollkommen inflationär und zu allen unmöglichen Zeitpunkten angestimmt) greift nichts auf die restlichen Zuschauer über, wobei das letzte Rostock-Match wohl unbestreitbar der absolute Tiefpunkt war. Daß dem so ist und wir nicht einfach mal wieder nur den Motzki machen, beweisen die zahlreichen Auswärtsartikel in den Fanzines der jeweils gegnerischen Clubs. Bei Auswärtsspielen war es lange Zeit so, daß sich wenigstens dort diejenigen zusammenfinden konnten, die willens und in der Lage sind, einen qualitativ hochwertigen Support hinzulegen. Doch auch diese Zeiten sind vorbei, denn die Kurven sind immer voll mit Leuten aus der jeweiligen Gegend, die einmal im Jahr zum Fußball gehen und zumeist von eben jenem im Allgemeinen und von St.Pauli im Besonderen nicht den blassesten Schimmer haben. So, und oft haben sich die aus Hamburg angereisten Fans etwas Besonderes ausgedacht: Ein spezielles Motto mit Verkleiden etc., neue Songs mit Extra-Textblättern oder irgendeine vereinspolitisch motivierte Aktion (wie bspw. der Sitzstreik in Gladbach nach dem Pokalaus in Cottbus). Darauf ist dann im Vorfeld der Fahrt viel Energie, Zeit und auch Geld (zum Besorgen der "Ausrüstung") verwandt worden. Doch vor Ort scheitert die Aktion oft (oder wird nicht in dem Maße umgesetzt, wie sie es verdient hätte) an der Ignoranz der restlichen Kurvenbesucher. Nun ist es natürlich toll, wenn möglichst viele Menschen unseren FC unterstützen, und sei es nur durch Anwesenheit, und niemand wünscht sich die Zeiten zurück als wir bspw. 1989 an einem Freitagabend mit abgezählten 17 Fans in Ludwigshafen standen, wo seinerzeit Waldhof Mannheim in Ermangelung eines eigenen Stadions spielte. Doch ist dies trotzdem die Situation, wie sie sich momentan darstellt und wie sie für viele unerträglich geworden ist. Jetzt darf es hier aber keineswegs um das Entfachen einer Schubladendebatte gehen, wie in der Vergangenheit leider öfter passiert: Hier die supergeilen, kreativen und allwissenden St.Pauli-Fans aus Hamburg, dort die tumben Mode-Fans aus anderen Städten, vollbreite Punker (die nur zu St.Pauli gehen wegen "gegen Nazis" und so) und hippiereske Studenten, die auch mal den Proletenduft von Bratwurst, Bier und latenter Gewalt einatmen wollen. Das wäre zwar schön einfach, bringt uns aber nicht weiter und würde vielen Leuten auch Unrecht tun. An dieser Stelle mal einen relativierenden Einschub in Form eines Grusses an all die geilen St.Pauli-Fans aus anderen Landesteilen, die auch einen Riesenhaufen Kohle verfahren, um ihr Team zu sehen und sich geplanten Aktionen gegenüber aufnahmebereit zeigen. Es darf keine Debatte darüber geben, wer der "bessere" St.Pauli-Fan ist. Jedes Stadion, jede Kurve (und bei uns ganz besonders, von Faschos natürlich abgesehen) sollte allen Leuten ohne Zwänge offenstehen. Nun ist es aber bei uns so, daß zu Hause wie auswärts die Mehrzahl der BesucherInnen anscheinend ins Stadion geht, um mal "einen netten Nachmittag/Abend zu verbringen", sich willige Kopulationspartner auszugucken, sich zusammen mit anderen komplett den Kopf vollzudrogen oder alles zusammen oder was Anderes. Dies alles sei ihnen auch von Herzen gegönnt. Und wenn sie sich dabei als St.Pauli-Fan bezeichnen oder fühlen, so sollte dem nicht widersprochen werden, denn die Definition eines "Fans" obliegt jedem Einzelnen und ist Generationen von Soziologen nicht gelungen, kann demnach nicht festgeschrieben und/oder überprüft werden. Auf der anderen Seite haben wir einen ganzen Haufen Fans, die in ihrem Engagement einen oder mehrere Schritte weiter gehen wollen, die gerne auch etwas "kompliziertere" Anfeuerungsgesänge abseits von dem ganzen "Ole hier kommt der blabla - lalala - Klatsch - klatsch"-Einheitsbrei anbringen möchten und dies auch ggf. mit farbenfrohen Aktionen, Choreographien o.ä. unterstreichen wollen. Darunter finden sich sämtliche Herausgeber der St.Pauli-Fanzines (naja, bis auf eins wahrscheinlich...), was nebenbei bemerkt nur zum Ausdruck bringen soll, daß dieser Artikel kein alleiniger ÜS-Vorstoß ist. Um es auf den Punkt zu bringen: Diese Fans wollen (bewußt oder unbewußt) etwas Ähnliches wie die Ultra-Bewegung in Italien und Frankreich hervorbringen und zwar als gewollten, eigenständigen und kreativen Gegenpol zur allgemeinen SAT 1 - Fan-verdummungs - Kommerzscheiße. Dies geht aber nur, wenn die Kurven enger zusammenstehen, bildlich ausgedrückt. Und so wurde in letzter Zeit das gegenseitige Unverständnis immer größer und gipfelte in Stuttgart sogar fast in eine tätliche Auseinandersetzung zwischen den Hamburger "Italienern" und einer Gruppe von 10 Süddeutschen aus dem Punk-Umfeld, die in dem in der Überschrift zitierten Gesang später ihren frustrierten Ausdruck fand. Und wenn der Herausgeber des Bamberger Punk-Zines "Old Hellborn" in einem Beitrag für den Splitter in diesem Zusammenhang von "rein(rassig)en Hamburgern schreibt, ist dies sicherlich überspitzt ausgedrückt, zeigt aber, wohin der Hase läuft. Ergo: So geht's nicht weiter, wollen wir uns demnächst nicht alle gegenseitig auf die Fresse hauen. Ich denke, wir sind uns alle einig, daß jedeR im Stadion auf seine Weise glücklich werden soll. Nur zusammen läuft's offensichtlich nicht. Was tun also? Bei den Heimspielen im letzten Jahr wurde versucht, den "Passanten-Block" in der Gegengeraden zu installieren, was aber an der zu großen Enge bzw. dem zu späten Erscheinen der entsprechenden Leute scheiterte. Abgehakt. Nun gehen die Diskussionen in eine Richtung, die wir früher nicht im Traum bedacht hätten, die aber zumindest eine Lösungsmöglichkeit (wenigstens bei den Heimspielen) aus dem Dilemma aufzeigt und bei dem das geplante neue Stadion eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Wirklich nicht wenige Fans könnten sich mit dem Gedanken anfreunden, in Zukunft einen eigenen Block auf den Sitzplätzen zu bilden, um von dort (stehend natürlich) für Stimmung zu sorgen. Diese Überlegungen haben z.T. schon konkretere Formen angenommen, doch würde dies hier darzustellen verfrüht sein, denn es soll hier darum gehen, das Problem als Solches zu schildern, für Verständnis und Toleranz auf "beiden Seiten" zu werben und schlußendlich zu einer breit angelegten Diskussion aufzufordern. Ich hoffe, ich habe ausreichend differenziert und damit meinen Part erledigt. Nun seid Ihr dran: Wie seht ihr die o.a. Problematik? Ist sie aus Eurer Sicht überhaupt eine? Findet Ihr Euch da irgendwo wieder? Und habt Ihr vielleicht eigene Vorschläge, wie wir "unsere Szene" wieder halbwegs zu dem machen könnten, was sie mal war ? Und komme mir bitte keiner mit "In der 2.Liga wird das alles doch ganz anders". Denn 1. glaube ich da nicht dran (und die Zuschauerzahlen aus den vergangenen 2.Liga- Jahren belegen dies) und 2. wollen wir in absehbarer Zeit doch auch wieder aufsteigen. Wir erwarten also tonnenweise Post. FORZA ST.PAULI, Euer Fulminanti E. Motioni |
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