Die Krise der Regionalliga und anderer Amateurligen

Teil 1 Eine kurze Bestandsaufnahme

In der Interesselosigkeit liegt schon das ganze Übel. Die Regionalliga geht am Stock, doch wissen tut es kaum jemand. Da berührt einen das Schicksal vom AFC aus naheliegenden Gründen, aber was geht einen die Situation bei Herzlake an? Die ständige Überflutung mit "Spitzenfußball" aus Europa und den Bundesligen hat u.a. dazu geführt, daß die Regionalligen ein Schattendasein, nicht nur auf der Mattscheibe, führen. Höchstens aus Kultgründen und aus dem Gefühl heraus, hier noch Fußball so zu erleben, wie man es sich als eingefleischter Fan vorstellt, bekommen die Dritt- und Viertligisten wieder einen gehobenen Stellenwert. Doch die kleinen versprengten Grüppchen, die für sich diesen Fußball langsam wiederentdecken, reichen bei weitem nicht aus, um diese Ligen am Leben zu erhalten. In der Folge wollen wir uns in einer kleinen Serie damit beschäftigen, wie sich das Leben in der Regionalliga so abspielt. Wie groß sind die Unterschied zwischen Hannover, Nürnberg und Essen auf der einen und Wehen, VfL 93 und Quelle Fürth auf der anderen Seite? Was macht den Rückgang der Zuschauerzahlen aus? Was treibt Sponsoren dazu, regionale Vereine zu unterstützen? Wieso ist im Norden das Fernsehen an der Regionalliga so desinteressiert? Wie sieht die Zukunft in den Ligen oder der eventuellen dritten Liga aus? Was treibt Fans zu den Spielen der unterklassigen Mannschaften? Wie wehren sich die Vereine gegen die Ignoranz der Großen? Wie sehen die Neuregelungen in punkto Ablösesummen, Ausgleichspool und Einsatz von Nachwuchsspielern aus? Was soll eigentlich noch die Nachwuchsrunde? Viele Fragen und es kommen sicherlich noch einige dazu. Dieser erste Teil soll nun eine ganz knappe Bestandsaufnahme sein, um ein kleines Bild von der Lage zu schaffen. Jeder Punkt bedarf noch einer gründlicheren Betrachtung und soll sie auch erfahren. Aber für den Anfang soll dies genügen. Wer Interesse an der Regionalliga oder auch der Oberliga hat und/oder Fan einer Mannschaft aus diesen Gefilden ist, dessen oder deren Unterstützung für diese Serie sei uns sehr willkommen, sei es durch Material aus den Vereinen selbst, eigene Erfahrungen oder Datensammlungen jeder Art. Die Regionalligisten fühlen sich inzwischen als eine Art "uneheliches Kind" der Bundesligen, erst gewollt und dann ignoriert. Dieser Entwicklung gilt es Einhalt zu bieten, und wenn wir es mit unseren bescheidenen Mitteln schaffen, daß sich wieder eine Handvoll mehr Leute für den Amateurfußball interessiert, dann ist dies vielleicht schon ein Erfolg.

Abgestiegen-Klassenerhalt
Abgestiegen-Klassenerhalt
Abgestiegen-Klassenerhalt
Abgestiegen-Klassenerhalt

In dieser Situation der "was ist denn nu?" befanden oder befinden sich seit einiger Zeit die Amateure unseres FC St.Pauli. Seit nunmehr fünf Moinaten nehmen die Gerüchte um die Konkursverfahrenn einiger Regionalligisten kein Ende. Zunächst war es der VfL Herzlake, der den Etat für die kommende Saison nicht mehr aufbringen konnte, es folgte der VfL Osnabrück (hier fehlten annähernd 2 Millionen Mark) und schließlich und endlich erreichte uns die Nachricht vom Trauerspiel des AFC (siehe auch Extraartikel in diesem Heft). Was für uns Fans aus verständlich egomanischem Trieb ein natürlicher Hoffnungsschimmer auf den Klassenerhalt war und zunächst wie die üblichen Geldschwierigkeiten einiger Vereine wirkte, ist jedoch auf den zweiten Blick nicht mehr ein Symptom, sondern offenbart die ganze Krankheit: Ist Regionalligafußball überhaupt finanzierbar?

Der Etat - Umfang und Finanzierung

Bleiben wir aus verständlichen Gründen im Norden. An der Spitze der Dreiklassengesellschaft steht unangefochten Hannover 96 mit einem Jahresvolumen von 6,1 Mio. Es folgen Braunschweig und Osnabrück mit je ca. 2 Mio und dann lange Zeit nichts. Der Großteil der Regionaligisten liegt mit seinem Etat irgendwo zwischen 500.000 und 900.000 DM, ein weiterer Teil noch darunter und der Bundesligaunterbau von Werder, dem HSV und St.Pauli geht in den Gesamtetat der Vereine auf (mal Ligaetat bei St.Pauli, mal Jugend + Nachwuchsetat wie beim HSV). Finanziert werden diese Summen auf ganz unterschiedliche Weise. Während ein Teil der Vereine durchaus über Großsponsoren verfügt (Hannover kassiert 400.000 für die Trikotwerbung), auch bedingt durch die Stellung als Traditionsverein und ehemliger Bundes- bzw. Zweitligist, bauen fast sämtliche anderen Vereine auf regionale Sponsorenpools, ab und an ergänzt durch einen oder zwei größere Sponsoren (Größenwert DM 100.000). Schwieriger dagegen wird es für die Vereine, die eigentlich ausschließlich vom Wohl und Wehe eines Mäzens abhängen, genannt seien hier Lurup oder Norderstedt. Auf andere Geldquellen können die Mannschaften kaum bauen.

Zuschauereinnahmen

Regionaligafußball findet zumeist unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Natürlich gibt es in jeder der vier Ligen Vereine, die mehrere tausend Menschen anziehen, doch kann dies nicht als Regel gelten. Die meisten der Norddrittligisten kalkulieren mit 500-1000 Zuschauern und knapp darüber im Schnitt. Oft genug kommen noch weitaus weniger, und der Schnitt kann nur gehalten werden, weil mit Hannover und Braunschweig zwei Mannschaften antreten, die für eine höhere Einnahme stehen. Daß diese Spekulation aber nach hinten losgehen kann, beweist der Fall Altona. Da Hannover am zweitletzten Spieltag schon sicherer Erster war, reisten statt der erwarteten 4000-5000 nur knapp über 1000 Fans aus der Niedersachsenmetropole an, ein nicht zu stopfendes Loch im Etat.

Fernsehgelder

Die Verteilung der Fernsehgelder ist einer der Hauptfaktoren, den die Regionalligistenfür die allgemeine Krise nennen. Insgesamt fließen 10,8 Mio DM an die Regionalligisten, d.h. diese Summe verteilöt sich auf 76 Vereine. Knapp über 100.000 Mark also kassiert ein Verein in der 3.Liga, ein Betrag, der in keinem Verhältnis steht zu a) der Zahl der Vereine und b) der Zahl der Spieler, die die Regionalligisten jährlich an die Zweit- und Bundesligisten abgeben. Die Spielerdecke darf man auffüllen, Kohle dagegen sieht man nicht. So kassiert schon der normale Zweitligist ca. 40mal soviel, nämlich 4,2 Mio DM, eine Summe, die zum nächsten Jahr noch einmal deutlich aufgestockt wird.

Ablösesummen

Bosman überall. Mit der Durchsetzung der neuen Transferregelungen witterten die Geldhaie der Bundesligen sofort Morgenluft. Wie können wir die nun fehlenden Ablösesummen auch auf die Amateure ausweiten. Und die neuen Regelungen waren dann auch dementsprechend deftig. Ab der Saison 97/98 erhält ein Regionalligist beim Wechsel eines Spieler in die erste Liga DM 100.000 (vorher 200.000), bei einem Wechsel in die 2.Liga DM 45.000 (vorher 90.000). Damit aber nicht genug. Diese Summen sollen in drei gleichgroßen Raten über drei Jahre verteilt gezahlt werden. Kehrt der Spieler aber nach nur einem Jahr zurück in das Amateurlager, so entfallen die restlichen Raten.

Auf die Barrikaden

Die letzten beiden Punkte haben im Laufe der jetzt zu Ende gehenden Saison zu einigen Unruhen geführt. Gegen die Meinung der Regionalverbände hat sich inzwischen ein Ligaausschuß der Regionalligisten gebildet, der vor allem in punkto Ablösesummen schon eine Änderung erwirkt hat. Die Ratenzahlung wird entfallen, die Ablösegelder müssen auch weiterhin komplett bezahlt werden. Darüberhinaus soll ein Ausgleichspool geschaffen werden, in den je zur Hälfte DFB und Bundesligisten Gelder einzahlen. Aus diesem Topf sollen dann Vereine entschädigt werden, die Spieler an höhere Clubs abgeben. Allerdings ist die Art der vergabe ein wenig komplex. Entschieden werden soll über die Gelder von einem unabhängigen Ausschuß, erhalten werden die Gelder ale Vereine, bei denen der Spieler in den letzten fünf Jahren aktiv war.

Ihr seht schon, allein die Komplexität der Neuregelungen erfordert noch eine genaue Recherche, da sie auf den ersten Blick noch recht nebulös und unverständlich erscheint. Ziel dieser ersten Bestandsaufnahme war es jedoch, nur einen ersten Überblick über die Problematiken in den dritten Ligen zu geben. Wir werden uns mühen, Euch in der Zukunft mehr Einblick zu geben in den Dschungel der Paragraphen und Bestimmungen, durch die sich die Regionaligisten zu kämpfen haben, um ihr Überleben zu sichern.

lüh


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