Mein erster Abstieg

Eigentlich sollte dies ja ein Ausblick auf die nächste Saison in Liga Zwo werden, wird aber irgendwie doch Teil Eins der geplanten, nie realisierten und auch anders gedachten ÜS-Serie "Mein erstes Mal". Denn beim Sammeln meiner Gedanken zur Zukunft ist mir klargeworden, daß die Ursache für die Planungen für das Unterhaus, der Abstieg, mein erster ebensolcher ist, sieht man mal vom Abgang des VfB Lübeck aus der Oberliga Nord 1983 ab, aber das gehört hier nun wirklich nicht her.

Mein erstes St. Pauli-Spiel durfte ich nämlich "erst" am 3. August 1991 gegen Bayer Uerdingen (3:1) erleben und geniessen, also just nach jenen sagenumwobenen 3 Jahren First Class. Ich hätte an diesem sonnigen Samstagnachmittag zwar im Traum nicht daran gedacht, im Jahr darauf, kurz vorm Hitzschlag stehend, über Unterhachinger Maisfelder zu torkeln oder mich an einem trüben Freitagmittag im Dezember mit 26 anderen Wahnsinnigen nach Darmstadt aufzumachen, aber da war schon was hängengeblieben.

In den dann folgenden Jahren im Zweitliga-Niemandsland war der Nichtaufstieg 1994 natürlich höchst enttäuschend, aber mit einem Abstieg ganz klar nicht gleichzusetzen. Und sogar aus der Horrorsaison 92/93 konnte ich noch was Positives rausziehen. Die Schlußphase der Saison bis zum "Endspiel" gegen Hannover sehe ich eigentlich in ihrer Gesamtheit bis heute als Höhepunkt meines St. Pauli-Fan-Lebens an. Diese, auch durch die vielen Wochentagsspiele, permanente Spannung und Existenzangst mit dem erlösenden Ende waren eine sehr intensive Erfahrung, zu was für Gefühlsausbrüchen ich fähig bin.

Und dann war es 1995 endlich so weit; ich wollte nach vier endlosen Jahren nun auch das kennenlernen, wovon die anderen immer erzählten, die Bundesliga. Und auch wenn mir in den letzten zwei Jahren die Illusion, dies sei nun der Gipfel für einen Fan, etwas abhanden gekommen ist, so muß ich doch sagen, daß ich nun ziemlich bockig bin, daß mir das Spielzeug erste Liga genommen wurde. Denn wenn ich Montags abends (ja, ich geb's ja zu!) mal zufällig beim DSF-Kracher Uerdingen vs. Unterhaching vor 4.900 Zuschauern hängenbleibe, dann packt mich das kalte Grausen.

Hatten wir in früheren Jahren als Ausgleich für miese Profi-Kicks immer noch unsere Torfabrik St.Pauli-Amateure, die von Aufstieg zu Aufstieg stürmte, so ist dies in diesem Seuchenjahr natürlich auch Essig. Eine kleine Chance besteht ja noch, aber bleiben wir lieber realistisch. Beim Abstieg der Amateure tut es mir mehr für die Spieler leid, daß sie ihr (vorerst) höchstes Ziel Regionalliga jetzt wieder aufgeben müssen, als für mich selber. Den Abstieg der Profis empfinde ich allerdings, wenn ich mir Spiele wie in Freiburg oder gegen Rostock anschaue, eher als persönliche Beleidigung.

Nun ja, wenn ich jetzt so auf meinem Balkon sitze und auf die noch in den sonnigen St. Pauli-Himmel ragenden Flutlichtmasten des alten Millerntors schaue, frage ich mich, was ich an positiven Dingen aus diesem Abstieg herausfiletieren kann. Denn vermutlicher häufigerer Torjubel ist ja schön und gut, aber ein 0:0 gegen den BVB ist bspw. doch geiler als ein 3:0 gegen Fortuna Köln. Ist nun mal so, fertig! Über das Fernbleiben der so häufig zitierten "Modefans" wäre ich mir noch gar nicht mal so sicher, abwarten. Und die netten Auswärtsspiele wie z.B. nach Nürnberg oder endlich mal zum Fürther Ronhof werden, wie ich unseren Lieblingssender so kenne, sicherlich an meinem Urlaubstagekonto nagen. Aber ein Ziel habe ich doch, endlich mal 'ne schöne Aufstiegsfeier, die nicht schon vor dem Abpfiff des letzten Saisonspiels zunichte gemacht wird.

So, zum Glück ist diese etwas wirre Gedankensammlung, ebenso wie diese Scheiß-Saison, bald zu Ende, mir reicht's nämlich langsam, ich freu mich nur noch auf die Sommerpause. Vielleicht sieht man sich ja in Hanau oder Erkenschwick, und dann wird das ganze Elend der Zweitklassigkeit natürlich mit frischem Elan angegangen. Auf daß dem DSF die Kabel glühen!

thomas

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