SPORT-DOME LIGHT

ANWOHNER-VERSAMMLUNG ZUM STADION-NEUBAU

Der FC St.Pauli hatte in das Schmidtsche 'Tivoli' geladen und rund 300 Interessierte kamen, um zu lauschen, zu diskutieren und zu applaudieren. Pfiffe gab es nicht. Doch nicht alle Anwesenden waren tatsächlich Anwohner; sehr viele 'Nur-Fans' nutzten die Veranstaltung, um nähere Informationen zum Neubau des Stadions zu erlangen, was ja auch nur legitim ist. Doch leider versäumte es der FC, die Bewohner des Viertels direkt einzuladen. Weder hatte es eine Postwurfsendung an die betroffenen Haushalte gegeben, noch wurden im Viertel tätige Initiativen direkt angesprochen. Schade. Und so war es nur logisch, daß weit weniger vermeintlich Betroffene an der Versammlung teilnahmen, als erwartet.

Das Podium war besetzt mit Heinz Weisener, Reinhard Kock (Projektleiter), Peter Gero (Baudezernent Hamburg-Mitte), Heiner Widderich (Sportamtsleiter) und Stefan Schüttekopf (Mobilitätszentrale Nord).

Nachdem vor rund acht Jahren das gigantische Sportdome-Projekt (45.000 Zuschauer) auf dem Heiligengeistfeld durch Anwohner und Fans verhindert werden konnte (als Folge gründete sich dann ja auch der 'Millerntor Roar'), durfte man gespannt darauf sein, wie Fans und Viertel-Bewohner die jetzigen Pläne für das neue Stadion aufnehmen würden. Präsident Weisener und Stadion-Architekt Kock vom Büro Weisener erläuterten zunächst ihre Vorstellungen. Bis zu 35.000 Zuschauer soll die neue Arena fassen, davon 19.000 Stehplätze und 16.000 Sitzplätze. Die Stehplätze können gegebenenfalls zu Sitzplätzen umgewidmet werden, dann passen 'nur' noch 28-30.000 Besucher hinein. Es soll keine VIP-Kabinen geben, sondern Kommunikationsbereiche, in denen die unterschiedlichsten Menschen sich in spielfreien Zeiten miteinander austauschen können sollen. Eine Aufhebung der Trennung zwischen Kuchenblock und Gegengerade sozusagen. Alle Plätze, sowohl Sitz- als auch Steh-, werden überdacht sein. Die Konstruktion ermöglicht, wenn es gewünscht ist, eine Totalüberdachung des Ground, so daß quasi ein Stadion mit Hallencharakter entsteht. Dies würde, über die 65 Millionen Mark Baukosten hinaus, zusätzlich 6 Millionen Mark verschlingen. Insgesamt zwar immer noch vergleichsweise recht günstig, aber auch für diese Investition müssen erst Geldgeber gefunden werden. Und dies war an diesem Abend auch einer der noch ungeklärten Dinge, zumal Heinz Weisener nicht willens war, über die Finanzierung auch nur ansatzweise ein paar Sätze zu verlieren. Klar ist wohl, daß es eine Betreibergesellschaft für das zukünftige Millerntor-Stadion geben wird und der Verein selbst nicht eine Mark investieren muß. Weder wurde klar, wer diese Betreiber sein werden, noch zu welchen Bedingungen diese bereit wären, die Finanzierung zu übernehmen. Wir hätten uns noch ca. ein viertel Jahr zu gedulden, dann sei die Finanzierung wohl durch, ließ uns Weisener wissen.

zum Seitenanfang

Daß eine solche Kalkulation zwingend nur mit zusätzlichen Veranstaltungen am Millerntor zu erreichen ist, war natürlich bereits allen Anwesenden klar; es blieb nur die bis dato unbeantwortete Frage im Raum, wieviele solcher Ereignisse es denn sein müssen. Höchstens 12 zusätzliche Veranstaltungen im Jahr seien notwendig, erklärte Heinz Weisener auf Nachfrage. Peter Gero ergänzte, daß die Behörde den Betreibern bereits jetzt 8 bis höchstens 16 solcher Veranstaltungen verbindlich zugesagt hat. Zugesagt hat auch Noch-Bürgermeister Henning Voscherau einen zusätzlichen Ausgang für die U-Bahn-Station St.Pauli, der an der Ecke Budapester Straße/Glacischaussee eingerichtet werden soll.

Zentrale Punkte der Fragen und der Kritik an dem Projekt waren an diesem Abend die Themen Verkehr und Lärm. Einige Anwohner befürchteten, nicht zu Unrecht, zusätzliche Verkehrs- und Lärmbelastungen für den Stadtteil. Immerhin bedeutet die Zuschauer-Kapazität des neuen Stadions fast eine Verdoppelung des Status Quo, und die Zusatzveranstaltungen (ca. einmal monatlich) bringen selbstredend weitere Belastungen für die angrenzenden Quartiere. Und nicht nur das zusätzliche Verkehrsaufkommen, sondern natürlich auch die Schall-Emissionen der nicht-fußballerischen Veranstaltungen wurden sehr kritisch bewertet. Mit der kühnen Behauptung jedoch, daß der Lärm sogar -wg. der speziellen Konstruktion der Arena- geringer werden würde (Studie des unabhängigen 'Instituts für Bauphysik'), und der Verkehr durch intelligentes Verkehrsmanagement ('Mobilitätszentrale Nord'), Kombi-Tickets und bewachte Fahrrad-Stellplätze nicht zunehmen wird, wurde den Kritikern schnell der Wind aus den Segeln genommen. Auch die Zusage, daß im Zuge des Neubaus kein einziger Trainings-Grandplatz verloren gehen wird, besänftigte die Gemüter. Lediglich zum Thema Amateur-Fußballer hielten sich die Oberen sehr bedeckt. Klärungsbedarf gibt es sicher noch in Sachen 'Erweiterung der Schulsporthalle', die parallel zum Stadion-bau, von einer Einfeld- zu einer Dreifeldhalle erweitert werden soll. Prinzipiell, sofern dies tatsächlich den Sportenthusiasten aus dem Viertel dienen soll, sicher eine gute Geschichte. Doch wenn auch hierdurch weitere Fremdveranstaltungen angezogen werden, sicher eine Maßnahme, die noch zu debattieren ist.

"Unwahrscheinlich demokratisch" fand ein Teilnehmer des Abends die Art, wie der FC das Thema angegangen ist. Vielleicht ein wenig übertrieben, doch gelernt haben die Vereins-Verantwortlichen sicherlich. "Der FC St.Pauli ist nicht nur Lärm, Dreck und Parkplatzklau. Er ist auch soziales Regulativ.", konstatierte Architekt Kock abschließend. Und Heinz Weisener versprach dem Auditorium: "Es wird keine Nachteile für den Stadtteil geben.". "An ihren Taten sollt ihr sie messen" möchte ich abschließend hinzufügen und hoffe darauf, daß die selbstgesetzten hohen Ansprüche auch erfüllt werden.

Wohl bereits im Mai soll es, in Zusammenarbeit mit der Stadt Hamburg, einen Workshop zur Problematik 'Verkehr' mit dem Ziel geben, das Verkehrsaufkommen im Viertel auf ein Minimum zu beschränken. Und wenn alles gut läuft, soll bereits Ende des Jahres mit dem Bau des neuen Stadions begonnen werden. Ziel: Fertiges Stadion Ende 1998.

ro.

Copyright by Übersteiger

zurück Titelseite dieser Ausgabe weiter