Märchenstunde mit dem Deutschen Fußball Bund

U23 - Talentebundesliga? Das verwunschene Luftschloß des DFB

Es war einmal ein Land in der Mitte Europas, auf dessen Fläche sehr viele Menschen lebten, nämlich ca. 80 Mio. Viele von ihnen waren in ein Spiel vernarrt, bei dem ein Ball mit dem Fuß über einen Rasenplatz getrieben wurde, um am anderen Ende ihn in ein Viereck zu schießen. Doch dunkle Wolken brauten sich am Firmament des Landes zusammen. Die jungen Leute waren zwar nach wie vor begeistert am Fußballspiel, doch die Förderung der Begabtesten lag im Argen. Jedenfalls im Vergleich zu den ebenfalls faszinierten Nachbarn.

So sah es jedenfalls der Trainer der besten Spieler jenes Landes, ein Zwerg namens Hans Hubert Vogts. Hinter seinen Bergen dachte er mit Furcht und Grauen an künftige Begegnungen seiner Besten mit jenen Ländern im Jahre 6 nach der 2. Jahrtausendwende. Um dieses Manko zu beseitigen, beschlossen anno November 1996 die Kronprinzen (Manager) der besten Vereine auf einem Hofball, eine neue Liga für die Saison 1998/99 einzuführen, in der ausschließlich hoffnungsvolle Talente, nur bis zum 23. Lebensjahr, spielen sollten. Mehr Aufmerksamkeit und vor allem mehr Taler wollte die Creme der Clubs investieren.

Die Vereine, die aus dem Norden kamen, waren weniger begeistert von des Zwergen Idee. Hatten sie nicht schon seit Jahren viele Goldtaler geopfert, um ihre Senioren auf das höchste Amateur-Klassen-Niveau zu heben? Ihr Veto nützte wenig. Denn die Mehrheit der Kronprinzen wird wohl auf ihrer diesjährigen Frühjahrstagung die Einführung der U23-Liga beschließen.

Wer-wie-was-wieso-weshalb-warum, wer nicht fragt, bleibt dumm!

Um alle Ungereimtheiten des vorläufigen Entwurfs dieser Liga und ihre Auswirkungen aufzuzeigen, habe ich mir kompetenten Rat verschafft. Befragt wurde von mir der Spieler der Amateure und Ex-Profi Sven Tholen, unser Kronprinz, FC-Manager Helmut Schulte sowie den Fachmann für Nachwuchsarbeit, Jürgen Wähling.

Vorweggenommen werden kann die gemeinsame Ablehnung dieser Fata Morgana-Liga. Dabei steht für Sven die erneute Abwertung der Amateurligen im Vordergrund, während Jürgen W. grundsätzlich den viel zu späten Zeitpunkt der Fördermaßnahmen als Hauptargument benennt. Und Helmut S., der selbsternannte Praktiker, hat ja bei dieser Managertagung zusammen mit seinem HSV-Kollegen für die beiden Gegenstimmen gesorgt. Doch der Reihe nach.

Wo sind die Unterschiede zur bisherigen Nachwuchsrunde?
In der U23 dürfen nur 3 Spieler die vorgegebene Altersgrenze (23) überschreiten. Ob sich Berti V. dieses Prinzip von der Regionalligamannschaft des HaEsVau abgeschaut hat? Beim Verein mit der effektivsten Nachwuchsarbeit in Germany (Neid!!) ist das bereits der Fall. Kommentar Sven:"Gut, die haben schon in der Jugend mehr national spielende als wir. Und dann kommen beim HSV die Talente aus der 3. Liga in Notsituationen auch zu einem Bundesligaeinsatz. Bei uns riecht das mit der Regionalliga und Talentschmiede doch alles sehr nach Alibi." Zurecht fragte er, wieviele aus dem Fohlenteam der Amateure in den letzten Jahren den Sprung nach oben geschafft haben. Oder ist bzw. war oben etwa schon die Nachwuchsrunde, Herr Maslo? Sven: "Wie ich haben's einige kurzfristig geschafft - doch wer hat sich durchgesetzt?" Fehlt der Dialog mit dem Trainer, bauen sich negative Spannungen auf. Sven: "Hätte nach Bremen gehen sollen. Da ist der Aufbau behutsamer." Soweit sein trauriger Kommentar, zurück zur Nachwuchsrunde. Bei den Spielern scheint sie nicht den besten Ruf zu haben. Sven: "Herumdaddeln mit Herrn Fröhling oder Schlindwein, für die das sowas wie früher in der Schule Nachsitzen ist, macht keinen Spaß und bringt nichts." Helmuts Urteil über die abgeschaffte Nachwuchsrunde fiel dagegen positiv aus. Wenn nur die anderen Profivereine sie genauso ernstgenommen hätten wir er und Uli Maslo. Dort hatte man alle "direkt vor der Flinte" (Zitat Helmut). Die Talente aus der Regionalliga und der A-Jugend, Profis, die nicht zum Einsatz kamen, man konnte Gastspieler testen und Rekonvaleszenten behutsam einsetzen. Letztere sollen dann auch in der U23 Mannschaft mitspielen dürfen, ebenso wie A-Jugendliche. Diese dürfen das U23-Team auffüllen. Offen bleibt die Frage, was geschieht, wenn die Jugendlichen wieder zurückwechseln. Werden sie gesperrt oder nicht? Helmut: "Ein Interessenkonflikt scheint vorprogrammiert. Was ist, wenn die A-Jugend um die Meisterschaft spielt und du ihnen die besten Spieler nimmst?!" Der DFB will, daß die Manager das in ihren Vereinen durchsetzen.

Die Vorgabe des DFB bzw. die Idee des Herrn Vogts sieht dagegen etwas anders aus. So sollen die U23-Teams "kein Konglomerat" (Helmut) sein, sondern einen festen Spielerstamm mit eigenem Trainer, Betreuerstab, eigenem Masseur, Arzt usw. bekommen. Heißt im Gegensatz zur Nachwuchsrunde als eigenständiges Team arbeiten. Was ist dann mit den wieder gesundeten Rekonvaleszenten? Sie wollen dann wieder um ihren verlorenen Stammplatz im Profiteam kämpfen und nicht um die "goldene Ananas" (Helmut) spielen. Denn mehr dürfte der Gewinn des Titels in dieser Liga nicht bedeuten. Selbst wenn die Nachbarländer mitmachen, wie vom DFB angedacht, und es quasi als Belohnung eine "Junioren-Europaliga" geben sollte.

Eine weitere Parallel zur Nachwuchsrunde stellt die Abstiegsklausel dar. Nicht etwa der Letzte der U23-Liga steigt ab, sondern das Team dessen Profimannschaft in die 2. Bundesliga verbannt wird. Was ist, wenn St. Pauli U23 Meister wird, in der Junioren-Europaliga berechtigt ist, zu spielen, aber die Profis absteigen?

Abstieg - und dann?

Keiner weiß es genau. Helmut berichtet, daß es angedacht ist, die U23 auch für die 2. Liga einzuführen. Wie dies jedoch ein Verein, der aus dem Amateurlager in die 2. Liga aufsteigt, finanziell bewältigen soll, steht in den Sternen. Momentan sieht es so aus, daß bei einem Abstieg aus der 1. Liga die U23 in ein Vakuum fällt. In welcher Liga wird das Team aufgefangen oder löst es sich dann, was wahrscheinlicher ist, ganz auf? So fordert HSV-Manager Wehmeyer, daß das Niveau der U23-Liga mit dem der Regionalliga verglichen werden muß.

Sollte sich die U23 jedoch unerwartet durchsetzen, ist die Frage um die eh schon gebeutelte Regionalliga schnell beantwortet. Sie würde auf den 4. Rang zurückfallen. Mitentscheidend wird sein, welchen Status die U23-Spieler bekommen sollen:
Vertragsamateure oder Profis? Jürgen, Helmut & Sven:"Die besten Juniorenspieler werden dort sowieso nicht spielen." Genau, die haben eh schon längst hochdotierte Profiverträge. Oder glaubt jemand allen Ernstes, ein Christian Ziege, ein Nerlinger oder Lars Ricken würde dort als Vertragsamateur kicken und sich für die Nationalmannschaft empfehlen? Lächerlich!!!

Die Motivation für den einzelnen Spieler, in dieser Liga zu kicken, dürfte der eventuelle Sprung ins Erstligateam sein. Jürgen: "Egoistisches Einzelkämpfertum wird sich durchsetzen. Teamgeist, eine Säule des Fußballsports, oder Vereinstreue, das wäre in einer solchen Liga undenkbar. Um Jugendspieler bzw. Junioren zu halten, müßte man ihnen langfristige Verträge schon frühzeitig anbieten. Das wird teuer!"

Das liebe Geld

2,5 - 3 Mio DM pro Saison soll eine Fohlenelf pro Saison verschlingen. Woher nimmt der DFB-Ligasekretär Holzhäuser die Zahlen dieser Schätzung? Der Vergleich zu dem Regionalligateam St. Paulis (1,1 Mio DM) und des HaEsVaus (1,5 Mio) sei gestattet. Aber ob man sich daran orientieren kann?

Der springende Punkt: St. Pauli wird sein Regionalligateam zurückziehen müssen. Erstens, weil natürlich kein Geld da ist und zweitens dann kein Grund mehr für Regionalliga bestehen wird. Leidtragende sind die Regionalligaspieler des FC's, die älter als 24 sind. Jürgen:"Spieler wie Henner Meyer oder Morten Jensen, die sich in jahrelanger gemeinsamer Arbeit diese Liga erkämpft haben, ständen mit leeren Händen da. Sie müßten sich einen anderen Verein suchen. Das ist traurig. Das haben sie nicht verdient."

Alle drei Befragten sind sich bewußt, daß für uns Zuschauer die U23-Liga völlig uninteressant ist. Jürgen: "In der Regionalliga hat man wenigstens noch ein paar Derbys, zu denen Zuschauer kommen (armer HSV), oder Zuschauermagnete und Traditionsclubs wie Hannover 96 oder Eintracht Braunschweig." Und weiter: "Ob das rentabel sein wird, wenn ein oder zwei Talente den Sprung aus der U23 nach oben schaffen, das ist die Frage."

Sonntag, 15:00 Uhr, Olympiastadion München, U23-Spiel FC Bayern - FC St. Pauli

Für Sven und die Junioren wäre das natürlich reizvoll, dort zu spielen. Auch wenn das Spiel nur vor 15 Talentspähern und 3 Zuschauern stattfinden würde.

Eine Wettbewerbsverzerrung durch die reichen Vereine fürchtet er natürlich: "Wir kriegen ja jetzt schon ständig auf die Mütze. Aber wenn's dann gegen Bayern oder Bayer geht, die sich die Besten dieser Liga holen würden, dann Gute Nacht!" Das sieht Helmut übrigens anders, denn das wäre ja jetzt auch schon so.

Der DFB hat zugesagt, die Reisekosten der Vereine zu übernehmen. Ob es damit getan ist? Die drei älteren Spieler z.B., die am Vortag beim Bundesligaspiel nicht eingesetzt wurden, der Chef-Trainer in der Präsidenten-Suite, der sich die Spiele jedesmal ansehen soll (Sinn und Zweck der U23 laut BundesBerti), wären ein volles Wochenende in einem Hotel untergebracht.

Die Spieler der U23-Liga sollen also wie gesagt ein Tag später und dann im jeweiligen Stadion stattfinden. Zwei Spiele an einem Wochenende auf unserem Mimosenrasen im Wilhelm-Koch-Stadion? Undenkbar! Da muß der Stadionausbau schleunigst vollzogen werden. Oder der unfähige Platzwart muß gar Überstunden leisten. Ist der in der Gewerkschaft? Das wird teuer. Denn die Fohlen des BVB werden sich vermutlich mit einem Ausweichplatz Sternschanze nicht zufriedenstellen lassen.

Let's talk about Nachwuchsförderung!

Sven: "Wenn die das wirklich ernst meinen und etwas für den Nachwuchs machen wollen, dann sollten sie diese ganze Kohle in die Jugendarbeit stecken. Das Fußballer-Handwerk lernt man zwischen 8 und 12 Jahren. Danach kann man nicht mehr viel herauskitzeln." Die Automatisierung der Bewegungsabläufe nennt Jürgen diese vernachlässigte Ausbildung. Jürgen: "Wir beim HaEsVau (Maslo/Weisener, das verzeihen wir Euch nie!) werden ab nächster Saison ein Spielerinternat gründen. Die Jugendlichen können dann öfters als ein- oder zweimal die Woche trainieren. Wie das allerdings bei St. Pauli gehen soll, weiß ich nicht." Sven hat da eine Lösung parat: "Der DFB sollte z.B. die Reisekosten der geplanten U23 zweckgebunden für die Jugendarbeit direkt den Vereinen zur Verfügung stellen. So könnten Vereine wie St. Pauli mit kleineren Budget ebenfalls sowas wie ein Internat gründen", und weiter: "In diesem Internat sollten ehemalige bzw. aktuelle Spielerpersönlichkeiten der Liga (nein, Dieter Schlindwein, Du bist nicht gemeint!) das Training leiten. So sehen die Kleinen, daß bei denen auch nur mit Wasser gekocht wird und sie nicht irgendwelche unerreichbaren Götter sind." Helmut, der Praktiker, sieht das anders: "Mit 18 Jahren ist man noch nicht fertig. Die Grundausbildung ist selbstredend Voraussetzung für die Junioren. Aber ab 18 geht es darum, durch möglichst viel Spielpraxis sich zu etablieren." Doch nicht so wie der 19jährige Ronaldo beim FC Barcelona etwa?

Kurzes Fazit:

Um's mit Käpt'n Blaubär zu sagen: Sternhagelblöd müssen die vom DFB (Hallo CDU-Riege) sein. Oder waschen da einige Herren aus Bielefeld, Bochum oder Freiburg ihr Gewissen rein, indem sie der Öffentlichkeit Glauben machen wollen, sie würden wirklich Talente fördern. Der Käpt'n nennt sowas Märchenlüge oder auch Lügenmärchen. Lassen wir zum Abschluß nochmal den Fachmann sprechen. Jürgen: "Vereine, die seit Jahren versuchen, vernünftige Nachwuchsarbeit zu leisten, werden damit bestraft." Und was meint der Kronprinz Helmut: "Selbst in der Oberliga wären unsere Talente besser aufgehoben." Mein Tip: Am besten alles schnell vergessen, bevor's zum Alptraum aus 1001 Nacht wird.
draus

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