HAMBORN 07 LEBT
ANNÄHERUNG AN EINEN TRADITIONSVEREIN

Der 26.Dezember 1952 war ein denkwürdiger Tag, -für den Fußball, für das Fernsehvolk, für den FC St.Pauli und für den Duisburger 'Spielverein Hamborn 1907 e.V.'-, denn an diesem 2.Weihnachtstag erreichte Hamborn 07 durch einen 4:3-Sieg nach Verlängerung gegen unseren FC das Viertelfinale der Deutschen Pokalrunde, die in diesem Jahr erstmals nach dem Krieg wieder ausgespielt wurde. Nachdem die Hamborner in der 1.Hauptrunde Göttingen 05 mit 4:1 nach Verlängerung (1:1 in der regulären Spielzeit) ausgeschaltet hatten, ging's in der nächsten Runde im heimischen August-Thyssen-Stadion gegen St.Pauli. Auch in der Nachspielzeit konnte dort kein Gewinner ermittelt werden, das Match endete 1:1. Es mußte also das Rückspiel auf dem Heiligengeistfeld entscheiden. Grund genug für den NWDR, der einen Tag vorher das erste reguläre Fernsehprogramm, vom noch existierenden Bunker an der Feldstraße aus, gestartet hatte, dieses Spiel direkt zu übertragen. 4.664 TV-Geräte-Besitzer erlebten das allererste live gesendete Fußballspiel der deutschen Fernseh-Geschichte. Die Kommentatoren waren Harry Storz und Paul Reymann.

Es war ein dramatisches Spiel damals: Vor 4.000 Zuschauern leitete der Nürnberger Schiedsrichter Winkler ein Match, das die Betrachter bis zum Schluß in den Bann zog. Nachdem die Gäste bereits nach 7 Minuten durch den überragenden Sadlowski mit 1:0 in Führung gingen, glich Boller bereits 3 Minuten später aus. Den letzten Treffer vor der Halbzeit erzielte wiederum Sadlowski. Gar auf 3:1 konnte der Hamborner Pluskwick in der 69.Minute erhöhen. Doch es gab eine 'typische' Pokal-Aufholjagd. Durch Elfmeter verkürzte Boller mit seinem zweiten Tor auf 2:3, vier Minuten später gelang Beck der Ausgleich. Sadlowski krönte seine Leistung in der 86.Minute mit seinem 3.Treffer durch einen Elfmeter, den er allerdings erst im Nachschuß erfolgreich vollenden konnte. Dabei blieb's bekanntlich.

PAAADIE IN DUISBURG-HAMBORN

Fast genau 44 Jahre später wird es eine Neuauflage der Partie geben! Für den 19.Januar 1997 haben die beiden Vereine ein Freundschaftsspiel vereinbart, das im heimischen Stadion 'Im Holtkamp' der Nord-Duisburger ausgetragen wird. Und, der Clou, wieder soll es eine Live-Übertragung im TV geben! Wir stellen uns dies einmal vor: Das Freundschaftsspiel (!) eines Bundesligisten gegen eine Amateurmannschaft aus der 6.Liga wird direkt im Fernsehen übertragen. Und zwar nicht auf DSF, PREMIERE oder dem Disney-Kanal, sondern in der ARD. Wie es zu dieser einmaligen wie ungewöhnlichen Geschichte kommen konnte, werdet ihr euch nun mit Recht fragen und um Auflösung des Rätsels jammern. Na gut.

Nachdem die Redaktion der ARD-Sendung ZAK, die uns ja durchaus den einen oder anderen unterhaltsamen Sonntagabend bescherte, sich nach etlichen Sendejahren entschieden hatte, mal was Neues zu machen, wurde der Gedanke geboren, ein TV-Satiremagazin mit dem Arbeitstitel 'Privatfernsehen' zu konzipieren. Redaktionsleiter Friedrich Küppersbusch, erklärtermaßen BVB-Fan, hatte hierbei die Idee, der Total-Kommerzialisierung des hiesigen Fußballs ein launiges Pendant entgegenzusetzen. Redakteur Tom Theunissen (Ex-Sportchef bei VOX) machte sich also auf die Suche nach einem geeigneten Verein und blieb bei Hamborn 07 hängen. Denen fehlte, nachdem Thyssen ausgestiegen war, ein Sponsor. Außerdem hat(te) der Verein Tradition, der Stadtteil eine hohe Arbeitslosenquote, und die Mannschaft bestand zu einem großen Teil aus
Die Teams des Pokalspiels am 26.12.1952
FC St. Pauli: Wunstorf, Hempel, Heitmann, Stender, Dzur, Sommerfeld, Wehrmann, Ertel, Boller, Beck, Kühl

Hamborn 07: Kesker, Orth, Rodloff, Frohberg, Dongmann, Schönborn, Thiede, Weiß, Sadlowski, Dyniak, Pluskwick

nichtdeutschen Deutschen. Also bot die Redaktion dem Verein an, für zunächst 6 Jahre eine Teil-Finanzierung zu übernehmen. Die Trikots mit 'Privatfernsehen'-Logo sowie die wiederauferstandene Stadionzeitung 'Löwen Sport' (das Hamborner Team besitzt den Rufnamen 'Löwen') sollten vom WDR finanziert werden. Außerdem wurde den Duisburgern zugesagt, in jeder Sendung -die übrigens seit dem 5.10., jeweils nach dem 'Wort zum Sonntag', zu bester Sendezeit für 60 Minuten zu empfangen ist- mindestens 5 Minuten über ihren Verein zu berichten. Hintergrundgeschichten und aktuelle Infos über die 'Landesliga Niederrhein Gruppe 3', in der die 07er kicken, sollen die 300 Sekunden füllen. Inzwischen sind die 'Sportfreunde Hamborn 07' (so der heutige Name, nachdem 1954 zwei Hamborner Vereine fusionierten) zu einem festen Bestandteil des Samstagabends geworden. Zu dieser neuen Sendung möge man (oder frau) stehen wie man/frau will (ich fand ZAK auch besser), aber die geniale Idee, einen Sechstligisten zu sponsern, die finde ich schon ziemlich kultig. Auch wenn den Machern sicher der Vorwurf gemacht werden kann, mit kalkuliertem Underdog-Gehabe auf eine gewisse Klientel zu schielen. Aber hierüber sehe ich an dieser Stelle einfach einmal hinweg, denn schließlich supporten die WDRler durchaus einen Verein, der ähnliche 'bodenständige' Fußball-Kultur wie der FC St.Pauli verkörpert.

DIE ANFÄNGE

Eigentlich schon 1903, also 7 Jahre vor Gründung unseres FC, kam es zur Gründung des 'Ballspiel-Club'(BC) Hamborn. Da jedoch der damalige Vorstand entschied, das Gründungsdatum am regelmäßigen Spielbetrieb zu orientieren, wurde dem Verein später der Zusatz '07' (für 1907) gegeben. Bereits 1911 kam es zur Fusion mit dem Ortsrivalen SV Marxloh, der neue Name lautete 'Spielverein Hamborn 07'. In der ersten Saison nach dem 1.Weltkrieg errangen die 07er nach Abschluß der Saison 1919/20 souverän die Meisterschaft in der 'A-Klasse Nordkreis'. In der folgenden Saison wurde Hamborn 07 Vizemeister in der höheren A-Liga. Den ersten ganz großen Erfolg konnten die Duisburger gut 10 Jahre später verbuchen, als das Team 1932/33 den Niederrhein-Titel nach Hamborn holte. Als Lohn durften die erfolgreichen Kicker dann im Oberhausener Niederrheinstadion gegen Schalke, die damals bereits mit Szepan und Kuzorra zauberten, um die Westdeutsche Meisterschaft spielen. Zwar verloren die Löwen mit 0:2, doch wurde ihnen ein großartiges Spiel attestiert. Im gleichen Jahr gab es, nachdem Hitler die Macht im Lande übernommen hatte, eine Umgruppierung der Ligen. Aus 16 Gauen wurden die Spitzenmannschaften in Zehner-Gruppen aufgeteilt. Die höchste Deutsche Liga nannte sich nun Gau-Liga, und Hamborn 07 war in der Gau-Liga Niederrhein dabei und belegte, zur Überraschung vieler Beobachter, in der ersten Saison einen hervorragenden 3.Platz.

In der folgenden Saison entdeckte Reichstrainer Otto Nerz den Hamborner Spieler Josef Rodzinski für sein Nationalteam; der absolvierte 1936 drei Spiele (gegen Polen, Tschechoslowakei und Irland) für das Nerz-Team. 1939 wurde erstmals eine Deutsche Jugendmeisterschaft durchgeführt, und die A-Jugend von Hamborn 07 rechnete sich zumindest eine geringe Außenseiter-Chance aus, zumal ein sehr spielstarkes Team vorhanden war. Problemlos wurde die Hürde Niederrhein-Meisterschaft genommen. Es folgten Siege um die Westdeutsche Meisterschaft gegen Vfl Köln (3:0) und SV Gelsenkirchen (4:2). Dann ging's um's Ganze: Blau-Weiß Berlin wurde klar mit 6:1 abgefertigt, und Hamborn 07 der Nachwuchs von Kickers Offenbach hatte beim 0:5 ebenso keine Chance gegen das Hamborner 'Wunderteam'. Am 28.August 1938 ging es vor 50.000 (!) Zuschauern im Frankfurter Waldstadion im Endspiel gegen Franken Nürnberg. In einem dramatischen und hochklassigen Spiel kämpften die Duisburger die Franken-Elf nieder und wurden mit 2:1 Deutscher Jugendmeister. Vier Jahre später konnte auch die erste Mannschaft einen großen Erfolg melden: Zum zweitenmal ging der Niederrhein-Titel nach Hamborn. Zwar vergeigten die Duisburger in der nächsten Runde gegen Werder Bremen (1:1 und 1:5), doch konnte ihnen den Lokal-Titel niemand mehr streitig machen. Die 07er waren in den 11 Jahren -so lange existierte die Niederrhein-Gauliga- die einzige Mannschaft, die ununterbrochen dieser Staffel angehörten. Und nach Fortuna Düsseldorf (5 Titel) und dem Vfl Benrath (2 Titel) waren die Hamborner die erfolgreichste Mannschaft dieser Staffel. Nach dem 2.Weltkrieg kam es erneut zu einer Umgestaltung der Ligen. Die Oberliga West wurde aus der Taufe gehoben. 10 Vereine erhielten automatisch einen Platz dort, zwei Teams mußten sich qualifizieren: dies gelang dem Vfl Witten und Hamborn 07. Am 14.9.1947, dem ersten Spieltag, kam es gleich zu einem Knaller: Hamborn 07 gegen den FC Schalke 04. 30.000 Zuschauer sahen im Hamborner Stadion ein sehr gutes Match, das keinen Sieger verdiente und somit auch gerechterweise 2:2 endete. Der am Ende der Saison erreichte 4.Platz (West-Meister wurde Borussia Dortmund) berechtigte zur Teilnahme an der damals durchgeführten Zonenmeisterschaft. Die 07er traf es schwer, da sie gegen den Vorjahres-Meister HSV antreten mußten. In einem legendären Spiel unterlagen sie am 9.Mai 1948 vor 40.000 (!) Zuschauern gegen den späteren Zonen-Meister knapp mit 0:1.

DER NIEDERGANG

Die kommende Spielzeit sollte von Verletzungspech geprägt sein. Es mußte sogar der Hamborner Handball-Nationalkeeper Walter Schädlich mehrmals für Stammtorwart Röhrig einspringen. Gerade mal wurde die Klasse gehalten. Die Saison 51/52 allerdings war das Verhängnis. Erstmals seit 1933 mußten die Kicker von Hamborn 07 aus der höchsten Spielklasse absteigen. Ein letztes Aufbegehren jedoch erlebte der Verein im Pokal (s.o.), in dem das Viertelfinale erlangt wurde. Am 1.August 1954 wurde das neue Thyssen-Stadion eingeweiht. Im gleichen Jahr fusionierten die Duisburger Vereine 'Sportfreunde Hamborn' und 'Hamborn 07' zu 'Sportfreunde Hamborn 07'. Wider aller Prognosen gelang es den Hambornern, erneut in die Oberliga aufzusteigen. Doch blieb dies nur eine Episode, da die Mannschaft bereits in der nächsten Spielzeit wieder absteigen mußte. Gleich einer Berg- und Talfahrt erlangten die Hamborner mit ihrem neuen Trainer Schädlich (Remember: Handball-Torwart) erneut den Sprung in die Oberliga, die sie allerdings ein Jahr später wieder (Saison 57/58) verlassen mußten. Mit neuem Trainer ging es in der folgenden Saison als Tabellenerster erneut nach oben. Jeweils drei Auf- und Abstiege innerhalb von 9 Jahren, dies ist schon recht ungewöhnlich.

ERFOLGREICHERE ZEITEN - LETZTE ERFOLGE

Vier Jahre konnte das Team nun die Liga halten und sorgte im Pokal 1961 erneut für Furore. Als westdeutscher Pokalmeister trafen die 07er in der 1.Hauptrunde auf Waldhof-Mannheim, die mit 3:1 besiegt werden konnten. Im Viertelfinale wurde FK Pirmasens nach Verlängerung mit 3:2 geschlagen. Im Semi-Finale allerdings war Schluß: Gegen die Pfälzer Kicker vom 1.FC Kaiserslautern mußte man sich 1:2 geschlagen geben.

Nachdem die DFB-Verantwortlichen sich für die Saison 63/64 für eine eingleisige Bundesliga entschieden hatten, kickten die Hamborner, die in der Oberliga lediglich den 12.Tabellenplatz einnehmen konnten, fortan in der Regionalliga West, der zweithöchsten deutschen Spielklasse. Erwähnenswert vielleicht noch, daß Rolf Schafstall (!) das Hamborn-07-Team damals in Richtung SSV Reutlingen verließ. Letztmalig konnten die Duisburger am 31.10.1965 eine wirkliche Rekordkulisse vermelden: Im Regionalliga-Schlagerspiel gegen Fortuna Düsseldorf füllten 25.000 Zuschauer die Ränge. Das Match verloren die Schwarz-Gelben knapp mit 0:1.

Zwischenzeitlich wurde die Mannschaft vom ehemaligen Nationalspieler Herbert Burdenski trainiert, der allerdings auch nichts mehr reißen konnte. Und das Zuschauerinteresse ließ erschreckend nach. Lediglich 40.000 Zuschauer kamen zu den Spielen der Saison 68/69.

Weil die Thyssen AG das Gelände an der Franz-Lenze-Straße (dort, wo das heimische Thyssen-Stadion stand) für Erweiterungsbauten (u.a. Parkplätze!) benötigte, gab es den Umzug in's Schwelgern-Stadion. Doch brachte dieser Arenen-Wechsel leider nicht den erhofften Aufschwung.

DESASTER UND KONSOLIDIERUNG

Nach 8 Jahren Regionalliga-Zugehörigkeit verabschiedete sich Hamborn 07 1971 sang- und klanglos in die Verbandsliga, wurde dort prompt durchgereicht und stieg als Letzter in die Landesliga ab. Auch das vielversprechende B-Jugend-Nachwuchs-Team ging verloren: Komplett desertierte die Elf inklusive Trainer zum Stadtkonkurrenten MSV Duisburg (Im gleichen Jahr verließ übrigens Christoph Daum die Hamborn-07-Jugend, in der er seine fußballerische Laufbahn begann, in Richtung Eintracht Duisburg). Und es kam noch schlimmer: Durch ein unglückliches 1:1 gegen den Mitabstiegs-Aspiranten SuS Klosterhardt im letzten Saisonspiel rutschte man gar in die Bezirksliga ab. Für die Mannen aus Klosterhardt bedeutete dieses Unentschieden den Verbleib in der Klasse. Ganze 2 Jahre krauchten die Hamborner in der Bezirksliga herum, ehe dort 1977 souverän der Meistertitel errungen wurde und der Verein somit wieder in der Landesliga spielen durfte. Und bereits zwei Jahre später -nach 2 Aufstiegen hintereinander- durften die Schwarz-Gelben erneut in der Verbandsliga stürmen. Insbesondere Gregor Grillemeier, der aus der Gladbach-A-Jugend gekommen war, sorgte als Stürmer für die nötigen Impulse für den Erfolg. Einiges hatte sich mittlerweile rund um den Verein getan. 1976 stirbt Peter Havers, der mehr als 40 Jahre an der Spitze des Vereins gestanden hatte, und wird von Heinz Isselhorst abgelöst. Die neue Bezirkssportanlage 'Im Holtkamp' (Kapazität: 6.000) wird am 30.6.1978 mit einem Freundschaftsspiel gegen den Bundesligisten MSV Duisburg eingeweiht. Auf dem neuen Rasenplatz erleben 5.000 Zuschauer ein standesgemäßes 1:11.

Im Jahre 1980 schafften die Hamborner den Aufstieg in die Amateur-Oberliga Nordrhein, die höchste deutsche Amateurliga. 15 Jahre verweilte der Verein dort. Die Saisons 94/95 und 95/96 waren allerdings neue schwarze Flecken in der Vereinsgeschichte: die Abstiegssationen hießen Verbandsliga und Landesliga. Derzeit (Stand: 3.11.1996) führen die 'Sportfreunde Hamborn 07' die Tabelle der 'Landesliga Niederrhein Gruppe 3' an und wollen mit aller Macht aufsteigen. Kein Spiel verloren, zweimal Unentschieden und 9 siegreiche Begegnungen sind hierfür eine recht gute Voraussetzung, auch wenn der 'FC Sardegna 71 Oberhausen' den Nord-Duisburgern mit 3 Punkten Rückstand dicht auf den Fersen sitzt. Die Heimspiele der Hamborner werden im Schnitt von ca. 600 Besuchern gesehen.

Mein Dank geht abschließend an Wolfgang Hoffmann, den Pressesprecher von Hamborn 07, Willi Pütz, den Chronisten des Vereins, sowie an die Redaktion von 'Privatfernsehen', die mich bei meiner Recherche gerne und tatkräftig unterstützt haben. Und außerdem erwarte ich vom Fanladen für den 19.1. ein Sonderbus-Angebot. Schließlich ist Winterpause, und es wurde mir versichert, daß wir dort herzlichst empfangen werden würden.

ro.

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