DAS glaubt mir keiner...

war wohl der von mir am meisten gebrauchte Satz dieser Fahrt, die man eigentlich nur schwer mit Worten beschreiben kann, trotzdem, einen Versuch ist es wert.

Nun standen wir also am 10.10. vor dem Clubheim und beobachteten das aufgeregte Treiben der eintreffenden Mitfahrer, die über und über mit Bier und Fressalien bepackt waren, als wir plötzlich einen älteren Herren mit einer Reichskriegsflaggenmütze erspähten. Voll wie Eimer torkelte dieser mit einem Kollegen Richtung Kartencenter und irgendwie erschien uns dieser Mann zu durch, als daß wir ihn über die Bedeutung seiner Kopfbedeckung aufklären müßten.

Nachdem alle Mann und Frau im Bus Platz gefunden hatten, holte eine bekannte Hamburger Musiklegende auch schon ein ominöses silbernes Tablett aus der Tasche, um einige kleine Gläser darauf abzustellen und diese mit einer ziemlich klaren Flüssigkeit aufzufüllen und sie dann gleich wieder zu leeren. Dieser Vorgang wiederholte sich 3 Flaschen lang und irgendwann waren wir alle ziemlich gut drauf. Bei einem internen Sangeswettstreit stellte sich dann heraus, daß der Sänger doch einige Textunsicherheiten zeigte und ich teilweise besser über die Liedernamen Bescheid wußte als er. Naja, zumindest konnte er mit dem Namen Smirnov was anfangen...

Draußen wurd es dunkler, drinnen immer breiter und irgendwie erreichten wir das Land der gespritzten Tomaten, wo wir eine längere Rast machten. Einige nutzten diese Rast zum Essen oder Pinkeln, ein Braunschweiger aber wollte anscheinend versäumte Kindheitserfahrungen nachholen, zumindest wurde er nach einem kleinen Zwischen-Fall nur noch als Grachtentaucher angeredet. Wie wir hörten, geben holländische Hecken keinen idealen Halt.

Calais les bleux hieß es dann und wir enterten unter Estonia-Fantastica-Rufen die Fähre.

Dort erstmal wie üblich im duty free shop einkaufen und das nächste Bier in der Bar trinken gehen. So nach und nach wurden dann alle auch wieder ganz aktiv und so konnten sich die Barkeeper auf ein gutes Geschäft und auf musikalische Untermalung freuen.

Irren und Wirren

Die folgenden Stunden verbrachten wir dann zumeist schlafend, unterbrochen nur durch den erheiternden Auftritt eines Torhüters der Landesliga Süd, der seine zwei ruhenden Freunde mitten in der Nacht (oder war es schon hell?) aus dem Schlafe riß, um überschwenglich ein scheinbar unerwartetes Wiedersehen zu zelebrieren, wähnte er sich doch in seinem tranceartigen und angeschlagenen Zustand in einem falschen Bus, da er zunächst keine Mitfahrer mehr erkannte. Ohje!

Auf der Insel demonstrierte uns dann der Busfahrer seine Künste, indem ohne er zu halten eine Ehrenrunde um eine Tankstelle drehte. Beim Rückwärtsrangieren nietete er noch ganz nebenbei ein Schild um und bereicherte den Bus um einen Kratzer mehr. Höhepunkt war das Auffahren nach einer Rast auf einem Seitenstreifen, bei dem einige schon die Glocken haben läuten hören, da der Laster hinter uns partout nicht langsamer werden wollte, was aber unseren Busfahrer wenig interessierte. Eigentlich gibt ja der klügere nach, doch in diesem Fall fuhr der Lastwagen weiter. Hierbei noch ein Wort zu den Busfahrern: Zwei von ihnen waren Lloret de Mar erprobt und hielten die ganze Zeit gut mit uns mit...

Wir machten noch einen kurzen Halt in Carlisle, wo herzhaft gefrühstückt wurde. Hier trafen wir dann erstmals auf Quotenklos: Männer eins, Frauen zwei!!!

Nachdem man einiges auf den Anrufbeantworter in der fernen Heimat gelallt hatte, sollte es in ein Pub gehen, da diese aber erst um 11h öffnen, blieb noch Zeit die leckeren Essigpommes mit Tomatensuppe runterzuwürgen. Schon von weitem konnten wir Glasgow sehen, kein Wunder bei diesen Hochhäusern. Irgendwie wirkte die Stadt auf uns so, als hätten die Planer eine Dartscheibe genommen und eine Karte draufgeklebt. Wo am Ende die Löcher sind, kommen die Hochhäuser hin oder so ähnlich. Auf jeden Fall ein ziemlicher Kulturschock.

Im Brazen Head sollten wir dann unseren Gastgeber kennenlernen. Es handelte sich hierbei auf den ersten Blick um einen kleinen ergrauten Krawattenträger namens Billy, der sich später als Kultfigur rausstellte. Apropos Figur, dieser Mann hatte eine Tochter... aber lassen wir das.

Celtic-Willi

Erste Anlaufstation war der italienisch-irische Celticpub "Brazen Head", Ulf wird es sich in nächster Zeit sicherlich nicht nehmen lassen, uns den Gefallen zu tun, das glücklich, nach langer Überlegenszeit, erstandene T-Shirt zu präsentieren. Der Pub ist für unsere Verhätnisse schon etwas Besonderes, überall hängen Trikots , Schals, Wimpel, etc.von weltberühmten Vereinen, so natürlich auch von den braun-weißen Helden (sogar das neue Jersey). Die Atmosphäre war von Beginn an geil, wir kosteten das ortsübliche Bier (vom Geschmack und Preis her o.k.) und klönten mit den zu dieser frühen Stunde bereits anwesenden Celticfans und natürlich unseren eigenen Leuten. Hendrik war bereits nach kürzester Zeit seinen Kapuzenpullover los; ich konterte mit dem Verschenken eines Schals an eine Person, die ich nie wieder sehen sollte. Wir hätten wirklich alles abgeben können, bewahrten aber die Ruhe, verklebten einen Kiwikleber, tranken unsere Getränke und freuten uns schließlich über den mit Celtic-Willi (gleiches Alter, gleicher Charme, gleicher Durst) tanzenden Hendrik, der es irgendwie geschafft hatte, die Bühne des Pubs zu erklimmen.

Als wir dann in seinem Gästehaus in einem Vorort von Glasgow ankamen, staunten wir erstmal nicht schlecht. Billy zog sich um und zauberte einige Utensilien aus einer Schatztruhe hervor, um erstmal einen nach dem anderen für uns zu bauen. Dieses sollte sich auch bei näherem Betrachten des Kühlschrankes nicht ändern, wir waren jedenfalls bestens versorgt.

Frisch geduscht ging es dann ins Two Craines, natürlich mit Billys Stammtaxen und auf seine Kosten. Da das versprochene Buffet schon alle war, machten wir uns auf den Weg um etwas Eßbares zu suchen. Hierbei wurden wir von Kiddies mit Böllern beworfen, die uns bis in einen Pizza-Laden verfolgten. Hier versuchte ich dann, eine Pizza mit Champignons zu ergattern, aber irgendwie heißen die Dinger wohl nicht Marshmellows. Die Kids böllerten munter im Laden weiter, was uns dazu veranlaßte, die Pizza draußen einzunehmen.

Im Two Craines wurden wir dann von einer Mitreisenden beschimpft, daß wir unser eigenes Bier trinken, doch auch diese weiss jetzt, daß es Becks nicht nur in Deutschland gibt.

Für musikalische Unterhaltung sorgte ein Play-men-train, dachte ich, wie ich aber von einem völlig verdutztem Mitglied hörte, waren es Flutes. Auf jeden Fall war die Party sehr nett, bis auf daß einige noch keinen Pennplatz hatten. Dieses regelte sich dann aber auch noch. Wir wurden dann von Billys Taxis abgeholt und fuhren weiter ins Scruffy Murphys, wo wir, nachdem uns die Band erspäht und unsere Herkunft verraten hatte, überschwenglich begüßt wurden. Thomas mußte dann auch noch seine Gesangeskunst beweisen, und irgendwie haben wir uns gefragt, ob das nun die neue Hamburger Musiklegende werden könnte. Etwas Glück hatten wir auch noch, denn bei dem Versuch, Ralf D., einen bekannten Stripper, der sich oft für einen Pfennig auszieht, auf die Schultern zu nehmen, geriet ich ins Straucheln und drückte eine Dame gegen die Tür. Die entschlossenen Türsteher wurden aber von Billy zurechtgewiesen, und die Sache war vergessen.

Hospitality

An dieser Stelle muß im Prinzip ein späteres Fazit schon vorweggenommen werden: Es ist wirklich unglaublich, mit welcher Herzlichkeit und Gastfreundschaft wir bei der Kelly-Family (ohne Spruch, das war der Nachname) aufgenommen wurden. Immerhin waren wir mit 9 St.Paulis dort untergebracht, zusätzlich ernährte und umsorgte Mama Kelly plus Anhang noch weitere Freunde aus Irland und schließlich auch die eigene Familie. Wir fühlten uns die ganze Zeit über total wohl und werden uns sicherlich nochmals in netter Weise erkenntlich zeigen. Leider muß an dieser Stelle auch erwähnt werden, daß es einige nicht so ganz glücklich getroffen hatten (Rangers-Hotel, Ausgesperrtsein, Diebstahl), die meisten waren aber doch zufrieden bis happy.

Bei Billy angelangt, nahmen wir noch das eine oder andere gute Nacht Bierchen zu uns und plötzlich kam ein völlig durchgeknallter Mann namens Terry rein und erzählte uns, daß er gerade mal wieder Großvater geworden war. Irgendwie interessierte ihn aber das Feiern mehr und so war er bei uns an der richtigen Adresse. An der falschen Adresse landete Raphie, der nämlich mußte sein Bett mit einem Wildfremden teilen, der ihm aber nächsten Abend vorgestellt wurde. Seine Begeisterung hielt sich dennoch in Grenzen.

Am nächsten Morgen war es denn soweit. Das erste Gruppenmitglied entsorgte sich oral, es sollte nicht das letzte Mal sein. Nach einem Zwischenstopp in der Commercial Bar ging es dann in Bairds Bar und von da aus gleich zu einem herzhaften Frühstück mit solch kulinarischen Genüssen wie gegrillte Blutwurst oder baked beans. Nun ja.

Celtic Park I

Tja, die Sicherheitsvorkehrungen waren schon beeindruckend, nix ist möglich in Bezug auf das mögliche Beschummeln beim Eintritt; Sperrgitter und eine Vielzahl von energisch aussehenden Bobbys regelten den reibungslosen Ablauf beim Eintreffen. Die Aufgänge schlagen vom Charme her höchstens ein zweitklassiges Parkhaus in Itzehoe, und man hat ständig das Gefühl, beobachtet zu werden. Holsten oder ähnliches wird im Stadion auch nicht gereicht, dafür "darf" man sitzen, was nun auch für mich erwiesenermaßen für den Allerwertesten ist. Dennoch war es ein wahnsinniges Gefühl, in dieses Stadion hereinzukommen und den Rasen zu erblicken, unsere Plätze waren direkt in der Ostkurve (hehe) unterm Dach in einer sagenhaften Höhe. Das Stadion wurde vor kurzem erst, ich hoffe, daß ich jetzt mit meinen Zahlen nicht zu verkehrt liege, auf eine Kapazität von 50000 erweitert, allerdings ist die Vollendung noch nicht erreicht.

Im Bairds bekam dann noch einer von uns Schwierigkeiten, da er sein blaues St.Pauli Trikot zum Tauschen an hatte und die Celts dachten, es wäre ein Rangerstrikot. Nach einem kleinen Zwischenfall fand die besagte Person aber doch noch einen Dummen zum Tauschen.

Dann ging es ohne Bier und mit mäßigem Gesang Richtung Stadion, das sich in einer ziemlich üblen Gegend befindet. Im Stadion versuchten wir dann, die Riesenfahne einzuweihen, doch irgendwie hatten wir sie immer falschrum. Als wir es dann in der Halbzeit endlich schafften, wurde sie in Rekordzeit heruntergereicht. Zur Stimmung muß nochmal erwähnt werden, daß jeder gegen die Versitzplatzung kämpfen sollte, da dies der absolute Party-Töter ist. Außerdem schien der Freund vom Grachtentaucher ein wenig Probleme mit seinem Platz zu haben, aber immerhin sah er das Spiel von insgesamt ca. 10 verschiedenen Plätzen, von denen er generell heruntergescheucht wurde...

Nach dem Zittersieg der Celts ging es dann zu einer bekannten Fast-Food Kette und man stellte wieder einmal fest, daß dieser Fraß überall gleich schmeckt. Ein wenig warm wurde uns dann schon, als die ersten Rangers aus Edinburgh mit einer 1:2-Klatsche im Gepäck reinkamen und uns ansahen, als stünden wir heute auf dem Speiseplan. Also ab in den Clada Club, wo eine Riesenparty stattfinden sollte, die sich als absoluter Höhepunkt der Ekstase herausstellen sollte. Als ich Billys Tochter dann erzählte, das wir gut geschlafen haben, erwähnte sie, daß das eigentlich ihr Bett gewesen sei und das sie diese Nacht dort pennen will. Ich erwiderte dies nur mit einem lautem "Fuck", was sie wohl etwas mißverstanden hatte. Zumindest spricht es nicht gerade für mich, daß sie es vorzug, die Nacht woanders zu verbringen, aber egal.

Schottischer Fußball

Derart ermuntert bereicherten wir auch in der zweiten Hälfte die Gesänge der Celts, die vor allem den holländischen Goalgetter Pierre von Hoojdonk feierten. Tierischen Jubel gab es in der zweiten Hälfte, in der das Spiel immer niveauärmer wurde, allein bei der Bekanntgabe der Gegentore der allseits verhaßten Rangers, die nämlich zeitgleich gegen die Hibs aus Edingburg 2:1 verloren. Ganz im Ernst, wären, ich schreibe nur wären, unsere Jungs hier zu einem Europacupspiel an diesem Tage angetreten, so hätten sie durchaus eine Chance gehabt. Lacht nur, so war es! Nach einem saudummen Platzverweis für die Glasgower Klaus-Imitation hätte Mamawell sogar gewinnen können, aber das Unglaubliche trat ein: In der fünften Minute der Nachspielzeit erzielte Piieeerre das Siegtor! Unglaublicher Jubel, was für eine gute Voraussetzung für den Abend, an dem wir später mehrfach bekundeten, daß wir ein echt gutes Spiel gesehen hätten (wir Schleimer).
Zur Party. Drei Dinge stellten sich heraus: Spätestens nach Hendriks Gesangseinlage weiß wohl jeder Schotte, wer Akdewummi ist; die Tombolaergebnisse, die stets einem guten Zweck dienten, wurden niemals bekanntgegeben und dieses merkwürdige Zeug namens Hooch verdrehte uns ordentlich die Sinne. Ich rate jedem, der nach Schottland kommt, dieses Zeug mit Vorsicht zu genießen, da es einerseits runtergeht wie Wasser, andererseits keineswegs runtergeht. Zumindest merkte ich nächsten morgen, daß die Farbstoffgesetze wohl kaum für das Gesöff gelten und das merkten auch die Klowände, an denen der gelbe Magenschaum haftete wie eine Lache Öl. Widerlich!!!

Wie immer war bei Billy volle Hütte und nachdem er seine Frau nach Hause geschickt hatte, stürzte er sich wieder ins Bauen. Doch keine Nacht ohne Schrecken und so kam es, das Thomas und Robert Nachts von einem durch das Zimmer laufendem Hund aufgeweckt wurden. Billy erstickte dann die Gerüchte, daß es sich um Kommissar Rex handle und erklärte uns, daß einer seiner Freunde einen Hund dabei hatte, der sich wohl selbständig gemacht hatte.

Celtic-Tour - Teil 2


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