Come on Big Jock,
for you know all the tricks

Fuck the prejudice:
Ein Protestant war Celtics erfolgreichster Trainer

Zwei Namen sind in der schottischen Fußballhistorie untrennbar miteinander verbunden: Glasgow Celtic FC und John Stein, besser bekannt unter seinem Spitznamen Jock.

Wer war dieser Mann, der in der Hall of Fame der Celts wohl noch in hundert Jahren die Spitzenposition einnehmen wird?

Für Fußballtraditionalisten kann der Verlauf der Karriere des "Big Man" fast schon als Fibel gelten, weist sie doch all die Elemente auf, die den Fußball zum Sport der Unterschichten machte. Geboren in einer Bergwerkstadt (Earnock/Hamilton) am 5.10.1922, fuhr der junge John Stein entgegen den Wünschen seiner Eltern schon mit 15 Jahren in die Grubenschächte ein. Doch die Krankheiten seines Vaters, die dieser sich bei eben dieser Arbeit zugezogen hatte, als Negativvorbild verhinderten den für die schottische Fußballgeschichte vielleicht tragischen Fortgang der Karriere als Bergarbeiter.

Im Jahre 1938 wechselte der fußballbegeisterte Stein von seinem ersten Fußballclub Burnbank Athletic FC zum Amateurverein Blantyre Victoria und begann seinen Lebensunterhalt durch die Arbeit in einer Teppichfabrik zu finanzieren. Die Kombination Arbeit und Fußball verhinderte wohl einen erfolgreicheren Verlauf der sportlichen Karriere des durchaus talentierten Balltreters und seine vielleicht besten Jahre wurden ihm darüber hinaus noch durch den zweiten Weltkrieg genommen, den er an der heimischen Front, zurück in den Kohlebergwerken, verbringen mußte. Sein neuer Verein, der Albion Rovers FC, zu dem er 1942 wechselte, wurde nach dem Krieg in die Scottish Division B eingestuft. Jock Stein jedoch half mit, den Club zurück in die erste Liga zu führen, aus der er aber nach nur einer Spielzeit wieder abstieg. Im Januar 1950 wurde der spätere "Big Man" für ein halbes Jahr an Dundee United ausgeliehen, von wo aus er seine Wandervogelkarriere fortsetzte und für 18 Monate beim walisischen Llanelli FC als Profi kickte. Fern der Heimat schien sich die Laufbahn nicht unbedingt als erfolgreich herauszustellen, und als John nach Schottland zurückkehrte und am 4.12.1950 bei Glasgow Celtic FC unterschrieb, war nicht abzusehen, daß er damit den folgenschwersten Schritt seines Lebens vollzog. Er hatte geplant, nur in der Reservemannschaft zu spielen, doch verletzungsbedingte Ausfälle der Ligamannschaft sorgten dafür, daß auf einmal der Spieler John Stein auf seiner Position als Mittelläufer für die erste Mannschaft der Celts auflief und schon bald aus dieser nicht mehr wegzudenken war. Am 27.12.52 übernahm er von Sean Fallon das Kapitänsamt und nach einer zunächst durchwachsenen Zeit führte er Celtic zum Gewinn des schottischen Doubles 1953/54. Noch bevor er am 29.01.1957 nach 106 Liga- sowie 21 Pokalspielen seine Spielerkarriere beendete, errang er in den "hoops" noch eine Vizemeisterschaft und nahm an zwei Pokalfinals teil.

Als Spieler gut, als Trainer ein Gigant

Drei Jahre trainierte Jock die Schülermannschaft und das "Reserve Team" der Celts, bevor er der Verlockung seiner ersten hauptamtlichen Trainerstelle nicht widerstehen konnte und am 13.3.1960 nach Dunfermline wechselte. Mit dem dortigen Athletic FC Fife (schon damals und auch heute nach dem diesjährigen Wiederaufstieg ein echter Underdog) gewann er nur ein Jahr später, und Geschichten scheinen sich ab und an wie von selbst zu schreiben, gegen Glasgow Celtic sensationell den FA-Cup. Vier lange Jahre blieb er am Firth of Forth, führte die Mannschaft in die zweite Europapokalrunde (Sieg über Everton, Niederlage gegen Valencia und gegen letztere sollen ja auch noch ganz andere Vereine Niederlagen einstecken können) sowie einmal auf Platz vier der schottischen Liga.

Nach einem kurzen Intermezzo bei den Hibs aus Edinburgh, denen er mal eben nebenbei die erste Trophäe nach 13 Jahren bescherte ("Summer Cup"), begann am 6.3.1965 die Trainerkarriere bei Glasgow Celtic, die er mit dem Pokalsieg zwei Monate später auch hervorragend einleitete. Bis zum Ende des Jahres betreute Stein noch parallel die schottische Nationalmannschaft, beendete diese Tätigkeit aber nach dem Scheitern in der WM-Qualifikation. Seine ganze Konzentration galt nun den Grünweißen aus Glasgow. Die "Ära Stein" konnte beginnen.

Rekorde, Rekorde, Rekorde, Rekorde,
Rekorde, Rekorde, Rekorde, Rekorde.

Innerhalb von zwei Jahren wurde aus einer populären Mannschaft ein Team, welches weltweit bekannt werden sollte. Schon 1965/66 holte es das schottische Double und toppte diesen Erfolg in der darauffolgenden Saison mit dem schottischen Grand Slam (Ligapokal, Pokal, Meisterschaft). Dem "Big Man" lagen sie zu Füßen und es folgte, was folgen mußte. Nach Siegen über Zürich, Nantes, Novi Sad und Prag stand Celtic am 25.5.1967 im Europapokalfinale der Landesmeister. Was noch keiner britischen Mannschaft vorher und auch keinem Team aus nicht-romanischen Ländern gelungen war, wurde an diesem Tag erreicht: Celtic bezwang Inter Mailand mit 2-1. Die Lisbon Lions waren geboren, ein Team, welches fast jeder Celtic-Fan im Schlaf herunterbeten kann.

An dieser Stelle ein Wort zu allen Traditionalisten und Regionalfetischisten: Alle Spieler dieses Teams kamen aus einem Umkreis von 30 km rund um Glasgow. Diesen Erfolg konnte Celtic jedoch nie wiederholen. Irgendwie klebte dem Verein auf internationaler Bühne das Pech an den Füßen. In der folgenden Saison verlor man in Parkhead gleich in der ersten Runde gegen Kiew, führte in der heutigen Ukraine jedoch bis zur 88.min., bevor das Aus kam. Ein Jahr später verlor Celtic gegen den AC Milan (0-0/0-1). In der Saison 1969/70 dagegen schien wieder alles glatt zu laufen. Nach Siegen über Basel (0-0/2-0) Benfica (3-0/0-3 und Münzentscheid), Florenz (3-0/0-1) und Leeds (1-0/2-1) stand man am 6.5. 1969 erneut im Finale und war gegen Feyernoord klarer Favorit. Um dieses Spiel rankt sich das Gerücht, daß das Celtic-Team schon zur Halbzeit höhere Siegprämien aushandeln wollte. Aber es kam wie es kommen mußte. Als ob sich die Stadt Mailand für die Niederlage drei Jahre zuvor rächen wollte, erzielte Ove Kindvall in der 117. min den Siegestreffer zum 2-1 im altehrwürdigen San Siro.

Auf nationaler Ebene jedoch war Celtic längst zur absoluten Dominanz emporgestiegen. Jock Stein führte das Team von 1966-74 neunmal in Folge zur Meisterschaft (wir wollen nicht hoffen, daß die Huns diesen Rekord in dieser Saison einstellen), im Jahre 1969 gelang erneut der Grand-Slam. Darüber hinaus gewann Celtic unter Jock Stein neunmal den schottischen Pokal (+ drei Finalteilnahmen) sowie sechsmal den Ligapokal (+ 6 Finalteilnahmen). Bemerkenswert an dieser Erfolgsliste ist, daß Celtic in dieser Ära niemals Vizemeister wurde (Sekt oder Selters?).

Vielleicht wäre der Rekord an Meistertiteln noch viel imposanter geworden, hätte Stein nicht im Herbst 1975 in Folge eines schweren Autounfalls lange Zeit im Krankenhaus verweilen müssen. Man spricht davon, daß er nach diesem Unfall nie wieder der alte gewesen sein soll. Einmal jedoch blühte Celtic unter seinem Erfolgscoach noch auf, Stein führte das Team zum schottischen Double 1976/77. Im Jahre 1978 jedoch erlitt er einen Herzinfarkt, das Leben als Manager eines Spitzenteams schien an der Gesundheit zu zehren. Jock Stein beendet seine Tätigkeit bei Glasgow Celtic, nicht jedoch ohne zum "Member of the Board of Directors" ernannt zu werden.

Nach einer 44tägigen Tätigkeit bei Leeds United ereilt den Trainer der Ruf seines Heimatverbandes. Jock Stein wird zum zweiten Mal schottischer Nationaltrainer. Nach anfänglichen Mißerfolgen (Scheitern in der Quali zur EM ´80) bringt Stein sein Team zur WM in Spanien, wo man aber in der damals schon bestehenden Tradition in der Vorrunde scheitert (aufgrund der Tordifferenz gegenüber der UDSSR). Wer hat dieses Ende erfunden?

Große Karrieren brauchen vielleicht auch ein großes Ende, um endgültig in die Annalen der Fußballhistorie einzugehen. Das melodramatische Ende der Trainerkarriere von Jock Stein jedoch könnte einem schlechten amerikanischen Film entsprungen sein.

Im Herbst 1985 brauchte das schottische Nationalteam noch einen Sieg in Cardiff gegen Wales, um sich für die WM in Mexiko zu qualifizieren. Mark Hughes brachte die Waliser vor der Halbzeit in Führung, doch in der 54.min hatte Jock Stein seinen letzten großen Einfall. Er wechselte David Cooper ein, der kurze Zeit später den Ausgleich erzielte (ein Unentschieden reichte zu einem weiteren Qualifikationsspiel gegen einen Vertreter Ozeaniens), es ist jedoch nicht bekannt, inwieweit Jock Stein diesen Erfolgsmoment noch miterlebte, denn er erlitt noch auf der Trainerbank seinen zweiten und letzten Herzinfarkt.
In der Nacht vom 10.9. zum 11.9. 1985 verstarb John Stein.

Etwas dick aufgetragen könnte man enden: Eine über alle Differenzen im schottischen Fußball herausragende Gestalt verließ die Bühne auf dem Platz, der ihn berühmt gemacht hatte.

Schöner jedoch ist es, mit einer Textzeile aus dem Lied, welches selbstverständlich von den Celts über ihren Meistertrainer geschrieben wurde, den Artikel zu beschließen.

"He came down from Aberdeen, the truth to you I tell
he took over Celtic and he gave the Rangers hell
he had the right ideas, he made the Celtic great
Big Jock, manager of Celtic"

(lüh)
P.S. Die GlasgowfahrerInnen hatten am 14.10. die Ehre, in der Jock-Stein-Lounge in Celtic Park speisen zu dürfen.
Copyright by Übersteiger

zurück Titelseite dieser Ausgabe weiter