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Fußball im Volksparkstadion

Gewöhnlich ist es so, daß sich in der Sommerpause der Kauf kaum einer Boulevardzeitung lohnt, steht doch wenig interessantes über "unseren" FC drin - vieleicht einmal abgesehen von den möglichen Neuverpflichtungen für die kommende Saison. Aber selbst diese Nachrichten blieben im Sommer 1996 aus. Stattdessen gab es die Ankündigung, der FC St. Pauli würde vier seiner Heimspiele im ungeliebten Volksparkstadion austragen.

Diese Ankündigung war es dann auch, die für viel Aufregung in der sonst so beschaulichen fußballfreien Zeit sorgte. Ein wenig blauäugig waren wir schon gewesen, hat sich diese Verlegung doch schon nach dem letzten Hamburger Derby angekündigt, als Papa Heinz verlauten ließ, wir, die Fans, hätten uns an Spiele im Volkspark gewöhnt. Haben wir nicht, doch damals dachten wir nicht daran zu wiedersprechen. Ein wenig blauäugig war wohl auch das Präsidium, seinen Worten bedingungslosen Glauben zu schenken und "alles im Sinne zum Wohle des Vereins zu tun", in dem Sinne, eine etwaige Neuverschuldung zu verhindern.

Klärungsbedarf bestand für die Seite der Fans und so wurde im Haus des Sports eine Podiumsdiskussion mit Vizepräsident Hinzpeter sowie Schatzmeister Niewiecki anberaumt. Daß der Präsidiumsentscheid für viele unverständlich war, zeigte sich an dem bis auf den letzten Platz belegten Sitzungssaal - trotz Ferienzeit und Sommerpause.

Grundlage dieser Präsidiumsentscheidung ist, daß die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (V-Bg - u.a. Träger der gesetzlichen Unfallversicherung für Sportvereine) ihre Prämien rückwirkend zum 01.01.1995 um das siebenfache erhöht hat.

Dieses Zahlenspiel, vorgestellt durch H. Niewiecki möchten wir Euch dann auch nicht vorenthalten:
Für 1994 wurden Beiträge zur V-Bg in Höhe von 300.000DM fällig. Ab dem 01.01.1995 sind also nach der siebenfachen Erhöhung 2.100.000DM abzuführen - alles damals auf der Rechnungsgrundlage für den Spielbetrieb in der Zweiten Liga. Ab 01.07.1995 nimmt St. Pauli am Spielbetrieb der Ersten Liga teil, und die Beträge wurden nach Einschätzung des DFB auf damals 500.000 angehoben - mit der Erhöhung ergibt sich ein Betrag von 3.500.000DM. Das Rechnungsjahr des Vereins geht vom 01.07 bis 30.06 und daraus ergibt sich eine damalige Rechnungsgrundlage von 3.150.000DM. Durch die Beitragserhöhung aber ergibt sich eine Deckungslücke von 2.700.000DM. Diese zu schließen sah nun das Präsidium als seine dringlichste Aufgabe an, und in einem Anfall geistiger Eingebung wurde auch schnell eine Lösung gefunden. Der Umzug sollte her. Die Alternative, die Eintrittspreise abermals, doch diesmal um ca. sechs bis acht Mark, zu erhöhen wurde als sozial nicht verträglich gleich wieder verworfen. Einerseits richtig, doch andererseits erscheint der erhoffte Gewinn durch den Umzug mehr als utopisch. Dreizehn Spiele am Millerntor bringen durchschnittlich 4,7 Mio. Gesamteinnahme. Demgegenüber stehen vier Spiele im Volkspark, die 4,3 Mio. Gesamteinnahme bringen sollen - aber nur, wenn auch jedesmal 45.000 Zuschauer hingehen. Und auch nur, wenn das Sitzplatzkontingent überdurchschnittlich frequentiert wird (5000 zumeist nicht ausverkaufte bzw. nicht eingenommene Sitzplätze am Millerntor - 25.000 Sitzplätze im Volksparkstadion). Und jetzt mal im Ernst - wer erwartet schon so viele Zuschauer an einem Freitagabend gegen Bayern. Wer erwartet soviele Zuschauer gegen Rostock, wenn zudem, wie vom Sprecher der AGIM angeführt, auch noch "8000 hirnlose aus dem Osten anreisen". Selbst die Hamburger Derbys waren letzte Saison nicht annähernd ausverkauft - und mittlerweile ist auch bei St. Pauli die erste Euphorie über den geglückten Bundesligaaufstieg etwas verpufft. Die sportlichen Chancen werden realistisch mit dem sicheren Abstieg eingeschätzt, zumal der Verein durch die Verlegung mit einer Negativbilanz von -12 Punkten in die neue Spielzeit startet.

Doch die sportliche Perspektive zunächst einmal außer acht lassend, ist die finale Erhöhung der Beiträge scheinbar auch noch gar nicht so sicher, wie ständig verlautet wird. Da diese Erhöhung sowohl für Zweit- als auch für Drittligisten gilt, droht bei vielen Vereinen der finanzielle Kollaps, und eine endgültige Lösung wird wohl erst nach durchgeführten Musterprozessen, geführt von Vertretern aller drei Ligen, zu erwarten sein.

Befremdlich ist an dieser Entscheidung, die vom finanziellen her durchaus nachvollziehbar ist, zusätzlich noch das Vorgehen des Präsidiums. Lautstark wird da über Rücktritt nachgedacht, wenn dem eingeschlagenen Kurse nicht gefolgt werden sollte. Dabei wird aber völlig ausser acht gelassen, daß sie sich selbst in ihre momentane Position reinmanövriert haben. Es geht nicht an, daß die zahlenden Mitglieder, deren Vertreter sie sind, von einem solchen Beschluß nur aus der Presse erfahren, zumal die angekündigte Erhöhung schon lange im Gespräch war und in der Zwischenzeit zwie Jahreshauptversammlungen durchgeführt wurden. Durch dieses Vorgehen wurde sich förmlich in die Ecke des zu Rechtfertigenden gedrängt, dies jedoch nicht erkannt und stattdessen mit erpresserischen Aussagen gearbeitet. "Wenn nicht eine bestimmte Anzahl der normalen Dauerkarten verkauft wird, muß ich meine Kandidatur für die kommende Amtszeit überdenken" wurde uns durch die Presse mitgeteilt, und mit schlechten Gewissen stand man dann doch für seine 13-er Karte an. "Die Arbeit des Heinz Weisener darf nicht gefärdet werden", hat es weiterhin geheissen - prinzipiell auch richtig. Auf der anderen Seite ist es aber eine Unverschämtheit, diese Aussage gleichzeitig mit Rücktrittsdrohungen zu verbinden! Jedes Präsidium eines Vereins sollte einen gewissen Vertrauensvorschuss genießen, so auch das des FC St. Pauli. Doch die in letzter Zeit durch die Presse uns mitgeteilten Entscheidungen haben allerdings bei vielen Anhängern für einigen Unmut gesorgt.

Das fängt bei der von Jürgen Wähling verlorenen Schlammschlacht mit Trainer Maslo an, geht über die nicht vorhandene Einkaufspolitik in der Sommerpause und gipfelt in der Verlegung von vier Heimspielen. Irgendwann ist dann halt der Zeitpunkt gekommen, wo dieser Vertrauensbonus aufgebraucht ist. Es ist nicht so, daß alle diese Entscheidungen und Handlungsweisen für sich als einzelne Aktionen für uns nicht nachvollziehbar gewesen wären. Lediglich die Art und Weise, den Verein dermaßen patriarchalisch zu führen und dann auf jeder Jahreshauptversammlung die demokratische Vorgehensweise untereinander zu rühmen, das sind zwei Verhatensausprägungen die nicht zueinander passen.

Nochmal zu die Anzahl der zu verkaufenden Dauerkarten: es ist logischerweise so, daß der Erwerb der Dauerkarte vornehmlich auch mit dem Erwerb gewisser Privilegien einhergehen sollte. Und die Privilegien sind in diesem Falle eindeutig das Recht und die Möglichkeit, die "Top-Mannschaften" der Bundesliga am Millerntor zu sehen. Logischerweise wird mit dem Wegfallen dieses Anrechts auch die Anzahl der verkauften Karten zurückgehen. Und konsequenterweise müßte Papa Heinz jetzt seinen Hut nehmen und den Teller Suppe auslöffeln, den er sich selbst eingbrockt hat.

Oh, ich höre sie schon schreien, diejenigen, die sagen, "so kann man doch nicht mit "uns Papa" umspringen". "Er hat doch so viel für den Verein getan." Das hat er auch und das ist alles richtig. Aber ist es nicht so, daß bei St. Pauli seit Jahren lediglich die Symptome bekämpft werden, kurzfristig möglichst viel Geld herangeschafft werden soll/muß und diesmal nach dem Motto, der Zweck heiligt die Mittel?

Nur als Beispiel: Neue (passive, und damit für nichts(!) zahlende) Mitglieder sind zur Zeit nicht erwünscht, weil der jetztige Verwaltungsaufwand schon zu groß für die Geschäftsstelle ist. Stattdessen wird versucht, das fehlende Geld auf Kosten der Treuesten heranzuziehen. Der Umzug nach Bahrenfeld bedeutet neben unserem fehlenden Fußballerlebnis auch, daß an diesen Spieltagen die Gastronomie im Viertel leiden wird. Anstelle von gemütlich am Tresen sitzend wird man sich diesmal in einem S-Bahnwaggon mit ca. 3511 anderen über die Pubertätsakne von Christian Ziege unterhalten - nee, wird man ja nicht, weil man sie ja nicht gesehen hat. Bietriebswirtschaftlich wird so etwas mit dem Verlust des corporate identity bezeichnet. Emotional könnte es als Verrat an der Anhängerschaft ausgelegt werden.

Nein, Herr Niewiecki. Die Zitrone, die Sie uns da servieren, die ist sehr sauer - und ich sehe beim besten Willen keine Vitamine darin.Vitamine? Vitamine gibt es auch im Bier, aber das werden wir wohl kaum im Volksparkstadion trinken dürfen.

Die Red.

Ein paar Anmerkungen:

Vom Präsidium des FC St. Pauli werden zur Spielzeit 1996/97 zwei Arten von Dauerkarten angeboten: Die "13er Karte", die die "Heimspiele" im Volksparkstadion ausschließt, sowie die "17er Karte", die zum Eintritt aller Heimspiele berechtigt.

Von der kleinen Dauerkarte wurden bis zum 01.08. insgesamt 23% verkauft. Das bedeutet, daß sich fast ein Viertel der Anhängerschaft nicht mit dem Umzug anfreunden können.

Für diese Gruppierung wurde angedacht, die mittlerweile schon legendären Radiopaadies zu wiederholen. Dies wird aber nicht stattfinden, da der Verein das Millerntor nicht für diesen Zweck zur Verfügung stellen wird. Selbst der von uns vorgeschlagene Weg, daß ganz normal Eintritt bezahlt werden sollte und die einnahmen zu 100% an den Verein abgegeben werden würden, wurde nicht toleriert. Begründet wurde dies damit, daß der Verein den einmal eingeschlagenen Weg konsequent weiterführen möchte und auch befürchtet, es könnte zu einem Auseinanderdividieren der Fans kommen.

Die Einführung der kleinen Dauerkarte wurde schnell als ein großer Fehler bezeichnet, wohlbemerkt vom Präsidium selbst. Die Aussage einiger Anhänger, in dieser Einführung das demokratische Prinzip des Vereins zu sehen und loben, wurde damit schnellstens ad absurdum geführt.

Es ging auch nie darum, dem Verein finanziell einen Nachteil beizubringen - ganz im Gegenteil. Viele waren bereit, den Differenzbetrag zwischen normaler und kleiner Dauerkarte dem Verein zu spenden, ganz abgesehen von den vielen Vorschlägen, die auf der Podiumsdiskussion gemacht wurden, wie der Verein zusätzliches Kapital gewinnen könnte.

Allerdings: Es sind noch Werbebanden im Stadion zu vermieten!
Götz, übernehmen Sie!


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