ROSA LIEBE

Die älteste Sportzeitung der Welt wurde 100

Selbst der Papst gratulierte persönlich und hob besonders den "volkstümlichen Charakter und das hohe literarische und sittliche Niveau" hervor. Die Glückwünsche galten der 'Gazzetta dello Sport', deren Geburtstag sich am 3.April zum einhundertsten Mal jährte. Hervorgegangen aus der Fusion der beiden Zeitungen 'Das Dreirad' sowie 'Der Fahrradfahrer', erblickte das Mailänder Blatt, nur wenige Tage vor der Eröffnung der ersten Olympischen Spiele der Neuzeit in Athen, das Licht der Welt.

Lindgrün strahlte das Organ die Käufer zunächst an. Erst im Jahre 1900 wechselte der Verlag die Farbe, und seither erscheint die 'Gazzetta' in seinem unverwechselbaren Rosa. Und gern wird die täglich erscheinende Sportzeitung von seinen LeserInnen liebevoll mit ihrem Kosenamen 'La Rosea' bezeichnet. Von Beginn an war der Radsport ein Schwerpunktthema der Redaktion, und der Verlag oganisierte die ersten italienischen heute noch bekannten Radrennen und -rundfahrten: die Lombardei-Rundfahrt (1905), Mailand-San Remo (1907) und den Giro D'Italia (1909). Und mit dem 'Giro' setzten sich die damaligen Blattmacher auch ein marketingtechnisches Denkmal: Das noch heute berühmte 'rosa Trikot' (1931 eingeführt) wird vom jeweils führenden Radrennfahrer getragen und fährt somit die Farbe der 'Gazzetta' durchs gesamte Land. Zur Erinnerung an das gemeinsame Gründungsjahr von 'Gazzetta' und Olympia startete der 79. 'Giro' in diesem Jahr in Athen.

Seit 1983 ist der 65jährige Sizilianer Candido Cannavo, der den Beinamen 'Herr der Metaphern' trägt, Chefredakteur der europaweit auflagenstärksten Sportzeitung. Mit einer durchschnittlichen Auflage von rund 630.000 Exemplaren (rund 3 Mill. LeserInnen werden damit täglich erreicht) läßt das Blatt aus der 'Via Solferino' nicht nur seine italienischen Konkurrenten 'Corriere dello Sport' aus Rom und die Turiner 'Tuttosport' weit hinter sich, sondern verweist auch das zweite große europäische meinungsbildende Sportblatt auf die Plätze: Die französische 'L'Equipe', die mit 360.000er Auflage täglich aufwarten kann. Nebenbei: Auch das Traditionsblatt aus Paris feiert in diesem Jahr ein Jubiläum. Am 28.2.1946 erschien die Publikation das erste Mal an den Kiosken und ist somit genau halb so alt wie der Mailänder Jubilar. Ihren größten Wochen-Verkauf hat die rund 130 Köpfe starke 'Gazzetta'-Redaktion jeweils an Montagen (ca. 825.000), was unbedingt im Umstand begründet ist, daß an Sonntagen in Italien die 1. Fußball-Liga kickt. Und montags ist die Zeitung die meistgelesene Tageszeitung Italiens überhaupt. Die im Ausland lebenden Italiener lesen die 'Gazzetta' sogar am häufigsten von allen italienischen Tageszeitungen. Die bisherigen Verkaufs-Rekorde stellten sich ebenso nach Fußball-Ereignissen ein: Nach dem 3:1 Italiens gegen Deutschland bei der WM 1982 in Spanien konnten 1,41 Millionen Exemplare losgeschlagen werden. Mit einer gewaltigen Ein-Wort-Schlagzeile ("Fantastico!"), die größer als jede bisherige 'Bild'-Balken-Überschrift war, wurde der Erfolg gebührend gewürdigt. Überboten wurde diese Marke bislang nur noch nach dem Europacup-Gewinn des AC Mailand 1989: Fast 1,49 Millionen Abnehmer fand das Fachorgan damals.

Die Jubiläumsausgabe mit 124 Seiten wurde zum üblichen Preis von 1.400 Lira (ca. 1,40 DM) an den Kiosken ausgelegt. Die italienische Post brachte gar eine Sonder-Briefmarke heraus. Und das größte Lob, so Chefredakteur Cannavo, kam aus Kanada von einem 90jährigen Leser, der seit 75 Jahren die 'Gazzetta' liest und sich zu der Behauptung hinreißen ließ: "Ohne ihr Blatt komme ich nicht mehr aus". Und allen Zweiflern, die es sich kaum vorstellen können, daß die zur Rizzoli-Gruppe gehörende 'Gazzetta dello Sport'-Redaktion (Jahresumsatz: ca. 60 Mrd. Lira) täglich eine interessante Mischung aus Sportthemen zusammenzustellen in der Lage ist, erwidert Cannavo trotzig: "Wir bräuchten eigentlich mehr Seiten, als wir zur Verfügung haben, um all unsere Ideen zu verwirklichen".

ro.

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