Von der AGiM bis zur aoMV

Die außerordentliche Mitgliederversammlung oder Jura-Seminar für St.Pauli-Fans

Nur gut, daß es die modernen wirtschaftlichen Umstände eines Fußballvereins nötig machen, seine rechtliche Grundlage auch denselben anzupassen. Worüber hätte sich ein St.Pauli-Fan und/oder -Mitglied sonst in dieser mal wieder viel zu langen Sommerpause den Kopf zerbrechen sollen, zumal der eher müde EM-Kick für wenig Zerstreuung sorgte?

Nachem viele gerüchteweise gehört haben wollten, daß auch der FC St.Pauli die Lizenz für die kommende Saison 96/97 nur dann erhalten soll, wenn die Satzung des Vereins irgendwie geändert wird, erhielten die meisten Vereinsmitglieder hierfür im Mai eine offizielle Bestätigung: Die Einladung zur außerordentlichen Mitgliederversammlung am 16. Juni '96. In dieser Einladung hatte das Präsidium bereits angedeutet, wie es sich eine Satzungsänderung vorstellte und schon zwei Wochen später gab es den Vorschlag schwarz auf weiß. Dieser sah vor, daß ein sogenanntes Vorschlagsgremium zusätzlich zu den schon vorhandenen Organen des Vereins eigerichtet wird. Das Gremium sollte die "alleinige und einzige Aufgabe bekommen, der Mitgliederversammlung zur Wahl des Präsidenten [...] Kandidaten vorzuschlagen". Der Verein würde damit die Mindestanforderung des DFB für die Lizenzerteilung erfüllen.

Aber wir wären hier nicht beim FC St.Pauli, wenn es nicht wenigstens ein paar Leute gäbe, die ungefragt ihre eigene Meinung dazu beitragen wollten. Eine kleine Gruppe von Leuten, die sich "Arbeitsgemeinschaft interessierter MitgliederInnen" nennt, traf sich in der Woche nach dem Amateure-Umtrunk, um sich über die bevorstehende Satzungsänderung ein paar Geanken zu machen. In dieser Gruppe wurde schnell Einigung darüber gefunden, daß der Vorschlag des Präsidiums nicht weitgehend genug sei. In einigen Nachtschichten machten sich die Mitglieder der AGiM daran, einen eigenen Vorschlag für eine Satzungsänderung auszuarbeiten. Dieser Vorschlag basiert im wesentlichen auf den "Rahmenbedingungen für die Satzung eines Lizenzvereins" des DFB und auf der Satzung des FC Schalke 04. Er sieht als zentrales Organ des Vereins einen Aufsichtsrat (oder schöner gesagt: Verwaltungsrat) vor, der einen wesentlich weitreichenderen Einfluß auf den Verein hat, als das besagte Vorschlagsgremium. Die Aufgaben des Verwaltungsrates lägen unter anderem darin, den jährlichen Finanzplan zu genehmigen und dem Vorstand begleitend zur Seite zu stehen. Damit hätte er sicherlich einen gewichtigen Einfluß z.B. darauf, wie der Stellenwert der Amateurabteilungen im Verein angesiedelt ist. Genau dieses Thema liegt nicht nur der AGiM sehr am Herzen, erinnern wir uns an die letzte Saison: Wie viele, oder besser: wie wenige Heimspiele haben die Amateure denn in der letzten Saison am Millerntor ausgetragen und wer bekam dadurch nicht Magenschmerzen?

Der wichtigste Punkt der Einflußnahme durch den Verwaltungsrat ist aber sicherlich, daß er den Vorstand und damit auch den Präsidenten absetzen kann, aber dadurch sollte niemandem das Herz in die Hose rutschen und sich jetzt erschreckt fragen: "Wer will Papa Heinz absägen?", denn diese Regelungen sind für einen Konzern, der mit mehreren Millionen jährlich um sich wirft völlig normal und auch notwendig. Wer weiß denn, wer nach Heinz Weisener irgendwann einmal bei St.Pauli das Ruder übernimmt? Aber einen größeren Einfluß hätten die Mitglieder des FC durch diesen Verwaltungsrat, weil nicht nur der Präsident weiterhin von der Mitgliedervesammlung gewählt würde, sondern eben auch genau dieses Verwaltungsratsgremium.

Die AGiM wollte nun diesen ausgearbeiteten Vorschlag auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung präsentieren und als Alternative zur Wahl stellen. Dazu sollte es aber nicht kommen, weil sich das Präsidium mit der AGiM vor der Versammlung zusammensetzte und den Kompromiß schloß, daß eine solche Idee einer größeren Diskussion im Verein bedürfe. Es wurde beschlossen, von der Mitgliederversammlung beschließen zu lassen, daß bis zur nächsten ordentlichen Versammlung eine Arbeitsgruppe (5 vom Präsidium und 5 von der AGiM bestimmte Leute) einen neuen Entwurf für eine Satzungsänderung entwickeln solle.

Dann war es endlich so weit - Sonntag, 19:00 Uhr
(die Versammlung wurde um eine Stunde verschoben, da man bei der Planung vergessen hatte, daß zu der Zeit ja auch die EM stattfand) - die "Satzungsänderungsversammlung" konnte beginnen: Nach dem üblichen Begrüßungsblabla durfte Holger "Steffi" Scharf als Sprecher der AGiM das ausgearbeitete Konzept der Versammlung vorstellen. Es wurde von den 150 anwesenden Mitgliedern mehrheitlich beschlossen, daß sich die Arbeistgruppe (5+5) um den neuen Satzungsänderungsentwurf kümmern soll. Damit war dieses Thema vom Tisch. Nach einem kurzen Referat des Präsidiums über das Für und Wider ihres Konzepts der Satzungsänderung stimmten die Anwesenden über diesen Vorschlag ab. Und siehe da, die große Familie kann auch einmal einer Meinung sein: Die Satzungsänderung wurde einstimmig angenommen!

Kommen wir nun zu dem etwas schwierigereren Teil der Veranstaltung, denn dieses neueingerichtete Vorschlagsgremium sollte noch mit fünf Leuten besetzt werden. Da tat sich ein kleines Problem auf: Denn die juristischen Experten des Vorstandes hatten schlicht vergessen, das Mehrheitsprinzip der Wahl für die Gremiumsmitgleider in der soeben verabschiedeten Satzungsänderung festzulegen. Also wurde dieses kurz per Abstimmung nachgeschoben und jetzt stand der Wahl aus 11 Bewerbern nichts mehr im Wege. Interessant ist das Ergebnis: Mit gut 20 Stimmen Vorsprung wurde unser aller Sven Brux vor Heinz Brauner, Teamarzt der Amateure und Mitstreiter der AGiM, und Tatjana Groeteke, ebenfalls AGiM und Aktive bei den Fußballerinnen, gewählt. Komplettiert wird dieses Gremium durch Hans Apel, der sich seit seiner Tätigkeit als Vizepräsidenten beim FC St.Pauli nur durch seine Abwesenheit vom Millerntor hervortat, und durch Harald Stender, der zwischen 1945 und 1960 über 330 Spiele für die erste Mannschaft bestritt und nunmehr seit 56 Jahren Vereinsmitglied ist.

Tja, das war sie nun, die Satzungsänderung. Und so eilten alle schnell nach Hause oder in die nächste Kneipe, um wenigstens die zweite Halbzeit des EM-Kicks zwichen Kroatien und Dänemark nicht zu verpassen.

Aber was bleibt nach diesem Sonntag?
Gut, das Vorschlagsgremium hat seine Arbeit aufgenommen, sie haben ihren Vorsitzenden und Stellvertreter bestimmt. Welche Bedeutung ihnen zukommen wird bleibt abzuwarten, sie werden ja schon recht bald in Erscheinung treten müssen, weil bereits im Oktober die Mitgliederversammlung erneut einberufen wird, um den Präsidenten neu zu wählen.
Aber mehr als fraglich ist das Engagement des Vorstandes, die Arbeitsgruppe zur Erarbeitung der erweiterten Satzungsänderung überhaupt zustande kommen zu lassen, da sie die Frist schon vor Wochen verstreichen ließen, ohne ihre 5 Teilnehmer zu benennen. Es bleibt nur zu hoffen, daß noch rechtzeitig vor der nächsten Mitgliederversammlung Diskussionen zu diesem Thema nicht nur auf "höherer Ebene" zustande kommen!

mo
Die Arbeitsgemeinschaft interessierter MitgliederInnen

In den letzten Wochen geisterte im Zusammenhang mit unserem FC St.Pauli immer wieder eine Abkürzung durch die Medien: die "AGiM".

Nun, was ist diese AGiM überhaupt?
Sie selbst gab sich den Namen "Arbeitsgemeinschaft interessierter MitgliederInnen" und bakam das Kürzel von der Presse verpaßt - die taz hingegen nannte sie auch liebevoll "InterMit".

Wer ist die AGiM und wie kam sie zustande?
Es war während des Freibiergelages, das die Amateurmannschaft nach ihrem letzten Heimspiel der vergangen Saison anzettelte (Dank noch mal hierfür!), als mal wieder heftigste Diskussionen um das Thema "Satzungsänderung und Auswirkungen auf den Verein im allgemeinen und die Situation der Amateure im besonderen" entbrannten. Und so fanden sich ein paar interessierte Vereinsmitglieder, die sich in der darauffolgenden Woche zum erstem mal trafen, um sich mit der "Verfassungsänderung" etwas konzentrierter zu befassen. Dabei kam eine Alternative zum Vorschlag des Präsidiums heraus, der zwar auch der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, aber nicht auf der Mitgliederversammlung zur Abstimmung gestellt wurde.

Damit war die Arbeit der AGiM noch nicht getan: Sie haben es geschafft, daß zwei aus ihren Reihen (Tatjana Groeteke, Heinz Brauner) in das präsidiale Voschlagsgremium gewählt wurden Die restlichen Mitglieder der AGiM fühlten sich berufen sich auch weiterhin zu treffen, um "ihre" Gremiumsmitglieder fachlich und moralisch zu unterstützen. Des weiteren wurden fünf Leute, die von der AGiM benannt werden sollten, von Präsidium eingeladen, an einer möglichen erweiterten Satzungsänderung mitzuwirken. Damit wurde den AGiM-lern nicht langweilig, zumal sie sich ebenfalls zum Thema "Volkspark" auf den Plan gerufen sahen, um auch hierzu ihre Meinung öffentlich zu äußern.

Trotz all dieser kritischen Meinungen und Diskussionen sieht sich die AGiM nicht als Gegener des Vorstandes oder gar des Vereins, sondern "wir wollen den Verein konstruktiv begleiten", sagt Holger Scharf als Sprecher der AGiM. Das wird sie sich wohl auch in Zunkunft nicht nehmen lassen.
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mo

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