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Der Inder V. Jeyaraman aus Tamil Nadu hält den Weltrekord. Mehr als 2 volle Tage soll er es ununterbrochen getan haben. Vom 12. bis zum 15. Februar 1988 stellte er den Dauerrekord im Beifallklatschen auf. Mindestens 160mal in der Minute die Hände zusammenschlagend und noch in 110m Entfernung hörbar, überbot er den alten Rekord um mehr als 4 Stunden und setzte somit die neue Marke auf 58 Stunden und 9 Minuten. Umgerechnet auf das Publikum am Millerntor hieße dies, daß bei 20.000 BesucherInnen jedeR rund 10 Sekunden lang klatschen müßte, um gemeinsam auf die Zeit des Inders zu kommen. Sicher, ein ziemlich bescheuerter Rekord. Aber gerade die Inder sind für solche merkwürdigen Höchstleistungen ja mittlerweile bekannt. Man schaue nur in das Guiness-Buch der Rekorde und findet diese These an vielen Stellen bestätigt. Doch bevor ich mich hier weiter über merkwürdige und sinnlose Einzel- und Mannschaftsleistungen auslasse, stelle ich nun die für diesen Artikel doch nicht ganz unwichtige Frage: Warum klatscht der Mensch denn überhaupt? Und wird tatsächlich auch in allen Kulturen dieser Erde applaudiert? Die folgenden Zeilen sollen ein wenig Klärung bringen. Here we go.
"Das Publikum beklatscht ein Feuerwerk, aber keinen Sonnenaufgang", ließ uns bereits Christian Friedrich Hebbel im letzten Jahrhundert wissen. Und auch die Fähigkeiten unserer Hand werden DER RHYTHMUSNachdem vor ca. 3,5 Millionen Jahren erstmals der aufrechte Gang geübt wurde, und somit unsere Spezies einen weiteren Versuch unternahm, sich von der sonstigen Fauna zu separieren, war der Ursprungs-Rhythmus geboren: der Rhythmus der Füße beim Gehen. Ob der Urmensch es wollte oder nicht, die Fortbewegung auf zwei Beinen erzeugte ein gleichförmiges Geräusch. Abwechselnd schlugen die Füße auf den Boden auf, mal schneller mal langsamer, bisweilen hektisch, meistens ruhig. Daß natürlich die früheste Schrift, die gelesen werden konnte, die der Spuren war -eine Art rhythmische Notenschrift-, sei hier nur am Rande bemerkt. Bald wurden die Füße als Demonstration der Macht und der (teils nicht einmal vorhandenen) Größe benutzt. Schließlich erzeugen 20 gleichzeitig stampfende Fuß-Paare weit mehr Getöse, als es 40 stampfende Füße an verschiedenen Orten leisten können. Vor diesem Hintergrund entstanden nun auch Kriegstänze, deren Funktion das gemeinsame Mutmachen war. Eine Überlieferung aus dem letzten Jahrhundert schildert eindrucksvoll einen solchen Tanz: den ehemaligen Maori-Kriegstanz "Haka" (aus Neuseeland), bei dem mehrere hundert Menschen gleichzeitig senkrecht in die Höhe sprangen, ihre Waffen schwangen und, wiederum gleichzeitig, beim Niederfallen mit beiden Füßen laut auf dem Boden aufknallten. Dieses Ritual wurde ständig wiederholt, und die Menschenmasse wurde zu einem einzigen Organismus, der eine derartige Einheit bildete, daß auch die mutigsten Feinde zu beeindrucken waren. Die Intensität der gemeinsamen Drohung machte den "Haka" aus. Heute wird er nur noch für Touristen getanzt."Die wahre Größe der Hände ist in ihrer Geduld. Die ruhigen, die verlangsamten Prozesse der Hand haben die Welt, in der wir leben möchten, geschaffen", klärt uns Elias Canetti in seinem Klassiker "Masse und Macht" auf, der damit sicher nicht ganz unrecht hat, aber hiermit noch nichts über jene grobmotorischen Hand-Tätigkeiten sagt, die den Ursprung des heutigen Applaudierens bilden: das Trommeln der Fäuste und der flachen Hände auf die hervorgestreckte Brust unserer hominiden Vorfahren, sowie das Gegeneinanderschlagen der flachen Innenhände. Ersteres fast ausschließlich als Demonstration der Unschlagbarkeit und des Sieges über den Gegner. Letztgenanntes eher ein Pendant zum Trampeln der Füße: das Zurschaustellen von Gemeinsamkeit, die Vortäuschung von Masse und das Erzeugen von Unerschrockenheit. Und natürlich wurde das Klatschen bereits sehr früh auch als Taktgeber urzeitlicher musikalischer "Hausmusik" benutzt und hat sich bis heute sehr unterschiedlich weiterentwickelt. Genannt sei hier nur exemplarisch der heutige Flamenco, bei dem das variantenreiche rhythmische Klatschen einen entscheidenden Bestandteil dieser Musik ausmacht. ALLES THEATERVermutlich aus Kleinasien übernommen, wurde bereits im Theater der Antike applaudiert, wo das Beifallklatschen zunächst allerdings als sehr unfein galt. Dennoch sahen sich die damaligen Schauspieler des alten Griechenlands genötigt, Krotos, dem Gott des Beifalls (nach der griechischen Mythologie übrigens Sohn des Pan und der Eupheme, und irgendwann vom Obergott Zeus als Sternbild Schütze ans Firmament verbannt) mit reichlich Opfergaben zu versehen. Schließlich ging es um Erfolg oder Mißerfolg. Und bereits eine Pleite konnte damals das Aus für Schauspieler und Stückeschreiber bedeuten. In vielen Komödien von Plautus und Terenz gab es gar die Aufforderung an das Auditorium, zu applaudieren ("Plaudite!"), womit sie einmal mehr beweisen, wie wichtig auch schon damals allen Akteuren die Reaktionen der anwesenden Zuschauer waren. Doch sehr bald schon wurden die Applaudierenden instrumentalisiert. Im Theater des Dionysos, wo der alljährliche Komödien-Wettbewerb stattfand, besiegte der Dramatiker Philemon häufiger seinen schärfsten Konkurrenten Menander. Doch nicht etwa, weil er zwingend die besseren Stücke schrieb, sondern weil dieser im Publikum bezahlte Jubler ('Claqueure', hierzu später mehr) postiert hatte, die an den entscheidenden Stellen zu lachen und zu applaudieren hatten. Da es bei diesen Wettbewerben Schiedsrichter gab, die ihr Amt stellvertretend für die im Theater anwesende Bürgerschaft versahen, war es nicht schwer, diese zu beeinflussen, zumal kaum angenommen werden kann, daß sich die Juroren gegen den offenkundigen Beifall der Masse entscheiden würden.
Die Römer waren die ersten, die versucht haben, mit ihrem Applaus die Leistungen der Akteure ein wenig differenzierter zu bewerten. Ihr Grad des Beifalls war genau abgestuft: Wer sich gerade mal so unterhalten fühlte, wedelte mit dem Zipfel der Toga (Kaiser Augustus ließ sogar Da für die meisten der römischen Bürger die gewerbsmäßige Schauspielkunst zu den anrüchigen Berufen zählte, überwogen bei den Darstellern zumeist 'Fremde' (Etrurier und Griechen) oder Sklaven. Wenn aber das Publikum von einer schauspielerischen Leistung überzeugt war, so konnte es, mittels Beifallsbekundung, für jene Sklaven die Freiheit erwirken. DIE CLAQUEAm Ende des 18. Jahrhunderts gelangte die Claque (franz.: Klaps) von Rom nach Paris und wurde dort zu einer festen Einrichtung in allen Theatern. Sie war mit einem Claque-Chef und etlichen Spezialisten ausgerüstet. Es gab 'Lacher' und 'Weiner', 'Johler' und 'Klatscher' sowie 'Zugaben-Schreier'. Hector Berlioz schreibt in seinem Buch "Abende mit dem Orchester" über 'echte' Claqueure: "Meister der Claque verachten Amateure, die applaudieren, ohne das Geheimnis des richtigen Applauses zu verstehen. Das Publikum hat keine Ahnung von gutem Applaus. Die Claqueure sind wahre Fachleute geworden. Ihr Beruf hat sich zu einer wahren Kunst entwickelt. Himmel und Erde werden einmal verschwinden, aber die Claque wird bestehen bleiben". Im Jahre 1820 gründete M.Sauton seine 'Assurance des succes dramatiques', eine Beifalls-Agentur gegen Bezahlung. Fein abgestuft mußten die Kunden, meist Schauspieler, Sänger und Stückeschreiber, für die unterschiedlichsten Beifalls-Arten feste Gebührensätze entrichten. Die Claqueure selbst, oft Studenten oder einfach nur ärmliche Kunstliebhaber, wurden meist mit Freikarten für ihre Dienste belohnt; doch auch eine regelmäßige Bezahlung war nicht selten. Die Durchführung der Claque wurde sorgfältig geplant und ausgeführt: der Chef hörte bei den Proben zu, fragte die Auftraggeber nach besonderen Wünschen, postierte seine Claqueure an strategisch wichtigen Punkten und gab ihnen, ähnlich eines Orchester-Dirigenten, während der Aufführung die Einsätze vor.Aus der Mitte dieses Jahrhunderts wurde in Italien ein Tarifsystem für die Claque bekannt: für 'beharrlichen Beifall' gab's 15 Lire, für 'Bravo-Rufe' 5 Lire und bei 'wilder Begeisterung' soll nur nach vorheriger Vereinbarung bezahlt worden sein. Daß es dann irgendwann auch eine Anti-Claque ('Conquisitores') gab, war nur logisch. oder Schauspieler absolut kein Interesse an den Erfolgen ihrer Kontrahenten. In Deutschland allerdings konnte sich eine Claque niemals wirklich und richtig etablieren. Die Gründe hierfür blieben mir bislang leider unbekannt. In Wien dagegen waren die Claqueure von Schostal in den 20er Jahren sehr geachtet und auch einflußreich. Auch heute noch existieren solche Claque-Klatsch-Orgien, die teilweise direkt, oftmals aber auch nur indirekt bezahlt werden. Wer es sich einmal nicht hat nehmen lassen, eine x-beliebige Sendung eines Privatsenders anzuschauen, in der auch Publikum im Studio ist, wird sicher wissen, wovon ich hier rede. Die Deppen dort im Studio klatschen an jeder möglichen wie unmöglichen Stelle. Freiwillig? Teilweise. Wie Pilze aus dem Boden schossen in den letzten Jahren jene Firmen, die dafür Sorge tragen, daß in den TV-Studios nicht ein einziger Zuschauerplatz unbesetzt bleibt. Mit allen möglichen Tricks werden die potentiellen Klatsch-Kasper umgarnt: Stadtrundfahrten, opulente Essen, Museumsbesuche u.v.m. Und einige dieser sogenannten Ticket-Teams zahlen den ClaqueurInnen gar Prämien um die 50,-. Welche Konsequenzen dies haben kann und hat, erleben wir nicht nur mindestens jeden Samstag bei 'ran', sondern wurde von den 'Kollegen' (ähem!) von der 'Bild am Sonntag' sogar gemessen. Durchschnittlich 20% jeder Sendung mit Publikumsbeteiligung geht fürs Klatschen drauf. Den einsamen Höhepunkt dieser Messungen (1994, wahrscheinlich ist's heute noch schlimmer) hielt die Frank-Elstner-Sendung 'Aber hallo', in der insgesamt 19 Minuten applaudiert wurde und somit gut ein Drittel der Sendezeit (52 Min.) mit Beifall gefüllt wurde. WER KLATSCHT WIE?Heute kann festgestellt werden, daß sich das Klatschen auch als symbolische Umarmung entwickelt hat. Es wird meistens in jenen Kulturen angewandt, in denen es in der Regel nicht üblich ist, andere Menschen bei der Begrüßung in die Arme zu nehmen oder anderweitig zu herzen. Für den berühmten Verhaltensforscher Desmond Morris ist fast jeder Hand-Kopf- bzw. Hand-Hand-Kontakt die Nachahmung bzw. der Ersatz für einen zweipersonalen Akt, also Ersatzschmusen, -streicheln usw. Ein wunderbares Beispiel für diese Theorie ist das unsägliche Beifallklatschen der Deutschen bei gelungenen Flugzeuglandungen. Ein solches Verhalten ist bspw. im arabischen Raum völlig unbekannt. Natürlich mag das Landungs-Klatschen auch den befreienden Charakter einer inneren Anspannung haben, doch wäre dies mit einer Umarmung seines/r Liebsten doch wohl auch getan.Zwar gibt es ein ungeschriebenes Gesetz, das festschreibt, daß auch in unseren westlichen Kulturen bei bestimmten Anlässen nicht geklatscht werden sollte (z.B. in der Kirche), es hat sich aber dennoch eine Tradition gehalten, die zunächst überrascht: die auf dem Petersplatz versammelten Römer spenden einem verstorbenen Papst, der zur letzten Ruhe im Petersdom getragen wird, anerkennenden Beifall, um somit dem Lebenswerk des Toten zu huldigen. Die Sage läßt Wassergeister in die Hände klatschen, und in Böhmen darf während der 'Rusalky'-Pfingstwoche weder im Fluß gebadet noch in die Hände geklatscht werden. Aber auch bei anderen Zauber-Riten findet sich nicht selten das Ritual des Klatschens. Doch gibt es auch Völker, die gar nicht in die Hände klatschen: Ein Bergvolk in Neuguinea, 'Eipo' genannt, benutzt seine stampfenden Füße statt der Hände, um seine Emotionen zu zeigen. In allerhöchster Ekstase schlagen sie sich die Hände vors Gesicht. Applaudiert wird von uns Menschen übrigens in sehr unterschiedlichen Formen. Verhaltensforscher haben hier zwei Grundtypen erkannt. Zum einen die zurückhaltenden Personen, die ihre Hände dicht am Körper halten und meist nur eine Hand, häufig die rechte, von oben nach unten gegen die andere schlagen. Als Gegenpol hierzu die extrovertierten Zuschauer, die ihre Hände weit von sich gestreckt weiträumig bewegen, um so die Aufmerksamkeit anderer auf sich zu lenken. Ihr könnt eure Beifalls-Nachbarn ja mal dabei beobachten. Vielleicht eröffnen sich ganz neue Blickwinkel im Umgang miteinander. Zum Abschluß sei noch Friedrich Nitzsche zitiert, der sich ein paar Gedanken über uns St.Pauli-Fans gemacht zu haben scheint: "Im Beifall ist immer eine Art Lärm: selbst in dem Beifall, den wir uns selber zollen". |
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