Nachdem wir schon in der Hinrunde dreimal aus unserem Wohnzimmersessel Millerntor gerissen wurden und Mitte April noch immer keine Aussicht auf Heimspielathmosphäre bestand, platzte uns der Kragen. Wichtig hinzuzufügen wäre noch, daß es bei unserem Protest nicht nur ausschließlich um den Spielort ging, sondern allgemein um die Akzeptanz und Einbindun des Amateurteams in den Verein.
Wie kam es zu unserem Frust?Gut, wer das Millerntor diesen Winter gesehen hat, dem war klar, daß frühestens vor Mitte März nichts gehen würde. Als dann am 5. April bei herrlichem Wetter an der Hoheluft beim SC Victoria uns die Sonne auf den Pelz brannte, machte ein Gerücht den Umlauf. Herr Maslo soll Platzwart Rhosa gesteckt haben, daß er schon dafür sorgen werde, daß die Amateure diese Saison nicht mehr am Millerntor spielen würden. Werden wir nun alle Opfer der Masloschen Abneigung
gegen alles, was Wähling jemals in den Fingern hatte? Das war nur eine aufkeimende Frage.
Weitere Themen des angeregten Gedankenaustausches: Wie verhält sich wohl das Präsidium dazu? Was ist mit der angeblichen Nachwuchsarbeit? Geht Hermann Klauck, der ja schon seit Jahren damit droht dies zu tun, falls die Amateure nicht mehr dort spielen?Da wir mit Herz und Seele Fans der Amateure sind, war einfach klar, daß wir nicht tatenlos zusehen konnten, wie man uns aus St. Pauli kicken wollte. Dafür lieben wir diese Sonntagmorgen-Frühschoppen-Athmosphäre viel zu sehr. Einen ersten Joint zum wachwerden, dicke Augenringe sind zu sehen und frische Luft soll nach durchzechter Nacht ja auch noch keinem geschadet haben. Und immer der Klönschnack über dies und jenes, Kinder schreien, Hunde raufen, rechts der Bunkerboller, links der Schlachthof, und vor uns tut sich der heilige Rasen auf. Und wenn dann die Jungs noch auflaufen unter einer speziellen Hymne, dann hilft sowieso nur noch: "Gyros, Tzaziki und dazu Salat!" Actiontime!!17. April: Auswärts-Heimspiel beim SC Victoria gegen Lüneburg. Auf dem Rasen vor der Tribüne wird ein Transparent entfaltet, auf welchem: "Abschiebestop! Amateure zurück ans Millerntor!" steht.Die Resonanz war gut. Zu Anfang wollten die Spieler das Transpi beim Einlaufen beider Mannschaften mit aufs Feld nehmen, aber Hermann pfiff die Jungs zurück. "Nicht im Trikot des FC St. Pauli", ansonsten fand er es toll, daß wir was unternahmen. Von der Tagespresse war ein "wird ja auch langsam Zeit" zu hören. So beschlossen wir auch noch auf den Rängen die nächsten Aktionen. Im "Pfennig" wurde das ganze konkretisiert auf Flugblattaktion und verspätetes Einlaufen mit Transpi und Gedöns. 21. April: Wir geben Gas! Auswärts-Heimspiel in der Adolf-Jäger-Kampfbahn zu Altona gegen Werder-Amateure. Wir verteilen ordentlich grüne Flugis. Frau Schnell (Jugendabteilung und Aushilfskraft in der Geschäftsführung) will keins, na und?! Um 15.11 Uhr laufen cirka 180 Fans, von insgesamt 380 Zuschauern, hinter dem bereits erwähnten Transpi unter "Tor, Tor, Millerntor"- und "Auswärtssieg"-Gebrüll in die Gegengerade. Trainer Kurt Hesse bedankte sich für die Aktion. Das Sportmikrophon (Hamburger Fußballjournal) berichtete groß mit Foto und unterstützte unsere Aktion. Zweifel blieben trotzdem. Das Hamburger Privat-TV HH-1 fragte nach, ob der Protest von allen Fans mitgetragen würde. Erreichte unser Protest eigentlich wirklich alle? Und was könnten wir unternehmen, daß das Präsidium uns nicht mehr ignorieren kann? Noch am selben Tag war eine Unterschriftensammlung beschlossene Sache. Los ging's beim Schalke-Spiel der Profis, und wir begrenzten die ohnhin kurze Laufzeit auf eine Woche. 26. April: Freitagabend Profi-Heimspiel am Millerntor gegen Schalke 04. Circa sechs Leute, darunter Nasen-Holger und Arne, die alle kennen und die dem Reden nicht unbedingt abgeneigt sind, zogen los. Unterschrieben haben in dieser Woche 1248 people. (Euch allen Vielen Dank!), darunter waren: Heidi und Götz Weisener, Helmut Schulte, Herr Rabenstein (Finanzausschuß), Torsten Fröhling (Du Guter), Klaus Ottens, Leo Manzi, Brigitte aus'm Clubheim, Easy (Blaue Lagune), Familie Wickart (jetzt VfL 93) und andere mehr oder weniger Prominente. 4. Mai 96: Ein historischer Samstagnachmittag. Das Amateurteam durfte am Millerntor spielen. Eine großzügige Geste? Nach fünf Monaten Wartezeit auf diesen Tag war uns klar, wir müssen weitermachen, damit dies nicht noch einmal passiert. Das Kommando "Keine Heimat" hatte seinen Gründungstag und wurde via Stadionlautsprecher zur ersten Sitzung in den "Letzten Pfennig" beordert. Dort trafen sich cirka 50 Leute, unter anderenmauch die Spieler Andrew Pfennig und Jörg Österreich, um das weitere Vorgehen zu diskutieren. Die Sterne standen günstig, denn die Übergabe der Unterschriften an Präsi Heinz Weisener sollte Anfang der Woche stattfinden. Dazwischen lag noch das Derby, um Leute zu mobilisieren. Als dann bekannt wurde, daß Hermann Klauck, der kurz vor dem Rücktritt stand, Montagabend einen Termin bei Weisener hatte, war die erste St.-Pauli-Amateur-Fan-Demo geboren. 18. Mai: Montag 18.00 Uhr, U-Bahn Hallerstraße, Augang Rothenbaum. So etwa 100 Leute trafen sich, um vor des Präsis Haus demonstrativ eine Unterschriftensammlung für des Amateurs Heimat Millerntor zu übergeben. Da tauchte Hermann Klauck auf, um uns mitzuteilen, daß Heinz Weisener damit gedroht habe, seinen Termin platzen zu lassen, falls wir dort geschlossen aufträten und unser Transparent zeigten. Weisener empfände es als geschäftsschädigendes Verhalten, daß wir vor seinem Privathaus demonstrieren wollten. Er wäre aber gerne bereit, einer "Delegation" die Sammlung abzunehmen. Ferner ließ er mitteilen, daß er mit den "Auserwählten" über die anstehenden Probleme diskutieren wollte, nur eben an einem anderen Ort, z.B. im Clubheim. Da Hermann für unser Anliegen sprach, beugten wir uns etwas widerwillig dem Präsibegehren. Also zogen fünf ProtestlerInnen gemeinsam mit Hermann ins "Hohe Haus". Überraschenderweise war dort das gesamte Präsidium anwesend, sprich "Kronprinz" Hinzpeter und der Hüter der Peseten, Niewicki. Heinz erklärte sich selbst erstmal zum Amateurfan (haben wir Dich dort überhaupt schon mal gesehen?) und Niewicki merkte nach cirka einer Stunde denn auch, daß unser Anliegen sich nicht nur ums Balltreten im Stadion drehe. Eineinhalb Stunden plauderten wir von der Spaltung der Fanszene, von Maslo's Vertreibungsgelüsten (Schelte gekriegt?), über Nachwuchsarbeit, Rasenpflege, wer ist verantwortlich für die Platzsperren, den Stellenwert der Amateure, usw. Das Thema J. Wähling konnte leider nicht mehr angesprochen werden. Das Ergebnis war: eine Podiumsdiskussion über die Zukunft der Amateure am Dienstag, den 14. Mai '96 in der Aula des Wirtschaftsgymnasiums Budapester Str. Anwesend sollte das Präsidium sein und Herr Maslo zwangseingeladen werden. Was dabei herausgekommen ist, wißt ihr alle längst, nur ich beim Schreiben dieser Zeilen nicht. Wo ist bloß die verdammte Zeitmaschine geblieben? Mein ganz persönliches Resümee:Das Ende der schrecklich netten St.Pauli-FamilieWarum? Weil nach Jürgen Wählings Warnschüssen und seinem nachfolgenden Abseitsstellen, das Präsidium dies ganz ruhig mitansah und somit den etwas anderen Club auflöste. Es gibt eine tiefe Kerbe in diesem Verein. Geschlagen hat sie Uli Maslo. Deshalb plädiere ich auf schuldig im Sinne der Anklage, die da lautet:
Und ab dafür! Höchststrafe. Teeren, Federn und aus der Stadt jagen!
Mit angeklagt: Heinz Weisener, der Präsident:
|
|
Titelseite dieser Ausgabe |
|