| Ein nicht geringer Anteil von Menschen in diesem Land träumt davon, sein Leben unter Palmen zu verbringen. Die Palme an sich bringt somit zumeist nur positive Assoziationen mit sich. Daß eines Tages ausgerechnet dieses Gewächs in der Hamburger Medienlandschaft für solch negativen Wirbel sorgen würde, wo sie doch als Pflanze nur der verträumten Imagination des Kleinbürgers dient und als Thema bei uns nur am Rande Bedeutung erlangte, das hatten wir uns im Februar diesen Jahres auch nicht gedacht. In der Welt der visuellen Kommunikation scheint das gesprochene Wort nicht mehr viel zu zählen, denn scheinbar war nur das Comic unserer Extrawurst und die Schlagzeile der Boulevardpresse von Bedeutung und das ließ uns teilweise schon an unserer Leserschaft zweifeln. Doch nun von Beginn an, denn die Ereignisse der letzten Wochen haben schon fast diese Ausgabe in Gefahr gebracht, so sehr hielten sie uns von der Arbeit ab. Daher ist ein Rückblick vonnöten, in dem wir einiges klarstellen und Euch informieren können. 1.Akt 1.SzeneEs war einmal die Woche vor der Freiburgausgabe...:...als auf einmal in der Presse zu lesen war, daß menschenunwürdiges Verhalten bei St.Pauli eingezogen sei und Hr. Wähling sich damit nicht mehr identifizieren könne. Konsequenz: Rücktritt. Am darauffolgenden Tag war dieser nicht nur durch seine Erfolge mit den Amateuren recht beliebte Mann plötzlich ein "Lügner" (MoPo 15.2.96)und der FC St.Pauli die Firma Saubermann. "Stopp" Dieser Ruf eilte durch das Redaktionsrund. Irgendetwas war hier faul und da sich herausstellte, daß der Mann ohne Lobby (J.Wähling) das Arsch sein sollte, begannen wir nachzuhaken. 2.SzeneDie Redaktionssitzung am 16.2.1996 wird den meisten von uns noch sehr lange in Erinnerung bleiben. Da saß ein schon lange bekannter Fan in unserer Runde und erzählte Dinge, daß sich die berühmten Haare sträubten. "Das konnte doch alles nicht wahr sein" Ein Anruf in Chiclana und die erste Bestätigung war auf unserem Tisch. Doch wie sollte das veröffentlicht werden, wo doch die Ausgabe schon beim Drucker war. Dem ersten norddeutschen Winter seit Jahren sei Dank, denn das Freiburg-Spiel drohte auszufallen und auf die Schnelle waren Extrawurst und entsprechende Extraschichten geboren. Ein Gastartikel von Martin, ein telefonisches Interview und zwei Meinungen. Leider nur Meinungen, denn J.Wähling sagte das kurzfristig geplante Interview wieder ab. Schade, aber nicht zu ändern. So mußten wir uns auf das verlassen, was Martin erzählte und wir hatten keinen Grund, auch nur einen Moment daran zu zweifeln."Warum nicht?" werden einige fragen. Ganz einfach, weil Martin überhaupt keinen Grund hatte, böswillige Lügen zu verbreiten und Herr Kramer die Aussagen mehr oder weniger bestätigte. Doch schon hier tauchte ein Problem auf, was uns bis heute verfolgt: Jeder schien zu wissen, was geschehen war, aber keiner wollte was dazu sagen. Maulkorberlaß, dieses Zauberwort geisterte von nun an durch unsere Synapsen.Akt 2 Szene 1: Die VeröffentlichungEs war Montag, der 20.02.1996, als unsere Beilage in mühsamer Kleinarbeit in die Hefte gelegt wurde. Unser Bemühen, die Presse auszuhorchen, war leider gescheitert, aber dafür hatte die Bild jetzt Wind von der Geschichte bekommen. Sicherheitshalber hatten wir aber auch das Präsidium des FC St.Pauli über den Inhalt informiert, denn das bei denen das Telefon nicht mehr ruhig stehen würde, war allen klar. Das Freiburgspiel fiel schon wieder aus und so hatten wir den Salat. Die geneigte Öffentlichkeit erfuhr das, was die Boulevardpresse aus unseren Texten machte. Das hierbei die Sensationsgier die Sachlichkeit kilometerweit hinter sich lassen würde, liegt in der Natur der Sache.Akt 2 Szene 3: MedienarbeitDie Sache war heraus und die Fan-Laden Mitarbeiter die Blöden. Ein Interview jagte das nächste. Fernsehen, Radio und Zeitungen gaben sich die Klinke und den Telefonhörer in die Hand und der Übersteiger war in aller Munde. Für die Bild ging es um "üble Gerüchte" (Bild vom 21.02.), die wir verbreiteten und natürlich um die Palme und nur um die Palme. Scheinheilig behauptet sie, nichts davon zu wissen und präsentiert einen entsetzten Uli Maslo. Am Ende dann, nicht zwischen, sondern fast unter den Zeilen, gestehen sie fast ihre Mitwisserschaft ein: "Dafür ist offensichtlich zuviel passiert". Diesen Hinweis aber brauchten wir nicht mehr, denn inzwischen hatte auch die Sport-Bild die Story aufgegriffen. Nicht nur, daß sie uns nicht erwähnten, nein, sie hatten auch keine Information von uns. Warum? Weil keiner mit ihnen gesprochen hatte und der Redaktionsschluß dieser Gazette zu einem Zeitpunkt liegt, als die Extrawurst noch beim Drucker war. Von den neuen Skandälchen, von denen auch wir nichts wußten, soll gar nicht die Rede sein.Es stellte sich heraus, daß wir allein auf dem weiten Feld der Kontroverse standen. Zwar mit reinem Gewissen, aber Bestätigung erfuhren wir kaum. Europas größte Sportzeitschrift schien auch nicht mehr Glaubwürdigkeit zu besitzen als wir, denn um deren Artikel kümmerte sich kaum jemand. Aber es kam noch besser: Die Mannschaft gab eine "Ehrenerklärung" ab, der Kapitän wußte von nichts und damit war die Sache scheinbar vom Tisch. Sport III konnte daran auch nichts mehr ändern, denn was kann ein "schmuddeliger" Fan-Zine-Schreiberling schon an Glaubwürdigkeit präsentieren, wenn ein Medienprofi wie Uli Maslo im Studio sitzt. Aber egal, wir hatten gesagt, was wir sagen wollten und die Diskussionen mit unserem Klientel, den Fans, die standen ohnehin noch an. Und dann war da ja noch die Aussage von Uli Maslo, mit uns sprechen zu wollen. Bis dieses Gespräch dann tatsächlich zustandekam, hielten wir es für eine medienwirksame Aussage. Aber dazu später mehr. Akt 3 : Ein Fazit jagt das nächsteWas sollen wir alles schreiben. In erster Linie ist es schon merkwürdig, daß wir uns mit dieser Ausgabe in einer Rechtfertigungsrolle befinden, aber die Diskussionen der letzten Wochen und auch die vielen Reaktionen, die dieses Heft dominieren, zwingen uns dazu.Monolog 1: Wir über unsWas hat uns dazu bewogen, das Extrablatt zu veröffentlichen? War es reine Böswilligkeit oder chronische Kritiksucht. Nein, weder noch, denn in erster Linie, auch wenn uns das viele nicht glauben, sind auch wir Fans des FC St.Pauli, und wenn es dem Verein schlecht geht, dann geht es auch uns schlecht. Keiner von uns hat Lust, irgendjemand vom Verein planmäßig zu diskreditieren, diese Rolle überlassen wir gerne der Boulevardpresse, denn die kann das besser. Und das wir nur von den eigenen Fans, nicht aber vom Verein für unser Vorpreschen gerügt wurden, bleibt kommentarlos stehen.Wir sind keine LügnerInnen oder zumindest tun wir alles, um diesen Zustand zu vermeiden. Das sollte hoffentlich jedem klar sein. Wir haben nicht die Wahrheit gepachtet und Objektivität gibt es nicht, aber dafür sind wir auch ein Fanzine. Wenn wir alles über das Trainingslager veröffentlicht hätten, was wir wußten bzw. wissen, dann... aber darüber möchten wir lieber nicht nachdenken. Stattdessen haben wir nur das veröffentlicht, was wir auch durch Zeugenaussagen belegen konnten und wenn das einigen nicht genug ist (schließlich hat Martin dieselben Geschichten auch vor laufender Kamers wiederholt), dann tut es uns leid, aber mehr können wir auch nicht tun. Wenn einzelne Informanten nicht genannt werden möchten, dann ist das ihr gutes Recht, aber dann können wir das auch nicht verbreiten. Monolog 2: Sind wir gleicher als andere?Das, was wir jetzt schreiben, steht hoffentlich zum letzten Mal in dieser Zeitung. Tausendmal erklärt und tausendmal hat keiner zugehört. Es ist uns verdammt nochmal scheißegal, ob ein Herr Pröpper an eine Palme pisst oder nicht. KeineR von uns hat ein reines Gewissen, was Saufeskapaden angeht, das wissen wir. Aber wir stehen auch dazu. Und genau das Verlangen wir auch von anderen Personen. Wer Scheiße gebaut hat, soll das auch zugeben. Wahrscheinlich hätten wir uns schlapp gelacht, wenn die Pinkelgeschichte von der MoPo veröffentlicht worden wäre. Derartige Eskapaden hätten uns einen Carsten Pröpper höchstens sympathischer gemacht. Sich aber hinzustellen und alles abzustreiten und darüberhinaus einen Jürgen Wähling als Lügner zu diffamieren, das kotzt uns an und das trieb uns zu der Extrawurst.Noch einmal: NICHT DAS PISSEN, SONDERN DAS LÜGEN IST DER KNACKPUNKT! Monolog 3: Unser AnliegenDie Forderung, Uli Maslo zu feuern und eigentlich das ganze Extrablatt war das Ergebnis eines lang gehegten Frustes. Da waren die Aussagen im Sportstudio und im Kicker, der Fall Leo Manzi, die Vernachlässigung unserer Amateure, die Sprüche von der Proffessionalität, der alles unterzuordnen sei und das Gefühl, daß dieser Mann hier nicht herpaßt. Vielleicht ist nirgendwo in der Bundesliga der sportliche Erfolg der ausschließliche Maßstab für den Trainerposten, aber bei St.Pauli zählten oft genug auch menschliche Eigenschaften bei den Vereinszugehörigen (Trainer, Mannschaft und Führung). Das ist es auch, was das Besondere hier ausmacht und warum wir den Verein so mögen. Und das möchten wir uns erhalten.Und noch etwas: Wir sind keine Götter und wir lassen mit uns reden. Argumentationen sind wir immer zugänglich, unsere Redaktionssitzungen sind keine geschlossene Gesellschaft, aber eines wollen wir nicht sein: NETT. Was uns stört, sprechen wir an. Dafür machen wir ein Fanzine. Dialog 1: Die FansWir haben viele Reaktionen erwartet, aber nicht, daß ein Leser, der uns kennt, einen Leserbrief auf die Information hin schreibt, die er aus dem Hamburger Abendblatt hat und uns deswegen anpupt (siehe in diesem Heft). Auch sind wir erstaunt, wie viele Leute glauben, daß wir unliebsame Post verschwinden lassen. Dem war noch nie so. Leserbriefe werden nur dann nicht veröffentlicht, wenn sie zu große Themenähnlichkeit aufweisen zu anderen Briefen, da besteht einfach Platzmangel. Aber zurück zu den Reaktionen. Froh waren wir erstmal über die Menge, denn das war auch bei wichtigen Themen (SKBs) leider immer seltener der Fall. Daß uns viel Kritik ins Haus flattern würde, war klar, denn längst nicht alle sind mit uns einer Meinung, aber das war auch nie unser Ziel, dann hätten wir keine Existensberechtigung mehr. Kritik jedoch, die anonym oder geprollt daher kommt, kann uns gestohlen bleiben, denn sie führt zu nichts. Oft haben wir in den letzten Wochen festgestellt, daß wir einen gewissen Informationsvorsprung besitzen, der sich erst in persönlichen Gesprächen aufheben läßt und der Grund für viele Mißverständnisse ist. Aber das läßt sich nur schwer beheben. Viel entsetzter waren wir darüber, daß auch bei St.Pauli und auch bei unser Leserschaft ein Offizieller, ein Spieler und sogar die Boulevardpresse ein gewichtigeres und glaubwürdigeres Wort besitzt als Eure Fan-KollegInnen. "Die Krawatte hat gesprochen" oder wie ist das zu verstehen. Die meisten von Euch wissen doch um die Seriösität gewisser Gazetten, aber in dieser Auseinandersetzung habt Ihr das wohl vergessen. Das war sehr schade. Aber es gab auch sehr viele positive Reaktionen, vor allem verbal. Das gibt uns Mut und hat uns bestätigt.Dialog 2: Die MedienEigentlich kann es uns ja egal sein, was die werten KollegInnen von der offiziellen Schreibe so von sich geben, aber hier lag die Sache anders. In dem Wissen, daß alle, aber auch wirklich alle, über die Vorfälle in Chiclana Bescheid wußten, waren wir erstaunt, welche Schulterschlüsse zwischen Verein und Presse bestehen können und wie sehr anscheinend einige Menschen um ihren Job bangen, wenn sie nicht genehmes schreiben.Amüsiert bis böse waren wir mal wieder über die Morgenpost bzw. Herrn Schickel, der unseren Zwist wohl nie vergessen wird. Der Name Übersteiger wird auch weiterhin nur dann erwähnt, wenn es gilt, uns anzukacken und zu diffamieren. Ansonsten sind wir nur "St.Paulis größtes und einflußreichstes Fan-Magazin" (21.02.) oder bloß "ein Fan-Magazin" (28.02) Wenn der Leiter der Sportredaktion das nötig hat, von uns aus. Loben müssen wir in diesem Zusammenhang die öffentlich-rechtlichen elektronischen Medien, denn diese haben sich die Zeit genommen, uns zuzuhören und das auch zu veröffentlichen. Aber was soll das hier auch alles. Nach den letzten Niederlagen bis zum Rostockspiel hat sich doch vor allem die MoPo auf St.Pauli eingeschossen und wahrscheinlich würden sie alles aus der Schublade holen, wenn der richtige Zeitpunkt da ist. Ihr seid arm, aber Herr Schickel spricht ja am 28.03. in seinem Artikel zu Egon Cordes von der "öffentlichen Meinung". So arrogant wollen wir nicht sein, wir maßen es uns nicht einmal an, für mehr Personen zu sprechen als bei uns in der Redaktion sitzen und selbst da sind wir uns oft nicht einig. Dialog 3: Der VereinWir haben es schon gesagt. Angeschissen wurden wir nicht. Vielmehr wurden wir indirekt bestätigt, als Christian Hinzpeter unsere Bedeutung hervorhob und davon sprach, daß wir den Verein immer mit "konstruktiver Kritik begleitet" haben (TAZ 23.02) Lieber Christian, dafür bedanken wir uns, und das wollen wir auch fortführen, im selben Stil wie bisher.Finale: Uli MasloDas Gespräch war angekündigt und er ist auch erschienen. Zwar drucken wir auch unsere Presserklärung ab, aber hier noch etwas näheres. Relativ klein ist Uli erschienen und etwas größer ist er gegangen. Wir lassen mit uns reden, aber wir haben ihm auch klar gemacht, was uns mißfällt. Sei es sein Stolz oder die Lügnerei in der Chiclana-Geschichte. Er hat sehr scharfe Töne zu hören bekommen und wir hoffen, er hat sie verstanden. Wir hoffen, daß er aus diesen drei Stunden etwas gelernt hat, nämlich, daß St.Pauli ein wenig anders ist als andere Vereine und das liegt vor allem an Euch, den Fans. Wenn er nur 20-30% davon umsetzt, was wir ihm erzählt haben, dann war alles, was wir geschrieben haben schon ein Erfolg. Wir sind keine Scharfrichter und vielleicht sind wir auch inkonsequent. Aber dieser Abend war es wert, erst einmal nicht weiter gegen den Trainer zu schießen. Schließlich ist jedeR lernfähig, auch wir und hoffentlich der Trainer. Was jedoch die inhaltliche Kritik angeht, so bleibt sie weiter bestehen, vor allem, was die Person Jürgen Wähling betrifft. Zugestehen müssen wir aber, daß die mangelnde Kommunikation zwischen Mannschaft und Fans auch an unserer zu hohen Erwartung gescheitert ist. Daran müssen auch wir noch arbeiten. Den ersten Schritt hierzu hat jedoch der Trainer selbst getan. Am 14.3. stand er plötzlich zur Redaktionssitzung mit Michel Dinzey und Thomas Sobotzik vor der Tür. "Ich halte Wort, Männer". Den Tonfall und die Anrede können wir ihm wohl nicht mehr abgewöhnen, aber seine Initiative können und wollen wir ihm nicht absprechen. Mit dem Mannschaftsrat wollen wir uns auch noch treffen, denn an einem, und das haben diese Zeilen hoffentlich gezeigt, haben wir kein Interesse: einen Kleinkrieg zu führen.Abgesang: Spanien ist Vergangenheit, aber nicht vergessen. Zu viel ist in den letzten Wochen passiert und hat uns für gewisse Dinge die Augen göffnet. Wir werden auch weiterhin das ansprechen, was uns mißfällt, ohne jedoch das zu übersehen, was uns gefällt. Und auch weiterhin haben wir nicht den Anspruch, für alle zu sprechen. Wer uns kritisieren will, soll das tun. Wir sind immer ansprechbar. Aber wir stehen auch weiterhin zu jedem Wort, welches wir geschrieben haben. Was wichtig war, wird wichtig bleiben. |
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