Tritt inne Eier!

oder: Wenn Kritik zur Waffe wird

Wie im Vorwort bereits angedeutet (siehe Papierausgabe), haben wir in den letzten Wochen wesentlich mehr Reaktionen erhalten, als in den Jahren zuvor. Zumeist ging es um den "Chiclana Komplex" und den Artikel "Von oh je zu fuck off". Positive und negative Reaktionen hielten sich mengenmäßig die Waage. Hier soll und muß es mal um die Art und Weise gehen, wie die negative Kritik an uns herangetragen wurde.

Als wir den ÜS bspw. zum erstenmal gegen Freiburg zuhause verkauften, kamen Leute und sagten: "Euch kauf' ich nicht mehr." Diese hatten ihr Wissen um die Maslo-Nummer offensichtlich den Medien entnommen, welche z.T. harrsträubende Verzerrungen unserer Standpunkte wiedergaben. Diese Fans glauben also blind der Bild, der MoPo o.ä. und lesen sich den ÜS erst gar nicht durch. Was soll man davon halten (Zu den inhaltlichen Punkten steht sowieso noch'n Extra-Artikel im Heft)? Da gab's anonyme Anrufe mit Beschimpfungen und Gewaltandrohungen, auch eine sehr elegante Art mit unterschiedlichen Ansichten umzugehen. Genau wie anonyme Briefe. Was glauben diese Leute? Daß wir zu denen nach Hause kommen und ihnen den Schädel einschlagen? Sind wir schon soweit? Es gab aber auch normale Briefe: Von denen findet ihr etliche in diesem Heft, wodurch sich der Vorwurf in Luft auflöst, wir würden nur positives Feedback abdrucken (gell, "Ute"?). Das haben wir noch nie gemacht, werden es aber in Zukunft mit anonymen Schreiben so halten. Es gibt ja auch die Möglichkeit, Namen beim Abdruck wegzulassen. Um aber zum Kern zu kommen. Es stand entweder offen drin oder zwischen den Zeilen: "Ihr denkt, ihr seid die Oberfans, was Besseres", "Fan-Polizei", "arrogante Arschlöcher", "bestimmen, wo's längsgeht", "jeder, der Euch nicht gefällt, wird niedergemacht".

Vorab: All diese Reaktionen in ihrer Quantität und (naja) Qualität kamen auf Artikel, in denen harsche Kritik entweder an Mannschaft/Trainer oder an der eigenen Szene geübt wurde. Als es in der Vergangenheit um Themen wie Versitzplatzung, Zivis im Stadion o.ä. ging, kamen entweder gar keine oder kümmerlich wenige Briefe, schon komisch, oder? Nicht, daß wir jetzt hier rumheulen, wer austeilt, kann auch einstecken. Aber, liebe Leute, kommt mal bitte runter: Niemals hat der ÜBERSTEIGER behauptet für ALLe St. Paui-Fans zu stehen oder zu sprechen. Mit keiner Zeile. Hier sind knapp 20 Einzelpersonen, die sich seit fast 3 Jahren den Arsch aufreißen, um ein(!) Sprachrohr der Szene zu sein. Oft genug haben wir 20 verschiedene Meinungen zu einem Thema. Wenn unter einem Artikel ein Name oder ein Kürzel steht, dann ist das die Meinung dieses einen Menschen, wenn nicht, dann gerade mal von 20. Ein Fanzine ist immer eine höchst subjektive Angelegenheit, und doch, so haben gerade die jüngsten Erfahrungen bestätigt, in vielen Fällen objektiver und fairer als die Hamburger Boulevardpresse. Einige von uns waren in den letzten Wochen manchmal an dem Punkt zu sagen, "Warum mache ich das alles eigentlich? Während die anderen noch am Tresen sitzen, stehe ich bei Minusgraden am Stadion und versuche ein Heft zu verkaufen. Während meine Kumpels Europapokal gucken, hab' ich Redaktionssitzung oder sitz am Computer, aber ehrenamtlich, versteht sich. Warum?" Tja, warum? Weil wir, verflucht noch mal, was bewegen wollen. Und zwar, logisch, aus einer subjektiven Sicht heraus. "Wenn mir was nicht passt, dann schreib' ich's", sollte die normalste Sache der Welt sein. Aber wenn's gegen die Götter auf'm Platz oder der Bank, oder gar gegen die heile Welt der "großen Familie" am Millerntor geht, scheint Kritik tabu zu sein. Klar, der einzelne bekommt nich soviel mit, da er/sie nur 2 Augen und Ohren hat. Der ÜBERSTEIGER hat schonmal derer 40. Hinzu kommem all jene, die uns Sachen zutragen, oder die wir dann nachrecherchieren.

Der Totenkopfpulli stand bspw. mal für eine bestimmte Geisteshaltung. Wenn ich früher auswärts Ärger hatte, und Leute mit so'nem Teil kamen um die Ecke, konnte ich sicher sein, daß mir geholfen wird. Heute laufen die letzten Asis damit rum, ultrarechte Sprüche auf den Lippen. Oder, wenn Dinzey von den eigenen Fans mit übelst-rassistischen Sprüchen bedacht wird, in unterschiedlichsten Ecken im Stadion. Solen wir all dies unter den Teppich kehren, nur um keinen anzupissen? Solen wir dazu schweigen, um die "besten Fans der Liga" nicht in ihrer Selbstgefälligkeit zu stören? Und vor allem, sind wir "arrogante Fan-Polizei", wenn wir das berichten, was Tatsache ist? Gut, der eine oder andere Schreiber von uns schießt sicher mal über's Ziel hinaus. Die "gelbe Karte des Monats" in der lezten Nr. z.B. hätte dort nicht stehen dürfen, da diese "Auszeichnung" schon für viel Derberes vergeben wurde. Aber kann es sein, daß manche Leser Ironie, Satire, gar Zynismus mit "Arroganz der Auflage" verwechseln (wollen)? All denjenigen können wir nur lauthals zurufen: "Kauft den Kicker" oder die Stadionzeitung "Pauli". Dann bekommt ihr Hofberichterstattung ohne Kritik. Aber dann behauptet bitte nicht länger, ihr geht zu St. Pauli, weil sich die Fans dort nicht alles gefallen lassen und mitreden können und wollen. Alle anderen bitten wir: Wenn ihr ein Problem habt mit uns, bzw. einzelnen Artikeln, dann sprecht uns an, schreibt Briefe oder kommt auf unsere Redaktionssitzungen. Die sind jeden Do. um 19.00 Uhr im Fan-Laden. Am besten den Do. nach Erscheinen eines Heftes, weil dannach die Arbeit an der nächsten Ausgabe meist losgeht.

In diesem Sinne: Für eine unzensierte Fan-Presse und eine faire Auseinandersetzung innerhalb der Szene. Es ist nach den letzten Wochen nichts mehr so, wie es war, aber es muß und wird weitergehen, auch wenn die Zahl derer, die mit uns 20 auf einer Wellenlänge liegt, geringer zu sein scheint, als von uns angenommen.

Aber in Deutschland Minderheit zu sein, ist keine Schande!


Copyright by Übersteiger

zurück Titelseite dieser Ausgabe weiter